Demonstrieren darf Spaß machen
28.06.2020 Themen Queer

Demonstrieren darf Spaß machen

Manfred Schmidt ist Fachvorstand der Aidshilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth. Sein ganzes Berufsleben hat er bei der Aidshilfe gearbeitet – seit 2002 in Nürnberg. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was der CSD für ihn bedeutet, warum es den CSD auch heute noch braucht und was er dieses Jahr besonders vermissen wird. Der CSD erinnert an den ersten bekanntgewordenen Aufstand von Homosexuellen gegen die Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street am 28. Juni 1969.

Die Aidshilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth beim CSD

Die Aidshilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth beim CSD

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten CSD?

Mein erster CSD war in den 1980ern in Köln. Das war ein grandioses Erlebnis! Einmal im Jahr das Gefühl zu haben, ich bin Teil einer großen Masse und keine Minderheit. Alle um mich rum sind so wie ich. Jeder Betroffene sollte das einmal erleben. Diese Erfahrung ist besonders wichtig für junge Menschen. Sie spüren früh, dass sie nicht der „Norm“ entsprechen und anders sind als die anderen. Denn nach wie vor ist das vorherrschende Bild, Mann und Frau gehören zusammen. Das begleitet einen das ganze Leben – das sich erklären müssen.

Wir haben damals selber in Marburg einen CSD organisiert, weil wir fanden: Der CSD muss in die Provinz. Jetzt gibt es auch wieder eine Bewegung junger Leute, die in Bayerischen Kleinstädten CSDs organisieren, weil sie merken: Wir brauchen das hier vor Ort.

Für Zuschauer wirkt der CSD wie eine große Party. Dabei ist der CSD immer schon sehr politisch.

Man darf auch mit Spaß demonstrieren! Spaßhaben heißt ja nicht, dass es unpolitisch ist. Es ist wichtig, dass der CSD nichts Elitäres ist. Die ganze Gesellschaft muss erreicht werden. Schwule gibt es ja nicht nur in Kunst und Kultur, sondern genauso in der Müllabfuhr oder an der Supermarktkasse.

In Nürnberg gibt es jedes Jahr ein breites Rahmenprogramm, das komplett ehrenamtlich organisiert wird. Sehr beeindruckend!

Wie haben sich die Anliegen im Laufe der Zeit verändert?

Anfangs ging es darum, überhaupt sichtbar zu werden, Tabus zu brechen und Homosexualität aus dem Strafrecht zu streichen.

Dann kam Aids. Es gab die große Sorge, dass wir in der Emanzipation zurückgeworfen würden. Zum Glück ist das Gegenteil eingetreten. Es hat die Emanzipation befördert. Durch Aids war die Gesellschaft plötzlich gezwungen sich mit uns auseinanderzusetzen. Schwule wurden anders gezeigt, zum Beispiel als Menschen, die ihre Partner pflegen und beim Sterben begleiten.

Dann ging es um gleiche Rechte. Das wurde anfangs kontrovers in der Szene diskutiert. Es gab die einen, die gar nicht so sein wollten, wie die „heterosexuellen Spießer“. Sie wollten mit ihren Eigenheiten wahrgenommen werden und autonome Projekte. Die anderen wollten den „Marsch durch die Institutionen“ und forderten gleiche Rechte. Beides hatte seine Berechtigung.

Bis zur „Ehe für alle“ hat es lange gedauert: Seit 2017 können Lesben und Schwule heiraten.

Wenn die Gleichstellung erreicht ist, braucht es dann den CSD noch?

Mit dem stärker werden der Rechtsextremen wird sichtbar, dass all das Erreichte kein Selbstläufer ist. Es muss immer wieder dafür gekämpft werden. Homophobe sind nicht unbedingt mehr geworden, aber sie sind lauter. Man traut sich wieder Ressentiments laut zu äußern.

Wie brüchig Erreichtes ist, kann man in europäischen Nachbarländern beobachten, wo es große Rückschritte gibt. Da werden Städte zu „homosexuellenfreien Zonen“ erklärt, und deutsche Partnerstädte nehmen das unwidersprochen hin.

Ein weiteres Thema ist die Abschiebepraxis in Deutschland. Homosexuelle Geflüchtete werden in Länder abgeschoben, in denen sie ihre Homosexualität verstecken müssen, in denen ihnen Gefahr droht.

Es wächst das Bewusstsein, dass es in der queeren Szene unterschiedliche Anliegen gibt. Rassismus innerhalb der Szene ist ein Thema. Und es wächst die Solidarität mit Transpersonen.

In Zeiten von Corona wird der CSD nicht so sein wie sonst. Was werden Sie am meisten vermissen?

Ich finde es katastrophal, dass der CSD nicht so stattfinden kann wie sonst. Zum Glück wird nicht alles online stattfinden. In der Nürnberger Innenstadt wird es auch Aktionen geben – aber mit einer stark begrenzten Teilnehmerzahl.

Der CSD hat zwei Funktionen: eine nach außen in die Mehrheitsgesellschaft, die andere nach innen in die queere Community. Wir brauchen diese Orte der Selbststärkung. Orte, wo man sich nicht erklären muss, wo man nicht die Minderheit ist. Gerade für Jugendliche im Comingout. Dafür ist der CSD ganz wichtig. Diese Gemeinschaftserfahrung ist es, die ich am meisten vermissen werde.

Stichwort Corona: Zentrales Thema der Aidshilfe ist der Umgang mit einer Infektionskrankheit. Gibt es etwas aus der Erfahrung im Umgang mit Aids, wovon man lernen kann?

Was mich besorgt ist, dass Ängste permanent getriggert werden, durch Maßnahmen, wie z.B. die Maskenpflicht oder durch Formulierungen wie „Angst vor der zweiten Welle“. Unbestritten ist das Corona-Virus gefährlich. Von Seiten der Politik und in den Medien müsste stärker positiv formuliert werden. „Deutschland ist vergleichsweise glimpflich davongekommen, weil wir richtig reagiert haben. Abstandhalten hilft.“ So in diese Richtung.

Bei HIV gibt es völlig übersteigerte Ängste und Vorstellungen über Übertragungswege, die bis heute wirken und zur Diskriminierung von HIV-Positiven führen. Die psychologischen Folgen durch Corona sind noch nicht absehbar. Das finde ich bedrohlich.

Welches Thema beschäftigt die Aidshilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth gerade besonders? Was ist eure größte Baustelle? Was wünscht ihr euch?

Unsere Sorge ist, dass – wenn die Krise weiter andauert – uns die Finanzierung wegbricht. Durch Corona verschulden sich die öffentlichen Haushalte. Die Aidshilfe gehört zu den freiwilligen Leistungen der Kommune, bei denen als erstes gespart wird, wenn das Geld knapp wird.

Die Aidshilfe hat immer große Spendenaktionen gemacht, um nicht zu sehr von öffentlicher Förderung abhängig zu sein. In Nürnberg zum Beispiel gibt es die Aktion „Hair for care“, bei der Friseure Passant*innen die Haare schneiden und Geld der Aidshilfe spenden. Die Aktion kann in diesem Jahr nicht in der gewohnten Form stattfinden.

Was sich die queere Community wünscht ist mehr Unterstützung. Hier gibt es viel ehrenamtliches Engagement. Das ist sehr wichtig, aber genauso braucht es Professionalität. Da gibt es in anderen Bundesländern viel mehr Unterstützung, zum Beispiel Aktionspläne mit konkreten Maßnahmen, die queere Anliegen in ganz unterschiedlichen Bereichen fördern. Es gibt Ministerien mit eigenem Referat für LGBTIQ. Da muss auf vielen Ebenen in Bayern noch mehr getan werden.

Zur Aidshilfe Nürnberg-Fürth-Erlangen

 

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