Landesverband Bayern

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Referat Altenhilfe

undefinedJohannes Bischof

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Projekt

Die Teilhabe älterer Menschen im Quartier fokussiert der Paritätische in Bayern in einem auf zwei Jahre angelegten Projekt „Neue Wohn- und Pflegeformen im Quartier“, das mit Mitteln der Glückspirale gefördert wird.

Der Paritätische in Bayern verfolgt damit das Ziel, seine Mitgliedsorganisationen und Bezirksverbände bei der Neu- und Weiterentwicklung von Angeboten im sozialen Nahraum zu informieren, beraten, unterstützen vernetzen. Zugleich positioniert er sich als kompetenter Partner in der fachlichen Diskussion.

Alle gehören dazu - über Teilhabe, Leben und Wohnen im Quartier

Die Diskussion über Teilhabe und Inklusion fokussiert sich erfahrungsgemäß in der öffentlichen Wahrnehmung sehr schnell auf Menschen mit Behinderung. Durch die demographische Entwicklung ist aber zunehmend ins Bewusstsein gerückt, dass auch älter gewordene, pflegebedürftige und dementiell erkrankte Menschen das Recht auf aktive Teilhabe haben und in der Diskussion eine Stimme erhalten müssen.

Eine Stimme  für die in stationären Einrichtungen lebenden Menschen ebenso wie für Pflegebedürftige oder Hochaltrige zuhause, die aufgrund eingeschränkter Mobilität, wohnlicher Verhältnisse und Alter nicht mehr in der körperlichen Lage oder aufgrund der  Angst vor den Folgen eines Sturzes willens sind, ihre Wohnung zu verlassen. Doch schon mit der Überschrift  „Kommunikation, Wertschätzung und Teilhabe an der Gesellschaft“ fordert Artikel 6 der „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“ von 2005: „Jeder hilfe- und pflegebedürftige Mensch hat das Recht auf Wertschätzung, Austausch mit anderen Menschen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.“

Durch ihre Öffnung kann eine stationäre Einrichtung der Langzeitpflege für ihre Bewohnerinnen und Bewohner, deren Teilhabe am „Außengeschehen“ der Einrichtung wegen zunehmender Immobilität und kognitiven Einschränkungen in der Orientierung nicht (mehr) möglich ist, in deren oftmals langjährig vertrauten bisherigen Lebensraum aktiv werden. Die Häuser haben den Vorteil, dass bei ihnen barrierefreie Infrastruktur und Räumlichkeiten vorhanden sind. Ja, sie sind richtiggehend in der Pflicht und gesellschaftlichen Verantwortung: So fordert das Kuratorium Deutsche Altershilfe von Alten- und Pflegeheimen die Entwicklung zu „Quartiershäusern“ und entwickelte hierzu konzeptionelle Ansätze zur Neuausrichtung zu „Häusern der 5. Generation“.

Denkbare Partner in diesem Zusammenhang sind Schulen, Kindertagesstätten, kirchliche und kommunale Gemeinde, Begegnungsstätten und viele andere Akteure. Ein Augenmerk sollte besonders den Angehörigen von Heimbewohnerinnen und -bewohnern gewidmet sein. Gerade sie sind die Verbindung zur Außenwelt und müssen priorisierte Partner im Gesamtkonzept sein. So kann auch ganz „nebenbei“ eine Imageverbesserung für die Pflege in Altenheimen (die unter extremen Bedingungen der überbordenden und sich schon lange verselbstständigten Bürokratie erbracht wird) aus dem Haus heraus in das Quartier hinein erreicht werden.

Eine Studie der Universität Frankfurt  zeigt einen weiteren Aspekt von Teilhabe auf. Sich „als Teil der Nachbarschaft fühlen und durch das Erleben von Verbundenheit und Zusammengehörigkeit“ hat erheblich positive Auswirkungen auf die Gesundheit und damit auf das Wohlbefinden bei älteren Menschen (www.uni-frankfurt.de/fb/fb04/we5/alternswissenschaft). Auch hier können seitens stationärer Einrichtungen in Kooperation mit anderen Mitwirkenden und mit ambulanten Mittagstischen, offenen Seniorenveranstaltungen wie etwa einem Tanzcafé und vielen anderen gemeinsamen Aktionen Impulse gesetzt werden. Die Situation der im häuslichen Bereich lebenden Senioreninnen und Senioren werden so durch unterschiedlichste Ideen sichtbar. Dabei ist zu klären und analysieren, wie der einzelne Akteur/die einzelne Akteurin  in diesem Bereich aufgestellt und offen für Kooperation und Vernetzung ist. Nicht jeder muss alles tun, aber die gemeinsame Sorge für den alten Menschen verbindet.

Fingerspitzengefühl ist bei allen Hilfestellungen selbstverständlich: Teilhabe kann nur mit Respekt vor Autonomie und einer empathische Haltung gegenüber älteren Menschen gelingen. Nicht jede/-r möchte „beglückt“ werden. Es wird also gerade bei älter gewordenen Menschen immer eine Gratwanderung zwischen „Bereit zur Unterstützung sein“ und „Zuschauen aushalten können“, um so zu erkennen, wo Handeln übergriffig zu werden droht und Willen und Bedürfnis des Menschen nicht respektiert werden.

Auch wenn die Segmentierung menschlicher Bedürfnisse in unterschiedliche Leistungsansprüche und unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen im Sozialrecht oftmals der Vorstellung einer ganzheitlichen Teilhabe widerspricht: Der Blick der Altenhilfe muss positiver, generationenübergreifender und vernetzter – kurz gesagt: inklusiv werden und näher an den Menschen sein. Und wo, wenn nicht im Quartier, soll das geschehen?

September 2015