Landesverband Bayern

Für Mitgliedsorganisationen

Das Diskussionspapier des Paritätischen zu den sozialpädagogischen Ausbildungsgängen können Mitgliedsorganisationen in der Rubrik undefinedPublikationen herunterladen.

Diskussionspapier des Pariätischen in Bayern für eine Reform des Schulwesens

Schon seit Jahrzehnten haben sich privat gemeinnützige Schulträger dem Paritätischen in Bayern als Mitglied angeschlossen. Dies sind vor allem Schulen die eine besondere pädagogische Konzeption verfolgen, wie z. B. die Waldorf- oder Montessoripädagogik, Schulen mit inklusivem Ansatz, Förderschulen sowie Fachschulen. Für letztgenannte treffen die hier formulierten Forderungen jedoch nicht zu.

Gerade die privat gemeinnützigen Schulträger verfolgen vielfach innovative Ansätze moderner Unterrichtsgestaltung und suchten und suchen immer neue Wege für eine positiv erlebte Schulzeit. Da privat gemeinnützige Schulträger keine schwerfälligen Verwaltungsapparate wie ein Kultusministerium haben, sind sie auch sehr viel eher in der Lage auf gesellschaftspolitische Anforderungen zu reagieren. Diese Erfahrungen finden in diesem Papier ihren Niederschlag und aus dieser Sicht treten wir auch für eine grundlegende Reform des bayerischen Schulwesens ein.

Der Paritätische unterstützt die Forderungen des 12. Kinder- und Jugendberichtes, der eine neue Sichtweise von Bildung formulierte und deutlich macht, dass Bildung keine eingeschränkte Aufgabe der Schule ist, sondern dass Bildung an vielen Orten und in vielfältiger Weise - sozial und kognitiv - stattfindet.

Wir treten daher in besonderem Maß dafür ein, dass Kinder und Jugendliche auch außerhalb der Familie Lernmöglichkeiten vorfinden, die ihnen eine größtmögliche Chance auf gesellschaftliche und berufliche Teilhabe eröffnet in ebenso größtmöglicher Unabhängigkeit von ihrer Herkunftsfamilie. Schule ist hierfür – schon aufgrund der Verweildauer - der bestmögliche Ort im Anschluss an den Besuch einer Kindertageseinrichtung.

Wir halten es für grundlegend falsch, dass in Bayern schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt weitgehend entschieden wird, welche "Laufbahn" ein Mädchen oder ein Junge einschlagen wird. Schulen, die eine gemeinsame längere Schulzeit von mindesten sechs Jahren für alle Kinder praktizieren, können nachweisen, dass "Spätentwickler" oder "Langsamere" sehr viel mehr Chancen haben ihren Entwicklungsstand im Laufe der Jahre auszugleichen, beziehungsweise im Wissensstand aufholen. Individuell gestaltete Unterrichtsangebote würden hier sowohl Kindern mit schneller, als auch Kindern mit langsamerer Auffassungsgabe entgegenkommen. Es ist zu prüfen und konzeptionell zu erarbeiten, inwieweit Kinder und Jugendliche auch nach diesen sechs Jahren "unter einem Dach" unterrichtet werden können. Unterschiedlicher Leistungsfähigkeit in einzelnen Fächern könnte über (auch altersgreifenden) Kurseinheiten begegnet werden. 

Unsere Forderung:
Ziel muss eine Schule sein, die den vielfältigen Ansprüchen gerecht wird, ohne einzelne Kinder aufgrund spezieller Bedürfnisse auszugrenzen.

Bildung ist die Grundlage für eine erfolgreiche und aus eigener Kraft existenzsichernde Lebensgestaltung. Somit ist Bildung ein wichtiger Schlüssel zu Chancengerechtigkeit und sozialer Teilhabe. Wir fordern daher diese Chancengerechtigkeit für alle Kinder, nicht weil Deutschland rohstoffarm ist und sein Wirtschaftswachstum eher über Bildung erreichen kann, sondern weil es einem reichen Land gut ansteht Disparitäten auszugleichen wo immer das möglich ist. 

Unsere Forderung:
Schule ist so zu organisieren, dass jedes Kind in einer Regelschule seinen Platz bekommt und die notwendigen individuellen - den Regelunterricht ergänzenden Angebote bekommt.

In kaum einem anderen europäischen Land gibt es einen so engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen wie in Deutschland. Das staatliche Schulsystem hat es bisher nicht geschafft, diesen Zusammenhang aufzulösen. Der gleich bleibende hohe Prozentsatz von Schulabgängerinnen und Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss belegt dies in erschreckender Form. Dabei brauchen gerade Kinder aus bildungsfernen Familien, häufig verbunden mit einem Migrationshintergrund und in Armut aufwachsend, die besonders intensive Unterstützung und Begleitung in der und durch die Schule, ebenso wie Mädchen und Jungen mit einer Behinderung oder anderen Lerneinschränkung. Diese noch sehr viel systematischere Ausgrenzung - ja Ausschluss von der Regelschule gilt es vollständig abzuschaffen. Unabhängig davon gilt es Strukturen zu unterstützen und zu fördern, die es Eltern analog dem im SGB VIII verankertem Wunsch- und Wahlrecht ermöglicht, für ihre Tochter oder ihren Sohn die bestmögliche und geeignetste Schulform, beziehungsweise Schule auszusuchen.

Unsere Forderung:
Konsequente Verbesserung der Rahmenbedingungen zur Umsetzung einer inklusiven Konzeption, wie im Koalitionsvertrag vereinbart

Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht u. a. vor:   

  • Die Rahmenbedingungen sollen für Menschen mit und ohne Behinderungen verbessert werden. Voraussetzung hierfür ist Barrierefreiheit in allen Bereichen. ... Es soll ein Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention erstellt werden.  
  • Jugendliche mit Ausbildungsrisiken müssen erkannt und gefördert werden. Deshalb soll die Berufsorientierung in der Schule ausgebaut werden.

Wir unterstützen die Bitte der Arbeits- und Sozialministerkonferenz vom Oktober 2009:

Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Arbeit und Soziales der Länder bitten die Kultusministerkonferenz

  • weitere Schritte für mehr inklusive Bildung einzuleiten, damit behinderte Kinder von Anfang an mehr Chancen zur Ausbildung und für das spätere Arbeitsleben erhalten,
  • unter Einbeziehung der Arbeits- und Sozialministerkonferenz und der Bundesagentur für Arbeit einen Vorschlag für ein berufliches Orientierungsverfahren für Menschen mit Behinderungen zu erarbeiten, das bis zum Ende der Schulzeit durchgeführt wird.

Zugrunde gelegt werden kann hier der Index für Inklusion "Lernen und Teilhabe in der Schule der Vielfalt entwickeln" (deutschsprachige Ausgabe, Martin Luther Universität Halle, 2003), sowie die Überarbeitung der "Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zum sonderpädagogischen Förderbedarf" vom Juni 2009.

Unsere Forderung:
Unterrichtsmethoden und -gestaltung, die individuellen und vor allem kind- und jugendgerechten  Lernbedürfnissen und -verhalten entsprechen

Wir stellen fest, dass nach wie vor frontal gestalteter Fächerunterricht vorwiegend den Schulalltag beherrscht. Es ist längst bekannt, dass Menschen und damit auch oder gerade Kinder, projektbezogen schneller und besser lernen, da Zusammenhänge praxisgestützt deutlicher werden. Wie in der Erwachsenenbildung gilt es also ein ausgewogenes Verhältnis zwischen theorie- und praxisgeleitetem Unterricht herzustellen, was im Übrigen z. B. der bayerische Lehrplan für Grundschulen durchaus ermöglicht. Es darf nicht wundern, wenn Kinder, die in den ersten Schuljahren bereits Demütigung und Ausgrenzungen erfahren, deren individuelle Fähigkeiten abseits vom "Lehrplan" nicht anerkannt werden, die Lust am Lernen mählich verlieren und dann zu "Schulversagern" abgestempelt werden. Kindern, die in bildungsfernen Familienverhältnissen aufwachsen wird so jede Möglichkeit genommen. Es gilt, Kinder in ihrem Gesamtverhalten, ihrer Gesamtleistung zu beurteilen und sie (und ihre Eltern) nicht schon in den Grundschuljahren, durch "Proben" immer wieder in einen Prüfungsstress zu versetzen, dem sie häufig überhaupt noch nicht gewachsen sind.

Unsere Forderung:
Einführung der rhythmisierten Ganztagesschule als Regelangebot

Eine berufliche Tätigkeit beider Elternteile ist aufgrund enorm hoher Lebenshaltungskosten und Kosten für die staatlicherseits geforderte Altersvorsorge meist unabdingbar. Diese Anforderungen können Eltern nur beruhigt erfüllen, wenn sie ihre Töchter und Söhne in guter und verlässlicher Obhut wissen.

Die sich derzeit im Ausbau befindliche "offene Ganztagesschule", nichts anderes als Vormittagsunterricht mit Nachmittagsbetreuung, ist aus unserer Sicht keine wegweisende Lösung für die Zukunft.

Die Form des rhythmisierten Unterrichts, umgesetzt durch ein interdisziplinäres Team von Lehrkräften, Sozialpädagoginnen und -pädagogen und möglicherweise weitere Professionen, kommt Kindern und Jugendlichen weit mehr entgegen, da hier eine zeitliche Mischung von kognitiver und sozialer Bildung erfolgt. Auch hier liegt eine Vielzahl positiver Erfahrungen bereits vor.

Unsere Forderung:
Kompetente Beratung für Eltern

Es hat sich bewährt, Eltern für den Bereich der Elementarbildung zuzutrauen, aus einem unterschiedlichen Angebot von Kindertageseinrichtungen für ihre Kinder die richtige Wahl zu treffen. Auch für den Grund- und Hauptschulbereich sollte diese Möglichkeit bestehen.

Bei der Wahl ihrer Schule müssen Eltern fachkundig beraten werden. Diese Aufgabe haben zunächst Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schulaufsicht, wobei zu beachten ist, dass diese auch gute Kenntnisse über und von Schulen mit unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen haben. Gerade für eher bildungsferne Eltern ist eine solche  Beratung mitentscheidend für ein passgenaues Angebot für ihre Kinder.

Unsere Forderung:
Schule muss partizipative Strukturen haben und die Verantwortlichkeiten müssen klar geregelt und verteilt sein.

Wenn sich der Paritätische für Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit sowie für soziale Integration und Entwicklung der individuellen Persönlichkeit jeder Schülerin und jedes Schülers einsetzen will, muss er auch die strukturelle Verfasstheit von schulischer Bildung kritisch hinterfragen um Ausgrenzung von Kindern zu verhindern.

Der Staat ist für die Verlässlichkeit eines vielfältigen Schulwesens verantwortlich. Politische Entscheidungen garantieren die Rahmenbedingungen und setzen grundlegende Ziele.

Im Rahmen staatlicher, beziehungsweise staatlich genehmigter Lehrpläne müssen Schulleitungen, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und deren  Eltern mehr mitbestimmen und "ihre Schule" selbst mitgestalten können. In der Praxis heißt das:

  • Weit reichende eigene Entscheidungen vor Ort; dazu gehört auch, dass Schulen volle Personalhoheit erhalten.
  • Sozialraumorientierte Vernetzung, z. B. mit Angeboten der Jugendhilfe, der Jugendsozialarbeit, kulturellen Vereinen oder Netzwerken bürgerschaftlichen Engagements.

Unsere Forderung:
Es müssen mit der jeweiligen Schule Zielvereinbarungen über die pädagogische Leistung abgeschlossen und deren Erreichung überprüft werden. 

Die jeweiligen Schulträger bestimmen selbst, wie sie die Ziele erreichen. Damit erhalten sie die Möglichkeit, ihre Bildungs- und Erziehungsarbeit gezielter auf die Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler auszurichten.

Der Schulaufsicht obliegt die Aufgabe der Qualitätskontrolle, wobei auch hier unabdingbar den unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen und den damit verbundenen unterschiedlichen Lehrplänen Rechnung zu tragen ist. Wir begrüßen, dass das Bayerische Kultusministerium bereits plant diese Forderung umzusetzen.

Unsere Forderung:
Gleiche  Finanzierung für alle Schulträger – Neufassung des Schulfinanzierungsgesetzes

Der Paritätische in Bayern sieht den "Königsweg" nicht unbedingt darin, dass Schulen regelhaft in private Trägerschaft gegeben werden. Das hieße zum Einen den Staat zu sehr aus seiner Verantwortung zu nehmen, zum Anderen ist zu befürchten, dass wiederum überwiegend bildungsengagierte Eltern eine solche Möglichkeit für ihre Töchter und Söhne nutzen würden. Trotzdem dürfen in einer offenen, vielfältigen, lebendigen Gesellschaft freigemeinnützige Schulträger nicht länger gegenüber staatlichen Schulen benachteiligt werden. Gerade diese Hürde verhindert, dass private Schulträger Kinder aus finanzschwachen, beziehungsweise armen Familien aufnehmen können (von wenigen Ausnahmen abgesehen, und auch nur dann, wenn einkommensstarke Eltern Plätze mitfinanzieren).


Sozialpädagogische Ausbildungsgänge

In den letzten Jahren gab es vielfältige Diskussionen und Veränderungsforderungen bezüglich der Ausbildung zur Erzieherin. Auch die sozialpädagogischen Studiengänge haben sich mit der Umstellung auf den Bachelor gewandelt. Aus diesem Grund arbeiten Kolleginnen und Kollegen des Verbandes daran hierzu eine Position zu formulieren, die dann mit den Mitgliedsorganisationen diskutiert und verabschiedet werden kann.

Anbei die aktuelle Stellungnahme der agj zu den Bachelor-Studiengängen. 


Eine unendliche Geschichte am Ende?
Zur aktuellen Debatte um die "große Lösung" in der Kinder- und Jugendhilfe

Mit in Kraft treten der UN Behindertenrechtskonvention wurde - mal wieder - die Debatte um eine "große Lösung" losgetreten. War es in den vergangenen Jahrzehnten eher aussichtslos, alle Kinder und Jugendlichen unter dem Dach des Sozialgesetzbuches (SGB) VIII zu vereinen, so scheint sich die politische Stimmung jetzt ins Gegenteil zu verkehren.

Der Paritätische in Bayern unterstützt vorbehaltlos diese geplante Veränderung für die betroffenen Kinder, Jugendlichen und deren Familien. Kinder und Jugendliche sind erst einmal Kinder und Jugendliche und nicht - wie derzeit - Kinder mit Behinderung - Kinder mit Beeinträchtigungen - Kinder mit Lernschwierigkeiten - "normale" Kinder und so weiter, die fein säuberlich getrennt erzogen und gebildet werden.

Das klare Bekenntnis des Präsidenten des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (BLLV) zu einer konsequenten inklusiven Beschulung ist sehr eindeutig und freut uns. 

Dass ein Umdenken, ein Umbau nicht in wenigen Jahren zu bewältigen ist, ist allen Beteiligten klar. Dass aber dies das Ziel sein muss, ist ebenso klar.

Im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ist aber auch bei den Jugendhilfeträgern ein konsequentes Umdenken und Handeln erforderlich. Viele Kindertageseinrichtungen haben sich schon vor Jahren auf den Weg gemacht. Hier muss gewährleistet sein, dass der Anschluss in die "Regelschule" zur Selbstverständlichkeit wird, dass Kinder, die einen individuellen Förderbedarf haben, diesen dort bekommen, wo sie leben: in der Schule, im Wohnviertel und in ihren Familien. Dieser Leitsatz gilt für alle Unterstützungs- und Hilfsmöglichkeiten, die Kinder und Familien benötigen.

Der nachfolgende Artikel von Norbert Struck, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) und Fachreferent für Jugendhilfe des Paritätischen Gesamtverbandes, zeigt klar und deutlich auf, wie sich die rechtliche Einbettung gestaltet und welche Konsequenzen ein rechtlicher Umbau hat.

undefinedNorbert Struck: Zur "Großen Lösung" in der Kinder- und Jugendhilfe

 

Im Oktober 2010 fand eine Expertenanhörung des Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend statt, deren Wortprotokoll (49 Seiten) Sie hier herunterladen können.

 

Die Kinderkommission des Deutschen Bundestags hat sich im Rahmen ihrer Arbeit auch mit den Anliegen von Kindern mit Behinderungen und der Inklusionsdebatte auseinandergesetzt. In ihrer Stellungnahme führt die Kommission u. a. aus, dass der Inklusion unser hochgegliedertes Sozialleistungssystem und dessen Schnittstellenprobleme im Wege stehen.