Ein Jahr, das die Zeit überdauert
24.08.2020 Themen Zivilgesellschaft und Demokratie

Ein Jahr, das die Zeit überdauert

Acht Jahre ist es her, dass Nehle einen Freiwilligendienst beim Paritätischen in Bayern gemacht hat. Heute ist sie selber Pädagogische Begleitung bei den Freiwilligendiensten in Regensburg. Für uns hat sie aus dem „Nähkästchen“ geplaudert: über Studienabbrüche und neue Perspektiven, Freundschaft und warum es auch mal gut sein kann, einfach dort zu bleiben, wo man zu Hause ist.

Nehle, kannst Du Dich noch an Deinen ersten Tag bei den Freiwilligendiensten erinnern?

Das war im September 2012 … Da bin ich in mein FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) gestartet. Alles war ganz ungewohnt und ganz neu. Ich war ja doch auch etwas unsicher am Anfang: Was passiert da jetzt? Was mache ich so im Freiwilligendienst? Aber es waren lauter nette Kolleg*innen da, die mich ganz herzlich und gut aufgenommen haben!

Was hast Du in Deinem Freiwilligendienst konkret gemacht?

Ich bin in Oberfranken aufgewachsen und habe deswegen in Bayreuth in der Klinik Hohe Warte mein FSJ gemacht. Das ist eine Klinik für Patienten, die eine neurologische Verletzung haben, zum Beispiel Rückenmarksverletzungen. Mein Job als Freiwillige war die Betreuung von Kindern, die dort stationär für Operationen waren. Ich habe aber auch in der Ergotherapie gearbeitet, zum Beispiel in der Handwerks- und der Backgruppe. Oder ich habe Patienten von A nach B gebracht. Es war breitgefächert, was ich machen konnte, und ich habe total viel von dem gesehen, was in einer Klinik so passiert.

Was hast Du für Dich aus dem Freiwilligendienst mitgenommen?

Nach dem Abi habe ich erstmal ein Jahr lang studiert: Kommunikations- und Medienwissenschaften. Ich wusste halt nicht wirklich, was ich machen wollte und dachte: Studiere ich halt erstmal. Ich habe dann aber sehr bald festgestellt, dass das so gar nicht meins ist. Wusste aber auch nicht, was ich alternativ machen wollte. Durch Zufall bin ich dann auf diese FSJ-Stelle in der Klinik Hohe Warte gekommen.

Vor dem Freiwilligendienst habe ich immer gesagt: Ich will keine Lehrerin werden und in einem sozialen Beruf will ich auch nicht arbeiten. In dem Freiwilligendienst habe ich dann aber gemerkt, dass das ein Bereich ist, der mir gut liegt! Ich fand die Arbeit sehr schön, weil es untereinander ein sehr wertschätzender Umgang war. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass meine Arbeit eine wichtige Unterstützung für die Patient*innen ist und man mit kleinen Dingen schon einiges bewirken kann.

In den begleitenden Seminaren beim Freiwilligendienst habe ich gute Freunde gefunden und kam total schnell in den Austausch mit den anderen. Schon damals dachte ich mir: Ich könnte mir gut vorstellen, selbst mal so eine Gruppe von Freiwilligen zu begleiten und zu betreuen! Für mich war das FSJ wegweisend: Ich habe rausgefunden, was ich in meinem Leben machen will und habe dann auch Soziale Arbeit studiert.

Wem würdest Du empfehlen, einen Freiwilligendienst zu machen?

Tatsächlich glaube ich, dass es für jeden eine tolle Möglichkeit ist! Allerdings merke ich schon, dass ein Freiwilligendienst für Jugendliche, die noch nicht wirklich eine Orientierung fürs Leben haben, echt hilfreich sein kann. Auch, um erstmal Zeit für sich selbst zu haben. Für mich war das damals super, aus dem Schulalltag heraus zu sagen: Ok, ich arbeitet da jetzt mal für ein Jahr und merke für mich, ob mir die Arbeit liegt, was für ein Mensch ich bin und wo ich überhaupt hin will. Dadurch, dass ich in der Heimat geblieben bin und nicht im Ausland war, konnte ich mich auch total auf diese Fragen konzentrieren und musste mich nicht an 500 neue Sachen gleichzeitig gewöhnen.

Natürlich gibt es auch immer Freiwillige, die genau wissen, was sie wollen, wo sie hin wollen. Die sagen: Ich engagiere mich eh schon sozial oder ähnliches. Aber auch für diese Freiwilligen sind der Austausch mit anderen und die Wertschätzung durch die Einsatzstelle eine wichtige Bereicherung. Zum Beispiel die kleinen, positiven Momente und die Arbeit mit Menschen, die einem doch einfach viel zurückgibt.

Heute arbeitest Du bei den Freiwilligendiensten als Pädagogische Begleitung. Was macht Dir an der Arbeit Spaß?

Ich finde es immer total schön, wenn man merkt, dass dieses freiwillige Jahr etwas mit den Jugendlichen macht. Im Herbst oder im Beratungsgespräch davor lerne ich viele junge und auch ältere Menschen kennen, die sagen: Ich will jetzt mal etwas anderes machen, etwas anderes ausprobieren. Und wenn man dann erlebt, was es für Auswirkungen haben kann, wenn die Leute dann in ihrer Einsatzstelle arbeiten! Ich habe aktuell einen Freiwilligen, der hat einen Bachelor im Bereich Maschinenbau gemacht. Der möchte jetzt nach seinem BFD Pflege dual studieren! Weil er gemerkt hat: Hey, das liegt mir viel besser und macht mir total Spaß.

Was macht einen Freiwilligendienst beim Paritätischen in Bayern besonders?

Was mir am Paritätischen so gut gefällt, sind die Vielfalt und die Offenheit. Ich merke bei vielen Freiwilligen, wie gut es für sie ist, dass sie jemand so annimmt, wie sie sind. Und dass in den Gruppen eine offene Atmosphäre herrscht. Da gibt es einfach einen schönen Austausch zwischen unterschiedlichen Menschen. Und das sagen wir den Freiwilligen auch immer, dass uns dieser Austausch, Vielfalt und Offenheit auch untereinander sehr wichtig sind. Denn je vielfältiger die Gruppen sind, desto mehr profitieren alle davon: Man kriegt einfach ganz neue Perspektiven! Ich selber habe Freundinnen aus meiner Freiwilligenzeit, mit denen ich bis heute befreundet bin. Klar, das passiert nicht immer. Aber irgendetwas aus dieser Zeit bleibt immer hängen und überdauert die Jahre!

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