Landesverband Bayern

Alt werden in der WG

Vor circa 20 Jahren begann in der breiteren Öffentlichkeit eine politische Debatte über den sogenannten demografischen Wandel. Ein gesellschaftliches Phänomen, das heutzutage aus keiner politischen Diskussion mehr wegzudenken ist. Zumindest der Begriff. Positiv oder – zumeist im Sinne einer Drohung – eingebracht. Von der „Überalterung der Gesellschaft“ ist die Rede, von einem sogenannten „Pflegekollaps“ - sofort hinterhergeschoben, um danach zu beteuern, dass man sich ja darüber freue, dass Menschen immer älter werden. Dank sei dem medizinischen (eigentlich: hygienischen) Fortschritt.

In den letzten Jahren entstanden immer mehr ambulant betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Pflegebedarf, mit und ohne demenziellen Symptomen, selbst organisiert oder von Initiativen, Pflegediensten oder anderen Trägern gegründet. War die WG in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts eine eher dubiose Wohnform für manche Vermieter, hat sich diese im Laufe der Zeit über etablierte – von überwiegend studentischen, günstigen Wohnmöglichkeiten hin entwickelt zu einer gesellschaftlich weitgehend etablierten „Versorgungsform“ von Menschen mit Pflegebedarf.

Eine gerontologische Entwicklung einer Wohnform - über die Lebensphasen hinweg - von der Jugend bis ins hohe Alter. Eigentlich ein schönes Bild. Man lebt nicht alleine. Man sucht sich seine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner aus. Man unternimmt etwas gemeinsam, hat aber auch individuelle Rückzugsräume. Und: Es scheint kostengünstig. Ein attraktives Wohnmodell also, das auch noch eine Alternative darzustellen scheint zu klassisch stationären „Versorgungsformen“ oder einem „Verbleib“ in der eigenen Wohnung, in der die „Versorgung“ (gemeint ist meist: rund um die Uhr Pflege und Betreuung) oft nicht mehr sichergestellt ist.

Die ersten WGs, deren Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sich zum Ziel gesetzt hatten, im Alter nicht alleine zu leben und gegebenenfalls gegenseitig zu unterstützen bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten oder leichtem Pflegebedarf, waren und sind meist selbst organisiert. Das heißt, es tun sich Gleichgesinnte zusammen. Singles und Paare, oftmals kurz nach Eintritt in das Rentenalter. Prominentes Beispiel ist der ehemalige Bürgermeister der Freien und Hansestadt Bremen, Henning Scherf.

Diese selbstorganisierten WGs unterliegen vergleichbaren gruppendynamischen Prozessen wie studentische WGs. Mit dem Unterschied, dass – wenn ein oder mehr Mitbewohnerinnen und Mitbewohner pflegebedürftig werden, längerfristig krank oder eine Demenz entwickeln, die Wohngemeinschaft vor größere Herausforderungen gestellt wird, als vorher gedacht. Gegenseitige Unterstützungsstrukturen funktionieren dann nur bei individuell hohem Engagement der nicht pflegebedürftigen WG-Mitglieder. Oftmals ist in diesen Fällen kein Verbleib in der WG möglich. Der Traum zerplatzt.

Institutionalisierung von WGs
Als weitere Form entwickelten sich WGs aus unterschiedlichen Initiativen heraus. Bürgerschaftlich Engagierte, Angehörige von Pflegebedürftigen oder Pflegedienste, die sich auf den Weg machten, genau diese Menschen in WG-Form zu betreuen, die auf mehr Hilfe und Pflege angewiesen sind und dabei in einer relativ „normalen“ Umgebung wohnen, leben und gepflegt werden möchten. Diese Wohngemeinschaften mussten immer stärker professionalisiert und institutionalisiert werden. Eine pflegerische Betreuung, die rund um die Uhr stattfindet und mehrere Bewohnerinnen (in Bayern: bis zu 12) unterstützt, ist nur mit einer seriösen und verlässlichen Personalplanung und Qualifikation zu stemmen. Und es stellen sich vermehrt Finanzierungsfragen. Denn zu den Kosten für Unterkunft und Verpflegung kommen erhebliche Kosten für die personelle Unterstützung hinzu. Kurz: Es wird teurer.

WGs unter Aufsicht
Als immer mehr WGs für Menschen mit Pflegebedarf entstanden begann die Politik sich darum zu „kümmern“. Auch die Bayerische Staatsregierung stellt seit 2005 die WGs unter die Aufsicht der zuständigen Behörde und legt über das bayerische Pflege- und Wohnqualitätsgesetz bestimmte Rahmenbedingungen fest, die einerseits bestehenden Wohngemeinschaften, aber auch zukünftigen die individuelle und lebensnahe Ausgestaltung deutlich erschwerte. So darf beispielsweise der Pflegedienst, der frei durch das Angehörigengremium mit der Betreuung beauftragt ist, kein Büro im selben Haus haben. Auch Lagermöglichkeiten für Pflegeutensilien sind dem Dienst untersagt. Abzugrenzen seien die WGs von stationären Pflegeeinrichtungen. Hinzu kamen Änderungen der Brandschutzbestimmungen, die WGs ab sechs Personen als Sonderbauform klassifiziert und bauliche Anpassungen einfordert, die an stationäre Einrichtungen erinnern können.

Was möchte man also? Lebensreales, normales Wohnen in Gemeinschaft, aber höchst „sicher“, wie in stationären Einrichtungen – und das alles kostengünstigst, zumindest billiger, als eine stationäre Versorgung. Denn das Bild einer verhältnismäßig billigen „Rund-um-die-Uhr-Lösung“ ist noch in politischen Papieren und Köpfen zu finden. So beispielsweise in den Leitfäden des Bayerischen Sozialministeriums, die auch gezielt auf Kostensparmöglichkeiten hinweisen, die durch den „Einsatz von Ehrenamtlichen“ erzielt werden können.

Über das Pflegeneuausrichtungsgesetz wurde zum 1.1.2013 zudem eine weitere finanzielle Unterstützung geschaffen. Rechnet man diesen Betrag hoch und dann noch den Sach- oder Geldleistungsbetrag aus der Pflegeversicherung hinzu, so kommt man vermeintlich auf zunächst hoch wirkende Summen, mit denen öffentlich suggeriert wird, dass höchste fachliche Anforderungen, individuelle Versorgungssysteme und individuelles Leben auch bei Pflegebedarf ermöglicht werden kann. Doch dies stellt sich häufig als Trugschluss heraus.

Kurz gesagt: Politisch forciert sollen immer mehr WGs entstehen, die billig betrieben und höchst qualitätsgesichert dem Schreckgespenst des Demografischen Wandels entgegen treten und eine Lösung darstellen für all die beschriebenen Herausforderungen, die steigender Pflegebedarf mit sich bringt.

Diese Annahme, dieses politische Bild, ist allerdings offenkundig nicht korrekt. Es trifft zu, dass ambulant betreute Wohngemeinschaften ein hohes Maß an individueller, hochprofessioneller Pflege und Betreuung ermöglichen, die in kleinräumigen, wohnortnahen Strukturen ebenso funktioniert wie im ländlichen Raum. WGs bieten mehr als nur eine Alternative zu klassischen Pflegeformen, insbesondere durch das hohe Engagement der Initiatoren und Mitarbeitenden, durch Normalisierung von Lebensumwelten und durch die aktive gemeinsame Tagesgestaltung. Allerdings geht dies alles nicht zum low-budget-Tarif, wie politisch suggeriert.

Wohnen in WGs ist vielfältig und so vielfältig sind auch die Konzepte
Um diese moderne und zeitgemäße Wohnform politisch nicht zu zerstören und mit Augenmaß weiter zu fördern, ist ein intensiver Austausch über fachliche Konzepte, individuelle Gegebenheiten und passgenaue Finanzierungsmöglichkeiten zu führen. WGs dürfen nicht überbürokratisiert und überreguliert werden. Dies widerspräche dem Grundgedanken von Wohngemeinschaften.

Als Wohlfahrtsverband, der als wesentliche Prämisse seines Handelns die Vielfalt und Toleranz versteht, unterstützt der Paritätische bestehende WGs und Neugründungen mit Beratung in fachlicher Hinsicht und bei Finanzierungsfragen. Wesentlich wichtiger ist aber darüber hinaus der Austausch zwischen den unterschiedlichen Trägern und Initiativen, um voneinander zu lernen und gemeinsam Haltungen zu beschreiben, die es erlauben, Menschen mit Pflegebedarf ein menschenwürdiges Wohnen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

September 2014