Integration auf Stopp
17.06.2020 Themen Corona Migration und Flucht

Integration auf Stopp

Wenn man neu in einem Land ist, sind sichere Strukturen und feste Ansprechpartner*innen besonders wichtig. Corona hat das alles durcheinandergewirbelt. Wie kommen Menschen damit klar, die gerade erst zu uns gekommen sind oder noch nicht lange in Deutschland leben? Darüber haben wir mit Gudrun Loew gesprochen. Sie berät beim Paritätischen in Würzburg erwachsene Zuwander*innen aus der ganzen Welt.

Eine Frau unterrichtet drei geflüchtete Männer. Die Männer sitzen um einen Tisch, auf dem Papiere liegen.

Symbolbild©Frank Gärtner Adobe Stock.com

Frau Loew, wie hat sich Ihre Beratung durch Corona verändert?

In der ersten Zeit konnten wir keine persönliche Beratung „Face-to-Face“ anbieten. Deshalb haben wir versucht, alle anderen Möglichkeiten zu nutzen und sehr viel telefonisch, per E-Mail oder online beraten. Die Beratung war aber erschwert. Zum einen, weil viele unserer Klient*innen nicht gut Deutsch sprechen. Und zum anderen, weil oft sehr viele SMS, E-Mails, Faxe und Briefe hin und her geschickt werden mussten, um ein Problem zu klären. Das hat viel Zeit gekostet und hat manchmal auch zu Missverständnissen geführt, so dass nicht alle Probleme gut gelöst werden konnten. Sprache und Kommunikation sind halt das A und O. Und wenn die Menschen nicht vor einem sitzen und ihre Unterlagen und Briefe zeigen können, dann wird es manchmal richtig schwierig.

Können Sie ein Beispiel nennen, wo die Beratung besonders schwierig war?

Zum Beispiel, wenn Klient*innen von ihren Arbeitgeber*innen entlassen wurden. Da habe ich mich in einem Fall mit dem Klienten einfach im Park getroffen, weil ich die Kündigung sehen und mit dem Klienten direkt sprechen wollte. Kündigungen, behördlichen Schreiben oder Informationen vom Jobcenter sind für unsere Klient*innen einfach schwer verständlich.

Ein großes Problem war auch die Beschulung der Kinder. Da waren einige Eltern total überfordert. Weil sie keinen Kontakt mit den Lehrer*innen aufnehmen konnten. Weil sie die Aufgaben nicht verstanden haben und ihren Kindern nicht helfen konnten. Das hat teilweise zu großem Stress in den Familien geführt. Dazu kommt, dass viele zugewanderte Menschen und Familien sehr beengt zusammen leben. In den Unterkünften oder in Wohnungen. Viele Personen auf zu wenig Raum - das verstärkt solche Probleme dann noch.

In Notfällen beraten wir deshalb jetzt wieder bei uns im Büro. Wir haben ein eigenes Hygienekonzept erstellt und umgesetzt. Für unsere Klient*innen haben wir Informationen mit Bildern gemacht, die sie vor dem Besuch bei uns im Büro zugeschickt bekommen und die bei uns aushängen.

Was meinen Sie: Was ist an der derzeitigen Situation für ihre Klient*innen besonders belastend und schwierig?

Dass die gewohnten Strukturen und Ansprechpartner*innen fehlen. Ich hatte gerade einen Klienten, der hat seine Briefe zwei Monate lang gesammelt und mir jetzt in die Beratung gebracht. Weil er die Briefe nicht verstanden hat. Momentan sind ja auch die Sprachkurse unterbrochen. Die Menschen wurden aus ihrem normalen Alltag herausgerissen: Für viele, die hier bei uns gerade ihren Platz gefunden haben, ist plötzlich nichts mehr, wie es vorher war. Das ist eine enorme Belastung. Gerade für Menschen, die jahrelang auf der Flucht und auf der Suche nach einem sicheren Ort waren.

Ich habe zum Beispiel einen alleinerziehenden Vater mit vier Kindern. Der hatte gerade eine Stelle bekommen. Und er war so glücklich darüber. Weil er gehofft hat, dass dann seine Ehefrau nach Deutschland nachkommen kann. Jetzt haut das nicht hin, weil er nicht arbeiten kann und die vier Kinder die ganze Zeit daheim sind. Solche Menschen wirft es jetzt wirklich aus der Bahn.

Dazu kommen, wie schon erwähnt, die Sprachschwierigkeiten und das beengte Wohnen, die die anderen Probleme noch verstärken.

Das heißt, dass viele Menschen in ihrer Integration zurückgeworfen werden?

Auf jeden Fall wird die Integration unterbrochen.

Für manche Menschen ist aber wirklich alles wieder auf Anfang. Zum Beispiel für zugewanderte Jugendliche, die ab September einen Ausbildungsplatz in Aussicht hatten. Wegen der Corona-Pandemie und der wirtschaftlich schwierigen Situation streichen viele Unternehmen ihre Ausbildungsplätze. Der Ausbildungsplatz ist aber die Voraussetzung dafür, dass die Jugendlichen hier in Deutschland bleiben können: Sie sind in der Ausbildungsduldung und wenn sie bis September keinen neuen Ausbildungsplatz finden, müssen sie zurück. Viele haben jetzt Angst, dass sie abgeschoben werden. Deshalb wäre es wichtig, dass die Ausbildungsduldung während der Pandemie verlängert bzw. die Abschiebung aufgrund eines jetzt verlorenen Ausbildungsplatzes ausgesetzt wird.

Wo sehen Sie für sich in der Beratung gerade die größte Herausforderung?

Unseren Klient*innen wieder Sicherheit zu geben. Denn die hat gefehlt, weil wir für unsere Klient*innen weniger greifbar waren, weil sie nicht mit ihren Fragen und Problemen, ihren Briefen und Unterlagen zu uns kommen konnten. Das haben uns viele Klient*innen gesagt.

Ein großes Problem wird sein, diejenigen wieder zu erreichen, die in den letzten Wochen unter den erschwerten Bedingungen gar nicht den Weg zu uns gefunden haben. Das sind häufig Menschen, die eigentlich noch mehr Hilfe bräuchten, als alle anderen. Die aber häufig durch alle Raster fallen. Die sich weder beim Jobcenter noch bei der Schule ihrer Kinder melden und jetzt vielleicht auch kein Geld mehr haben. Diese Menschen wollen wir anschreiben und anrufen und fragen, ob und wo sie Hilfe brauchen.

Gibt es etwas, das Ihre Arbeit erleichtern würde oder dieses Problem lösen könnte?

Ich habe auch schon oft überlegt, wie man besser gerade an diese Menschen herankommen könnte. Es ist einfach sehr schwierig, zum Beispiel wegen Sprachbarrieren oder auch den kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründen, die diese Menschen aus ihrem Herkunftsland mitbringen, dann die von unserer Kultur geprägten Angebote anzunehmen und zu nutzen. Im Grunde braucht man ganz niederschwellige Angebote. Zum Beispiel für Frauen, die häufig mit den Kindern zu Hause sind und gar nicht die Möglichkeit haben, unsere Sprache zu lernen. Das ist ein Problem, das wir sonst auch haben, das sich aber jetzt durch die Corona-Pandemie noch verstärkt hat.


Migrationsberatung und Jugendmigrationsdienst

Die Migrationsberatung (MBE) unterstützt und berät erwachsenen Zuwander*innen ab 27 Jahren aus allen Ländern in den ersten drei Jahren ihres Aufenthaltes in Deutschland. Vor, während und nach dem Besuch eines Integrationskurses werden auch Menschen beraten, die schon länger hier leben oder die in Krisen stecken.

Der Jugendmigrationsdienst (JMD) unterstützt und berät junge Migrant*innen im Alter von zwölf bis 27 Jahren, die dauerhaft in Deutschland bleiben. Die Beratung unterstützt hauptsächlich bei der schulischen und beruflichen Integration, sowie bei der Absicherung des Lebensunterhaltes, aber auch beim Knüpfen sozialer Kontakte.

Zur Migrationsberatung und Jugendmigrationsdienst des Paritätischen in Unterfranken

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