Familie, Job und Engagement
01.12.2017 Themen Arbeit und Beschäftigung Frauen und Mädchen Familie Bürgerschaftliches Engagement Soziale Entwicklung und Innovation

Familie, Job und Engagement

Die neue Veranstaltungsreihe „Der Paritätische im Diskurs“ ist mit einer gut besuchten Auftaktveranstaltung zum Thema „Für ein neues Verhältnis von Familie, Job und Engagement“ gestartet. Mit dem Format lädt der Verband zum Diskurs über grundsätzliche gesellschaftliche Herausforderungen ein, zu deren Bewältigung es Akteurinnen und Akteure aus unterschiedlichen Sektoren mit ihren jeweiligen Perspektiven und Zugängen braucht. Wir wollen gemeinsam Antworten finden, die in die Zukunft führen.

Der erste Diskurs am 23. Oktober 2017 mit über 40 Gästen nahm grundlegende Veränderungsprozesse der Gesellschaft in den Fokus, die seit einigen Jahren erkennbar sind und – häufig getrennt voneinander – in Wissenschaft und Sozialpolitik diskutiert werden:

  • Die Erwartung an Geschlechtergerechtigkeit, die verbunden ist mit der Auflösung der Zuschreibung von Geschlechterrollen und den daran geknüpften Aufgaben
  • Der Wunsch nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf, d.h. der Zugang zur Erwerbstätigkeit für Frauen und die generelle Infragestellung der geltenden Normalarbeitszeit mit den möglichen positiven Konsequenzen insbesondere für Männer.
  • Der demografische Wandel und die damit verbundene Frage, wie private und professionelle Pflege- und Sorgearbeit zukünftig unter anderen Bedingungen sichergestellt werden kann.

Diese Themen bewegen die Menschen, verändern die Gesellschaft und werden dies zukünftig noch stärker tun, erklärte Margit Berndl, Vorstand Verbands- und Sozialpolitik in ihrer Begrüßung. Und: Diese drei Themen haben einen gemeinsamen Kern, so Berndl, und führen zu einem zentralen Prinzip unserer gesellschaftlichen Ordnung: der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung.

Frauen wird nach wie vor die primäre Zuständigkeit für Sorgearbeiten und Haushalt zugewiesen, was sich unter anderem in der hohen Teilzeitquote äußert. Eine vollständige und gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt in Form einer durchgängigen Vollzeiterwerbsbiografie war für alle Frauen noch nie die Norm und schon gar nicht Praxis. Frauen und Männer hätten nach wie vor einen ungleichen Zugang zum Arbeitsmarkt und ungleiche Chancen, so Berndl. Damit verbunden seien die bekannten negativen Effekte für die wirtschaftliche Absicherung von Frauen, zum Beispiel im Alter.

Es stellt sich die Frage, wie wir leben wollen, welchen Wert die sogenannten reproduktiven Tätigkeiten – also Sorge für andere und Engagement für andere im Gemeinwesen – für jeden Einzelnen und in unserer Gesellschaft haben und welchen Raum und welche Absicherung wir dafür als Gesellschaft vorsehen.

Impulse zur Beantwortung dieser Fragen lieferten Dr. Karin Jurczyk, Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik beim Deutschen Jugendinstitut, sowie der Philosoph und Publizist Dr. Michael Hirsch.

Hauptproblem unser Gesellschaft: Mangel an Zeit

Jurczyk wies auf ein Missverhältnis zwischen den Wünschen vieler Berufstätiger und dem vorherrschenden Erwerbsmodell in der Praxis hin. Die heutigen Geschlechter-, Erwerbs- und Familienverhältnisse passten mit Lebensläufen nach dem alten Dreiphasen-Schema – Ausbildung, Arbeit, Ruhestand – nicht mehr zusammen. Die Care-Krise und Sorgezeiten, die man für sich selbst und andere Familienangehörige benötige, sorgen für das Hauptproblem der heutigen Gesellschaft: einem Mangel an Zeit. So arbeiten über die Hälfte der Väter mit Kindern unter neun Jahren heute deutlich mehr als 40 Stunden pro Woche – ein deutliches Ungleichgewicht zwischen den bestehenden Wünschen und der Realität. Jurczyks Forderung lautete, „Lebensläufe zum Atmen zu bringen“. Beide Geschlechter sollten die Möglichkeit haben, ihren Erwerbsverlauf rechtlich und sozial abgesichert nach ihrem Care- und Zeitbedarf für gesellschaftlich relevante Aktivitäten unterbrechen oder ihre Arbeitszeit selbstbestimmt und begrenzt reduzieren zu können. Das würde das institutionelle Gerüst für geschlechtergerechte „atmende Lebensläufe“ bilden, so Jurczyk. Je nach Grund der selbst gewählten Unterbrechung des Arbeitslebens würde die Übernahme der „Ausfallkosten“ auf die entsprechenden Nutznießer übertragen: So seien für die Pflege von Kindern und Älteren die gesamte Gesellschaft in die Pflicht zunehmen, für Zeiten des lebenslangen Lernens die Arbeitgeber und für Zeiten der Selbstsorge jeder einzelne. Das Konzept müsse jetzt durchgerechnet und konkretisiert werden. In der Umsetzung müsste jedoch darauf geachtet werden, dass nicht doch wieder überwiegend Frauen diese Möglichkeit der atmenden Lebensläufe nutzen, sondern auch Männer, um sich an Sorgearbeiten zu beteiligen.

„Weniger arbeiten, damit alle arbeiten, und besser leben können“

Hirsch forderte zu Beginn seines Impulsvortrags, dass die vorherrschenden Normalitätsvorstellungen von Erwerbsarbeit angegangen und sogar überwunden werden müssen. Laut Hirsch liegt eine der Schlüsselfragen der Gesellschaft im Zusammenhang von sozialer Gerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit. Um diese Frage zu beantworten, könnte die Änderung der herrschenden Arbeitszeitnormen durch eine radikale Verkürzung der geltenden Normalarbeitszeiten (perspektivisch auf 32 oder gar 25 Stunden) ein wichtiges Element sein. Eine Politik der radikalen Arbeitszeitverkürzung sei in ein Gesellschaftsprojekt eingespannt, das sozialpolitisch und kulturell der vom Philosophen André Gorz formulierten Forderung folgt: „Weniger arbeiten, damit alle arbeiten, und besser leben können“. Dabei gehe es auch darum, die unbezahlte Arbeit in Haushalt und Familie in Zukunft auf beide Geschlechter gerecht zu verteilen und sie damit auch zu einer gesellschaftlichen Neubewertung zu führen. Diese Geschlechtergleichheit wird es nach Hirsch aber nicht durch die Steigerung der weiblichen Erwerbsbeteiligung geben können, sondern nur durch die Verringerung der männlichen. Die Arbeitszeitverkürzung könnte darüber hinaus eine Lösung sein, wenn zukünftig durch Roboter und Digitalisierung viele Arbeitsplätze wegfielen.

Hirsch zeigte mit Blick auf die Geschichte, dass die 40-Stunden-Arbeitswoche seit 1963 in Deutschland die unhinterfragte Norm ist. Einzig die IG Metall wagte sich Mitte der 1990er-Jahre mit der Einführung der 35-Stunden-Woche letztmals, dieses Konstrukt zu durchbrechen. Außerdem müsse die Erwerbsarbeit stärker als bisher existenzsichernd sein, andernfalls mache dieses Modell für die Postwachstumsgesellschaft wenig Sinn. Denn schon heute leiden viele Arbeitnehmerinnen und -nehmer darunter, dass die Existenzsicherung trotz einer hohen Arbeitsbelastung aufgrund niedriger Löhne nicht gewährleistet ist.

Hirsch selbst hält seinen Vorschlag zumindest zum aktuellen Zeitpunkt für politisch nicht durchsetzbar, es sei jedoch wichtig, „nach vorn in die richtige Richtung zu denken“ und Visionen zu entwickeln. Aktuell wäre beispielsweise das Recht zur Rückkehr auf Vollzeitarbeit nach einer sorgebedingten Teilzeitstelle ein richtiger Schritt zu mehr Geschlechtergerechtigkeit. Um hier generell mehr zu erreichen, müssten sich allerdings die Arbeiter- und die Frauenbewegung deutlich mehr verzahnen und gemeinsam Forderungen stellen.

Die folgende Diskussion, moderiert von Antje Krüger, wurde engagiert geführt: Jurczyk entgegnete Hirsch, dass eine Reduzierung der Arbeitszeit nicht automatisch Gleichberechtigung mit sich brächte, sondern Anreize für eine andere Aufteilung von Arbeit geschaffen werden müssten. Hirsch wiederum wies mit Blick auf das Modell der atmenden Lebensläufe darauf hin, dass die Erziehung von Kindern länger dauere als ein paar Jahre der Auszeit. Zudem verenge es die Debatte auf die akademische Elite, für die das Modell aus finanziellen Gründen überhaupt nur möglich sei.

Über die Norm der Arbeitszeit muss gesprochen werden.

Berndl stimmte den beiden Impulsgebern zu, dass über die heutige Norm des Vollzeitarbeitsverhältnisses in jedem Fall eine Auseinandersetzung geführt werden müsse. Sowohl im Kontext der angeführten Argumentationslinien, aber insbesondere auch, weil die bestehenden erwerbsarbeitszentrierten sozialen Sicherungssysteme dazu führen, dass Personen, die von dieser Norm abweichen, das Risiko einer unzulänglichen sozialen Absicherung, z.B. im Alter, tragen müssen.

Eine weitere geladene Diskutantin, die stellvertretende Vorsitzende des DGB Bayern, Dr. Verena Di Pasquale, bereicherte die Debatte um den Blickwinkel der Gewerkschaften: Diese müssen der Wirtschaft aktuell gegenhalten, da diese zwar ebenfalls mehr Arbeitszeitflexibilität fordert, damit aber in der Regel auf eine Verlängerung der (täglichen) Arbeitszeit abziele. Statt die Arbeitszeit immer mehr auf dem Rücken der Beschäftigten auszudehnen, bräuchten die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr Mitsprache bei Dauer und Lage ihrer Arbeitszeit – also mehr Arbeitszeitsouveränität.

Die Zielsetzung der Veranstaltungsreihe ist, mit allen Anwesenden in den Diskurs zu gehen. Dieses Ziel wurde erreicht, die zwei leeren Sessel in der Runde der Diskutanten/-innen wurden intensiv genutzt und Widerspruch, Zustimmung, Modifizierungen und neue Aspekte rege eingebracht.

Die angeregte Diskussion zeigte trotz Differenzen über mögliche Lösungswege in jedem Fall: Über die Norm der Arbeitszeit muss gesprochen werden. Die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen unterstützen eine Entwicklung zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit nicht. Das Interesse an einer Veränderung haben Frauen und Männer gleichermaßen, denn alle sind im Laufe des Lebens auf Sorge und Fürsorge durch andere angewiesen und wollen diese auch für andere leisten können. Und weil das so ist, erfahren diese Tätigkeiten – privat wie beruflich erbracht – nicht die Wertschätzung, die sie verdienen. Und es geht bei dieser Debatte mehr als um eine organisatorische Frage, Familie und Sorgearbeit beziehungsweise ehrenamtliches Engagement zu verbinden. Es geht um die Frage, was ein gutes Leben – im Beruf wie im Privaten – ausmacht.

Die Denkanstöße aus diesem Diskurs wird der Paritätische aufnehmen und weiterführen!

Zu diesem Veranstaltungsformat hat der Paritätische viel Zuspruch bekommen, und freut sich deshalb auf einen weiteren Diskurs am 21. Juni 2018, wenn das Thema Nachhaltigkeit im Mittelpunkt steht.

Themen Arbeit und Beschäftigung Frauen und Mädchen Familie Bürgerschaftliches Engagement Soziale Entwicklung und Innovation