Luise Kiesselbach gründet den Paritätischen in Bayern

1922 – Luise Kiesselbach führt die sozialen Einrichtungen der Mitgliedsorganisationen des Stadtbundes Münchner Frauenverbände zum Paritätischen Wohlfahrtsverband München zusammen. Dazu gehören die Kinderheime des Vereins für Fraueninteressen, der Hauspflegeverein, das Institut für Soziale Arbeit, der Verein Kinderschutz und das Helene-Sumper-Heim.

1924 – Noch bevor die Vereinigung der freien, privaten, gemeinnützigen Wohlfahrtsvereine Deutschlands auf Reichsebene gegründet wird, gründet sich im Oktober in München der Paritätische Wohlfahrtsverband Bayern. Grund ist die Reichsfürsorgepflicht-Verordnung, die Teile der öffentlichen Wohlfahrtspflege an die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege delegiert. Damit brauchen freie, sozialreformerische Einrichtungen einen eigenen Dachverband.

Auflösung im Nationalsozialismus

1933/34 – Der Verband bleibt zunächst eigenständig: Er hat den Status eines korporativen Mitglieds der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Führende Persönlichkeiten des Verbands müssen ihre Positionen räumen, weil sie Juden sind oder zu ihrer demokratischen Weltanschauung stehen. Im Herbst 1933 wird die Satzung geändert und das Führerprinzip eingeführt. Die paritätischen Grundsätze sind damit endgültig außer Kraft gesetzt. Unter Druck löst der Vorstand den Verband mit Beschluss am 23. Juni 1934 auf.

Der Paritätische in Bayern gründet sich neu

1945 – Julie Gräfin Bothmer, Vorsitzende des Vereins für Fraueninteressen, bittet den Münchner Oberbürgermeister Dr. Karl Scharnagel in einem Brief: "Der Paritätische Wohlfahrtsverband hatte seiner Zeit Sitz und Stimme in der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege München. In der Annahme, dass diese Arbeitsgemeinschaft wieder erstehen wird, bittet der Verein, auch dem P.W.V. einen Sitz zuzuerkennen […]."

1946 – Der Paritätische zählt 17 Mitglieder, obwohl der Verband formal noch nicht wiedergegründet wurde. Das informelle Führungsteam unterstützt die Mitgliedsorganisationen dabei, von der NSV beschlagnahmte Einrichtungen zurück zu fordern. Die Hilfe für Flüchtlinge ist ein Arbeitsschwerpunkt in den Nachkriegsjahren.

1948 – 26 Organisationen gründen am 30. Juni den PWV e.V. Landesverband Bayern.

1949 – Der Verband nennt sich um in Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband e.V., Landesverband Bayern, womit der bundesweite Dachverband Paritätischer Wohlfahrtsverband (DPWV) auch förmlich anerkannt wird.

Mitglieder des Paritätischen als Spiegel der Zeit

1950er – Die Mitgliederzahl wächst in den 1950er Jahren beständig: 1957 sind es 61 Mitgliedsorganisationen, 1960 bereits 76. Der Verband übernimmt eine Reihe von Kinder-, Mütter- und Altenheimen in eigener Leitung.

1960er – Als erste Wohlfahrtsorganisation führt der Paritätische den Mahlzeitdienst Essen auf Rädern ein. Auch organisatorisch entwickelt sich der Verband weiter: Es werden Kreis- und Bezirksgruppen gebildet. Die Zahl der Mitglieder wächst bis 1970 auf 109 an.

1970er - In den 70er Jahre entstehen zahlreiche Initiativen, Gruppen und Einrichtungen, die neue Ziele verfolgen und neue Aufgaben erfüllen - zum Beispiel Nachbarschaftshilfen, Suchthilfeeinrichtungen oder Frauentreffpunkte. Viele dieser Organisationen schließen sich dem Paritätischen an. Das erste Frauenhaus Bayerns wird 1978 vom Paritätischen geöffnet. Die Zahl der Mitglieder verdreifacht sich auf 303.

1980er – Zum 40. Jahrestag seiner Wiederbegründung zählt der Verband 535 Mitglieder mit rund 1.500 angeschlossenen Einrichtungen. Integrationskindergärten, Montessori- und Waldorfkinderbildungsstätten treten in den Paritätischen ein.

1990er – Die zweite Frauenbewegung und die Selbsthilfe- und Gesundheitsbewegung entstehen in den 90er Jahren als Reaktion auf gesellschaftliche Missstände. Wieder finden vielen dieser neuen Initiativen und Organisationen das passende Dach beim Paritätischen. Erstmals hat der Verband über 700 Mitglieder.

Gut gerüstet für die Zukunft

2000er – In den 2000er Jahren stellt sich der Paritätische in Bayern strategisch und wirtschaftlich neu auf. Der Verband formuliert seine Satzung und sein Leitbild neu. Einrichtungen werden modernisiert und neu übernommen. 2007 werden sechs eigene Einrichtungen in GmbHs ausgegründet. Sechs Bezirksverbände unterstützen und beraten die rund 750 Mitglieder in ihrer Region.

2010er – Der Paritätische in Bayern positioniert sich als Akteur der Zivilgesellschaft. Er richtet das Referat Bürgerschaftliches Engagement neu ein und trägt so der Bedeutung des Ehrenamts für den Verband und die Gesellschaft in seinen vielfältigen Formen Rechnung. Der Verband arbeitet mit neuen Akteuren der Zivilgesellschaft zusammen, tauscht sich aus und kooperiert in sektorenübergreifenden Netzwerken. Seine externe Kommunikation und sein Fundraising - verstanden als gesellschaftlicher Dialog - richtet der Paritätische in Bayern auf neue Zielgruppen aus.