Ende der Geduld: Paritätischer fordert Ausbau des Hilfesystems für gewaltbetroffene Frauen
24.11.2017 Presse, Fachbereich Frauen / Familie, Frauen und Mädchen

Ende der Geduld: Paritätischer fordert Ausbau des Hilfesystems für gewaltbetroffene Frauen

Gewalt an Frauen ist keine gesellschaftliche Randerscheinung. Sie ist seit vielen Jahren gleichbleibend hoch und alltäglich. Das zeigen empirische Dunkelfeldstudien und Daten der Polizei, wie auch die vielen Frauen, die aktuell ihr Schweigen über sexuelle Übergriffe und Gewalttaten brechen. „Die Nachfrage nach Schutz und Hilfe nimmt seit Jahren zu. Deshalb ist der Ausbau des Hilfesystems für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder dringend notwendig“, erklärt Margit Berndl, Vorstand Verbands- und Sozialpolitik des Paritätischen in Bayern, anlässlich des morgigen Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen.

Seit über 20 Jahren arbeiten Frauenberatungsstellen, Notrufe und Frauenhäuser in Bayern mit fast gleichen Rahmenbedingungen. Mit der von Sozialministerin Emilia Müller in Auftrag gegebenen Studie zur Ermittlung des Bedarfs im Hilfesystem für gewaltbetroffene Frauen in Bayern liegt seit dem Frühjahr 2016 eine Grundlage für den überfälligen Ausbau vor.

Zu wenig Personalkapazität für dringend notwendige Aufgaben

„Die Studie zeigt auf, dass die zeit- und wohnortnahe Beratung und Unterstützung durch die Beratungsstellen nicht gewährleistet ist“, so die Verfasserin der Studie Prof. Dr. Monika Schröttle. Der Personalschlüssel sehe eine zu geringe Kapazität für die vielfältigen Aufgaben der Fachberatungsstellen und auch der Frauenhäuser vor, so Schröttle weiter, insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Bedarf an Beratung gestiegen und die sozialen Problemlagen der gewaltbetroffenen Frauen immer komplexer geworden seien.

Das bestätigen auch die Mitarbeiterinnen einer Beratungsstelle und eines Frauenhauses. So berichtet Michaela Raphelt vom Frauenhaus Wolfratshausen: „Immer mehr Frauen, die zu uns kommen, bringen zusätzlich zu ihren Gewalterfahrungen einen Rucksack voller Probleme mit: Schulden, Sucht, psychische Erkrankungen. Wir müssen die Frauen stärken und begleiten, z.B. zu Behörden, zur Polizei, beim Gericht.“ Das sei sehr zeitaufwendig, sodass keine Kapazität für dringend notwendige Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit sei, die im Personalschlüssel ohnehin nicht berücksichtigt ist, ergänzt Cordula Trapp von der Fachberatungsstelle / Notruf Starnberg: „Früher konnte ich regelmäßig in Schulen gehen, wenn ich angefragt wurde. Heute ist dafür kaum noch Zeit. Dabei müssen gerade Kinder – Jungen wie Mädchen – früh lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen, und ihr Selbstbewusstsein muss gestärkt werden.“

Gesamtkonzept muss umgesetzt und finanziell untermauert werden

Auf Basis der Ergebnisse der wissenschaftlichen Bedarfsanalyse wird derzeit beim Bayerischen Sozialministerium auch mit Beteiligung der Freien Wohlfahrtspflege ein Gesamtkonzept zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen erarbeitet. „Wir sind froh, dass die Bayerische Sozialministerin Verantwortung für dieses wichtige Thema übernimmt und ihm einen bedeutenden Stellenwert einräumt“, so Margit Berndl.

Für den Paritätischen Wohlfahrtsverband sind Schutz und Hilfe für gewaltbetroffene Frauen schon lange ein zentrales Anliegen. Die meisten der aus der Frauenbewegung entstandenen Frauenhäuser und Beratungsstellen/Notrufe haben sich dem Paritätischen als Dachverband angeschlossen. Gemeinsam haben sie Forderungen zum Ausbau des Frauenunterstützungssystems formuliert. An erster Stelle steht eine bessere Personalausstattung bei Fachberatungsstellen/Frauennotrufen und Frauenhäusern, die es ermöglicht, das breite Aufgabenspektrum entsprechend der Nachfrage und den fachlichen Anforderungen zu erfüllen. Zu den Aufgaben gehören:

  • die besonderen Beratungsbedarfe von Frauen mit Behinderungen, mit zusätzlichen Problemlagen wie Sucht und psychiatrischen Erkrankungen und Frauen mit Migrationshintergrund zu erfüllen
  • eine längerfristige ambulante Beratung und kontinuierliche Begleitung insbesondere von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen z.B. bis sie einen Therapieplatz bekommen haben
  • Einrichtungen mit großem Einzugsbereich insbesondere in ländlichen Gebieten müssen in Außenstellen oder ggf. aufsuchend beraten können
  • die Beratung und Begleitung der Kinder der von häuslicher oder sexualisierter Gewalt betroffenen Frauen. Die mitbetroffenen Kinder und ihre spezielle Situation waren bisher zu wenig im Blick, dabei ist die Gefahr groß, dass sie später wieder Opfer oder gar selbst Täter werden.
  • Präventionsangebote, zum Beispiel für Kinder und Jugendliche
  • Fortbildungsangebote für Multiplikatoren
  • Öffentlichkeitsarbeit

Im Personalschlüssel müssen für alle Einrichtungen auch Verwaltungs- und Geschäftsführungs-/ Leitungsaufgaben berücksichtigt werden. Darüber hinaus braucht es einen Ausbau der Frauenhausplätze. Dringender Handlungsbedarf besteht hier in den Städten und Ballungsräumen. Außerdem fordert der Paritätische einen Aufbau von Beratungsstellen für Täter insbesondere bei häuslicher Gewalt.

Wir brauchen den Willen der Haushaltspolitiker

Es gebe Anzeichen, dass im Rahmen des Nachtragshaushalts eine Aufstockung der Mittel für das Frauenunterstützungssystem erfolgen soll. „Das begrüßen wir sehr. Allerdings reicht das bei weitem nicht aus“, so Berndl. Wir brauchen den politischen Willen der gesamten Staatsregierung – vor allem der Haushaltspolitiker. Sie sind in der Pflicht, dieses Gesamtkonzept mit den entsprechenden finanziellen Ressourcen auszustatten. Auch von den Kommunen, die von Beginn das Frauenunterstützungssystem mit dem größten finanziellen Anteil getragen haben, erwarten wir eine bedarfsgerechte Aufstockung der Mittel.

Berndl abschließend: „Die Träger und die Mitarbeiterinnen haben lange genug mit viel finanziellem und fachlichem Engagement die Mangelsituation aufgefangen. Das Ende unserer Geduld ist gekommen!“

 

Kontakt:

Antje Krüger | Referentin für Frauen / Familie | Tel.: 089 / 30611 – 191
Susann Engert | Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit | Tel.: 089 / 30611 – 137

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