Landesverband Bayern

Portrait

Renate Wild-Obeng hat 30 Jahre lang die Ehe- und Familienberatungsstelle für binationale Familien und Partnerschaften in München geleitet. Zum 1. August 2015 ist sie in den Ruhestand gegangen.

Renate Wild-Obeng kennt das Themen auch privat: Sie ist seit 1983 mit einem Ghanaer verheiratet und Mutter eines erwachsenen afro-deutschen Sohnes. Sie hat in ihrer Patchworkfamilie auch die beiden weiteren Kinder ihres Partners bei der Integration unterstützt.

Verwandte Themen

Zum Themenbereich undefinedFlüchtlinge und Migration

Binationale Familien

Unsere Gesellschaft wird immer vielfältiger und bunter. Eine Entwicklung, die Renate Wild-Obeng sehr genau kennt und verfolgt: 30 Jahre lang hat sie Beratung für binationale Familien gemacht. Ein Interview darüber, was sich gewandelt hat und wo heute die Hürden sind. 

Frau Wild-Obeng, Sie sind jetzt 30 Jahre in der Beratung von binationalen Ehen tätig. Damals hat noch keiner von interkultureller Öffnung, geschweige denn Inklusion geredet. Was hat sich verändert?
Vor 30 Jahren war eine binationale Beziehung noch etwas Besonders, durch die Globalisierung ist sie inzwischen wirklich weitgehend zur Normalität geworden. Auch, weil es heute ganz neue Wege gibt, sich kennenzulernen: internationale Studiengänge, Arbeitsaufenthalte im Ausland, Reisen kreuz und quer über den Globus und natürlich das Internet. Ehen, die aus Urlaubslieben entstehen, sind dagegen viel seltener geworden. Und was sich noch geändert hat: Inzwischen heiraten mehr deutsche Männer eine ausländische Frau als deutsche Frauen einen ausländischen Mann, das zeigt auch die Statistik der Standesämter. Als ich anfing, war das Mehrheitsverhältnis noch umgekehrt. In München sind bereits 25 Prozent der Ehen binational.

Was hat zu diesem Wandel geführt?
Erstens sind es politische Veränderungen: die europäische Öffnung, das freie Reisen in ganz Europa, das spiegelt sich in den Beziehungen wieder. Früher war es gar nicht so einfach, jemanden aus Polen zu heiraten. Jetzt ist es selbstverständlich, von einem EU-Land ins andere zu fahren. Davon war früher nur zu träumen. Mein Mann und ich konnten  bis 1995 nicht mal zum Wandern nach Österreich. Zweiter Faktor für den Wandel ist die zunehmende weltweite Vernetzung der Wirtschaft. Und drittens natürlich die rechtlichen Änderungen, die wir teilweise miterkämpft haben. Manche, wie etwa die Ehebestandszeit, wurden inzwischen wieder revidiert.

Zum Beispiel?
Die Doppelstaatsbürgerschaft für die Kinder. Früher, vor 1975, hatten sie nicht einmal die deutsche Staatsbürgerschaft, obwohl sie hier geboren sind und die Mutter Deutsche ist – heute unvorstellbar! Oder die Regelungen zur Ehebestandszeit oder zum Umgangs- und Aufenthaltsrecht. Heute können Mütter oder Väter das Aufenthaltsrecht auch ohne Eheschließung erlangen, wenn es ein gemeinsames Sorgerecht gibt. Früher hatte der deutsche Elternteil bei einem Streit immer den Hebel: Wenn du nicht so bist, wie ich will, fliegst du hier raus und siehst dein Kind nie mehr. Damals gab es auch viel mehr Kindesentführungen. Das zu verhindern war einer unserer Arbeitsschwerpunkte, daher auch der begleitete Umgang, den wir auf Bundesebene als erste entwickelt und angeboten haben. Jetzt gibt es einen Rechtsanspruch auf Umgang, und  begleiteter Umgang zur Sicherheit des Kindes wird vom Gericht angeordnet. Darauf haben wir 20 Jahre hingearbeitet.

Sie nennen die politische, wirtschaftliche und rechtliche Entwicklung - und was hat sich gesellschaftlich geändert?
Früher gab es beim Heiratswunsch viel wohlmeinendes Abraten – von Behörden, aber auch vom sozialen Umfeld. Die Menschen aus anderen Ländern und Kulturen waren noch sehr fremd, Unwissenheit und Vorurteile viel größer. Heute redet jeder von interkultureller Öffnung, auch wenn er sie nicht tatsächlich konsequent lebt, und auch wenn wir im täglichen Umgang mit den Behörden oft noch viel Hartnäckigkeit beweisen müssen. Aber klar ist heute, dass wir ein Einwanderungsland sind. Die Menschen haben das inzwischen begriffen, ob es dem Einzelnen im Alltag nun gefällt oder nicht. Nur viele Politiker hinken noch hinterher. Die zunehmende Öffnung zeigt sich auch aktuell in der großen Hilfsbereitschaft in der Flüchtlingsarbeit: Das ist wirklich etwas Neues.

Schlagen sich die positiven Veränderungen in der konkreten Lebenssituation der binationalen Familien nieder? Was ist schwierig geblieben?
Ganz wesentliche Dinge! Der Zugang zum Arbeitsmarkt, die Wohnungsvergabe und die Benachteiligung der Kinder im Bildungssystem. Wobei die Diskriminierung subtiler und vielleicht auch unbewusster ist. Bei Bewerbungen wird eine Antje Günel immer noch schneller aussortiert als eine Antje Müller, das ist auch durch Studien nachgewiesen. Große Probleme bereiten die Anerkennung von Berufs- und Bildungsabschlüssen. Der Eurozentrismus bleibt in der Überzeugung präsent: Unsere Ausbildung hat eine Qualität, an die kommt keiner ran. Und dabei interessiert es niemanden, ob Flüchtlingen schlicht alle Papiere verbrannt oder bei der Flucht verlorengegangen sind. Ich kenne einen fünfsprachigen Toningenieur, der hier in einer Brotfabrik arbeitet. Diese Menschen dürfen ihr Wissen und Können hier nicht beweisen und anwenden – wie schade für unsere Gesellschaft und wie tragisch für jeden einzelnen!
Besonders betroffen macht mich auch der – ja ich muss wirklich sagen – Kampf, den nicht wenige Eltern führen müssen, um ihr Kind im Schulsystem halten zu können oder den Zugang zu einer weiterführenden Schule zu bekommen. Hier ist die Wahrnehmung und Bewertung der Kinder und ihrer Leistungen häufig „kulturell eingefärbt“.

Was sind ihrer langjährigen Erfahrung nach zentrale und wirksame Faktoren auf dem Weg zu einem wirklichen Dazugehören?
Da sind zwei Punkte ganz wichtig. Erstens: Leute mit Vorbildfunktion müssen das Signal geben. Also wenn zum Beispiel der Bürgermeister sagt, hört zu, ich will, dass die Flüchtlinge freundlich aufgenommen werden, da müssen wir alle zusammenhelfen. Zweitens: eine Kindererziehung, in der alle von klein auf lernen, das es ganz normal ist, dass alle dazugehören: Die Susi und der Abdul, das sind meine Freunde, wir gehören alle hierher.
 

September 2015