Digitalisierung in der Sozialen Arbeit
Digitalisierung gestalten

Projekt Digitalisierung gestalten

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt grundlegend und durchdringt alle gesellschaftlichen Lebensbereiche – auch die Soziale Arbeit. Zwar können soziale und pflegerische Tätigkeiten durch ihren persönlichen und direkten Kontakt mit Menschen weniger als andere Berufe, wie beispielsweise in der industriellen Produktion, durch Technik ersetzt werden. Dennoch geht die technische Entwicklung nicht an den sozialen und gesundheitsbezogenen Dienstleistungsbereichen vorbei: Hierzu zählen veränderte Kommunikations- und Informationserwartungen der Nutzer/-innen unserer Angebote, eine steigende Nachfrage nach psychosozialen Online-Beratungen, die Notwendigkeit der reflektierten Vermittlung von digitalen Kompetenzen unter anderem in Kitas und in der Jugendhilfe, die Entstehung von Plattformen zur Dienstleistungsvermittlung und die Akquise von (jungen) Ehrenamtlichen – um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Paritätische in Bayern möchte diese Entwicklungen aktiv mitgestalten und hat im Februar 2018 das Projekt „Digitalisierung gestalten“ gestartet, das zunächst auf ein Jahr angelegt ist und von der Glücksspirale gefördert wird. „Das Ziel ist, unsere Mitgliedsorganisationen über die Anforderungen der Digitalisierung an Organisationen der Sozialen Arbeit zu informieren und zum Austausch einzuladen“, so Margit Berndl, Vorstand Verbands- und Sozialpolitik. „Durch das Projekt nehmen wir aktuelle Entwicklungen frühzeitig wahr und bauen Expertise auf, die wir an unsere Mitglieder weitergeben.“

Im Laufe des Projektjahres veranstaltet der Landesverband Informations- und Diskussionsveranstaltungen mit externen Experten/-innen, die auch Raum für Austausch und Kooperation schaffen. Wir laden Vertreter/innen unserer Mitgliedsorganisationen herzlich zur Teilnahme ein.

Die Termine der Informations- und Diskussionsveranstaltung waren:

  • Freitag, 13. April 2018: Auftaktveranstaltung
  • Montag, 11. Juni 2018: Digitaler Fußabdruck, Fake News und Hate Speech im Internet (Programm)
  • Montag, 17. September 2018 (Einladung)
  • Dienstag, 13. November 2018 (Einladung)

Für Rückfragen steht Ihnen Projektleiter Jan Gerspach (jan.gerspach(at)paritaet-bayern.de) zur Verfügung.

 

Digitalisierungs-Projekte beim „FORUM EHRENAMT“ (13. Nov. 2018)

 „Voneinander lernen erlaubt!“

„Es war beeindruckend für mich zu sehen, mit wie viel Herzblut sich Menschen im Ehrenamt engagieren und welche Technik sie dabei sinnvoll unterstützen kann“, sagte der Roboter am Ende des diesjährigen Forum Ehrenamts anerkennend. Der Roboter? Ja, Nao hieß das humanoide weiß-blaue Männchen, das die knapp 100 TeilnehmerInnen passend zum Thema „engagiert diskutiert – Digitalisierung gestalten“ durch das diesjährigen FORUM EHRENAMT begleitete. Die Versicherungskammer Stiftung hatte in Kooperation mit dem Paritätischen in Bayern zur inzwischen siebten Veranstaltung der Reihe Ehrenamtliche und MitarbeiterInnen ihrer Organisationen und Mitglieder nach München eingeladen.

In lockerer Atmosphäre – in Liegestühlen, Sitzsäcken oder an Stehtischen – wurden die Gäste während der Begrüßung zur Teilnahme an einer Blitzumfrage ganz digital per Smartphone aufgefordert. Knapp die Hälfte der TeilnehmerInnen setze laut eigener Aussage bereits Soziale Medien oder Software ein, um Ehrenamtliche zu betreuen oder zu gewinnen. Ein Drittel der Gäste gab aber auch zu, dass sie den ersten Schritt der digitalen Ansprache noch nicht gegangen sind, sich aber gern auf den Weg machen würden. Die Organisationen auf diesem Prozess zu unterstützen und miteinander zu vernetzen, sei ein zentrales Ziel der Veranstaltung, sagten Margit Berndl, Vorstand Verbands- und Sozialpolitik des Paritätischen, und Wolfgang Reif, Vorstandsvorsitzender der Versicherungskammer Stiftung, zu Beginn einhellig.

Dass der Tag einen turbulenten Ritt durch verschiedene Bereiche der Digitalisierung versprach, wurde spätestens während des Inputs von Benedikt Geyer deutlich, den die Süddeutsche Zeitung kürzlich als „bärtigen Sozialpädagogen mit Hipster-Accessoires“ bezeichnete. Geyer nahm die Gäste mit auf eine kurzweilige Entdeckungsreise durch die digitalisierte Welt im Sozialsektor. Neben einem Einblick in die Auswirkungen der Digitalisierung auf Non-Profit-Organisationen und auf das Ehrenamt gab der „medienaffine Digital Native“, wie er sich selbst bezeichnet, den TeilnehmerInnen drei Handlungstipps mit an die Hand: Seid offen und neugierig, bleibt kritikfähig und hört nicht auf, zu lernen.

Mit diesen Tipps ausgestattet betraten die TeilnehmerInnen den Hauptteil des FORUM EHRENAMTs: den „Markt der Möglichkeiten“. Zwölf Organisationen und Unternehmen stellten ihre Ideen, Projekte und Visionen aus dem Bereich der Digitalisierung vor. Jeweils acht Minuten Zeit pro Stand musste ausreichen, um den interessierten ZuhörerInnen den Kern des Projekts näherzubringen. Die Bandbreite beim „Markt der Möglichkeiten“ war groß: Über selbst entwickelte oder genutzte Apps, wie an den Ständen des Mütter- und Familientreffs Erlangen, der Paritätischen Kita „Telezwerge“ oder der Bayerischen Sportjugend, über den Einsatz digitaler Kommunikations- und Organisationstools wie Slack, Trello und WhatsApp (zu finden bei wabe e.V oder der Freiwilligenagentur Tatendrang) bis hin zu ganzen Vernetzungsplattformen (sociallook des Vereins Horizont e.V. aus Thüringen) war viel geboten. Die Suchthilfe-Organisation Condrobs stellte ihre Online-Beratungsangebote vor, Birne7 zeigte, wie der Inklusionsbereich von digitalen Ideen profitiert und der Landesfeuerwehrverband Bayern präsentierte seine Social-Media-Kampagne. Helpteers möchte Menschen für digitale Kanäle aktivieren, Michael Erlekamp sie beim Thema Datenschutz unterstützen und „Stifter helfen“ hatte von Soft- über Hardware bis hin zu Webinare viel Kostenloses für gemeinnützige Organisationen im Angebot.

So konnte Jede und Jeder Ideen und Inputs für die eigene Organisation mitnehmen: Insbesondere „Kontakte“, „Apps“ und die „Vielfalt“ der Angebote wurden bei der abschließenden Kurzevaluationen als persönlicher Mehrwert hervorgehoben. Diese Erfahrungen sollten Entschädigung genug sein für eine teilweise intensive und fokussierte, aber immer auch informative Reise durch den Dschungel Digitalisierung im Ehrenamt. Dass das neue Format des FORUM EHRENAMTs guten Anklang fand, ist insbesondere den engagierten Projektvorstellern und ‑vorstellerinnen zu verdanken, die zwei Stunden lang mit vollem Engagement ihre Ideen preisgaben. Ganz im Sinne der Prämisse von Benedikt Geyer: „Voneinander lernen erlaubt!“ Dieses Herzblut begeisterte selbst den Roboter Nao.

 

Dokumentation der Projektstände

Landesfeuerwehrverband und Jugendfeuerwehr Bayern: Begegnen – Bewegen – Bewirken #findedeinfeuer | PDF zum Download (1,7MB)

Freiwilligenagentur Tatendrang München: Whats to do? Freiwilliges Engagement für Kurzentschlossene über WhatsApp | PDF zum Download (1,0MB)

Condrobs e.V.: Streetwork im Netz | https://www.condrobs.de/einrichtungen/conaction

PARIKita „Telezwerge“: Pari KitaApp | PDF zum Download (792KB)

Horizont e.V.: sociallook – Helfen 4.0 | http://www.horizont-verein.de/sociallook.html

wabe e.V. Erlangen: wabe digital | PDF zum Download (442KB)

Bayerische Sportjugend: FIT 4 FSJ – App der Freiwilligendienste im Sport | PDF zum Download (830KB)

Michael Erlekam: Digitalisierung im Kleinen
Im Zuge der DSGVO kam es zu Fragen rund um die Themen IT-Sicherheit und Datenschutz. In ehrenamtlicher Zusammenarbeit mit verschiedenen Einrichtungen, die sich mit diesem Thema überfordert sahen, nahm Erlekam, neben der Dokumentation auf digitalen Aufbereitung von Unterlagen und Prozessen, eine Datenaustauschplattform in Betrieb (basierend auf NextCloud), um den Austausch von Daten einfach und sicher zu gestalten.

Mütter- und Familientreff Erlangen e.V.: App to Date | PDF zum Download (395KB)

Haus des Stiftens gGmbH: Stifter-helfen | PDF zum Download (1,1MB)

Birne 7 e.V.: Apps aus dem Bereich digitale Inklusion | PDF zum Download (3,2MB)

helpteers.com: Crowdmoving | https://helpteers.net/info/

Design Thinking, Kanban und Scrum (17. September 2018)

Workshop zu Agilität liefert viele neue Methoden

Agilität – ein Begriff, der momentan in aller Munde ist und gelegentlich auch überstrapaziert wird. Doch was bedeutet er überhaupt? Im Netz findet sich die schöne, knappe Erläuterung: „Agilität ist die höchste Form der Anpassungsfähigkeit einer Organisation an die Umwelt.“ Diese Anpassung ist schon viele Jahrzehnte Bestandteil von Organisationen – aber selten hatte sie eine so große Bedeutung wie in Zeiten des digitalen Wandels. Wenn sich die Arbeitsumgebung immer rascher verändert und die neueste Entwicklung von heute am nächsten Tag bereits überholt ist, stellen sich den Organisationen völlig neue Herausforderungen. Betroffen sind die Arbeitskultur, die Zusammenarbeit und auch die Führung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Paritätische Mitgliedsorganisationen sind häufig durch flache Hierarchien gekennzeichnet. Die Aktivitäten der Vereine, insbesondere der Selbsthilfe, begannen oft im kleineren Kreis, durch das Engagement einiger sehr Aktiver und Unterstützer, bevor sie die heutige Größe erreichten. Und oft sind flache Hierarchien, ein Sich-Begegnen auf Augenhöhe und die Offenheit gegenüber neuen Arbeitsweisen Bestandteil der Organisationen geblieben.

Die Neugierde an neuen Lösungen war auch beim Workshop „Agile Methoden und Prinzipien“ am 17. September im Landesverband zu erkennen, den der Paritätische im Rahmen des Projekts „Digitalisierung gestalten“ organisierte: Bereits nach kurzer Zeit waren die verfügbaren 20 Plätze ausgebucht. Als Moderator und Coach führte Björn Schmitz, Inhaber der Innovations- und Organisationsberatung phil!omondo, durch den Tag.

Nach der Begrüßung durch Margit Berndl, Vorstand Verbands- und Sozialpolitik, führte Schmitz im theoretischen Input in verschiedene Modelle wie beispielsweise das CYNEFIN-Model ein, nach der agile Methoden insbesondere in einer komplexen Umwelt helfen können. Auf komplexe Sachverhalte sei nicht mit einfachen oder komplizierten Erklärungen zu antworten, sondern eben auch mit komplexen Lösungen. Schmitz‘ These lautete, dass der Einsatz der richtigen Methoden die Kultur einer Organisation verändern kann. Den Weg andersherum zu beschreiten und erst einen Kulturwandel herbeiführen zu wollen, hält Schmitz aufgrund des fehlenden Rahmens für problematisch.

Dieser These folgend wurden während des Workshops verschiedene Methoden spielerisch erprobt. Bei der Design Thinking Methode sollten sich die Teilnehmer/innen beispielsweise gegenseitig „das perfekte Portemonnaie“ kreieren – jedoch nicht auf Grundlage ihrer eigenen Vorstellungen, sondern nach den Bedürfnissen des Gegenübers. Erst durch die wiederholte Frage, „warum“ der bisherige Geldbeutel verbessert werden kann und durch das Herunterbrechen der bestehenden Bedürfnisse entsteht ein Exemplar, das den Wünschen des Kunden entspricht. Wendet man diese Methode auf Organisationen der Sozialen Arbeit an, wird deutlich, dass die Bedürfnisse der betroffenen Personen an erster Stelle stehen sollten, wenn es um die Errichtung neuer Angeboten geht. Oder, um es mit dem Grundsatz der UN-Behindertenrechtskonvention auszudrücken: „Nichts über uns ohne uns!“

Anhand des Puzzlespiels Ubongo erlebten die Teilnehmer/innen am Nachmittag, welche Auswirkung verschiedene Arbeitsweisen auf die Produktivität und Zufriedenheit der Beteiligten haben. Während im Falle der „Wasserfallmethode“, bei der ein Schritt nach dem anderen von jeweils einer einzelnen Person ausgeführt wird, an diesem Tag zu keinerlei abgeschlossenem Ergebnis führte, steigerte sich die Arbeitsfreude und auch die Produktivität mit jedem Mal, mit dem die Strukturen offener wurden, Mitarbeiter gleichzeitig agierten (Kanban) oder bestenfalls gemeinsam und kooperativ miteinander arbeiteten (Scrum).

An der ein oder anderen Stelle erforderte es sicher Überwindung, sich spielerisch oder malerisch neuen Methoden zu öffnen – die guten Ergebnisse und die Anschaulichkeit der Modelle führten jedoch zu einer Offenheit, die nötig ist, um Agilität zuzulassen.

Der Workshop schloss mit der Einführung in ausgewählte Meeting-Varianten, die Teamsitzungen auflockern und gleichzeitig zielgerichteter gestalten können. Bevor die Teilnehmer/innen wieder in die komplexe Welt entlassen wurden, notierten sie eine Methode, die sie in ihrer Organisation anwenden wollen – die genannten Methoden waren so vielfältig wie der Workshop an sich.

Zum Umgang mit Daten und Hetze im Netz (11. Juni 2018)

Den Troll nicht füttern

Wer sich aktuell im Netz bewegt, kommt um zwei Themen kaum herum: Datenschutz und Hate Speech. Doch was bedeutet das konkret? Inwiefern muss ich meine Daten schützen, wie können Daten meiner Organisation nutzen? Und wie gehe ich damit um, wenn ich für meine Einstellung online angefeindet werde?

Die potenziellen Spender sind bereits online

Der Paritätische in Bayern ist diesen Fragen in der zweiten Veranstaltung des Projekts „Digitalisierung gestalten“ nachgegangen. Sarah Wetzel vom Online-Fundraising-Unternehmen altruja berichtete in ihrem Vortrag, wie der „Digitale Fußabdruck“ entsteht – und warum er für eine Organisation hilfreich sein kann. Sogenannte Cookies sammeln Informationen über Nutzerinnen und Nutzer von Websites, um Informationen gezielter übermitteln zu können. Ein Surfen im Internet sei ohne Cookies heute kaum mehr möglich, so Wetzel. Auch die großen Internetkonzerne wie Facebook und Google schöpfen Informationen über Nutzer/innen aus, die sie innen durch Klicks und „Likes“ hinterlassen. Um zu prüfen, welche Daten Google gespeichert hat, empfiehlt Wetzel die Anwendung Google Take Out.

Wetzel nahm den 30 Teilnehmer/innen aus Paritätischen Mitgliedsorganisationen die Sorge vor der neu in Kraft getretenen Datenschutzgrundverordnung, in dem sie darauf hinwies, dass der/die Nutzer/in im Mittelpunkt stehe und es darum ginge, die personalisierte Zuordnung von Daten einzudämmen. Die User/innen erhielten darüber hinaus neue Auskunftsrechte. Mit Blick auf das Thema Fundraising sollten Organisationen die möglicherweise interessierten Personen stärker in den Blick nehmen und die Ansprache nicht erst bei den Erstspender/innen beginnen. Bei den Interessierten zeige sich der Nutzen von Daten deutlich, hier läge das größte ungenutzte Potenzial. „Ihre zukünftigen Spender/innen sind bereits online, also Nutzen Sie die Chancen“, appellierte Wetzel zum Abschluss an die Teilnehmerinnen.

Community-Manager sind ein Muss

Im zweiten Vortrag machte Stefan Primbs deutlich, dass man Fake News und Hate Speech im Netz nicht ungeschützt ausgeliefert ist. Primbs ist Social Media Beauftragter des Bayerischen Rundfunks und hat 2017 die Verifikations-Einheit des BR aufgebaut. Er zeigte, mit welchen Tricks sich der Wahrheitsgehalt von Bildern und Nachrichten im Netz in wenigen Sekunden überprüfen lässt. Die effektivste Reaktion auf eine Falschmeldung sei nicht immer, sie zu widerlegen, sondern stattdessen wahre Geschichten zu verbreiten. Denn mit jeder Widerlegung bekommt die falsche Nachricht mehr Aufmerksamkeit. Das Problem hinter Fake News liege jedoch tiefer: Rechtspopulisten machen sich die wachsende Spaltung der Gesellschaft und den Vertrauensverlust in die politische Elite zunutze und schüren ein Klima der Angst und des Hasses, dem mit Fakten nur bedingt zu begegnen ist. In dieser „narrativen Erzählung der Kälte“ werden die immer gleichen Vorurteile geschürt (z.B. „Geflüchtete sind Kriminelle“), um Stimmung zu machen, so Primbs.

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen zeigte Primbs, wie (soziale) Organisationen selbst mit Anfeindungen und Fake News im Netz umgehen sollten. Ein Tipp für den Umgang mit sogenannten „Trollen“, die im Netz ständig provozieren, ist, sie nicht zu füttern, sondern nach Quellen für Behauptungen zu fragen und damit die Beweislast umzukehren. Im Fall von Verstößen gegen Werte und Richtlinien ist das Löschen von Kommentaren oder das Sperren von Personen durchaus ein probates Mittel. Hierfür seien Regeln und Netiquette nützlich. Ein Löschen sei dann, so Primbs, auch keine Zensur, sondern lediglich die Moderation des Gesprächs. Zum Abschluss machte Primbs deutlich, dass ein/e geübte/r Community-Manager/in in jeder Organisation nötig sei, in der Soziale Medien aktiv eingesetzt werden. Diese/r Verantwortliche brauche ein Team zum Austausch, Ablaufregeln und bestenfalls vorformulierte Argumentationshilfen.

Beide Vorträge lieferten zahlreiche Praxistipps, die das Bewusstsein für das Verhalten im Netz und den Umgang mit Sozialen Medien schärften. Außerdem machten sie Mut, dass weder die Datenschutzgrundverordnung noch Hate Speech ein Grund zur Verzweiflung seien – im Gegenteil: ein proaktives Handeln mit den richtigen Hilfestellungen an der Hand sorgen späteren Ärgernissen vor.

Die Unterlagen:

Dokumentation Auftaktveranstaltung (13. April 2018)

Die Möglichkeiten entdecken

„Digitalisierung muss immer ein Mittel sein, nie der Zweck“ lautete eine der zentralen Aussagen der Auftaktveranstaltung des Projekts „Digitalisierung gestalten“ am 13. April. Der Paritätische in Bayern hatte hierzu nach München eingeladen, und Margit Berndl, Vorstand Verbands- und Sozialpolitik, bedankte sich in Ihrer Begrüßung für das große Interesse der über 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesem aktuellen Thema. Berndl betonte, dass der Paritätische die Chancen der Digitalisierung frühzeitig erkannt habe und im Rahmen des Projekts hilfreiche Informationen und Hintergründe an seine Mitglieder weitergeben werde. Zudem forderte sie, dass zu den Auswirkungen der Digitalisierung in der Sozialen Arbeit Förderprogramme (sowohl in der Wissenschaft als auch der Praxis) aufgelegt werden sollten. Anschließend stellte Projektleiter Jan Gerspach die wichtigsten Ziele und Themen des von der Glücksspirale geförderten Projekts vor und lud die Teilnehmenden zu einer kurzen Online-Vorstellungsrunde per Smartphone ein.

Die zu Beginn genannte Forderung nach dem „Mittel Digitalisierung“ formulierte Dr. Joachim Rock, Leiter der Abteilung Europa, Arbeit und Soziales beim Paritätischen Gesamtverband, in seinem Inputreferat zur Digitalisierung in der Wohlfahrtspflege. Rock verdeutlichte in seinem Vortrag mit dem Titel „Alles eine Frage der Technik?“, dass die Angst vor Arbeitsplatzverlusten durch Robotik und Digitalisierung die Menschen schon seit über 50 Jahren umtreibt – die Fakten jedoch darauf hindeuten, dass hierdurch insgesamt mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet werden. Insbesondere die Tätigkeiten der Sozialen Arbeit seien – viel mehr als andere Jobs – durch den Kontakt von Mensch zu Mensch geprägt, der nicht einfach durch Technik ersetzt werden könne. Die Digitalisierung werfe allerdings neue Fragen auf, sagte Rock, denen sich auch die Wohlfahrt stellen müsse: Wie gehen wir mit Formen der Entgrenzung um, etwa der allgemeinen Zugänglichkeit zu Wissensportalen wie Wikipedia oder den Online-Beratungen von Ärzten, und wie schützen wir Mitarbeiter/innen in der Kinder- und Jugendhilfe, die durch die Kommunikation über Smartphones für ihre Klienten auch am Wochenende erreichbar scheinen? Rock stellte dar, dass sich hinter der Digitalisierung mehr verbirgt als nur neue Kommunikationsformen, und dass beispielsweise auch die Personal- und Organisationsentwicklung stark betroffen seien. Die Chance der Verbandsarbeit bestehe darin, die neuen Möglichkeiten der Vernetzung thematisch zu nutzen und so beispielsweise mit Akteuren von Sozialunternehmen Synergien zu bündeln, wo gemeinsames Handeln für beide Seiten sinnvoll und im Interesse der Zielgruppe ist. Gleichzeitig sollte die Freie Wohlfahrt ihre fachlichen Stärken, beispielsweise das Qualitätsstandard Gemeinnützigkeit, noch deutlicher pflegen und hervorheben. Direkt am Menschen und für ihn zu arbeiten, sei gerade in Zeiten der „Plattformökonomie“ besonders wichtig. „Ziel muss es sein, die digitale Parität herzustellen“, so Rock abschließend. Der Gesamtverband hat sich dieser Aufgabe gerade bei der Ausarbeitung eines Positionspapiers zur Digitalisierung angenommen.

Der Wille zur Veränderung ist entscheidend 

Im Anschluss an den Input stellte Frieder Olfe die Studie „Digitalisierung in Non-Profit-Organisationen“ vor, die er zusammen mit drei weiteren Autorinnen und Autoren verfasst hat. Die Studie ist ein gemeinsames Projekt mehrerer Organisationen, die sich für die Digitalisierung im Non-Profit-Sektor einsetzen, und wurde durchgeführt untern anderem vom betterplace lab und der WHU - Otto Beisheim School of Management. An der Studie beteiligten sich 162 leitende Mitarbeiter/innen gemeinnütziger Organisationen, die dazu befragt wurden, wie sie die Relevanz verschiedener, durch Digitalisierung hervorgerufener Veränderungen für sich einschätzen und wie gut sie sich auf die anstehenden Veränderungen vorbereitet fühlen. Digitalisierung dürfe laut Olfe nicht nur als Hardware und Technologie verstanden werden, sondern erfordere ganzheitliche Veränderungen, beispielsweise im Bereich der Strategie oder der Kultur und Arbeitsweise. Zu den Ergebnissen der Studie zählt, dass sich zwar die Hälfte der Befragten gut auf die Veränderung der Kommunikation durch digitale Kanäle vorbereitet fühlt, aber nur ein Viertel auf digitale Tools zur effizienteren Abwicklung administrativer Aufgaben. Olfe veranschaulichte die Ergebnisse mit zahlreichen Beispielen aus der Praxis. Das Webportal „sofahopper.de“ beispielsweise bietet jungen Erwachsenen, die in verdeckter Obdachlosigkeit leben, einen Kontaktpunkt mit niedriger Kommunikationsschwelle und gleichzeitig eine telefonische oder persönliche Beratung durch langjährig erfahrenen Streetworker. Die Empfehlungen, die Olfe den Teilnehmerinnen und Teilnehmern abschließend mit auf den Weg gab, stellten eine gute Ergänzung zur Einschätzung von Joachim Rock dar. Er hob die starke Bedeutung von Netzwerken großer, etablierter Organisationen mit jungen, innovativen hervor und betonte die Notwendigkeit, in Weiterbildungsangebote auch die Veränderungsfähigkeit zu adressieren. Denn der Wunsch und Wille zur Veränderung in Bezug auf neue Arbeitsweisen sei eine Grundvoraussetzung dafür, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. 

Als Organisation selbst Ideen umsetzen 

Den praxisnahen Abschluss der Vorträge übernahm Matthias Gensner, Geschäftsführer von iSo – innovative Sozialarbeit aus Bamberg. Die größten Herausforderungen eines Trägers der Kinder- und Jugendhilfe wie iSo bestünden neben Fragen der Finanzierung darin, die heterogene Zielgruppe sowie Mitarbeiter/innen in den dezentralen Einsatzorten zu erreichen und miteinander in Kontakt zu bringen. Mithilfe dreier Programmierer ist es Gensner gelungen, auf seine Einrichtung abgestimmte Tools zu entwickeln, die die Arbeit erleichtern und Wissen bündeln. So lassen sich auf der Plattform „iSo Pedia“ wichtige Unterlagen digital ablegen und gemeinsam nutzen, Online-Kalender und Veranstaltungsportale ermöglichen Eltern die Anmeldung ihrer Kinder zur Ganztagsschule oder Ferienlagern und eine App erlaubt den Mitarbeitenden die dezentrale Eintragung ihre Arbeitszeiten. Auch soziale Medien wie Facebook und Instagram seien wichtig, um den Kontakt zur Zielgruppe herzustellen und Interesse zu wecken. Gensner betonte – ganz im Sinne der zu Beginn geäußerten Forderung von Joachim Rock – dass die Digitalisierung hier als Mittel eingesetzt werde, um verschiedene Zwecke mit Mehrwert zu generieren. Dazu zählen die Reduktion von Fehlern, die bessere Erreichbarkeit und das effizientere Arbeiten. 

Die Vernetzung stärken 

Die Auftaktveranstaltung schloss mit einem Austausch in Gruppen, in denen die Teilnehmer/innen konkreten Herausforderungen und Chancen der paritätischen Mitgliedsorganisation vor Ort diskutierten und zukünftige Handlungswünsche an den Paritätischen formulierten. Es zeigte sich, dass das Thema Datenschutz weiterhin ein sehr präsentes ist und die Organisationen, die Interesse an Entwicklungen der Digitalisierung zeigen, eine stärkere Vernetzung untereinander anstreben.  

Die Teilnehmenden, unter ihnen neben zahlreichen Vertreterinnen und Vertreter aus Mitgliedsorganisationen auch Gäste weiterer Wohlfahrtsverbände und des Bayerischen Sozialministeriums, nahmen neue Denkanstöße und konkrete Beispiele für die Arbeit in ihren Einrichtungen mit. Nicht (nur) die Herausforderungen der Digitalisierung gilt es zu bewältigen, sondern vor allem die Möglichkeiten zu entdecken, die sie mit sich bringt. Der Paritätische in Bayern erfuhr darüber hinaus einmal mehr, wie groß das Interesse seiner Mitglieder an innovativen Ideen und Orten zum Erfahrungsaustausch ist – und dass das Projekt „Digitalisierung gestalten“ hierfür eine hilfreiche Plattform bieten kann. 

Die Präsentationen:

 

Programm (PDF, 0,4 MB)