Armut im reichen Bayern - Arm trotz Arbeit
16.05.2018 Presse, Arbeit und Beschäftigung, Soziale Teilhabe und Armut

Armut im reichen Bayern - Arm trotz Arbeit

Am 11. Juni, wenige Monate vor der Landtagswahl, veranstaltet die Freie Wohlfahrtspflege in Bayern die „Bayerische Armutskonferenz“. Im Vorfeld fanden in ganz Bayern regionale Veranstaltungen statt, die jeweils einen Aspekt dieses komplexen Themas behandeln. Am 14. Mai diskutierten in Nürnberg auf Einladung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands namhafte Sozialexperten über das Thema „Arm trotz Arbeit“. Es diskutierten: Margit Berndl (Vorstand des Paritätischen in Bayern), Stephan Doll (Geschäftsführer, DGB Bezirk Bayern – Region Mittelfranken), Sabine Schultheiß (Geschäftsführerin, Jobcenter Nürnberg-Stadt), Reiner Prölß (Referent für Jugend, Familie und Soziales, Stadt Nürnberg), Wolfgang Uhl (Geschäftsführer, Handwerkskammer Mittelfranken) sowie Marcus Wegner (Schuldnercoach vom Zentrum Insolvenzberatung).

„Menschen mit niedrigem Einkommen sterben im Durchschnitt früher und sind häufiger krank. Und Armut verhindert Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“, erläuterte Prof. Dr. Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbands, in seinem Impulsvortrag und zeigte auf, was es heißt, in Deutschland Arm zu sein. Das bestätigte auch der Schuldnercoach Marcus Wegner: „Viele der Menschen, die in die Schuldnerberatung kommen, haben neben den Schulden häufig noch andere Probleme wie zum Beispiel depressive Symptome. Hinzu komme die Scham. Oft suchen sie sich erst Hilfe, wenn es zu spät ist.“ Viele hätten zwar Arbeit, verdienten aber zu wenig und hätten kaum Chancen auf besser bezahlte Arbeit, so Wegner weiter.

Margit Berndl, Vorstand des Paritätischen Landesverbands, wies auf die besondere Situation Nürnbergs hin: „Unter den deutschen Großstädten über 500.000 Einwohnern sind nur die Menschen in Dortmund noch mehr von Armut bedroht als die Nürnberger.“ Fast jeder vierte Nürnberger verfüge über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens. Die Insolvenz großer Unternehmen wie Quelle, AEG oder Grundig bedeutete für viele Menschen den plötzlichen Weg in die Arbeitslosigkeit oder den Niedriglohnsektor.

Margit Berndl wies darauf hin, dass Frauen überdurchschnittlich häufig prekär beschäftigt sind. Sie forderte eine stärkere soziale Absicherung von privater Erziehungs- und Pflegearbeit. „Wir brauchen eine gesellschaftliche Neudefinition von Arbeit und damit verbunden eine Diskussion über die Weiterentwicklung unserer sozialen Sicherungssysteme.“ Diese sind an die Erwerbsarbeit gekoppelt. „Erziehung, Pflege, bürgerschaftliches Engagement – für all diese Tätigkeiten bleibt bei einem regulären 40-Stunden-Job zu wenig Zeit. Deshalb müssen wir auch über die 40-Stunden-Norm reden, damit alle Formen von Arbeit gerechter zwischen Männern und Frauen aufgeteilt werden können.“

Im Laufe der Diskussion wurden gemeinsam mit dem Publikum Forderungen formuliert:

  • Es braucht einen sozialen Arbeitsmarkt, der denjenigen, die mit den Anforderungen des ersten Arbeitsmarktes nicht schritthalten können, Perspektiven und sinnstiftende Tätigkeiten ermöglicht.
  • Die Kinderbetreuung muss weiter ausgebaut und flexibilisiert werden, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer zu verbessern.
  • Der soziale Wohnungsbau muss gefördert werden, denn ein viel zu hoher Anteil des verfügbaren Einkommens muss für die Miete verwendet werden.
  • Kommunen, in denen besonders viele von Armut betroffene Menschen leben, müssen finanziell besser ausgestattet werden, damit sie eine soziale Infrastruktur bereitstellen können, die Teilhabe ermöglicht.
  • Das Transferleistungssystem, das Besteuerungssystem und die Debatte um den Mindestlohn müssen überdacht und stärker zusammengeführt werden.
  • Allen Menschen muss unabhängig vom Einkommen Weiterbildung und Qualifizierung ermöglicht werden.
  • In der Bildungspolitik muss ein größerer Schwerpunkt auf die Förderung benachteiligter Kinder gelegt werden.
  • Die Tarifvertragsbindung muss stärker durchgesetzt werden, um gleiche Löhne für gleiche Arbeit zu garantieren.

Diese Forderungen fließen ein in die neunte Bayerische Armutskonferenz

Diese findet statt:

am 11. Juni, 18 Uhr
Mathildensaal des Evangelischen Handwerker-Vereins
Mathildenstraße 4
80336 München

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