Inklusion statt Isolation: Paritätischer in Bayern warnt vor Rolle rückwärts

02.12.2020 Presse, Fachbereich Menschen mit Behinderung, Fachbereich Psychiatrie, Sucht- und Gefährdetenhilfe, Corona, Inklusion, Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen, Soziale Teilhabe und Armut

Inklusion statt Isolation: Paritätischer in Bayern warnt vor Rolle rückwärts

Kontaktbeschränkungen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen dicht, mangelnde Selbstbestimmung – worunter viele Menschen im Moment leiden, war für Menschen mit Behinderung auch vor Corona oft Alltagsrealität. Und doch: Die Corona-Maßnahmen treffen Menschen mit Behinderung besonders hart.

Das bestätigt Susanne Dittrich-Leonhard vom Nürnberger Verein INTEGRAL e.V., einer Mitgliedsorganisation des Paritätischen in Bayern: „Wir beobachten in unserer Arbeit, dass die psychische Not und die Ängste größer geworden sind. Menschen mit Behinderung leiden besonders unter der Isolation und der Einsamkeit. Durch die lange Zeit allein haben sie manche Dinge verlernt. Zutrauen ist verloren gegangen.“ Der Verein berät und unterstützt Menschen mit Behinderung mit niedrigschwelligen Angeboten, die wegen Corona nicht stattfinden dürfen.

Wie sehr diese Angebote fehlen, davon berichtet Sabine*. Sie hat eine psychische Erkrankung und arbeitet mittlerweile selbst als Assistentin bei INTEGRAL. „Wir verlieren den Kontakt zu den Menschen, die sonst ins Café oder zu anderen Angeboten kommen“, erzählt sie. „Und die behinderten Menschen und ihre Familien verlieren eine leicht zugängliche Anlaufstelle, wichtige Hilfen, Tagesstruktur und ihr soziales Netzwerk.“ Über telefonischen oder schriftlichen Kontakt versuche man, so viel wie möglich abzufangen. Aber das Angebot vor Ort ist durch nichts zu ersetzen.

Menschen mit Behinderung werden durch Corona noch mehr abgehängt

„Die Corona-Krise hat gezeigt, dass wir auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft noch lange nicht so weit gekommen sind, wie wir gedacht und gehofft hatten,“ ergänzt Margit Berndl, Vorstand des Paritätischen in Bayern. „Corona hat uns weiter von diesem Ziel entfernt.“ Menschen mit Behinderung werden nur auf ihre Behinderung reduziert. Sie werden als homogene vulnerable Gruppe betrachtet, die besonderen Schutz braucht. Das Selbstbestimmungsrecht von Menschen in Einrichtungen wurde zu ihrem Schutz weitgehend eingeschränkt. Gefragt hat sie niemand.

Susanne Dittrich-Leonhard frustriert, dass im Zusammenhang mit Corona immer nur über Menschen mit Behinderung in Einrichtungen gesprochen wird. „An die Bedürfnisse der vielen Menschen mit Behinderung, die allein oder in ihren Familien leben, wird gar nicht gedacht.“ Auch wenn es um Digitalisierung geht, werden Menschen mit Behinderung vergessen.

Notgedrungen haben sich viele Menschen in kurzer Zeit auf die Digitalisierung eingestellt. Aber bei vielen Menschen mit Behinderung ist das gar nicht möglich, weil ihnen schlicht das Geld für den Laptop oder das Smartphone fehlt. Sie sind komplett von der Digitalisierung abgehängt. Menschen mit Behinderung müssen auch an der Digitalisierung teilhaben können.

Inklusion ist ein Grundrecht – kein Gnadenakt

„Deutschland hat sich mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention zu umfassender Teilhabe für Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen verpflichtet. Das dürfen wir auch in der Pandemie nicht vergessen“, mahnt Margit Berndl. „Inklusion ist ein Grundrecht – kein Akt der Gnade!“

Alle haben gespürt, wie es sich anfühlt, wenn die eigenen Rechte auf Selbstbestimmung und auf Teilhabe eingeschränkt sind. Vielleicht hilft das, den gesellschaftlichen Blick darauf zu schärfen, wie in Deutschland das Recht auf Teilhabe für Menschen mit Behinderung eingeschränkt wird. „Dieses Bewusstsein ist Voraussetzung, um endlich Barrieren in allen Lebensbereichen abzubauen und dem Ziel einer inklusiven Gesellschaft näherzukommen, die alle mitnimmt und niemanden ausgrenzt,“ so Berndl abschließend.

*Name geändert

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