Wo leben Bordsteinschwalben?

Goldene Ehrennadel

Es sei nicht gerade einfach zu vermitteln, dass man ehrenamtlicher Vorstand einer Prostituiertenberatungsstelle sei, sagt Dorothea Ziemer-Riener. Auch nicht im privaten Umfeld. Doch das spornt die Frau eher an, der Ressentiments und die Stigmatisierung von Menschen schon immer ein Dorn im Auge waren.

Atomkraft, die Verdrängung indigener Völker aus ihren Lebensräumen oder der Jugoslawienkrieg: Dorothea Ziemer-Riener hat sich schon zu Schulzeiten immer dann engagiert, wenn ihr Gerechtigkeitssinn verletzt wurde. Wenn sie wusste, dass andere Menschen in ihrer Würde bedroht werden. Dorothea Ziemer-Riener ist einfach eine durch und durch politische Person. Seit den 1990er Jahren engagiert sie sich für die Rechte von Sexarbeiter*innen und dafür, dass sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Prostituierten verbessern und sicherer werden. Erst viele Jahre hauptamtlich, jetzt ehrenamtlich im Kassandra e.V.

Wenn man sich im Kassandra e.V. engagieren möchte, dann ist vor allem eines wichtig, sagt Dorothea Ziemer-Riener: eine akzeptierende Haltung gegenüber dem Beruf Prostitution. Dass das Engagement einen langen Atem, viel Durchhalte vermögen, Energie und Kraft braucht, bestreitet sie nicht. Unterstützung zu finden oder Gelder aufzutreiben sei schwer.  Wer schmückt sich schon gerne mit einer Prostituiertenberatungsstelle? Spender gäbe es schon. Aber die blieben lieber anonym.

Sexarbeiter*innen wissen am besten um ihre Arbeit

Kassandra e.V. wurde als Selbsthilfeverein gegründet: Mitglieder des Vereins sind ehrenamtliche Mitarbeiter*innen, aber auch und vor allem die Sexarbeiter*innen selbst. Das sei wichtig, sagt Dorothea Ziemer-Riener, denn nur die Sexarbeiter*innen selbst wissen um ihre Arbeit rund um die Frauentormauer in Nürnberg, haben Einblicke in die Drogenszene, wo angeschafft wird, oder kennen die Clubs in den Industriegebieten.

Mit der EU-Osterweiterung habe sich die Szene allerdings sehr verändert: Aus Rumänien, Ungarn oder Bulgarien kommen Frauen, deren Lebensmittelpunkt in ihren Heimatländern verbleibt. Und die Fluktuation in der Szene sei ungleich höher geworden. Für den Verein ist das eine große Herausforderung, denn durch diese Veränderungen gehen auch die Mitgliederzahlen aus den Reihen der Sexarbeiter*innen zurück, sagt Dorothea Ziemer-Riener. Dabei sei es so wichtig, dass gerade die jungen Frauen ihr Wissen und ihre Themen in den Verein einbringen. Dorothea Ziemer-Riener wird dranbleiben. Das ist sicher.

Kassandra e.V. Prostituiertenselbsthilfe und Beratungsstelle

Kassandra e.V. ist Ansprechpartnerin für alle Menschen, die als Sexarbeiter*in oder anderweitig im Sexgewerbe tätig sind sowie für alle, die am Thema Sexarbeit interessiert sind. Der Grundsatz der Arbeit von Kassandra e.V. ist die Akzeptanz von Prostitution als Teil der Gesellschaft. Dabei wird klar differenziert zwischen Prostitution als sexuelle Dienstleistung gegen Entgelt und sexualisierter Gewalt, Ausbeutung und Menschenhandel. Unter Sexarbeit versteht der Verein einvernehmliches Handeln zwischen erwachsenen Personen. Kassandra e.V. setzt sich seit 1987 für die Rechte von Prostituierten, deren rechtliche Gleichstellung mit anderen Erwerbstätigen und die gesellschaftliche Anerkennung von Sexarbeiter*innen ein. Der Verein ist Träger einer Fachberatungsstelle.