Lebensraum Quartier
03.07.2017 Themen Ältere Menschen Familie Inklusion Pflege

Lebensraum Quartier

Die meisten Menschen leben mit dem Wunsch, im Alter und im Falle eines Hilfe- und Pflegebedarfs weiter in den eigenen vier Wänden und im vertrauten Umfeld wohnen zu können. Der Paritätische in Bayern hat deshalb das Projekt „Neue Wohn- und Pflegeformen im Quartier“ aufgesetzt und die Ergebnisse in einer Broschüre zusammengefasst.

Lebensraum Quartier. Gestaltungsansätze für ein Leben im vertrauten Umfeld bis zuletzt
Die meisten Menschen leben mit dem Wunsch, im Alter und im Falle eines Hilfe- und Pflegebedarfs weiter in den eigenen vier Wänden und im vertrauten Umfeld wohnen zu können. Diese Art der Autonomie bietet eine gewisse Sicherheit. Wer schon vor dem Eintritt in diese Lebensphase sicher sein kann, auch später die vertraute Wohnung nicht verlassen zu müssen, lebt beruhigter.

Das Quartier als Lösung
Die generationen- und alternsgerechte Quartiersentwicklung nimmt wegen des demografischen Wandels immer mehr Platz in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion ein. Wohnen, Pflege, Hilfe- und Unterstützungsstrukturen, Mobilität, Infrastruktur und Orte der Begegnung spielen neben anderen Themen eine herausragende Rolle. Ein zentraler Vorteil von Quartierskonzepten ist, dass diese Felder nicht unabhängig voneinander betrachtet werden, sondern - ähnlich der Sozialraumorientierung - in einen gemeinsamen Kontext gestellt werden. Nach dem Motto „vom Fall zum Feld“ setzt die Quartiersarbeit dort an, wo die Menschen wohnen: bei kleinen, dezentralen Räumen.

Projekt und Broschüre des Paritätischen
Der Paritätische in Bayern hat deshalb das Projekt „Neue Wohn- und Pflegeformen im Quartier“ aufgesetzt und die Ergebnisse in einer Broschüre zusammengefasst.

Die Broschüre beleuchtet das Thema Quartier und die Quartiersentwicklung mit ihren Akteuren, Bausteinen, Aufgaben und Herausforderungen. Sie zeigt auf, dass es für ein generationengerechtes, teilhabeorientiertes und selbstbestimmtes Leben, Wohnen und Sterben im Quartier mehr braucht als eine einzelne gute Idee und eine Hand voll motivierter Initiatorinnen und Initiatoren.

Fünf Forderungen für erfolgreiche Quartiersentwicklung
In der Broschüre stellt der Paritätische in Bayern fünf Forderungen für eine erfolgreiche Quartiersentwicklung auf.

1. Quartiersentwicklung muss als kommunale Pflichtaufgabe verstanden werden

Kommunen sind der Ort, indem das tägliche Leben stattfindet. Hier werden die Grundlagen und Voraussetzungen für generationengerechte, teilhabeorientierte und selbstbestimmte Lebensbedingungen gelegt und entwickelt. Folglich braucht es für eine erfolgreiche Quartiersentwicklung von Anfang an die Initiative und den dauerhaften und ernstgemeinten Willen der kommunalen Ebene und deren verantwortlichen Akteure (vor allem des Bürgermeisters/der Bürgermeisterin). Nur mit diesem Rückhalt lassen sich die kommunalen Potenziale nutzen und die verschiedenen Akteure in einem sinnvollen Netzwerk verbinden.

2. Quartiersentwicklung braucht mehr Miteinander, statt Nebeneinander

Eine erfolgreiche Quartiersentwicklung entsteht durch das Netzwerk und die Kooperationen unterschiedlichster Akteure. Diese Vielfalt der Akteure, die sich in einem Quartier darbietet, ist eines der großen Potenziale der Quartiersentwicklung. Unumstritten ist, dass dabei jede Akteursgruppe eine wichtige Rolle übernimmt und ihre Daseinsberechtigung im Gesamtgefüge hat. Doch das Vorhandensein vieler professioneller, nachbarschaftlicher und ehrenamtlicher Strukturen alleine reicht nicht aus. Es braucht gemeinsame Visionen und ein verstärktes Denken und Handeln im Miteinander („Hand in Hand“), das sich in die alltäglichen Strukturen einordnet lässt, ohne die Eigenheit und den Lebensweltbezug im Quartier zu durchkreuzen. Hierzu ist es auch zwingend notwendig, einen Blick über den Tellerrand zu wagen und neue, bisher als irrelevant erachtete Partner vor Ort zu identifizieren und in die Quartiersentwicklung einzubinden (bspw. Apotheken, Friseure, Einzelhändler etc.). Darüber hinaus muss das teils noch vorhandene Konkurrenzdenken zwischen den Akteuren in sinnvolle Kooperationen umgemünzt werden, denn: Quartiersentwicklung kann nur als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gelingen.

3. Quartiersentwicklung braucht ausreichende, langfristige und verlässliche Strukturen

Quartiersentwicklung ist ein dauerhafter, strategischer und komplexer Prozess, der keine vorübergehenden Lösungen lebensweltbezogener Probleme bietet, sondern grundlegende Veränderungen in der räumlichen und sozialen Lebenswelt entwickelt. Was es dazu braucht sind ausreichende, langfristige und verlässliche Strukturen. Das müssen zum einen finanzielle Strukturen sein, die über die Projektfinanzierung hinaus gewährleisten, dass gute Konzepte, Ideen und Projekte nachhaltigen Bestand haben, statt am Mangel von Finanzmitteln zu scheitern. Hierzu bedarf es eines tragfähigen Finanzierungsmix‘ und mehr Transparenz im „Förderdschungel“. Zum anderen müssen soziale (Infra-) Strukturen zur Verfügung gestellt werden, seien dies ausreichend Raum für Bürgerschaftliches Engagement, Orte zur Kommunikation und Kooperation oder soziale Strukturen für mehr Partizipation (Betroffene zu Beteiligten machen, im Sinne von „Expertinnen und Experten in eigener Sache“). Aber auch räumliche Strukturen sind unerlässlich, weshalb Politik und Wohnungswirtschaft gemeinsam gefordert sind, sich für ausreichenden, bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum und für die Organisation von barrierefreier Mobilität einzusetzen. Schließlich haben jegliche Konzepte neuer Wohn- und Pflegeformen ohne ein ausreichendes und bedarfsgerechtess Wohnangebot keine Grundlage.

4. Quartiersentwicklung braucht eine Gesellschaft, die Ressourcen erkennt, statt Defizite benennt

Die heutige und zukünftige Gesellschaft muss sich angesichts des demografischen und gesellschaftlichen Wandels mit einem steigenden Anteil älterer Menschen auseinandersetzen. Die Quartiersentwicklung bietet eine Chance, sich dieser Aufgabe anzunehmen. Damit dies gelingen kann, braucht es jedoch ein gesellschaftliches Umdenken und die Bedürfnisse der älter werdenden Generationen müssen umfänglicher auf die gegenwärtige Agenda gesetzt werden. Häufig wird das Alter automatisch mit Defizit und einer Herausforderung, sei es finanzieller oder gesellschaftlicher Art, verbunden. Die vielen Ressourcen und Potenziale, über die die älteren Menschen allerdings noch ausreichend verfügen (Zeit, Lebenserfahrung, Motivation, Wunsch gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun etc.), werden meist zu wenig in den Fokus gesetzt. Doch gerade diese sind für eine erfolgreiche Quartiersentwicklung nicht mehr wegzudenken. Es ist Aufgabe der Politik und der Kommune dafür Sorge zu tragen, dass der Blick und die Haltung gegenüber der älter werdenden Gesellschaft geöffnet und alle Teile der Gesellschaft für ein seniorenfreundliches Klima sensibilisiert werden.

5. Quartiersentwicklung braucht einen (richtigen) Zugang zur Zielgruppe

Der Aus- und Aufbau neuer Wohn- und Pflegeformen, sowie allgemeine Angebote, die im Rahmen einer umfassenden Quartiersentwicklung entstehen, können nur dann zielführend und effektiv sein, wenn damit die Zielgruppe auch wirklich angesprochen wird. Es reicht nicht, nur die Rahmenbedingungen zu schaffen, die Angebote bereitzustellen und eine Nachfrage zu erwarten. Einige ältere Menschen, deren Lebenspartner/in und soziales Netzwerk nach und nach versterben, ziehen sich immer mehr zurück. Hieraus entsteht die Gefahr der Vereinsamung und Anteilslosigkeit. Doch mit einer effektiven Quartiersentwicklung soll gerade solchen Szenarien vorgebeugt werden. Quartiersentwicklung braucht also einen (richtigen) Zugang zur Zielgruppe. Informationsveranstaltungen bilden einen guten Ansatzpunkt, erreichen aber längst nicht alle und vor allem nicht diejenigen Menschen, welche die Hilfe und Unterstützung vermutlich am notwendigsten hätten. Gefordert wird deshalb eine stärkere Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der „aufsuchenden Hilfe“ oder der „zugehenden Beratung“ und eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber niedrigschwelliger und lokaler Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Den Betroffenen muss mehr Gehör geschenkt werden und es muss mehr Möglichkeiten geben, um die tatsächlichen Bedarfe und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen zu können. Bestands- und Bedarfsanalysen, unter Einbeziehung der Zielgruppe, sollten am Anfang jeden Vorhabens die unabdingbare Grundlage bilden.

Die Broschüre Lebensraum Quartier - Gestaltungsansätze für ein Leben im vertrauten Umfeld bis zuletzt können Sie untenstehend herunterladen.

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