Neue Beauftragte, neue Politik?
24.06.2020 Themen Corona Sucht

Neue Beauftragte, neue Politik?

Seit September 2019 ist Daniela Ludwig (CSU) Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Was sind ihre wichtigsten Ziele? Und wie steht sie zu kontroversen Fragen wie einer Legalisierung von Cannabis und der Einrichtung von Drogenkonsumräumen? Über diese und weitere Fragen haben wir mit Daniela Ludwig gesprochen.

Auf einem Tisch sind verschiedene Drogen ausgebreitet: Alkohol, Zigaretten, Tabletten und Spritzenbesteck.

Symbolbild©monticellllo Adobe Stock.com

Sie sind seit September 2019 Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Was sind Ihre drei wichtigsten Ziele für das Amt?

Es geht mir als Drogenbeauftragte in erster Linie darum, Menschen, die bereits suchtkrank sind oder Gefahr laufen es zu werden, bestmöglich zu helfen. Das beginnt bei gut gemachter, zeitgemäßer Prävention und geht bis hin zu einem Ausbau niedrigschwelliger Hilfsangebote. Zentrale Aspekte sind für mich außerdem die Verbesserung der Substitutionsversorgung, eine neue Form der Cannabisprävention zu etablieren sowie das Thema Medienabhängigkeit.

„Politik und insbesondere Drogen- und Suchtpolitik funktioniert nur im Dialog und den biete ich gern an.“ Das geben Sie als Motto auf Ihrer Homepage an. Wir finden diesen Ansatz übrigens richtig gut. Was waren denn wichtige neue und vielleicht auch verblüffende Erkenntnisse, die Sie aus dem bisherigen Dialog gewonnen haben?

Mittlerweile bin ich ja schon mehrere Monate im Amt und trotzdem bin ich gelegentlich noch immer überrascht, wie verhärtet und ideologisch die Debatten beim Thema Drogen geführt werden. Dabei brauchen wir – im Sinne des Jugend- und Gesundheitsschutzes – genau das nicht. Hierbei geht es nicht um die eigene Nase, nicht um politische Lorbeeren, sondern leider viel zu häufig wirklich um Leben und Tod. Ideologien bremsen nur, wenn es darum geht, wirklich etwas für die suchtkranken Menschen zu erreichen.

Die Drogen- und Suchtpolitik basiert auf den vier Säulen: „Prävention“, „Beratung und Behandlung“, „Schadensbegrenzung“, „Repression und Angebotsreduktion“. Wie wichtig sind diese vier Säulen für Sie im Verhältnis zueinander?

Jede für sich hat einen wichtigen Stellenwert in unserer Gesellschaft. International ist unsere Drogen-und Suchtstrategie sehr anerkannt. Ich bin überzeugt, dass diese vier Bausteine ein sehr gutes Fundament darstellen, die insgesamt betrachtet sehr gut funktioniert. Gerade die Schadensminimierung oder -begrenzung ist ein wesentlicher Punkt, hier können wir sicherlich noch einiges „updaten“, aber da bin ich ja mit Bärenkräften dran.

Und bezogen auf die Diskussion um Cannabis? Sie haben ja gerade eine Cannabispräventions-Kampagne via Social Media gestartet. Wie stehen Sie zu Forderungen wie einer Entkriminalisierung der Konsument*innen und kontrollierten Abgabe von Cannabis?

Da wären wir wieder bei dem Punkt: Ideologien. Gerade bei diesem Thema blenden viel zu viele Menschen die Risiken aus und sehen in einer Legalisierung die Lösung für alle Probleme, die wir zweifelsfrei beim Thema Cannabis haben. Aber: Eine Legalisierung ist keine Lösung für den steigenden Konsum unter Jugendlichen, um die es mir vor allem geht. Auch landet nicht jeder Kiffer gleich im Gefängnis, das ist schlichtweg übertrieben. Cannabis ist nun mal eine verbotene Substanz, die strafrechtliche Konsequenzen mit sich bringen kann.

Im Dezember 2019 haben Sie einen Drogenkonsumraum in Berlin-Moabit besucht. Wie ist denn Ihre Position zu Drogenkonsumräumen?

Ich vertrete seit Amtsantritt die Meinung, dass jemand nur etwas beurteilen kann, wenn er oder sie es sich selbst einmal angeschaut hat. Das habe ich getan und war sofort von diesem Konzept überzeugt! Die meisten Kritiker von Drogenkonsumräumen waren nämlich selbst noch nie in einem und assoziieren damit eine „zum Konsum anregende Umgebung“. Das ist aber einfach falsch. Denn auch international gelten Drogenkonsumräume als eine anerkannte Maßnahme zur Reduzierung von Drogentodesfällen und werden auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen. Hier wird medizinische Hilfe geboten, um eine Notfallversorgung zu gewährleisten. Es ist dort sehr steril, ähnlich wie in einer Arztpraxis. Ein Drogenkonsumraum dient schlichtweg dazu, Leben zu retten. Daher unterstütze ich solche Maßnahmen natürlich.

Kommen wir zum Abschluss zur aktuellen Situation. Corona hat natürlich auch große Auswirkungen auf die Drogen- und Suchthilfe. Was sind Ihre Ansätze, um die Einrichtungen und Dienste bei dieser großen Herausforderung zu unterstützen, z. B. bei der Digitalisierung ihrer Angebote?

Corona hat gezeigt, dass es in keinem Bereich mehr ohne ausreichende digitale Angebote läuft. Es hat aber viele tolle Beispiele gegeben, die – häufig auf Eigeninitiative und mit viel Pioniergeist – ihre digitalen Hilfsangebote ausgebaut haben. Da gab es zum Beispiel Chats oder extra Hotlines, Kontakte per Mail und, und, und… Großartig und einfach klasse, was manche hier auf die Beine gestellt haben! Dafür bin ich den Akteuren sehr, sehr dankbar!

Beim Ausbau der digitalen Hilfsangebote vor Ort sind jetzt die Länder gefragt und müssen diese Krise als Chance sehen. Durch Corona sind viele Probleme gerade im Suchthilfebereich auch in den kommenden Jahren gewachsen. Da dürfen die Finanzen nicht eingefroren werden. Wir müssen sehen: Es ist auch viel Gutes entstanden, was sich jetzt und in Zukunft zu fördern lohnt!

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