Ein Anker für Familien
03.03.2021 Themen Familie Gesundheit

Ein Anker für Familien

Interview mit Camilla Engelsmann von der Ehe-, Partnerschafts-, Familien- und Lebensberatungsstelle von pro familia in München (Schwabing)

Camilla Engelsmann

Camilla Engelsmann, pro familia München e.V.

Viel wurde bereits geschrieben über die enorme Belastung der Familien durch die Corona-Pandemie. Wie spiegelt sich das bei Ihnen in der Beratung wider?

Alle Familien waren mit dem ersten Lockdown plötzlich komplett auf sich geworfen und damit beschäftigt, sich in dieser Ausnahmesituation zurecht zu finden. Einige Familien berichteten auch von positiven Effekten, wie einer Entschleunigung im Alltag. Paare konnten sich als Krisenteam erleben. Aber die meisten Menschen gerieten dann sehr schnell in einen inneren und äußeren Krisenmodus.
Sehr viele Anmeldungen hatten wir im Herbst letztes Jahr und seit Anfang diesen Jahres. Zunehmende psychische Belastungen treten immer deutlicher hervor. Existenzielle Ängste, finanzielle Sorgen, Angst um die eigene Gesundheit und die Sorge um Angehörige sind häufige Beratungsthemen.

Haben Sie eine Zunahme an Problemen und Konflikten beobachtet?

Ja. Der Lockdown hat bereits vorhandene Probleme verstärkt, die sonst den Alltag weniger dominierten. Die Paare und Familien waren plötzlich quasi rund um die Uhr zusammen. Dauernd miteinander zu sein, wirkt wie ein Brandbeschleuniger.

Extrem belastet waren – und sind es noch – Familien mit Kindern. Arbeit im Homeoffice und die gleichzeitige Betreuung der Kinder überforderte die Eltern zunehmend. In vielen Fällen spiegelte sich der Verlauf der Corona Krise wider. Wir beobachten eine zunehmende emotionale Überreiztheit und depressive Verstimmungen. In den Beratungen zeigten sich auch eindeutigere Entscheidungen in Bezug auf Trennungen.

Wie erreichen Sie die Familien im Lockdown?

Wir sind die ganze Zeit über für die Familien da. Im ersten Lockdown haben wir vorübergehend die Präsenzberatung reduziert und die Zeit genutzt, um ein Onlineangebot in Form von Videoberatung und die telefonische Beratung auszubauen. Jetzt im zweiten Lockdown konnten wir auch weiterhin Präsenzberatung anbieten – mit Maske, Abstand und Lüften. Manche brauchen den direkten persönlichen Kontakt. Andere nutzen lieber die Möglichkeit der Video- oder Telefonberatung. Für viele Familien sind wir der Anker in dieser schwierigen Zeit.

Erreichen Sie auch die Familien, die Unterstützung am dringendsten nötig haben?

Das hoffen wir sehr. Belastet sind alle Familien, aber die Pandemie verstärkt auch Ungleichheit. Wir sehen den dringenden Bedarf bei sehr Vielen, das zeigt sich auch in den vielen Beratungsanfragen. Wir versuchen auch über unsere Homepage und Öffentlichkeitsarbeit uns sichtbar zu machen für alle Familien. Wir kooperieren mit Einrichtungen in der Stadt, zum Beispiel mit dem Jugendamt, anderen Beratungsstellen oder unserem pro familia Kooperationsprojekt, einer Flüchtlingsunterkunft für Frauen. Bei Bedarf kümmern wir uns auch um Dolmetscher*innen, die in der Beratung übersetzen.

Was raten Sie Familien in dieser Zeit?

Nicht die Zuversicht zu verlieren. Viele Familien haben Resilienz und konnten in der schweren Zeit eigene Selbstheilungskräfte entwickeln. Was allen Familien hilft ist, raus in die Natur zu kommen, sich viel zu bewegen, kreativ zu werden oder gemeinsam zu spielen.

Es gibt aber auch viele Familien, deren Belastung durch die Corona Beschränkungen im Alltag so hoch ist, dass sie das nicht allein schaffen und Unterstützung brauchen. Wir bieten einen geschützten Rahmen, hören zu, begleiten und bieten Hilfe bei der Krisenbewältigung. Manchmal auch in Form von „Alltagscoaching“, zum Beispiel beim Schaffen von klaren Tagesstrukturen und Zeiten für sich alleine schaffen.

Was brauchen Familien aus Ihrer Sicht? Was wünschen Sie sich von der Politik?

Viele Eltern äußern in der Beratung ihren Frust, dass – trotz aller Lippenbekenntnisse – Familien zu wenig gesehen werden, dass nichts getan wurde um Kitas und Schulen so auszurüsten, dass trotz der Pandemie Betreuung und Unterricht sicher möglich sind.

Ich wünsche mir, dass sich die Politik nicht nur von Virologen beraten lässt, sondern bei allen Entscheidungen auch die sozialen Folgen und die Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und Familien berücksichtigt. Viele der psychischen Folgen werden erst im Laufe der Zeit sichtbar werden. Um diese langfristigen Schäden zu reparieren, braucht es genauso einen gesellschaftlichen Kraftakt wie bei dem gemeinsamen Kampf gegen das Virus.

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