Mama, Mama, Kind
30.06.2020 Themen Queer

Mama, Mama, Kind

Wenn Kinder in eine Ehe geboren werden, sind die Ehepartner*innen die Eltern. Das möchte man zumindest meinen. Das Gesetz spiegelt die Lebenswirklichkeit von Regenbogenfamilien nicht wider. Wie schwer es für queere Paare ist, eine Familie zu gründen, darüber berichten Bettina und Nicole.

„60.186 Artikel bei der Suche nach "Familie" gefunden“, spuckt die Suchfunktion unseres Lieblingsbuchladens aus. Eine überwältigende Zahl an Elternratgebern, Fach- und Sachbüchern, Literatur sowie andere Produkte zum Thema „Familie“. Ganz anders sieht es da aus, wenn man der Familie den „Regenbogen“ voranstellt: „45 Artikel bei der Suche nach ‚Regenbogenfamilie‘ gefunden“ – ein sehr überschaubares Ergebnis.

Fragen, Hoffnungen und Bedenken

Wie alle Eltern hatten wir bei der Familienplanung, während der Schwangerschaften und jetzt, wo unsere beiden Söhne da sind, viele Fragen, Hoffnungen und durchaus auch Bedenken. Bei 60.186 Titeln ist garantiert das ein oder andere Werk dabei, das Antworten liefert, bei all den kleinen und großen Fragen zu Schlaf, Beikost oder Bauchweh. Trotzdem hatten und haben wir als Regenbogenfamilie noch ein paar Themen, die uns ganz allein betreffen. Dies fängt bei der praktischen Frage an, wie man als gleichgeschlechtliches Paar überhaupt ein Kind bekommen kann, die Konstellationen sind bunt wie der Regenbogen. Dann geht es mit rechtlichen Fragen weiter, denn keinesfalls sind homosexuelle Elternpaare heterosexuellen Paaren gleichgestellt, wenn es um die rechtliche Anerkennung und Schutz des Kindes durch das Gesetz geht, bis hin zu Fragen der gesellschaftlichen Akzeptanz der eigenen Familie.

Bei 45 Titeln kann man zwar nicht von komplett fehlender Auswahl sprechen, aber es zeigt doch ganz klar ein Ungleichgewicht im Bereich der „literarischen Selbsthilfe“, wenn man das so nennen möchte.

Unser Glück: Ein Regenbogenfamilienzentrum in München

Noch deutlicher wird es, wenn man nach Beratungsangeboten und Austauschmöglichkeiten von Mensch zu Mensch sucht. Beratungs- und Unterstützungsangebote sowie Gruppentreffen zum Elternwerden und Elternsein bieten zig verschiedene Träger von der Landeshauptstadt über kirchliche und konfessionslose Verbände bis hin zu privaten und Selbsthilfe-Organisationen. Angebote, die sich gezielt an gleichgeschlechtliche Eltern richten, sind hingegen quasi nicht vorhanden. Zum Glück leben wir in München, wo es seit 2017 das Regenbogenfamilienzentrum („Treffpunkt, Fach- und Beratungsstelle Regenbogenfamilien“, kurz RFZ) gibt. Das Zentrum ist eine städtisch geförderte Einrichtung mit Beratungs- und Informationsangeboten sowie Veranstaltungen für Eltern, Kinder und die ganze Familie sowie für Organisationen und Fachkräfte, dessen Einzugsgebiet weit über die Stadt München hinausgeht.

Wenn das Gesetz die Wirklichkeit nicht widerspiegelt

Auch wir haben die Beratung dort sehr dankbar angenommen, als es noch um die Familienplanung ging. Heute, wo wir zu viert sind, freuen wir uns, dass uns das RFZ eine Plattform bietet, unsere ganz spezifischen Themen mit Menschen, die ähnliche oder sogar die gleiche Erfahrung gemacht haben, zu besprechen. So ist beispielsweise der ganze Adoptionsprozess bei der Stiefkindadoption doch sehr emotional besetzt. Für uns selbst ist klar: Wir sind die Familie, unsere Kinder, die Mama und die Mami. Wir haben diese Familie geplant, haben die Schwangerschaften und Geburten gemeinsam gemeistert und ziehen nun zusammen diese kleinen Wesen groß. Das Gesetz sieht es allerdings nicht so. Wir können nicht beide automatisch ab Geburt Elternteil sein, wie es in heterosexuellen Beziehungen der Fall ist, sondern die andere, nichtleibliche Mutter muss im Rahmen einer sogenannten Stiefkindadoption das Kind adoptieren. Passiert die vom Bundestag verabschiedete Gesetzesänderung zur Stiefkindadoption am 3. Juli den Bundesrat, erschwert sogar noch eine Hürde mehr den Vorgang für lesbische Elternpaare: das geplante verpflichtende Beratungsgespräch gilt dann auch für sie, obwohl die Voraussetzungen ganz andere sind.

Jetzt bloß nichts falschmachen…

Der Vorgang der Stiefkindadoption läuft über das Familiengericht und das Jugendamt. Als bei der Stiefkindadoption unseres älteren Sohnes der erste Brief vom Jugendamt bei uns eintrudelte, war die Aufregung und Unsicherheit groß, schließlich wollten wir nichts falsch machen oder vergessen und den Prozess gefährden. Denn bevor sich ein*e Mitarbeiter*in zum Hausbesuch ankündigt, muss ein Lebensbericht geschrieben werden, gespickt mit vielen sehr persönlichen Details. Doch wie genau soll denn dieser Bericht aussehen und wie lang soll er sein, damit man einen möglichst positiven Eindruck beim Jugendamt hinterlässt? Wie dankbar waren wir da um die Möglichkeit, in der RFZ-Facebookgruppe schnell und unkompliziert von den Erfahrungen von anderen Regenbogeneltern zu profitieren!

Sich aufgehoben fühlen und nicht erklären müssen

Doch nicht nur bei Facebook bietet das RFZ die Möglichkeit zum Austausch, sondern auch dadurch, dass die Räumlichkeiten verschiedenen Gruppen für Treffen zur Verfügung gestellt werden. So findet regelmäßig der Brunch der LesMamas e.V. (für lesbische Frauen mit Wunschkindern und Kinderwunsch) in den Räumen statt, es gibt Treffen für schwule Väter, und auch Krabbel- und Spielgruppen für Babys, Kinder und ihre Eltern werden angeboten. Und richtig, Babys aus Regenbogenfamilien krabbeln natürlich nicht anders, aber die Eltern können sich über die allgemeinen, aber eben auch über die für sie spezifischen Themen austauschen. Manchmal ist es außerdem einfach schön, sich in einer Gruppe Menschen aufgehoben zu fühlen, in der man sich nicht erklären muss oder für etwas Besonderes gehalten wird, sondern wo das Besondere ganz normal ist. Das gleiche gilt natürlich auch für die Kinder selbst, denn sie haben ebenfalls Themen, die allen Kindern gleich sind und zusätzlich noch ihre eigenen „regenbogenspezifischen“ Angelegenheiten, über die sie in einer solchen Gruppe mit anderen sprechen können, die ähnliche Erfahrungen machen oder gemacht haben.

Von Mensch zu Mensch

Selbst wenn also das reale und das virtuelle Bücherregal vielleicht nicht spezifische Informationen und Ratgeber in Hülle und Fülle bietet, so gibt es in München doch diese eine Anlaufstelle, wo man alles Wissenswerte für Regenbogenfamilien direkt erfahren kann – nämlich von Mensch zu Mensch.

Bettina Wagner und Nicole Kösters

 

Regenbogenfamilienzentrum München

Lesbische Frauen mit Wunschkindern und Kinderwunsch - LesMamas e.V.

 

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