Mir geht es um Sie!

„Lassen wir uns nicht entmutigen!“: So ruft uns Peter Probst, Drehbuchautor und Vorstand von Lichterkette e.V. und Before e.V., zu. Das Bild, das Peter Probst von unserer Ich-bezogenen Gesellschaft zeichnet, ist frustrierend. Doch der Rückzug ins Private sei keine Option. Wer eine offene, soziale und menschliche Gesellschaft will, muss für sie einstehen.

Vortrag anlässlich der Verleihung des Luise Kiesselbach Preises 2019 für Bürgerschaftliches Engagement

Es gibt genügend Gründe, an der Menschheit zu verzweifeln, vor allem, wenn der Tag mit der Zeitungslektüre oder dem Besuch eines sozialen Netzwerks beginnt. Überall begegnen wir Überheblichkeit, Narzissmus, fehlender Empathie, Aggression und Rücksichtslosigkeit. Wir erleben, wie Menschen ausgegrenzt, verleumdet, lächerlich gemacht, benachteiligt, sogar bedroht und verfolgt werden. Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, dass nur noch Geld-, Profilierungs- und Machtgier die Welt regieren. Es gibt, weiß Gott, Gründe, nicht mehr hinzuschauen, sich zurückzuziehen und sich ganz auf die eigenen Interessen und die Selbstoptimierung zu konzentrieren. So denken und handeln ja nicht wenige um uns herum.

Mir allerdings geht es um die anderen, um diejenigen, die Tag für Tag ihren Teil dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft menschlich, sozial und offen bleibt, anstatt weiter zu verrohen. Mir geht es um die Unverbesserlichen, die immer noch an den Wert der Solidarität glauben. Um die, die denen eine Stimme geben wollen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Um die, die das Leben von Kindern, Müttern und alten Menschen ein Stück lebenswerter machen. Um die Kreativen, die der Erstarrung und dem Dogma der Politik des Machbaren ihre Ideen und innovativen Projekte entgegensetzen. Aber auch um die Pragmatiker, die einfach nur zupacken und etwas aufbauen wollen. Genauso um die Träumer, die uns in ihrem Glauben an eine bessere Welt so inspirieren und vitalisieren können. Mir geht es um alle die, die sich nicht ins Private zurückziehen und entmutigen lassen.

Der Paritätische in Bayern versteht sich als Lobbyist für die Benachteiligten unserer Gesellschaft, für die, die soziale Kälte und oft Feindseligkeit erfahren müssen. Er vernetzt in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen freiwillig Aktive, informiert und ermutigt sie, er sammelt ihre Erfahrungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit und gibt sie an die Öffentlichkeit weiter, an Presse und Politik. Als ich gefragt wurde, ob ich einen Vortrag anlässlich der Verleihung des Luise Kiesselbach Preises halten wolle, habe ich sofort zugesagt. Ich habe mich geehrt gefühlt, aber vor allem war ich glücklich über die Gelegenheit, Ihnen allen von Herzen für Ihr Engagement zu danken. Wenn es auch Gründe geben mag, an der Menschheit zu verzweifeln, Sie sind es, die mich an die Menschen glauben lassen. Dafür bin ich Ihnen allen zutiefst dankbar.

Warum aber tun Sie das? Warum tun wir das? Warum opfern wir unsere Freizeit? Warum setzen wir uns Frustrationen, Rückschlägen und fehlender Anerkennung aus? Warum begeben wir uns überhaupt in die Mühlen einer sozialen Tätigkeit, womöglich auch noch in einem sogenannten Brennpunkt? Woher kommt unser Optimismus, unser Durchhaltevermögen, unsere Hartnäckigkeit und der Glaube daran, die Welt ein klein wenig besser machen zu können? Ich bin nicht der Richtige, um eine psychologische Erklärung zu liefern. Lieber versuche ich, mit Hilfe einer kleinen Geschichte eine Antwort zu finden – Erzählen ist nun mal mein Beruf.

Als ich vor einigen Jahren Dorfschreiber im Inneren Sardiniens war, fiel mir die extreme Unterschiedlichkeit zweier, nicht besonders weit voneinander entfernt gelegener Gemeinden auf. Eine war ein Bergdorf. Die Blicke der Einwohner, die mich sofort als Fremden erkannten, waren abweisend, manche sogar feindselig. Die Gemeinde litt unter Abwanderung, obwohl man hier mit der Schafzucht inzwischen durchaus wohlhabend werden konnte, die sozialen Strukturen waren in Auflösung begriffen.

Kaum mehr als 20 Kilometer entfernt und 200 Meter tiefer lag in einer Hochebene das Dorf, in dem ich zu Gast war. Am Tag nach meiner Ankunft konnte ich beobachten, wie ein Geflüchteter aus dem Senegal mit mehreren Körben voller chinesischer Billigware die Bar am zentralen Platz betrat. Ich befürchtete, dass der Wirt ihn rauswerfen oder zumindest abwimmeln würde. In solchen Fällen kann ich mich schwer zurückhalten und wäre als Neuling womöglich gleich unangenehm aufgefallen. Aber der Wirt spendierte dem Geflüchteten ein kühles Bier. Schnell entspann sich ein Gespräch, an dem sich nach und nach die ganze Bar lebhaft beteiligte.

Der kleine Ort in der Ebene organisierte Filmtage und ein Literaturfestival, zu dem mit bescheidenen Mitteln Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus ganz Europa eingeladen wurden. Zu den unter freiem Himmel stattfindenden Lesungen kamen oft bis zu tausend Menschen von überall her. Meist ging es um politische und soziale Themen. Die Dorfbewohner organisierten aber auch regelmäßige Blutspende-Aktionen, auch für andere Teile der Insel, weil es auf Sardinien, wie in vielen ehemaligen Malariagebieten, eine schwere, erbliche Blutkrankheit gibt. Während meines Aufenthalts fand in dem, auf den ersten Blick gottverlassenen und auch nicht besonders idyllischen, Nest noch eine große Fahrrad-Rallye für die ganze Familie statt, eine Ausstellung junger sardischer Künstler und eine provokante Demonstration gegen den Femizid in Italien, den Mord an Mädchen und Frauen. Es fiel mir schwer, das Dorf wieder zu verlassen, war ich doch einer unvorstellbar großzügigen Gastfreundschaft begegnet. Ein halbes Jahr nach meinem Abschied übernahm eine Gruppe junger Ehrenamtlicher mit einer unabhängigen Wählerliste die Gemeindeverwaltung und sorgt seither auch da für frischen Wind.

Wie aber kommt es, dass das eine Dorf sich gegen Fremde abschottet und das andere Gäste aus aller Welt zu sich holt, und fast alle Bewohner irgendeinen Beitrag für die Gemeinschaft leisten, sozial, politisch oder kulturell? Man hat es mir damit erklärt, dass das Bergdorf Jahrhunderte lang von Hirten geprägt war, die mit ihren Schafen oft wochenlang einsam durchs Gebirge zogen, dass Viehdiebstahl die Regel war, und Konkurrenzkämpfe um die größere Herde und das bessere Weideland tobten. In der streng patriarchalisch geprägten Gemeinschaft gab es bis vor wenigen Jahrzehnten sogar noch Fälle von Blutrache.

Das Dorf in der Ebene hingegen lebte vor allem vom Gemüseanbau. Während man oben oft den ganzen Winter lang von der Außenwelt abgeschnitten war, gingen unten die Frauen mit der Ware auf die oft weit entfernten Märkte und lernten dort fremde Menschen und Lebenswirklichkeiten kennen. Fast zwangsläufig öffneten sie sich der Welt, denn ohne Kommunikation kein erfolgreicher Handel. Die Frauen brachten neue Lieder und handwerkliche Fertigkeiten, auch politische Ideen und manchmal sogar einen neuen Einwohner mit nach Hause. Ich muss Ihnen nicht sagen, in welchem Dorf ich lieber leben würde, und welches für mich ein Modell für die Zukunft unseres Zusammenlebens ist.

Wenn der Paritätische in Bayern Menschen für ihr beispielhaftes soziales und gesellschaftliches Engagement auszeichnet, so ist das eine wunderbare Geste und in jedem einzelnen Fall mehr als verdient. Noch schöner wäre es natürlich, wenn allen Menschen, die etwas für die Gemeinschaft tun, Aufmerksamkeit und Dankbarkeit zuteil würden. Aber auch so kommt, wenn man sich für andere einsetzt, immer etwas zurück. Die Menschen in dem sardischen Dorf in der Ebene haben es mir bewiesen. Sie waren nicht nur neugieriger und offener, sondern wirkten soviel zufriedener als die Bewohner des Bergdorfs. Sie haben mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass wir mit unserem Engagement für die Gemeinschaft nicht nur das politisch Richtige tun, sondern auch wesentlich bessere Chancen auf ein erfülltes und glückliches Leben haben.

Deswegen: Lassen wir uns nicht entmutigen, egal was die Zyniker und Menschenfeinde weltweit noch alles an schrecklichen Dingen tun. Machen wir mit Phantasie, Einfühlung und Entschiedenheit weiter – gemeinsam! Es lohnt sich.