Digitalisierung in sozialen Organisationen
Digitalisierung gestalten

Digitalisierung: Entdecke die Möglichkeiten!

Fluch oder Segen, Chance oder Risiko, Mittel oder Zweck? Soziale Organisationen sollten die Digitalisierung aktiv mitgestalten und sie als Mittel für ihre Arbeit nutzen.

"Digitalisierung muss immer ein Mittel sein, nie der Zweck" lautete eine der zentralen Aussagen der Auftaktveranstaltung des Projekts "Digitalisierung gestalten" am 13. April 2018. Der Paritätische in Bayern hatte hierzu nach München eingeladen, und Margit Berndl, Vorstand Verbands- und Sozialpolitik, bedankte sich in ihrer Begrüßung für das große Interesse der über 50 Teilnehmer*innen am Thema.

Berndl betonte, dass der Paritätische die Chancen der Digitalisierung frühzeitig erkannt habe und im Rahmen des Projekts hilfreiche Informationen und Hintergründe an seine Mitglieder weitergeben werde. Zudem forderte sie, dass zu den Auswirkungen der Digitalisierung in der Sozialen Arbeit Förderprogramme (sowohl in der Wissenschaft als auch der Praxis) aufgelegt werden sollten. Anschließend stellte Projektleiter Jan Gerspach die wichtigsten Ziele und Themen des von der Glücksspirale geförderten Projekts vor und lud die Teilnehmenden zu einer kurzen Online-Vorstellungsrunde per Smartphone ein.

Die Möglichkeiten entdecken

Die zu Beginn genannte Forderung nach dem "Mittel Digitalisierung" formulierte Dr. Joachim Rock, Leiter der Abteilung Europa, Arbeit und Soziales beim Paritätischen Gesamtverband, in seinem Inputreferat zur Digitalisierung in der Wohlfahrtspflege. Rock verdeutlichte in seinem Vortrag mit dem Titel "Alles eine Frage der Technik?", dass die Angst vor Arbeitsplatzverlusten durch Robotik und Digitalisierung die Menschen schon seit über 50 Jahren umtreibt – die Fakten jedoch darauf hindeuten, dass hierdurch insgesamt mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet werden. Insbesondere die Tätigkeiten der Sozialen Arbeit seien – viel mehr als andere Jobs – durch den Kontakt von Mensch zu Mensch geprägt, der nicht einfach durch Technik ersetzt werden könne.

Die Digitalisierung werfe allerdings neue Fragen auf, sagte Rock, denen sich auch die Wohlfahrt stellen müsse: Wie gehen wir mit Formen der Entgrenzung um, etwa der allgemeinen Zugänglichkeit zu Wissensportalen wie Wikipedia oder den Online-Beratungen von Ärzten, und wie schützen wir Mitarbeiter*innen in der Kinder- und Jugendhilfe, die durch die Kommunikation über Smartphones für ihre Klienten auch am Wochenende erreichbar scheinen?

Rock stellte dar, dass sich hinter der Digitalisierung mehr verbirgt als nur neue Kommunikationsformen, und dass beispielsweise auch die Personal- und Organisationsentwicklung stark betroffen seien. Die Chance der Verbandsarbeit bestehe darin, die neuen Möglichkeiten der Vernetzung thematisch zu nutzen und so beispielsweise mit Akteuren von Sozialunternehmen Synergien zu bündeln, wo gemeinsames Handeln für beide Seiten sinnvoll und im Interesse der Zielgruppe ist.

Gleichzeitig sollte die Freie Wohlfahrt ihre fachlichen Stärken, beispielsweise das Qualitätsstandard Gemeinnützigkeit, noch deutlicher pflegen und hervorheben. Direkt am Menschen und für ihn zu arbeiten, sei gerade in Zeiten der Plattformökonomie besonders wichtig. "Ziel muss es sein, die digitale Parität herzustellen", so Rock abschließend. Der Gesamtverband hat sich dieser Aufgabe gerade bei der Ausarbeitung eines Positionspapiers zur Digitalisierung angenommen.

Der Wille zur Veränderung ist entscheidend 

Im Anschluss an den Input stellte Frieder Olfe die Studie "Digitalisierung in Non-Profit-Organisationen" vor, die er zusammen mit drei weiteren Autor*innen verfasst hat. Die Studie ist ein gemeinsames Projekt mehrerer Organisationen, die sich für die Digitalisierung im Non-Profit-Sektor einsetzen. Sie wurde durchgeführt unter anderem vom betterplace lab und der WHU - Otto Beisheim School of Management.

An der Studie beteiligten sich 162 leitende Mitarbeiter*innen gemeinnütziger Organisationen, die dazu befragt wurden, wie sie die Relevanz verschiedener, durch Digitalisierung hervorgerufener Veränderungen für sich einschätzen und wie gut sie sich auf die anstehenden Veränderungen vorbereitet fühlen.

Digitalisierung dürfe laut Olfe nicht nur als Hardware und Technologie verstanden werden, sondern erfordere ganzheitliche Veränderungen, beispielsweise im Bereich der Strategie oder der Kultur und Arbeitsweise. Zu den Ergebnissen der Studie zählt, dass sich zwar die Hälfte der Befragten gut auf die Veränderung der Kommunikation durch digitale Kanäle vorbereitet fühlt, aber nur ein Viertel auf digitale Tools zur effizienteren Abwicklung administrativer Aufgaben.

Olfe veranschaulichte die Ergebnisse mit zahlreichen Beispielen aus der Praxis. Das Webportal sofahopper.de beispielsweise bietet jungen Erwachsenen, die in verdeckter Obdachlosigkeit leben, einen Kontaktpunkt mit niedriger Kommunikationsschwelle und gleichzeitig eine telefonische oder persönliche Beratung durch langjährig erfahrenen Streetworker.

Die Empfehlungen, die Olfe den Teilnehmer*innen abschließend mit auf den Weg gab, stellten eine gute Ergänzung zur Einschätzung von Joachim Rock dar. Er hob die starke Bedeutung von Netzwerken großer, etablierter Organisationen mit jungen, innovativen hervor und betonte die Notwendigkeit, in Weiterbildungsangebote auch die Veränderungsfähigkeit zu adressieren. Denn der Wunsch und Wille zur Veränderung in Bezug auf neue Arbeitsweisen sei eine Grundvoraussetzung dafür, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. 

Als Organisation selbst Ideen umsetzen 

Den praxisnahen Abschluss der Vorträge übernahm Matthias Gensner, Geschäftsführer von iSo – innovative Sozialarbeit aus Bamberg. Die größten Herausforderungen eines Trägers der Kinder- und Jugendhilfe wie iSo bestünden neben Fragen der Finanzierung darin, die heterogene Zielgruppe sowie Mitarbeiter*innen in den dezentralen Einsatzorten zu erreichen und miteinander in Kontakt zu bringen.

Mithilfe dreier Programmierer ist es Gensner gelungen, auf seine Einrichtung abgestimmte Tools zu entwickeln, die die Arbeit erleichtern und Wissen bündeln. So lassen sich auf der Plattform "iSo Pedia" wichtige Unterlagen digital ablegen und gemeinsam nutzen, Online-Kalender und Veranstaltungsportale ermöglichen Eltern die Anmeldung ihrer Kinder zur Ganztagsschule oder Ferienlagern und eine App erlaubt den Mitarbeitenden die dezentrale Eintragung ihre Arbeitszeiten. Auch soziale Medien wie Facebook und Instagram seien wichtig, um den Kontakt zur Zielgruppe herzustellen und Interesse zu wecken.

Gensner betonte – ganz im Sinne der zu Beginn geäußerten Forderung von Joachim Rock – dass die Digitalisierung hier als Mittel eingesetzt werde, um verschiedene Zwecke mit Mehrwert zu generieren. Dazu zählen die Reduktion von Fehlern, die bessere Erreichbarkeit und das effizientere Arbeiten. 

Die Vernetzung stärken 

Die Auftaktveranstaltung schloss mit einem Austausch in Gruppen, in denen die Teilnehmer*innen konkreten Herausforderungen und Chancen der paritätischen Mitgliedsorganisation vor Ort diskutierten und zukünftige Handlungswünsche an den Paritätischen formulierten. Es zeigte sich, dass das Thema Datenschutz weiterhin ein sehr präsentes ist und die Organisationen, die Interesse an Entwicklungen der Digitalisierung zeigen, eine stärkere Vernetzung untereinander anstreben.  

Die Teilnehmenden, unter ihnen neben zahlreichen Vertreter*innen aus Mitgliedsorganisationen auch Gäste weiterer Wohlfahrtsverbände und des Bayerischen Sozialministeriums, nahmen neue Denkanstöße und konkrete Beispiele für die Arbeit in ihren Einrichtungen mit. Nicht (nur) die Herausforderungen der Digitalisierung gilt es zu bewältigen, sondern vor allem die Möglichkeiten zu entdecken, die sie mit sich bringt.

Der Paritätische in Bayern erfuhr darüber hinaus einmal mehr, wie groß das Interesse seiner Mitglieder an innovativen Ideen und Orten zum Erfahrungsaustausch ist – und dass das Projekt "Digitalisierung gestalten" hierfür eine hilfreiche Plattform bieten kann. 

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