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Familien und Kinder in Armutslagen
Zurzeit wird viel über die Größenordnung von Armut in unserer Gesellschaft diskutiert. Leider kaum über die Folgen für die betroffenen Menschen. Zur Frage, wer ab wann als „arm“ gilt, hat sich europaweit das – aus Sicht des Paritätischen einzig angemessene – Konzept der relativen (Einkommens)Armut durchgesetzt, das die Schwelle für eine Gefährdung bei 60 Prozent und die der Armut bei 50 Prozent des mittleren Durchschnittseinkommens setzt.

Diese Definition berücksichtigt sowohl das jeweilige Wohlstandsniveau einer Gesellschaft als auch das soziokulturelle Existenzminimum und damit die Teilhabechancen von Eltern und Kindern. An dieser Debatte zeigt sich insbesondere, wie unangenehm es ist, wahrnehmen zu sollen, dass es in unserer Wohlstandsgesellschaft Erwachsene und Kinder gibt, die in Armutslagen leben – und, dass diese nicht wenige sind, über die die gesellschaftliche Mehrheit der „Nichtarmen“ leicht hinwegsehen oder sie zur „Normalität“ einer jeden Gesellschaft erklären könnte.

Armut ist im reichen Bayern marginal?
Gerne wird von der Politik beruhigend darauf hingewiesen, dass Bayern im bundesweiten Vergleich  eine der geringsten Armutsquoten hat. Dabei geraten aber rund 1,7 Millionen Menschen aus dem Blick. Dies sind insbesondere Familien mit mehr als drei Kindern: Hier ist laut Zahlen des bayerischen Sozialministeriums (Stand 2012) jede fünfte Familie von Armut bedroht; bei Einelternfamilien ist es fast die Hälfte (41 Prozent). Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren sind es 15,6 Prozent. Die Armutsgefährdungsquote in der Gesamtbevölkerung liegt bei 14,3 Prozent. All diese Statistiken berücksichtigen aber die Dunkelziffer der Armut nicht. Untersuchungen stellen klar: Bundesweit nehmen vier von zehn Berechtigten von Grundsicherungsleistungen diese gar nicht in Anspruch. Und: Der alleinige Blick auf Gesamtzahlen vernachlässigt, dass Armut in Bayern deutlich (auch) ein regionales Problem ist.

Armut hat Ursachen und Auswirkungen, die individuell nur schwer zu überwinden sind
Familien geraten in Armutslagen, weil sie mit Erwerbsproblemen wie (Langzeit-) Arbeitslosigkeit oder prekären, nicht Existenz sichernden Arbeitsverhältnissen leben und aus dem Hartz IV-Bezug nicht mehr rauskommen. Weil sie lebensgeschichtlich mit den Auswirkungen einer Scheidung oder Trennung, mit Überschuldung, einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit kämpfen. Oder schlichtweg nur, weil sie eine Migrationsgeschichte haben, viele Kinder erziehen oder alleinerziehend sind und sich damit die Erwerbsmöglichkeiten entscheidend einschränken.

Armut ist immer zunächst Einkommensarmut und führt zur Unterversorgung mit normalen Gütern und Leistungen. Armut schränkt darüber hinaus die Entscheidungs- und Handlungsspielräume ein. Armut bestimmt die Wohnsituation. Das Aufwachsen in von Armut geprägten Lebenslagen wirkt sich zudem nachweislich belastend auf die gesundheitliche Situation aus. In der Kumulation der Wirkungen verhindern Armutslagen gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe und begünstigen soziale Ausgrenzung.
Eine entscheidende Auswirkung von Armut für jeden einzelnen und für eine Gesellschaft sind die – oft über Generationen hinweg – fehlende(n) Bildung(schancen) bei Eltern und Kindern. Sie tragen zur Verfestigung von Armutslagen bei. Studien zeigen, dass die soziale Herkunft die Bildungskarriere bereits in der vorschulischen Bildung entscheidend beeinflusst. Dabei sind sowohl die individuelle Armutslage eines Kindes wie auch die gruppenspezifische Armutskonzentration im Lebensumfeld ein nachweisbares Risiko und eine schwere Hypothek, mit der Kinder ins Leben starten.

Die Politik kann und muss handeln - auch in Bayern
Besonders ein reiches Land wie Bayern hat die Verantwortung, bei der Unterstützung von Familien und Kindern genau hinzusehen und differenziert zu handeln. Dabei ist zur Prävention und zur Unterstützung der in Armutslagen lebenden Menschen aus Sicht des Paritätischen diesem Leitgedanken zu folgen: Jedem einzelnen Menschen sind Entwicklungschancen zu öffnen, die eine Teilhabe am Leben in der Gesellschaft ermöglichen und unterschiedliche Lebensperspektiven eröffnen. Das bedeutet:

  • sichern eines armutsfesten, existenz- und teilhabesichernden Einkommens, d.h. Erleichterung des Zugangs zum Arbeitsmarkt, insbesondere auch durch Verbesserung von Familie und Beruf, Abschaffung prekärer Arbeit, bedarfsgerechte Regelsätze in Hartz IV.
  • entwickeln einer auf Kinder und Jugendliche bezogenen Armutsprävention, die eine grundlegende Reform der Bildungs- und Teilhabeförderung umfasst, um Kinder früh individuell zu fördern sowie Bildungsgerechtigkeit im schulischen und außerschulischen Bereich herzustellen. Kinderbetreuungsplätze und schulische Ganztagsangebote sind bedarfsdeckend und qualitativ so weiterzuentwickeln, dass gemeinsames Lernen ohne frühzeitige Ausgrenzung ermöglichen. Jedes Kind ist gleich viel wert.
  • unterstützend für die Familien wirken, d.h. infrastrukturelle Maßnahmen müssen regional und quartiersbezogen passgenau zu den (Förder-)Bedürfnissen gestaltet und ggf. als „Präventionsketten“ mit eng verzahnten Übergängen genutzt werden können. Eltern und Kinder müssen dabei auch in ihrer Selbstachtung und Selbstwirksamkeit gestärkt werden.
  • soziale Ausgrenzung durch die Wohnsituation zu verhindern, d.h. Familien und Kinder müssen in ausreichend großen und bezahlbaren Wohnungen in einem sozial stabilen, heterogenen Wohnumfeld leben und aufwachsen können.


Kindheit und Jugend sind entscheidende Phasen, in denen die Grundlagen für die weitere Entwicklung und Teilhabechancen gelegt werden. Familien- und sozialpolitische Maßnahmen müssen sich auf allen Ebenen konsequent am Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen ausrichten.

September 2015