Landesverband Bayern

Hilfetelefon

Unterstützung für Frauen in Not: Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen bietet Betroffenen erstmals die Möglichkeit, sich zu jeder Zeit anonym, kompetent, sicher und barrierefrei beraten zu lassen.

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Publikation

Titel der Broschüre Empfehlungen an ein Gewaltschutzkonzept in Gemeinschaftsunterkünften


Zum Herunterladen der Broschüre Empfehlungen an ein Gewaltschutzkonzept in Gemeinschaftsunterkünften bitte das Bild anklicken

Gewalt gegen Frauen bleibt im Dunkel!

Weniger als zwei Drittel der weiblichen Opfer körperlicher und sexueller Gewalt wenden sich nach schwerwiegenden Gewalterfahrungen nicht an die Polizei oder andere Einrichtungen. In Deutschland nehmen nur 3 Prozent aller betroffenen Frauen Kontakt zu einem Frauenhaus oder zu anderen Opferschutzeinrichtungen auf. Dabei sind von sexueller oder körperlicher Gewalt ein Drittel der Frauen in Deutschland betroffen. Jede fünfte Frau erleidet körperliche Gewalt in der Partnerschaft und die Hälfte erduldet psychische Gewalt. Zu diesen Ergebnissen kommt die jüngst veröffentlichte, europaweite und weltweit umfassendste Erhebung über Gewalterfahrungen von Frauen der Europäischen Agentur für Menschenrechte. Sie kam zu etwas höheren Ergebnissen als die erste deutsche Prävalenzstudie von 2004.

Eine andere aktuelle Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zeigt, dass zwar der Anteil der Frauen, die nach einer Vergewaltigung Anzeige erstatten, gestiegen ist, aber weiterhin die meisten Frauen mit dieser Gewalterfahrung nicht in die Öffentlichkeit gehen. Dabei wird es vermutlich auch bleiben, denn sexuelle Gewalt wird heute im Vergleich zu vor 20 Jahren von den Gerichten seltener bestraft – ein nicht nur für betroffene Frauen beängstigende Erkenntnis.

Noch immer muss betont werden: Gewalt ist keine Privatsache – sie geht alle an!
Daraus ergeben sich Aufträge: an die Gesellschaft, an die Professionellen in ganz unterschiedlichen Bereichen, an die spezifischen Facheinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und an die Sozialpolitik.
Über Gewalterleben darf und muss gesprochen werden dürfen! – Von Betroffenen, von Nachbar*innen und Freund*innen, sowohl von Frauen als auch von Männern, unabhängig davon, ob sie Opfer oder Täter sind. Jede*r ist gefragt, die eigene Haltung zu überprüfen, sich mit eigenen Unsicherheits-, Scham- und Schulgefühlen auseinanderzusetzen. Nur so kann aus der gesellschaftlichen Tabuisierung, ein Hinschauen, ein gemeinsames Eingestehen dieser gesellschaftlichen Realität und eine Übernahme von Verantwortung werden. Nur so kann Frauen die Scheu genommen werden, sich zu öffnen und Hilfe zu suchen.

Niedrigschwelligkeit heißt „schwere Wege leichter machen“!
In den professionellen Bereichen ist an erster Stelle das Gesundheitssystem gefragt. Nach Erkenntnissen der Studie wenden sich in Deutschland die meisten Frauen (ca. ein Drittel) an eine medizinische Einrichtung (Ärzte/Krankenhäuser). Europaweit geben 87 Prozent der gewaltbetroffenen Frauen an, es zu akzeptieren, wenn Ärzte sie bei Anzeichen von Gewalt darauf ansprechen würden. Erfahrungen der Beratungsstellen und Frauenhäuser zeigen, dass Frauen in gewaltgeprägten Beziehungen vor einem Trennungsversuch häufig Paarberatungsstellen aufgesucht haben. Häufig gibt es auch Kontakte zu Erziehungsberatungsstellen.

Diese Begegnungen müssen Mitarbeiter*innen in professionellen Systemen und Einrichtungen sensibler und fachlich qualifizierter nutzen. Das beginnt mit der Akzeptanz, dass Beziehungsgewalt kein „Ausnahmephänomen“ ist und in ein grundsätzliches Screening gehört. Die Mitarbeiter*innen brauchen die Kompetenz, vermutete Gewalterfahrungen adäquat anzusprechen und Opfer bzw. Paare/Eltern im Kontext von Gewaltbeziehungen beraten zu können. Wichtig sind dabei die Kenntnis der Arbeit der Facheinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder und eine enge und vertrauensvolle Kooperation.

Die Justiz ist in der Verantwortung für bundesweit vereinheitlichte, die Opfer wirksam schützende und weniger belastende Verfahren zu sorgen. Sie muss mit der Ahndung von Gewalttaten deutlich machen, dass unsere Gesellschaft geschlechtsspezifische Gewalt ächtet.

Besonders wichtig ist dazu im Vorfeld im medizinischen Bereich niedrigschwellig eine kostenlose, anonyme Spurensicherung zu ermöglichen. Nur so wird Frauen die Entscheidung eingeräumt, dann in die Öffentlichkeit zu gehen und anzuklagen, wenn sie sich dazu wieder in der Lage sehen.

Für die Facheinrichtung stellt sich die Aufgabe, ihre Unterstützungsangebote transparenter zu machen und die Frauen zu ermutigen, auch mit vielleicht noch unklaren Fragen und Unterstützungswünschen bei Gewalterfahrungen Kontakt aufzunehmen. Auch die Notwendigkeit, leicht zugänglich zu sein, ist insbesondere von den Beratungsstellen noch einmal gezielt in den Blick zu nehmen und pädagogische Konzeptionen und Verfahrensweisen zu überprüfen.


Bundesweites Hilfetelefon - niedrigschwellig aber noch unbekannt
Als ein zentrales Instrument für einen niedrigschwelligen Zugang wurde das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ von der Bundesregierung im März letzten Jahres eingerichtet. Es bietet Informationen und eine erste Beratung zu den vielen unterschiedlichen Gewalterfahrungen der Frauen. Fazit nach knapp einem Jahr ist: Das Instrument ist (mit Nachbesserungen) geeignet, alle Zielgruppen zu erreichen und wurde angenommen. Die Kooperation mit den Facheinrichtungen vor Ort muss intensiviert und die Weitervermittlung verbessert werden.

Die vordringlichste Aufgabe ist aber das Hilfetelefon bekannter zu machen. Dazu sollen Öffentlichkeitskampagnen erfolgen. Notwendig ist auch die Bereitschaft in Behörden, Diensten und Einrichtungen, sich diesem Thema zu stellen, auf das Hilfetelefon und deren Erstberatung hinzuweisen und damit ein Signal zu geben: Wir schauen hin! Hier ist ein Weg!

Damit für jede Frau dieser Weg leichter wird und sie eine gute Begleitung findet, braucht sie entsprechend ihrer individuellen Situation einen schnellen und unbürokratischen Zugang zur Hilfe. Hier zeigt die bayerische Sozialministerin Emilia Müller, dass sie endlich auch in diesem Feld eine Aufgabe der Sozialpolitik sieht und genauer hinschauen will. Sie hat angekündigt, den Wunsch der Wohlfahrtsverbände aufzugreifen und gemeinsam mit den Kommunen in eine wissenschaftlich begleitete Bedarfsermittlung einzusteigen. Diese wird Grundlage für eine nach 20 Jahren dringend notwendige quantitative und qualitative Anpassung der Struktur der Unterstützungsangebote für gewaltbetroffene Frauen in Bayern sein.

Juli 2014