Brandbeschleuniger Corona
28.04.2021 Themen Corona Soziale Teilhabe und Armut

Brandbeschleuniger Corona

Rechnungen, Mahnungen, Ratenzahlungen: Von Sorgen um das liebe Geld war schon vor Corona der Alltag vieler Menschen bestimmt. Manche von ihnen, insbesondere in prekären Beschäftigungsverhältnissen, haben in der Pandemie auch noch ihren Job verloren. Wer nicht mehr ein noch aus weiß, für den ist häufig die Schuldner- und Insolvenzberatung der letzte Ausweg, die letzte Hoffnung.

Ein älterer Mann stützt sich auf ein Fensterbrett. Vor seinen Händen liegen eine Geldbörse und kleine und größere Münzen.

Foto: Zadvornov Adobe Stock.com

Natürlich sind Schulden kein neues Thema. „Aber für viele, die sich schon vor Corona in einer finanziellen Schieflage befanden, ist die Lage einfach noch schiefer geworden“, sagt Rainer Ptok. „Viele stehen nicht mehr am Abgrund. Sie schauen rein.“ Rainer Ptok berät beim H-TEAM e.V. in München Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen verschuldet haben: vom Selbstständigen bis zum Minijobber, von der Alleinerziehenden bis zum Haftentlassenen.

Schuldenlast, Job verloren, Corona-Frust: Ausweglosigkeit hoch drei

Für viele dieser Menschen wirkt Corona wie ein Brandbeschleuniger. Rainer Ptok erzählt von einer Familie, in der mehrere Familienmitglieder in der Pandemie ihren Job verloren haben. Oder einem Klienten, der schwer an Corona erkrankt war, seine Wohnung verloren hat und unter der Brücke gelandet ist.

Der Druck, unter dem Menschen stehen, die schon vor Corona nicht viel hatten, sei enorm. „Wo man sich vor Corona noch mit Ratenzahlungen und aufgeschobenen Mahnungen rumwinden konnte, wissen viele jetzt gar nicht mehr ein noch aus. Weil zum Beispiel durch Corona der Job weg ist und man in die Grundsicherung, in Hartz IV rutscht“, sagt Rainer Ptok. Eine neue Arbeit zu finden, vor allem in den von Corona besonders gebeutelten Branchen wie der Gastronomie, ist momentan schier unmöglich. „Für viele Menschen potenzieren sich gerade verschiedene Probleme gleichzeitig: Schlechte Vermögenssituation, soziale Isolation und Perspektivlosigkeit.“

Hilfe holen: Lieber früher, als später

Viele würden zu lange versuchen, diese Probleme alleine zu lösen. Indem alles zu Geld gemacht wird, was man zu Geld machen kann. Indem Angehörige und Freunde um Geld angepumpt und mit reingezogen werden. Indem Ratenzahlungen vereinbart werden, die die Menschen aber häufig oft nur noch tiefer in die Schulden reinreiten.

„Wir würden uns wünschen, dass die Menschen früher zu uns kommen“, sagt Rainer Ptok. Eine Perspektive aus der Schuldenfalle aufzuzeigen: Das macht die Schuldner- und Insolvenzberatung des H-TEAM e.V. Zuerst wird die aktuelle Einkommens- und Schuldensituation analysiert und anschließend eine individuelle Strategie für und mit den in Not geratenen Menschen und den Gläubigern entwickelt. In vielen Fällen ist die Privatinsolvenz der letzte Ausweg.

Prävention: Den richtigen Umgang mit Geld lernen

In einer Gesellschaft, in der sich Status über Konsum definiert, geht niemand gerne mit seinen finanziellen Sorgen hausieren: Schulden zu haben ist mit großer Scham behaftet. Angebote im Internet scheinen da mit Online-Krediten per Mausklick, Darlehensverträgen und Zahlung auf Raten nicht nur Lösungen, sondern auch Anonymität zu versprechen. „Das sind Geschäftsmodelle, um den Leuten noch mehr das Geld aus der Tasche zu ziehen“, warnt Rainer Ptok. „Und das Schlimme daran ist: Genau denen, die es gar nicht haben!“

Prävention – sprich: den richtigen Umgang mit Geld zu lernen – ist für den H-TEAM e.V. deshalb ein wichtiger Baustein im Beratungskonzept. „Wir haben deshalb ein Schuldenpräventionsprojekt an Förderschulen in und um München aufgebaut und innerhalb der vergangenen 10 Jahre erfolgreich weiterentwickelt“, erzählt Rainer Ptok. „Um schon den Kids klar zu machen, wie schnell man auch bereits in jungen Jahren in den Schuldenstrudel kommen kann.“

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