Gegen Rassismus!
09.02.2021 Themen Frauen und Mädchen Migration und Flucht Zivilgesellschaft und Demokratie Demokratie stärken

Gegen Rassismus!

Wer entscheidet, was rassistisch ist? Seit der WDR-Sendung "Die letzte Instanz" ist das Thema wieder ganz oben auf der Agenda. Zu Recht! Denn noch immer erleben viel zu viele Menschen Rassismus in Deutschland. Zum Beispiel Pearl*, die vor einem Jahr gemeinsam mit ihrer Tochter aus Nigeria nach Deutschland geflüchtet ist.

Können Sie uns über Situationen erzählen, in denen sie Rassismus erlebt haben?

Ja, zum Beispiel mit der Polizei am Flughafen. Ich habe ein Problem mit Bluthochdruck. Dadurch geht es mir manchmal nicht gut und ich kann ohnmächtig werden. Das ist mir am Flughafen passiert und ich habe eine Frau von der Polizei gebeten, mir zu helfen. Aber sie ist nicht darauf eingegangen. Sie hat mir nicht zugehört und hat mir nicht geholfen. Sie hat gesagt: „Nigeria ist ein schlechtes Land.“ Ich habe gesagt: „Ja, das stimmt. Aber ich bin ein Mensch. Bitte helfen sie mir.“ Meine Tochter hat dann angefangen zu weinen und zu schreien: „Bitte helfen sie meiner Mama. Ihr geht es schlecht. Sie lügt nicht.“ Aber die Polizisten standen einfach nur um mich herum und haben gesagt: „Sie simuliert.“ Sie haben mich dort behalten von morgens bis spät abends. Erst dann haben sie einen Doktor geholt. Der hat gesagt: „Die Frau hätte sterben können.“

Eine andere Situation habe ich erlebt, als ich mit der S-Bahn unterwegs war. Da gab es eine Fahrkartenkontrolle. Die Kontrolleure sind nur zu mir und meiner Tochter gekommen. Sie haben nur unsere Tickets kontrolliert. Oder im Krankenhaus: Da wollte ich einer Frau helfen. Aber sie hat mich angeschrien, ich solle sie bloß nicht anfassen und weggehen.

Das ist Rassismus, wenn man so behandelt wird.

Was denken Sie, warum behandeln andere Menschen Sie so?

Weil ich Schwarz bin. Schwarz ist schlecht, weiß ist gut. Schwarz ist schlecht, auch wenn der Mensch gut ist. Nigeria, das Land aus dem ich komme, ist ein weiteres Stigma. Es gibt Vorurteile gegenüber meinem Heimatland: Menschen, die von dort sind, würden betrügen oder sich prostituieren.

Wie fühlen Sie sich in diesen Situationen?

Ich fühle mich schlecht. Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin. Ich weiß, dass ich nicht immer gut bin. Aber ich versuche, keine Probleme zu machen. Ich denke, dass ich kein schlechter Mensch bin. Aber wenn ich so behandelt werde, dann fühle ich mich richtig schlecht. Und ich verliere das Vertrauen in andere Menschen. Ich traue mich zum Beispiel nicht mehr, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Weil ich Angst davor habe, wie sie mich behandeln werden.

Wie erklären Sie Ihrer Tochter, warum sich andere Menschen so verhalten?

Meine Tochter und ich – wir sind immer zusammen. Sie fühlt sich auch schlecht. Aber sie weiß auch: Es gibt nichts, was wir tun können, um etwas an dieser Situation zu verändern.

Das heißt: Sie sagen Ihrer Tochter, dass sie es akzeptieren muss?

Ja, in bestimmten Situationen schon. Weil es keine andere Option gibt. Aber ich sage ihr und versuche ihr zu vermitteln, dass sie als Mensch trotzdem wichtig ist. Dass sie als Mensch wertvoll ist. Das Stigma ist nicht sie. Ich möchte, dass sie gut über sich selbst denkt. Auch wenn wir manchmal wie Müll behandelt werden … Und ich sage ihr: Auch wenn andere Menschen schlecht über Dich sprechen oder Dich schlecht behandeln – behandel sie selber mit Respekt.

Was wünschen Sie sich von anderen Menschen? Wie sollten sie sich Ihnen gegenüber verhalten?

Ich wünsche mir, dass man als Schwarze Person nicht abgestempelt, „gebrandmarkt“ wird. Ich wünsche mir, dass man eine Chance bekommt zu zeigen, wer man als Mensch ist. Dass die Menschen nicht in Stereotypen denken, sondern sich und dem Anderen Zeit geben, sich kennenzulernen. Ich möchte als Mensch, als Person gesehen werden. Menschen denken manchmal: Kenne ich einen Menschen, zum Beispiel aus Nigeria, kenne ich alle. Aber das stimmt nicht. Wir sind alle Individuen und wir haben verschiedene Persönlichkeiten.

Ein Buch beurteilt man auch nicht aufgrund seines Umschlags. Sondern aufgrund seines Inhalts.

(*Name geändert)


Gerade in den sozialen Medien ist demokratie- und menschenfeindlicher Hass stark verbreitet. Im Rahmen des Projekts „Demokratie stärken“ setzt der Paritätische in Bayern diesem Trend etwas entgegen, indem er Menschen zu Wort kommen lässt, die Hass und Diskriminierung erleben, und indem er sich klar und vernehmbar positioniert für eine offene, vielfältige und tolerante Gesellschaft, in der alle Menschen die gleichen Rechte haben, unabhängig von zum Beispiel deren Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung.

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