Der Paritätische im Diskurs: Gesellschaft in Veränderung

Gesellschaft in Veränderung: Paritätischer Diskurs über ein neues Verhältnis von Familie, Job und Engagement

Die neue Veranstaltungsreihe „Der Paritätische im Diskurs“ ist mit einer gut besuchten Auftaktveranstaltung am 23. Oktober 2017 zum Thema „Für ein neues Verhältnis von Familie, Job und Engagement“ gestartet. Mit dem Format lädt der Verband zum Diskurs über grundsätzliche gesellschaftliche Herausforderungen ein, zu deren Bewältigung es Akteurinnen und Akteure aus unterschiedlichen Sektoren mit ihren jeweiligen Perspektiven und Zugängen braucht. Wir wollen gemeinsam Antworten finden, die in die Zukunft führen.

Der erste Diskurs mit über 40 Gästen nahm grundlegende Veränderungsprozesse der Gesellschaft in den Fokus, die seit einigen Jahren erkennbar sind und – häufig getrennt voneinander – in Wissenschaft und Sozialpolitik diskutiert werden: die Erwartung an Geschlechtergerechtigkeit, die verbunden ist mit der Auflösung der Zuschreibung von Geschlechterrollen, der Wunsch nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die generelle Infragestellung der geltenden Normalarbeitszeit, der demografische Wandel und die damit verbundene Frage, wie private und professionelle Pflege- und Sorgearbeit zukünftig sichergestellt werden kann. Diese Themen bewegen die Menschen, verändern die Gesellschaft und werden dies zukünftig noch stärker tun, erklärte Margit Berndl, Vorstand Verbands- und Sozialpolitik, in ihrer Begrüßung.

Und: Diese drei Themen haben einen gemeinsamen Kern, so Berndl, und führen zu einem zentralen Prinzip unserer gesellschaftlichen Ordnung: der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Frauen wird nach wie vor die primäre Zuständigkeit für Sorgearbeiten und Haushalt zugewiesen, was sich unter anderem in der hohen Teilzeitquote äußert. Eine vollständige und gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt in Form einer durchgängigen Vollzeiterwerbsbiografie war für alle Frauen noch nie die Norm und schon gar nicht Praxis. Damit verbunden seien die bekannten negativen Effekte für die wirtschaftliche Absicherung von Frauen, zum Beispiel im Alter.

„Lebensläufe zum Atmen bringen“

Impulse lieferten Dr. Karin Jurczyk, Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik beim Deutschen Jugendinstitut, sowie der Philosoph und Publizist Dr. Michael Hirsch. Jurczyk wies auf ein Missverhältnis zwischen den Wünschen vieler Berufstätiger und dem vorherrschenden Erwerbsmodell in der Praxis hin. Die heutigen Geschlechter-, Erwerbs- und Familienverhältnisse passten mit Lebensläufen nach dem alten Dreiphasen-Schema – Ausbildung, Arbeit, Ruhestand – nicht mehr zusammen. Jurczyk Forderung lautete, „Lebensläufe zum Atmen zu bringen“. Beide Geschlechter sollten ihren Erwerbsverlauf demnach rechtlich und sozial abgesichert gemäß individueller Care- und Zeitbedarfe für gesellschaftlich relevante Aktivitäten unterbrechen oder ihre Arbeitszeit selbstbestimmt und begrenzt reduzieren können.

Laut Hirsch liegt eine der Schlüsselfragen der Gesellschaft im Zusammenhang von sozialer Frage und Geschlechterfrage. Um diese Frage zu lösen, könnte die Änderung der herrschenden Arbeitszeitnormen durch eine radikale Verkürzung der geltenden Normalarbeitszeiten (perspektivisch auf 32 oder gar 25 Stunden) ein wichtiges Element sein. Hirsch selbst hält seinen Vorschlag zumindest zum aktuellen Zeitpunkt für politisch nicht durchsetzbar, es sei jedoch wichtig, Visionen zu entwickeln und „nach vorn zu denken“.

Über die Norm der Arbeitszeit muss gesprochen werden

An der anschließenden Diskussion, die von Antje Krüger, Referentin für Frauen und Familie beim Paritätischen moderiert wurde, nahm neben Berndl, Jurczyk und Hirsch auch Dr. Verena Di Pasquale teil. Die stellvertretende Vorsitzende des DGB Bayern bereicherte die Debatte um den Blickwinkel der Gewerkschaften: Diese müssen der Wirtschaft aktuell gegenhalten, da diese zwar ebenfalls mehr Arbeitszeitflexibilität fordert, damit aber in der Regel auf eine Verlängerung der (täglichen) Arbeitszeit abziele.

Die Debatte blieb nicht nur den vier Podiumsgästen vorbehalten: Ganz im Sinne eines Diskurses waren die Zuhörerinnen und Zuhörer dazu aufgerufen, ihre Fragen und Meinungen zu äußern. Die zwei bereitstehenden Sessel für Gäste (sog. Fishbowl-Methode) wurden eifrig genutzt. Die angeregte Diskussion zeigte trotz Differenzen über mögliche Lösungswege in jedem Fall eins: Über die aktuelle Norm der Arbeitszeit muss gesprochen werden.

Der Paritätische in Bayern hat mit diesem Thema einen aktuellen Nerv getroffen – und hofft auf eine ähnliche Beteiligung am nächsten Diskurs (21. Juni 2018), wenn das Thema Nachhaltigkeit im Mittelpunkt steht. Bei Interesse an dieser Veranstaltungsreihe schreiben Sie bitte an diskurs(at)paritaet-bayern.de

Die Veranstaltungsreihe "Der Paritätische im Diskurs" wird gefördert von der GlücksSpirale

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