Landesverband Bayern

Frühe Hilfen

Frühe Hilfen sollen alle Eltern und Familien erreichen und sie entsprechend ihres selbstformulierten Bedarfs in der Erziehung unterstützen und das Wohl des Kindes schützen. Die Praxis in Bayern zeigt, dass im Verständnis dieser Zielsetzung und der Aufgabenstellung der Frühen Hilfen die verschiedenen Akteure divergieren und oft unterschiedliche Schwerpunkte setzten. Auch die Umsetzung als Netzwerk geht bisher  mit konzeptionellen sowie angebots- und strukturbezogenen Unklarheiten und Diskussionen einher. In diesem Artikel wird der aktuelle fachliche Diskussionsstand zusammengefasst und aus der Perspektive der Freien Träger die Umsetzung in Bayern kritisch kommentiert.

Der Strukturwandel der Gesellschaft stellt alle Familien vor große Herausforderungen in der Gestaltung ihrer Erziehungs- und Sozialisationsverantwortung. Modelllernen und intergenerationaler Erfahrungsaustausch wird aufgrund der steigenden Mobilität im Arbeitsleben und dem ständigen Spagat von Familien zwischen Beruf und Familie  erschwert. Familiäre und außerfamiliäre verlässliche Unterstützungsnetzwerke stehen seltener zur Verfügung. Dies führt zu steigenden Belastungen für Eltern und gehört heute oft zum Alltag der Familien . So rückt auch die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung für ein gesundes und geschütztes Aufwachsen von Kindern verstärkt in den Fokus.

Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung des BKiSchG (Bundeskinderschutzgesetz) und eines seiner zentralen Aspekte des KKG (Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz) als Artikel 1 zu sehen: Die Etablierung verlässlicher Netzwerke als Frühe Hilfen mit dem Auftrag, Eltern bei der Erziehung zu unterstützen, die Entwicklung der Kinder zu fördern und das Kindeswohl zu schützen.

Zur Umsetzung wurde gemeinsam mit den Ländern die BIFH (Bundesinitiative Netzwerke Frühe Hilfen und Familienhebammen) und zu deren Ausführung in Bayern eine Verwaltungsvereinbarung vom Juli 2012 beschlossen .

Frühe Hilfen – Was ist das genau?

Der Begriff Frühe Hilfen, ursprünglich in den 70er Jahren von der Frühförderung geprägt, umfasst heute nach der Definition des NZFH (Nationales Zentrum Frühe Hilfen) (…) "lokale und regionale Unterstützungssysteme mit koordinierten Hilfsangeboten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren mit einem Schwerpunkt auf der Altersgruppe der 0- bis 3- Jährigen (…)“ . Frühe Hilfen beinhalten sowohl universelle/primäre Prävention (Angebote für alle Eltern, z.B. Beratung) als auch selektive/sekundäre Prävention (konkrete Hilfen für Familien in Problemlagen). Ziel ist, die (werdenden) Eltern alltagspraktisch und niedrigschwellig zu unterstützen und in ihren Beziehungs- und Erziehungskompetenzen zu fördern. Der Aufbau einer stabilen Eltern-Kind-Beziehung spielt hierbei eine zentrale Rolle.

Frühe Hilfen tragen dazu bei, Risiken einer Kindeswohlgefährdung rechtzeitig wahrzunehmen und zu vermindern. Durch die Kooperation in einem multidimensionalen Unterstützungsnetzwerk ermöglichen sie bei Bedarf eine niedrigschwellige Vermittlung von Maßnahmen zum Schutz des Kindes .

Die enge Vernetzung der Institutionen und Angebote aus den Bereichen des Gesundheitssystems, der Schwangerschaftsberatung, der Frühförderung, der Kinder- und Jugendhilfe sowie ergänzend Programme des Bürgerschaftlichen Engagements sollen eine möglichst flächendeckende Versorgung für alle Familien sicherstellen.

Entsprechend des KKGs haben sie „sich gegenseitig über das jeweilige Angebots- und Aufgabenspektrum zu informieren, strukturelle Fragen der Angebotsgestaltung und –entwicklung zu klären sowie Verfahren im Kinderschutz aufeinander abzustimmen“ (§3 Abs. 1 KKG).


Was bedeutet im Kontext der Frühen Hilfen „früh"?

Entsprechend der Diskussionsergebnisse und Stellungnahmen von Expertinnen und Experten und verschiedenen Gremien bezeichnet „früh“ als Ansatzpunkt für Leistungen sowohl die „frühe“  Lebensphase als auch eine „besondere Lebenslage“ der Familie. Es geht darum, frühzeitig in der Schwangerschaft, der Geburt und in den ersten Lebensjahren allen Eltern und Kindern mit den unterschiedlichsten Bedarfskonstellationen

  • präventiv, niedrigschwellig und ressourcenorientiert Unterstützung anzubieten zur Stützung und Förderung allgemeiner und spezifischer Kompetenzen der Eltern
  • sekundärpräventiv in spezifischen und belastenden Lebenslagen gezielt Hilfe zu ermöglichen zur Verhinderung von Risiko- und Mangelsituationen

Bei Anhaltspunkten für eine Gefährdung des Kindeswohls geht es darum früh einzugreifen und überzuleiten in das Hilfesystem zum Schutz des Kindes.

So hat der breite Auftrag der Angebote zu den Frühen Hilfen „(…) von Elterninformation und Familienbildung, über intensive Beratungs- und Unterstützungsangebote und in Einzelfällen auch bis hin zu Kontrolle elterlichen Verhaltens (…)“ zu reichen.

Wichtig erscheint für das Selbstverständnis der Frühen Hilfen und ihre Praxis der Hinweis, dass eine besondere Lebenslage "nicht automatisch gleichzusetzen ist mit einem Risiko oder einer Gefährdung für das Kind. Eine solche Fokussierung enthält eine Engführung auf den Kinderschutz, die die spezifischen Angebote und ihre Identität entfremdet (…)“ .

Frühe Hilfen bewegen sich also „ (…) zwischen Empowerment und Risikoscreening, zwischen Gesundheitsfürsorge und psychosozialer Hilfe“.

Für das Grundanliegen der Frühen Hilfen ist es somit als problematisch zu bewerten, wenn in der Diskussion und den Programmen zur Umsetzung die Aufgabenstellung Frühwarnsystem für Familien mit hoher Benachteiligung oder Belastung zu sein und der Schutz des Kindes bei Kindeswohlgefährdung stark in den Vordergrund gestellt wird. Dies vernachlässigt den eigentlichen umfassenden Sinn der Frühen Hilfen und baut Hemmschwellen in der Nutzung der Angebote auf.

Konzept des Netzwerks Frühe Hilfen in Bayern

Nach Start der BIFH wurden bis Mitte 2013 in Bayern in Kooperation von Sozialministerium und Landesjugendamt ein fachliches Konzept und Finanzierungsgrundsätze für die Frühen Hilfen, angepasst an die bestehende Struktur in Bayern, entwickelt. Die Einbindung der Gesundheitsberufe und der Qualifizierung von Fachkräften aus dem Gesundheitswesen, insbesondere von Familienhebammen sowie der Aufbau von Netzwerken durch KoKis (Koordinierende Kinderschutzstellen) mit dem Auftrag der Koordination und der Entwicklung verbindlicher Kooperationsstrukturen sind dabei zentrale Vorhaben. Die Organisation liegt bei einer neu eingesetzten Landeskoordinatorin im Bayerischen Sozialministerium und einer Organisationseinheit im BLJA (Bayerisches Landesjugendamt).

Die Rolle der Koordinierenden Kinderschutzstellen: Netzwerk Frühe Kindheit

Schon 2006 wurde in Bayern im Rahmen des Modellprojektes „Guter Start ins Kinderleben“ das Konzept der KoKis entwickelt und seit 2009 inzwischen als Regelförderung mit einer Förderrichtlinie (Juni 2011) flächendeckend umgesetzt. Heute gibt es, angesiedelt an jedem Jugendamt, KoKi- Standorte mit über 200 Fachkräften.

Die Zielsetzung und Aufgabenstellung der KoKis ist entsprechend der Förderrichtlinie und verschiedener Informationsmaterialien  des BLJA:

  • Präventiver Kinderschutz durch Etablierung sozialer Frühwarn- und Fördersysteme
  • Selektive/sekundäre Prävention zur Risikominimierung und Aufbau von Schutzfaktoren  insbesondere für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern deren soziale und ökonomische Lebensverhältnisse auf Benachteiligung und Belastung hinweisen
  • Abbau von Hemmschwellen gegenüber den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe
    durch
  • Steuerung einer regionalen interdisziplinären Vernetzung der am Kinderschutz beteiligten Akteure; Verständigung auf ein gemeinsames Konzept und verbindliche Vereinbarungen zur Kooperation mit Festlegung von fallbezogenen Verfahrensabläufen
  • Vermittlung der Familie in bedarfsgerechte Hilfen geeigneter Netzwerkpartner  und Begleitung auf Wunsch beim Übergang an Schnittstellen


Kritische Aspekte des bayerischen Konzeptes und der Praxis der KoKis

Vor dem Hintergrund der eingangs beschriebenen Zielsetzung des Kinderschutzgesetzes und des Netzwerks Frühe Hilfen berücksichtigt - aus Sicht der Träger der Freien Wohlfahrtspflege - die Ausrichtung der KoKis als Frühwarnsystem des Kinderschutzes mit seiner Schwerpunktsetzung und Betonung auf der selektiven sekundarpräventiven Wirksamkeit nicht in ausreichendem Maße das gesamte, auch primärpräventive und ressourcenstärkende Aufgabenspektrum der Frühen Hilfen.

Mit der Ansiedlung der KoKis an das Jugendamt im Rahmen dessen Planungs- und Steuerungsauftrag wird ihrer Funktion als Instrument zur Strukturentwicklung und Organisation von Kooperationen entsprochen. Gleichzeitig birgt diese aber auch - insbesondere in Kombination mit der eingeschränkten Ausrichtung - deutlich erkennbare Gefahren. Die Erfahrungen der bisherigen Praxis zeigen mehrere Problemfelder:

Der öffentliche Träger nimmt das breite Aufgabenspektrum des Netzwerkes Frühen Hilfen nicht genügend in den Blick wodurch der niedrigschwellige und (primär)präventive  Charakter verloren geht.

  • Der  Schutzauftrag des Jugendamtes diffundiert in den neuen Arbeitsbereich, sodass die Frühen Hilfen kein klares, eigenständiges Profil als freiwillig nachgefragte, präventive Unterstützung  unabhängig von einem Kontrollauftrag/-funktion  erhalten – weder nach innen noch nach außen.
  • Viele KoKis sehen ihren Auftrag vorrangig in der Einzelfallhilfe und  im Case Management, bauen damit Parallelstrukturen mit unnötigen Doppelangeboten auf. Dies führt bei den Kooperationspartnern wie auch bei den Zielgruppen immer wieder zu Unsicherheiten und Unklarheiten durch wen welche Hilfestellung in welchem Kontext zu leisten bzw. zu erwarten ist.
  • Der Auftrag Vernetzungsstrukturen aufzubauen und dauerhaft zu koordinieren steht vielerorts nicht im Vordergrund. Damit fehlen in den Regionen häufig noch die fachliche und angebotsbezogene Abstimmung der verschiedenen Akteure und eine verbindliche Absprachen von Verfahren in der Kooperation.
  • Insgesamt ist die Ausgestaltung und Wahrnehmung der Aufgaben der KoKis in der Praxis der Jugendämter zu heterogen und personenabhängig.


Stand der Diskussion und Perspektiven
Der Paritätische hat angesichts dieser vielen Unklarheiten und Unstimmigkeiten den Auftrag aus dem KKG zu mehr Kooperation ernst genommen und über die örtliche Praxis hinaus gemeinsam mit den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege um einen Austausch auf der Steuerungsebene gebeten. Die von den zuständigen Referaten im Sozialministerium daraufhin einberufenen großen Runde mit weiteren Zuständigen und Akteuren, dem Bayerischen Landesjugendamt (BLJA), dem Hebammenverband und den Koordinatoren/innen der staatlichen Schwangerschaftsberatungsstellen, hat folgende Ergebnisse:

  • Es wurde deutlich, dass zu den genannten Problemfeldern in der Praxis der KoKis in vielen – wenn auch nicht allen - Punkten ähnliche Einschätzungen vorliegen. Ein dringender Klärungsbedarf wurde konstatiert und vom Sozialministerium auf inzwischen eingeleitete Klärungsprozesse mit den Jugendämtern hingewiesen.
  • Der Bedarf an einer engeren fachlichen Abstimmung der anwesenden Akteure bezüglich der Konzeption der Angebote und der Kooperationsmöglichkeiten auf dieser Ebene wurde erkannt und im Rahmen der Ausbildung der KoKis durch das BLJA eine Einbeziehung der Familienhebammen und SSB (Schwangerschaftsberatungstellen) verabredet.
  • Den - seit langem in der Entwicklung befindlichen - Handlungsleitfaden für KoKis wird es doch nicht geben. Stattdessen werden themenbezogen Klarstellungen und Orientierungshilfen, z.B. in Form von AMS (amtliche ministerielle Schreiben) Best-Practice-Hinweise u. ä. gegeben. Dazu gehört auch die Vorlage eines Musters für einen Kooperationsvertrag der Akteure vor Ort. Auch hier steht eine vorherige Absprache mit den beteiligten Verbänden in Rede.
  • Gemeinsam wurde festgestellt, dass ein Austausch in dieser Runde, mit Ergänzung von Vertretern der öffentlichen Träger, ergiebig und hilfreich für die Steuerung der Umsetzung des Netzwerkes Frühe Hilfen ist und somit noch in diesem Jahr fortgeführt werden soll.

Diese Entwicklung ist aus Sicht des Paritätischen zunächst zufriedenstellend, eröffnet sie doch die Möglichkeit an entscheidender Stelle mit mehr Verbindlichkeit die Zielsetzung und Umsetzung der Frühen Hilfen in einem fachlich geprägten Diskurs weiterzuverfolgen und die Perspektive der Verbände gestaltend einzubringen.

März 2014