Suchthilfe und Corona
25.06.2020 Themen Corona Sucht

Suchthilfe und Corona

Die prekäre Lage von Drogenabhängigen hat sich durch Corona noch weiter verschärft. Denn zu den Suchtproblemen kommen nun noch eine schwierigere Beschaffungssituation und die Folgen der Einsamkeit. Philipp Bayer vom Betreuungsverein 1zu1 e.V. aus Straubing berichtet uns, wie sich die eingeschränkte Arbeit der Drogenhilfeeinrichtungen in der Coronazeit ausgewirkt hat.

In einem hellen und freundlichen Raum sind Sitzgelegenheiten und ein Kicker zu sehen.

Foto: Betreuungsverein 1:1 Soziale Partnerschaften e.V.

Welche Möglichkeiten für die Betreuung und Versorgung von Drogenabhängigen haben Sie in Ihrem Verein?

Unsere Betreuungsangebote in der Sucht umfassen mehrere Bereiche. Im Erwachsenenbereich bieten wir betreutes Einzelwohnen sowie therapeutische Wohngemeinschaften an, um Betroffenen einen sicheren Ort geben zu können. Wir glauben, nur wenn jemand ein „Zuhause“ hat, ist er in der Lage eine Perspektive für sein zukünftiges Leben zu entwickeln und Veränderungsbereitschaft aufzubauen. Weiterhin betreiben wir in Dingolfing Niederbayerns einzigen Drogenkontaktladen, womit wir Betroffenen den Kontakt zum Hilfesystem erleichtern möchten. Dort können Besucher eine warme Mahlzeit erhalten, Wäsche waschen, Spritzen abgeben oder einfach Zeit verbringen, um dadurch wieder Vertrauen und Anschluss zum Hilfesystem finden zu können.

Im Jugendbereich bieten wir an vier Standorten – in Straubing, Dingolfing, Landau und Frontenhausen – Suchtberatungsstellen für Jugendliche an. Von Montag bis Donnerstag gibt es dort sogenannte offene Jugendsprechstunden. Einfach und unkompliziert bekommen Jugendliche dort Beratung – ohne vorher einen Termin vereinbaren oder lange Wartezeiten in Kauf nehmen zu müssen. Zusätzlich vermitteln Schulen, Eltern, Arbeitgeber und auch die Justiz Betroffene zu Auflagengesprächen zu uns. So soll einem Jugendlichen anstelle einer Strafe lieber Hilfe angeboten werden.

Die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Krise haben zur Schließung vieler Einrichtungen und auch zur Einschränkung Ihrer Angebote geführt. Welche Rolle spielen hier nun die Möglichkeiten durch Digitalisierung oder soziale Netzwerke?

Die Corona-Krise hat mit den durch den Lockdown einhergehenden Hygienebestimmungen unsere Arbeit immens auf den Kopf gestellt. Lebt unsere Arbeit doch vom direkten Kontakt zum Teilnehmer, und plötzlich war dies deutlich erschwert. Die Sprechstunden wurden gesperrt, Gruppenangebote auf Eis gelegt. Diese Angebote stellen jedoch für viele Menschen wichtige Pfeiler im geregelten Tagesablauf dar – zum Teil sogar die einzigen sozialen Kontakte in der Woche. Aus diesem Grund hat sich der Betreuungsverein 1zu1 e.V. dafür entschieden, alle Einzel- und Gruppenangebote, die sonst ausfallen mussten, so weit wie möglich digital anzubieten. Da die meisten unserer Teilnehmer*innen über ein Smartphone verfügen, konnten auf diese Art viele Angebote per Webcam realisiert werden. Die Beratungsgespräche wurden auf diese Weise online vor einer großen Tafel abgehalten. Musikinstrumente wurden an interessierte Teilnehmer*innen ausgehändigt, um den Musikunterricht per Videocall durchzuführen. Es kam sogar zu einer sehr regelmäßigen Online-Schafskopfgruppe. Viele Teilnehmer *innen berichteten uns, dass diese Termine teilweise Ihre festen Tageshöhepunkte darstellen.

Mit welchen Problemen kämpfen Drogenabhängige durch Corona besonders?

Viele unserer Teilnehmer*innen zählen – durch konsumbedingte Vorerkrankungen –  zu den sogenannten Corona-Risikogruppen. Dadurch waren und sind viele von ihnen nicht in der Lage soziale Kontakte wahrzunehmen. Vorübergehend mussten wir deshalb auch Gruppenangebote aussetzen. Diese Einschränkung führte bei vielen Bewohner*innen zu einer sozialen Isolation, die bei einem gesunden Menschen vielleicht zu gedrückter Stimmung, bei unserer Klientel jedoch vermehrt zu Suchtdruck und Depression geführt hat. Weiterhin wurden die Angebote der Tafel ausgesetzt, was neben der psychischen Belastung zusätzlich zu einem Versorgungsengpass führte.

Beobachten Sie eine Zunahme des Drogenkonsums infolge der Kontaktbeschränkungen?

Zu Beginn des Lockdowns berichteten unsere Teilnehmer*innen, es sei schwerer geworden an illegale Drogen zu kommen und es gäbe sogenannte „Corona-Aufschläge“ auf die Drogenpreise. Dies habe vor allem zu einem Anstieg des Alkoholkonsums geführt.

Wie sieht die aktuelle Situation in der Drogenszene aus und wie wirkt sich diese aus?

Aktuell berichten unsere Teilnehmer, dass sie wieder relativ simpel an Drogen kommen. Die vermehrten Polizeikontrollen würden jedoch dazu führen, dass mehr Dealer erwischt würden. Ein großes Problem stellt die Kurzarbeit und die damit einhergehenden Verdienstausfälle dar. Ein Paar, das in einer Lebensgemeinschaft lebt, in der beide in Kurzarbeit sind, hat somit immense finanzielle Einbußen. Da unsere Teilnehmer*innen meist über keine finanziellen Rücklagen verfügen, sind sie davon besonders betroffen. Die Gefahr, dass jemand unter diesem finanziellen Druck zum Dealer wird, ist enorm.

Wie hat sich die Versorgung von Drogenabhängigen zwischenzeitlich entwickelt? Wurden die Suchthilfeeinrichtungen bei den milliardenschweren Hilfspaketen der letzten Wochen berücksichtigt?

Durch viel Eigeninitiative des Betreuungsvereins 1zu1 e.V. sowie die Unterstützung durch Aktion Mensch, konnten wir die Projekte „Carepakete Straubing“ sowie „Carepakete Dingolfing“ ins Leben rufen. Hierbei werden Lebensmittelspenden von unseren Mitarbeitern gesammelt und in desinfizierten Kisten vor die Haustüre unserer Teilnehmer*innen ausgeliefert. Neben den Lebensmitteln enthalten speziell die Kisten für Familien Spiele, Bücher, Malpapier und DVDs für Kinder. Eine besondere auf die Suchthilfe ausgelegte staatliche Förderung ist uns nicht bekannt. Wir befürchten vielmehr, dass durch die leeren Kassen der Kommunen zukünftig weniger Geld in soziale Projekte fließt.

Sie betreuen auch Drogenabhängige in den städtischen Notunterkünften: wie hat sich diese Arbeit während der Pandemie entwickelt?

Aus hygienischen Gründen konnten wir unsere aufsuchende Arbeit innerhalb der Notunterkünfte auch nur eingeschränkt durchführen, was bedeutet, dass nach Möglichkeit direkte Kontakte, vor allem innerhalb von Gebäuden vermieden wurde. Kontakt zu den dort lebenden Personen fand folglich überwiegend telefonisch oder im Freien statt. Begleitung von Ein- und Auszügen waren hier die Ausnahme und wurden mit Hilfe von Masken und Handschuhen umgesetzt.

In der momentanen Drogenszene zeigen sich über die letzten Monate hinweg verstärkt auftretende Krisen bis hin zu Todesfällen, die zum einen aus Überdosen bestanden oder aber das Ergebnis heftiger Streitereien untereinander waren. Wir werden dies weiter im Auge behalten und hoffen, dass sich die Lockerungen und die Wiederaufnahme der Hilfsangebote hoffentlich nun wieder positiv gegen diesen Trend auswirken.

Themen Corona Sucht