Kein guter Ort für die Gesundheit
17.06.2020 Themen Corona Migration und Flucht

Kein guter Ort für die Gesundheit

Viele Menschen auf engstem Raum, gemeinsam genutzte Toiletten, Waschräume und Küchen: Wie geht es geflüchteten Menschen in Gemeinschaftsunterkünften während der Corona-Pandemie? Darüber haben wir mit Philipp Kraus, stellvertretender Gesamtkoordinator der Flüchtlings- und Integrationsberatung, bei unserer Mitgliedsorganisation Hilfe von Mensch zu Mensch e.V. gesprochen. Die etwa 20 Berater*innen betreuen derzeit in vier bayerischen Landkreisen und der Landeshauptstadt München circa 4.500 geflüchtete Menschen in Gemeinschafts- und Sammelunterkünften.

Eine Frau und ein Mann sitzen an einem Tisch. Beide tragen Mundschutz. Zwischen den Personen steht ein Spuckschutz.

Beratung im Landkreis Miesbach©Hilfe von Mensch zu Mensch e.V.

Herr Kraus, Sie betreuen und beraten geflüchtete Menschen in Gemeinschaftsunterkünften. Was machen Sie konkret?

Die Flüchtlings- und Integrationsberatung und ihre konkreten Tätigkeiten sind sehr klar in der Beratungs- und Integrationsrichtlinie des Bayerischen Innenministeriums (BIR) formuliert. Wir beraten geflüchtete Menschen – und das nicht nur rechtlich, sondern auch sozial. Zum Beispiel kümmern wir uns um Integrationsmaßnahmen für Asylbewerber*innen, die in Deutschland bleiben dürfen. Wir begleiten aber auch Menschen, die kein Bleiberecht haben, durch den Prozess des Asylverfahrens vom Anfang bis zum Ende. Wir lösen aber auch viele kleine und alltägliche Probleme.

Findet die Beratung in den Gemeinschaftsunterkünften derzeit statt?

Wegen der Corona-Pandemie mussten persönliche Kontakte in den Unterkünften soweit wie möglich reduziert werden. Wir hatten uns deshalb zeitweise aus den Großunterkünften zurückgezogen und in Büros außerhalb der Unterkünfte nur in Notfällen und nach vorheriger Terminvereinbarung persönlich beraten. Alternativ haben wir Telefon- und Online-Beratung angeboten.

Seit etwa dem 2. Juni beraten wir wieder regelmäßiger in den Unterkünften – unter Einhaltung unseres Hygienekonzepts und vorheriger Beantragung einen erweiterten und schrittweise sich vergrößerten Zugang zu allen Unterkünften. Vorher war eine Beratung in der Unterkunft nur nach individuellem Antrag und Ausnahmengenehmigung durch die Regierung von Oberbayern möglich.

Wie ist die Situation in den Unterkünften? Wie geht es den Menschen?

Am Anfang der Pandemie war alles etwas holperig: Wir mussten unseren Klient*innen erstmal erklären, warum ihre Berater*innen nicht mehr so oft in die Unterkünfte kommen dürfen. Nach einer kurzen Anfangsphase hat es aber gut funktioniert, da wir sehr viel über Telefon und Online-Beratung auffangen konnten. Allerdings gibt es natürlich immer Probleme und Fragen, bei denen ein persönlicher Kontakt einfach notwendig ist.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Zum Beispiel, wenn ein*e Klient*in durch die Pandemie die Arbeit verloren hat und bei der Agentur für Arbeit Arbeitslosengeld beantragen musste. Das stößt die Telefon- und Online-Beratung an ihre Grenzen. Vor allem, wenn es um das genaue Einhalten von Verwaltungsprozessen oder das Ausfüllen von für jedermann komplizierten, in Amtsdeutsch verfassten Formanträgen geht. Solche Themen konnten wir nur in der persönlichen Beratung bewältigen.

Schwierig war es auch immer, wenn es in den Unterkünften positiv getestete Bewohner*innen gab. Denn wie damit in den Unterkünften umgegangen wurde, war teils vom jeweiligen Landkreis oder sogar Ort abhängig. Das war für uns eine der größten Herausforderung. Nicht vor Ort sein zu können, aber sicher zu stellen, dass unsere Klient*innen über die Corona-Maßnahmen in ihrer Unterkunft vollumfänglich informiert werden und sie auch verstehen. Und nicht etwa Probleme bekommen, weil sie unwissentlich gegen Maßnahmen verstoßen.

Kommunikation ist ein gutes Stichwort: Was wissen die Menschen in den Unterkünften über die Corona-Pandemie in Bayern und Deutschland?

Ich muss sagen, dass die Kommunikation in den Unterkünften und die Zusammenarbeit zwischen den staatlichen Stellen, den Helferkreisen, der Integrationsberatung und sonstigen Akteuren im Großen und Ganzen sehr gut geklappt haben. Informationen wurden sehr schnell in andere Sprachen übersetzt. Von zahlreichen Stellen wie auch von unserem Verein wurden mehrsprachige Piktogramme und Plakate entworfen, die wir an unsere Klient*innen weitergeben konnten.

Die Menschen in den Unterkünften haben sich aber auch selbst sehr gut informiert, zum Beispiel über Social Media oder ihre Community. Das hat uns sehr überrascht! Bevor wir mit den offiziellen Informationen gekommen sind, wussten viele schon: Was darf ich? Was darf ich nicht?

Allerdings wurden zu der Zeit auch viele Falschmeldungen über Social Media oder Messenger verschickt. Das hat unsere Aufklärungsarbeit ein Stück weit torpediert: Wir mussten wirklich viele, viele Fehlmeldungen korrigieren und immer wieder erklären, warum es Ausgangsbeschränkungen gibt und wieso es wichtig ist, sich an die Regeln zu halten.

Für die bayerischen Schulen gab es jetzt viele Wochen lang ein Betretungsverbot. Wie hat das Homeschooling in den Gemeinschaftsunterkünften geklappt?

Beim Homeschooling haben sich ganz unterschiedliche Probleme gezeigt und lokal verschieden. Nicht jede Familie hat einen Computer, einen Laptop oder einen Drucker. Teilweise ist das Internet in den Unterkünften im ländlichen Raum sehr schwach oder durch die vielen Menschen, die es nutzen, stark überlastet. In wenigen Landkreisen gab es Fördertöpfe, bei denen man Zuschüsse für den Kauf von technischem Equipment, wie zum Beispiel Laptops, beantragen konnte. Wir haben häufig mit den Schulen, den Helferkreisen und den Unterkünften vor Ort zusammengearbeitet, um solche Probleme schnell und pragmatisch zu lösen. So wurden Hausaufgaben zum Beispiel auch im Verwaltungsbüro der Unterkunft ausgedruckt.

Das größere Problem ist aber, dass vielen Familien und alleinerziehenden Müttern technisches Know-how, Deutschkenntnisse oder Vorbildung fehlen, um ihre Kinder bei den Aufgaben und Lernaufträgen, die von der Schule kommen, zu unterstützen. Deshalb haben wir uns auch ganz besonders auf die schulpflichtigen Kinder und ihre Familien konzentriert, mit den Schulen gesprochen und die relevanten Akteure miteinander vernetzt. Wir sind sehr froh, dass es jetzt wieder langsam mit den Schulen anläuft. Und hoffen, dass kein Kind in der Schulbildung zu weit abgehängt wurde. Das Problem betrifft natürlich auch andere Kinder und andere Familien. Aber diese vulnerable Gruppe der geflüchteten Menschen eben ganz besonders.

Was fehlt Ihnen zurzeit, um Ihre Arbeit in den Unterkünften gut zu machen? Welche Unterstützung würden Sie sich wünschen?

Der Wiedereinstieg in die persönliche Beratung ist mit zahlreichen Herausforderungen verbunden. Zumal wir nicht nur an unsere Klient*innen, sondern vor allem auch unsere Mitarbeiter*innen denken müssen: Wir haben Mitarbeiter*innen, die zu den sogenannten Risikogruppen gehören. Und die müssen wir bestmöglich schützen.

Mehr Unterstützung hätten wir uns bei der Bereitstellung oder Förderung von Hygiene-Materialien gewünscht, die man für eine Beratungsstelle in Corona-Zeiten benötigt. Zum Beispiel Spuckschutz, Plexiglasscheiben für die Bürotische, Mund-Nasen-Schutz und Desinfektionsmittel. Dieses Equipment haben wir teilweise durch Kofinanzierungen durch die Landratsämter und unseren Dachverband erhalten. Für anderes mussten wir Eigenmittel verwenden, zum Beispiel für die Plexiglasscheiben. Oder wir haben versucht, zusätzliche entstandene Kosten über Spendenaufrufe abzudecken.

Nichtsdestotrotz haben wir alles besorgt und so umgestellt, dass es in unseren Unterkünften weder zu größeren Menschenansammlungen kommt oder sich Schlangen vor den Büros bilden. Auch unsere Klient*innen machen sehr gut mit.

Wenn Sie ein Resümee ziehen müssten: Was haben Sie aus der Pandemie gelernt?

Mir hat die Pandemie vor allem eines gezeigt: Die Mängel von Sammelunterkünften. Eine Sammelunterkunft ist in so einer Pandemie ein gefährlicher Ort und sehr, sehr anfällig: Viele Menschen leben auf engstem Raum und nutzen Sanitäranlagen, Küchen und andere Räume gemeinsam. Was passiert, wenn ich unter solchen Bedingungen einen Corona-Fall habe? Das war zu Beginn der Pandemie häufig nicht klar. Für uns war das eine große Herausforderung, weil wir anfangs unseren Klient*innen nicht verbindlich erläutern konnten, was im Falle einer Corona-Infektion in ihrer Unterkunft passiert und wie sie sich verhalten müssen.

Letztlich hat sich das alles eingespielt. Aber eines ist klar: Für die Gesundheit ist ein Großunterkunft kein guter Ort. Das gilt nicht nur für Corona, sondern auch für andere ansteckende Krankheiten, zum Beispiel Tuberkulose.

 

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