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Der Paritätische im Diskurs: Who cares?!

12,5 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit pro Tag: Warum schätzen wir Sorge füreinander so wenig wert?

„Der Paritätische im Diskurs“ beschäftigt sich mit der Frage, was wir ändern müssen, um Sorgearbeit aufzuwerten

Die aktuelle Oxfam-Studie führt deutlich vor Augen, wie wenig Wert unsere Gesellschaft Tätigkeiten wie Erziehen, Betreuen und Pflegen, kurzum füreinander Sorgen zumisst. Rund 12,5 Milliarden unbezahlte Arbeitsstunden entfallen weltweit auf diese Tätigkeiten. Und das pro Tag. Dazu kommen noch Milliarden Stunden bezahlter Arbeit, allerdings zu vergleichsweise geringem Lohn.

Woran liegt es eigentlich, dass wir Sorgearbeit so wenig wertschätzen? Und was können wir tun, um daran etwas zu ändern?

Wir müssen die richtigen Fragen stellen, um die richtigen Antworten zu erhalten

Schon im Oktober vergangenen Jahres beschäftigte sich der „Paritätische im Diskurs“ unter der Überschrift „Who cares?! Sorgearbeit ist Mehrwert“ mit diesen Fragen. Margit Berndl, Vorstand Verbands- und Sozialpolitik des Paritätischen in Bayern, betonte in ihrer Begrüßung die Bedeutung der Sorgearbeit: „Ohne diese Tätigkeiten können unsere Wirtschaft und Gesellschaft nicht existieren. Sind wir doch alle im Laufe unseres Lebens mal mehr, mal weniger auf die Sorge und Fürsorge anderer angewiesen.“ Dieser Stellenwert stünde in eklatantem Widerspruch zu der geringen Anerkennung und Wertschätzung, die unsere Gesellschaft diesen Tätigkeiten zuweise.

Erst der drastische Fachkräftemangel in sozialen Berufen habe etwas bewegen können. Auch in der Politik. „Die Antwort wird in der Regel in einer besseren Bezahlung gesehen. Ja. Das reicht aber nicht aus.“ Vielmehr ginge es um einen Paradigmenwechsel in einer wettbewerbsorientierten Leistungsgesellschaft. Darum, die bisherigen Bewertungsmaßstäbe für Arbeit zu hinterfragen. „Wir müssen die richtigen Fragen stellen, um die richtigen Antworten zu erhalten.“

Produktivitätsdreieck aus Kosteneffizienz, Arbeitsqualität und Unterstützungsqualität

Wichtige Hinweise für Antworten auf eine zentrale Frage gab Dr. Martin Beckmann von der ver.di-Bundesverwaltung in seinem Vortrag „Dienstleistungsarbeit aufwerten mit Unterstützung eines neuen Produktivitätsbegriffs“. Nämlich der Frage danach, nach welchen Kriterien wir den Wert von Arbeit messen und inwiefern wir diese Kriterien modifizieren müssten, um der hohen Bedeutung von Dienstleistungen allgemein und Sorgearbeit im Besonderen Rechnung zu tragen.

Er stellte heraus, dass wir Arbeit traditionell anhand deren Produktivität bewerten. Diese sei durch das Verhältnis von Output und Input definiert. Also zum Beispiel wie viele Kugelschreiber eine Maschine oder auch ein Mitarbeiter pro Arbeitsstunde produziert. Bei der Bewertung von Dienstleistungen stießen wir aber schnell an die Grenzen dieses Konzepts: „Dieses Verständnis greift viel zu kurz.“ Denn zum einen seien sowohl Input (z. B. Motivation), als auch Output (z. B. Kundenzufriedenheit) schwer zu quantifizieren. Zum anderen sei der Kunde bei Dienstleistungen häufig Ko-Produzent. Er müsse „mitarbeiten“, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Man denke nur an die Pflege von älteren Menschen. Nimmt der Patient eine Blockadehaltung ein, so ist es schwierig, eine hohe Pflegequalität sicherzustellen.

Rationalisierungsmaßnahmen bei Dienstleistungen würden demnach häufig zu einem Qualitätsverlust führen. Dies bedeute aber keinesfalls, dass Arbeit im Dienstleistungsbereich weniger wert sei als die Arbeit beispielsweise in der Industrie. „Wir müssen die Spezifika sozialer Dienstleistungen berücksichtigen, wenn wir Produktivität messen und bewerten.“ Konkret schlug Dr. Beckmann ein Produktivitätsdreieck aus Kosteneffizienz, Arbeitsqualität und Unterstützungsqualität vor: „Auf diese Weise können wir den Wert sozialer Dienstleistungen für unsere Gesellschaft und Wirtschaft besser abbilden.“

Wir können zwar immer schneller Autos produzieren, aber nicht schneller Alte pflegen oder Kinder erziehen

Prof. Dr. Ute Meier-Gräwe wies in ihrem Vortrag „Yes, we care!“ ebenfalls darauf hin, dass Sorgetätigkeit nur schwer zu rationalisieren sei. Dies veranschaulichte sie mit einem Zitat der Schweizer Ökonomin Mascha Madörin: „Wir können zwar immer schneller Autos produzieren, aber nicht schneller Alte pflegen oder Kinder erziehen.“ Insofern sei es völlig fehlgeleitet, den gängigen Produktivitätsbegriff auf SAHGE-Berufe (Soziale Arbeit, Haushaltsnahe Dienstleistungen, Gesundheit und Pflege, Erziehung) anzuwenden. Eine Möglichkeit sei es, Arbeit anhand von Tätigkeitsprofilen zu bewerten, die wesentlich mehr, insbesondere qualitative Kriterien berücksichtigten, z.B. der an der Universität Essen-Duisburg entwickelte Comparable worth index: „Da hätte die Krankenschwester plötzlich 21 Prozent mehr Einkommen im Vergleich zum Ingenieur.“ Die Schweiz habe bereits vor 20 Jahren einen ähnlichen Weg eingeschlagen: „Die Folge war, dass 3000 Berufe neu bewertet wurden.“ Auch in Skandinavien herrsche ein wesentlich besseres Lohnniveau. Dies führe auch dazu, dass Sorgearbeit gesellschaftlich höher anerkannt sei.

Deutlich wies Prof. Meier-Gräwe auf die gleichstellungspolitische Dimension der Sorgearbeit hin: „80 Prozent der Beschäftigten in den SAHGE-Berufen sind weiblich. Dazu kommen noch die unbezahlten Tätigkeiten, die ebenfalls in der Regel Frauen erledigen.“ Die Folge ist das so genannte Gender Pay Gap und schließlich Altersarmut, die vor allem weiblich sei. Was ist zu tun? „Wir müssen zu einer fairen Arbeitsteilung kommen. Etwa indem wir das so genannte „Erwerb- und Sorge-Modell“ populärer machen.“ Dies sehe vor, dass sowohl Frauen als auch Männer gleichzeitig Erwerbsarbeit und private Sorgearbeit ausüben könnten. Modellrechnungen zeigten, dass dieses Modell auch gesamtgesellschaftlich von Vorteil sei. Denn die Wertschöpfung im Erwerb- und Sorgemodell liege fast dreimal höher als im klassischen Familienernährermodell. Die Politik könne das Erwerb- und Sorgemodell über die Familienarbeitszeit und subventionierte Gutscheine für haushaltsnahe Dienstleistungen fördern, schlug Prof. Meier-Gräwe vor.

Zivilgesellschaftliches Bündnis nötig, um voran zu kommen

In der anschließenden Diskussion herrschte Einigkeit, dass die Bewertung über Tätigkeitsprofile anstatt von Berufsbildern der richtige Weg sei. Der Optimismus, dass sich bald etwas in diese Richtung bewegen könnte, hielt sich jedoch in Grenzen. Zu schlecht organisiert seien die häufig weiblichen und in Teilzeit Beschäftigten. Und auch das Selbstbewusstsein der in sozialen Berufen Tätigen sei ausbaufähig. „Wir brauchen ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis, das sich lautstark dafür einsetzt, dass Sorgearbeit endlich die verdiente Anerkennung erfährt. Über eine andere Bewertung von Sorgearbeit, über eine faire Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern und einen Bewusstseinswandel in unserer Gesellschaf“, fasste Dagny Misera, Referentin für Frauen/Familie beim Paritätischen in Bayern, die Diskussion zusammen. Der Paritätische wird sich weiter dafür engagieren, ein solches Bündnis zu schmieden, und so dafür zu sorgen, dass Sorgearbeit mehr Anerkennung in unserem Land erfährt.

Die Veranstaltungsreihe "Der Paritätische im Diskurs" wird gefördert von der GlücksSpirale

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