Raus aus der Schublade
06.10.2020 Themen Gesundheit Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen

Raus aus der Schublade

Viele Menschen werden einfach in Schubladen gesteckt, sagt Fabian. Zum Beispiel in die Schublade „psychisch krank“. Er hat erlebt, dass andere Menschen Angst vor seiner psychischen Erkrankung oder Vorurteile haben. Oder den Kontakt abbrechen. Deshalb redet er nicht mehr über seine Erkrankung. Für uns hat er eine Ausnahme gemacht und uns von seinem Leben, seiner Depression und seiner Arbeit beim Paritätischen in Bayern erzählt.

Ein Mann sitzt allein auf einem Steg an einem See.

Symbolbild: DreiDreiEins Foto Adobe Stock.

Fabian, schon Dein Start ins Leben war nicht ganz leicht …

Als ich geboren wurde, war ich schwer krank: Bis zu meinem vierten Lebensjahr war ich mehr im Krankenhaus als zu Hause. Ich habe eine chronische Herz-Lungen-Erkrankung und Probleme mit dem Bewegungsapparat, mit den Gelenken.

Später kam noch eine Depression dazu.

Ich bin in Therapie, seitdem ich 18 Jahre bin. Meine Depression hat wahrscheinlich aber schon viel früher begonnen. Als Kind - da ist man manchmal so und manchmal so. Da kann man nicht immer eine Diagnose stellen. Ich denke aber, dass mich meine körperliche Erkrankung auch schon als Kind seelisch belastet hat.

Du sagst: Wenn man sich als psychisch kranker Mensch anderen gegenüber offenbart, dann ist man schnell unten durch. Hast Du diese Erfahrung gemacht?

Wenn man sagt, dass man eine psychische Erkrankung hat, dann löst das bei anderen Angst aus. Unwissenheit spielt da sicherlich auch eine Rolle. Vielleicht meinen die anderen es gar nicht böse, aber viele können in dem Moment nichts mit der Aussage anfangen. Weil sie es vielleicht noch nicht gehört haben. Oder es vielleicht auch nicht hören wollen.

Warum haben andere Menschen Angst vor Deiner Erkrankung?

Psychisch krank kann ja viel bedeuten. Es kann von Depression über Angststörung bis hin zur Schizophrenie vieles sein. Und das macht, glaube ich, den Leuten Angst. Weil man auch so viel in den Medien hört. Dass jemand andere Menschen attackiert hat und dann kam raus, dass er psychisch krank ist. Die Leute scheren dann schnell alle psychisch kranken Menschen über einen Kamm.

Wenn ich sagen würde: Ich habe eine Depression. Dann weiß der andere: Ok, das ist jetzt für mich nicht gefährlich. Eine Depression ist für andere vielleicht besser einzuschätzen.

Hast Du das erlebt: Dass sich bei anderen die Ängste legen, wenn Sie die Möglichkeit haben, mit Dir über Deine Erkrankung zu sprechen? Wenn andere die Möglichkeit haben, Dich besser kennenzulernen?

Ich rede über meine Krankheit generell nicht mehr. Weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass die Leute es nicht verstehen. Dass die Leute es nicht verstehen wollen. Dass es Vorurteile gibt. Und bis ich mich dann immer persönlich erkläre – das wollte ich dann irgendwann auch nicht mehr. Ich habe manchen Leuten davon erzählt. Die Verwandtschaft und die Familie weiß es natürlich. Aber selbst enge Freunde wissen es nicht.

Wie geht es Dir damit, dass Du Deine Depression so verstecken musst?

Ja, manchmal ist es schon schwierig … Wenn man neue Leute kennenlernen möchte und auch das Thema Partnerschaft. Das ist schon schwierig, wenn man immer im Hinterkopf hat: Du bist krank, du kannst nicht so wie die anderen, du muss vielleicht bestimmte Voraussetzungen beim Gegenüber erfüllen.

Ich sage mir immer: Wenn etwas zusammenkommt, dann ist es gut. Aber wenn etwas nicht zusammenkommt, ist es auch nicht schlimm. Dafür habe ich halt ein ganz anderes Leben gelebt, als andere.

Wenn Du neue Menschen kennenlernst: Überlegst Du dann auch immer, ob das jemand sein könnte, dem Du irgendwann von Deiner Depression erzählen könntest?

Das schon. Aber dazu kommt es meistens nicht, weil die Leute heutzutage so viel auf Äußerlichkeiten schauen. Und neue Kontakte so schwer zusammenkommen. Das ist schade. Aber wenn mal neue Kontakte entstehen und man sich besser kennenlernt, dann würde ich schon probieren, es demjenigen zu erzählen.

Du sagst, dass die Unsicherheit gegenüber den Betroffen auch die Angehörigen irgendwann kapitulieren lässt. Wie geht es Deiner Familie?

Meine Eltern waren ja von Anfang an gefordert mit mir: Die schreckt so schnell nichts mehr ab. Aber natürlich belastet sie meine Depression. Andere Verwandte konnten damit nicht so gut umgehen. Das hat mich aber nicht überrascht: Wenn jemand gesund ist und er sonst auch keine Probleme hat – dann kommt so was natürlich überraschend. Ich denke, es kommt immer auf die Persönlichkeit an, wie jemand damit umgeht und ob er zum dem psychisch kranken Menschen hält. Aber so eine Erkrankung kann schon Beziehungen zerstören – und Leben.

Du bist jetzt Anfang 30. Was hast Du auf dem Arbeitsmarkt erlebt?

Da habe ich ganz unterschiedliche Erfahrungen machen. Ich war in Firmen, in denen ich überhaupt kein Mobbing erlebt habe. Ich war aber auch in Firmen, in denen ich gemobbt wurde.

Hast Du Deine Erkrankung in den Firmen öffentlich gemacht?

Größtenteils schon.

Wie waren die Reaktionen darauf?

Eigentlich gab es darauf keine Reaktion. Entweder waren es so große Firmen, für die es normal ist, dass sie auch Mitarbeiter mit psychischen Erkrankungen beschäftigen. Oder es waren Kleinbetriebe. In die Firmen bin ich meist auch mit Unterstützung einer Integrationsfachfirma gekommen. Aber es hat trotzdem nicht hingehauen. Man trägt ja auch selber schlechte Erfahrungen aus früheren Arbeitsplätzen mit in den nächsten …

Das heißt, Du hast auch immer im Kopf, was woanders alles schon nicht funktioniert hat?

Ja.

Wenn Du gemobbt wurdest: Wie hat sich das konkret gezeigt?

Bei einer Stelle war es zum Beispiel so, dass wichtige Meetings ohne mich durchgeführt wurden. Und es wurde zusätzlicher Druck auf mich erzeugt, obwohl ganz klar war, dass ich damit überfordert bin: Mit kleinen Details hat man mir das Leben schwergemacht, mich an meine Grenzen gebracht.

Jetzt arbeitest Du beim Paritätischen. Was ist hier anders?

Ich habe beim Paritätischen 2018 als Praktikant angefangen. Hier haben alle von Anfang an gewusst, dass ich eine Depression habe. Wir haben klare Aufgabenstrukturen gemacht: Es war immer klar, wo und in welchem Umfang ich mitarbeite. Und das klappt bist heute. Das Arbeitsklima ist auch sehr gut.

Was wünschst Du Dir von anderen Menschen?

Man müsste das Schubladen-Denken aus der Welt bekommen: Viele Menschen werden einfach in Schubladen gesteckt, in die sie nicht gehören. Ich wünsche mir, dass andere Menschen sich über psychische Erkrankungen informieren. Man muss das ja nicht gleich studieren, aber sich vielleicht soweit auskennen, dass man die Angst davor verliert. Viele brechen den Kontakt oder die Kommunikation bereits ab, wenn sie nur hören, dass jemand psychisch krank ist. Aber wenn man vielleicht fragt: Was hast Du denn genau? Wenn man sich für den anderen interessiert. Dann kann der andere darauf reagieren oder auch nicht. Dann hat man eine Chance, sich entgegen zu kommen und sich kennenzulernen.

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