Wer bestimmt das Geschlecht?
30.06.2020 Themen Queer

Wer bestimmt das Geschlecht?

Wer bestimmt über das Geschlecht eines Menschen? Was macht es mit einem Menschen, nicht so akzeptiert zu werden, wie er ist? Und was wünschen sich trans* und inter* Personen von unserer Gesellschaft? Darüber haben wir mit Steven Förster von der Trans*Inter*Beratungsstelle unserer Mitgliedsorganisation Münchner Aids-Hilfe gesprochen. Die Beratungsstelle unterstützt seit 2017 trans*und inter* Personen, deren Angehörige und Bezugspersonen.

Eine Frau zieht sich eine Maske mit männliche Gesichtzügen vom Gesicht

Illustration: Good Studio Adobe Stock.com

Steven Förster, mit welchen Fragen und Problemen kommen trans* und inter* Menschen zu Ihnen?

Häufig geht es darum, überhaupt erstmal eine Person zu haben, mit der eins über das Thema offen sprechen kann. Wir machen deshalb sehr viele Erstberatungen. Da sind es immer mehr Anfragen von jungen Menschen. Grundsätzlich erstreckt sich das Altersspektrum jedoch über alle Lebensphasen. Die älteste Klientin war 92 Jahre alt.

An die Erstberatung schließen sich meistens Fragen nach den Möglichkeiten an – medizinisch und juristisch. Ein ganz wichtiger Punkt ist für viele, eine gute Lösung für sich selber und das eigene Leben zu finden. Viele trans* und inter* Personen fragen sich, wie sie mit ihrem näheren Umfeld reden sollen, welche Konsequenzen ihr Outing für Schule oder Ausbildung hat oder was Verwandtschaft oder Nachbar*innen dazu sagen werden. Da gibt es viele Bedenken und Befürchtungen. Auch bei Angehörigen. Wir unterstützen die Menschen dabei, den passenden Weg für sich zu finden.

Sie sagen, dass sie viele junge Menschen beraten. Finden trans* und inter* Personen den Weg in Ihre Beratung inzwischen früher?

Da müsste ich spekulieren: Unsere Beratungsstelle gibt es ja erst seit Mai 2017. Aber die Beratungsanfragen von jungen Leuten steigen. Das Thema ist in der Gesellschaft präsenter: in den Medien, in der Politik oder durch Studien, zum Beispiel zum Zugang zum Gesundheitssystem. Informationen sind auch durch das Internet viel leichter verfügbar. Das führt meiner Meinung nach schon dazu, dass Menschen sich öfter und früher trauen, sich zu outen und nach Möglichkeiten suchen, ihre Geschlechtsidentität auszuleben.

Die Schwulen- und Lesbenbewegung hat in den letzten Jahrzehnten viel erreicht und bewegt. Wo stehen trans* und inter* Menschen in der Gesellschaft, was ihre Wahrnehmung und ihre Rechte betrifft?

Da gibt es einen großen Nachholbedarf. Den sehen wir konkret zum Beispiel bei uns bei den Anfragen nach Fortbildungen. Bei einem Großteil der Menschen ist kein aktuelles Wissen über trans* oder inter* Menschen vorhanden. Das ist auch ein Grund dafür, dass - wie Studien zeigen - trans* und inter* Personen mehr Diskriminierungserfahrungen machen als Lesben und Schwule.

Wie äußert sich diese Diskriminierung konkret?

Das kommt immer auf den Einzelfall an. Aber ein grundsätzliches Problem, gerade von trans* Personen ist, dass sie in ihrem geschlechtlichen Empfinden nicht akzeptiert werden. Weil andere Menschen sie allein nach ihrem Aussehen, ihrer Stimme und den sekundären Geschlechtsmerkmalen beurteilen und sie in die binäre Norm der Mehrheitsgesellschaft stecken. Diese binäre Norm heißt: Es gibt Männer und Frauen. In dieser Norm ist Geschlecht eine rein biologische Kategorie, die nicht gewechselt werden kann und in der es auch kein „dazwischen“ gibt. Es ist auch nicht möglich, kein Geschlecht zu haben. Non-binäre Personen haben es da besonders schwer. Weil das vielen Menschen in der Mehrheitsgesellschaft besonders suspekt ist.

Dieses „Nicht-Angenommen-Werden-So-Wie-Ich-Bin“ verursacht einen enormen Leidensdruck. Denn der Mensch wird damit grundsätzlich in Frage gestellt.

Wie ist die Situation für inter* Personen?

Im Verhältnis trans* zu inter* Personen ist es ganz klar so, dass das trans* Thema deutlich weiter ist, als das Thema inter*. Nach wie vor ist es leider immer noch so, dass an inter* Kindern geschlechtsangleichende Operationen durchgeführt werden. Und zwar nicht mit der offiziellen Diagnose inter* - da hat sich im Medizinbetrieb schon was getan - sondern subtiler: Eins findet jetzt andere Diagnosen, um eine Geschlechtsangleichung und rein kosmetische Operation durchführen zu können. Es bleibt trotzdem eine Menschenrechtsverletzung, die da passiert.

Das Problem ist, dass Eltern von inter* Kindern meist völlig überfordert sind, oftmals keine fundierten Informationen bekommen und nicht wissen, wohin sie sich hinwenden können. Da sind wir selber noch am überlegen, wie wir diese Eltern besser erreichen können, zum Beispiel über Hebammenpraxen.

Das Problem ist, dass man einen Säugling nicht nach seiner Meinung fragen kann …

Das ist der springende Punkt. Viele inter* Personen leiden aber darunter, dass für sie entschieden wird oder wurde. Natürlich sind sie als Kleinkind nicht einwilligungsfähig. Deswegen ist es auch eine zentrale Aufgabe der Politik, gesetzlich ganz klar festzulegen, dass solche Operationen nicht zulässig sind. Das sind ganz massive körperliche Eingriffe, die aufhören müssen. Inter* Personen sollen für sich selbst entscheiden können, wenn sie dazu in der Lage sind. Natürlich: Viele Eltern wollen mit einer frühen Operation spätere Probleme verhindern. Aber da drehen wir uns im Kreis: Warum haben inter* Personen in unserer Gesellschaft Probleme? Weil unsere binär geprägte Gesellschaft mit geschlechtlicher Vielfalt noch nicht umgehen kann. Das ist der zentrale Punkt, auf den alles immer wieder zurückkommt.

Was wünschen sich trans* und inter* Menschen von der Gesellschaft?

Das andere Menschen sie so akzeptieren, wie sie sind. Viele Menschen irritiert die Begegnung mit trans* und inter* Personen immer noch sehr. Es verunsichert die Leute, wenn sie einen Menschen nicht in eine Schublade stecken können. Das ist eine verständliche Reaktion, weil unsere Gesellschaft binär genormt ist. Diese Irritation führt manchmal aber auch zu einer ungehemmten Neugierde. Sie würden eine Person, die Sie gerade kennengelernt haben fragen, zum Beispiel nie fragen, wie ihre Schamlippen aussehen oder ob sie Hämorrhoiden hat. Solche intimen Fragen sind tabu. Aber trans* und inter* Menschen werden immer wieder mit grenzüberschreitenden Fragen konfrontiert. Ihre Privat- und Intimsphäre oder die selbst gewählte geschlechtliche Zuordnung wird nicht respektiert. Solche Erfahrungen machen sie leider auch in der Gesundheitsversorgung…

Was kann man gegen diese Irritationen im Alltag und im Gesundheitswesen tun?

Wichtig wäre es unter anderem konkret zu erfassen, welche Bedarfe trans* und inter* Menschen haben und Diskriminierungserfahrungen zu dokumentieren. Im Medizinbetrieb geht es um Aufklärung – viele Ärzt*innen denken immer noch binär und behandeln Menschen auch so - und den Zugang zu notwendigen Behandlungsleistungen. Der MDK, der Medizinische Dienst der Krankenkassen, überarbeitet zum Glück gerade seine veralteten Richtlinien.

Bei Entscheidungsträgern, gerade in der Politik, muss aktuelles Wissen über trans* und inter* Personen vorhanden sein und bei Entscheidungen auch eingesetzt werden. Ich hoffe wirklich sehr, dass es bald einen sinnvollen und menschenrechtskonformen Ersatz für das derzeit noch gültige Transsexuellengesetz gibt. Denn es geht um eine ganz grundsätzliche Frage: Wer bestimmt über das Geschlecht eines Menschen? Die einzige Person, die eine Aussage über die eigene Geschlechtsidentität machen kann, ist der Mensch selbst. Das heißt, es ist Selbstbestimmung angesagt. Und im Moment dominiert noch Fremdbestimmung.

Gibt es Entwicklungen, die Ihnen Mut machen?

Ja, dass Beratungsangebote wahrgenommen werden. Dass Eltern bei uns anrufen und mit ihrem Kind zu uns kommen. Bei vielen Leuten ist eine Bereitschaft da, sich zu informieren und ihre Kinder zu unterstützen. Auch Schulsozialarbeit oder Wohnformen in der stationären Jugendhilfe melden sich bei uns. Insgesamt gibt es jedoch noch viel zu wenig Beratungsmöglichkeiten. Teilweise wenden sich Menschen an uns, die weit entfernt leben und händeringend nach Unterstützung suchen.

Haben Sie den Eindruck, dass das Thema im privaten Umfeld von Menschen weniger tabuisiert wird bzw. schambesetzt ist?

Das wäre zu viel gesagt. Die Menschen kommen ja auch häufig zu uns, weil sie Sorgen und Befürchtungen haben oder negative Erfahrungen gemacht haben.

Auf der anderen Seite gibt es auch positive Rückmeldungen: Menschen, die sich outen, stellen plötzlich fest, dass Personen aus ihrem Umfeld bereits andere trans* und inter* Menschen kennen. Es ist ja oft eine große Sorge der Menschen, dass sie die totalen Außenseiter sind. Alleine zu sein, weil man anders und besonders ist. Oder von anderen Menschen sexualisiert zu werden.

Was heißt Sexualisierung konkret?

Zum Beispiel, dass trans* Personen, die eine Partnerschaft oder eine Beziehung suchen, oftmals nur als exotisches Sexobjekt betrachtet werden. Trans* zu sein ist eine Eigenschaft unter vielen, aber häufig werden die betroffenen Personen allein darauf reduziert. Der Mensch ist jedoch stets mehr als die Summe seiner Teile.

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen machen Ihnen Sorgen?

Mir macht nach wie vor Sorge, dass sich ein deutlicher Rechtsruck durch unsere Gesellschaft zieht. Und dass die AfD im Bundestag mit ihren Anfragen zur Dritten Option oder trans*inter* Fragen die Dinge ganz krude in Frage stellt…

Merken trans* und inter* Personen das veränderte gesellschaftliche Klima in ihrem Alltag?

Ich habe den Eindruck, dass Diskriminierung oftmals subtiler abläuft, als früher. Die Dinge werden nicht offen ausgesprochen. Wenn ich zum Beispiel in einem Unternehmen arbeite, das Diversity Management macht, dann weiß ich, dass ich mich mit abwertenden Aussagen zurückhalten muss. Die Einstellungen sind manchmal leider trotzdem da und die betroffenen Menschen erleben die Diskriminierung dann einfach auf einer subtileren Ebene. Diese Art der Diskriminierung ist kaum greifbar, schwer zu benennen und schlecht einzuordnen. Oft hinterfragen sich die betroffenen Menschen dann selbst: Bin ich zu empfindlich? Wie hat die Person das eigentlich gemeint? Viele trans* und inter* Personen scheuen sich dann, Maßnahmen zu ergreifen. Da wird zum Beispiel ganz selten eine Anzeige gestellt oder mit der oder dem Vorgesetzten gesprochen.

Was empfehlen Sie Menschen, die Diskriminierung erleben?

Uns ist es wichtig, alle Menschen, die zu uns kommen, erstmal zu stärken. Für viele ist es bereits eine Erleichterung, dass wir ihre Diskriminierungserfahrungen erfassen. Dass Menschen da sind, die sich dafür interessieren. Die das sammeln, auswerten und öffentlich machen. Wir wünschen uns sehr, dass es bei der Polizei geschulte Ansprechpartner*innen gibt. Damit die Hemmschwelle für betroffene Personen niedriger ist, sich Hilfe zu suchen oder auch mal ganz offiziell eine Anzeige zu erstatten. Das ist im Moment leider noch nicht so.

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