In der Wartehalle
23.06.2021 Themen Bildung Corona Kinder und Jugend

In der Wartehalle

Freund*innen treffen, Hobbys nachgehen, Pläne für die Zukunft machen: Viele Jugendliche warten seit Beginn der Pandemie vor über einem Jahr sehnsüchtig darauf, wieder ihr Leben leben zu können. Uns haben Marla und Katharina erzählt, wie die Pandemie ihr Leben verändert hat und was sie sich jetzt wünschen.

Foto: Adobe Stock.com tryama

„Wir bleiben zu Hause.” Das war die Devise im März 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie um vulnerable Personengruppen wie zum Beispiel ältere Menschen zu schützen. Die junge Generation verschwand dabei jedoch fast völlig aus dem Blickfeld. Im Laufe der Pandemie wurden die Rufe zwar lauter, Kindergärten und Schulen wieder zu öffnen, damit Eltern ihrer Berufstätigkeit nachgehen können. An die Bedarfe und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen wurde dabei aber nur nachrangig gedacht.

Besonders Jugendliche bleiben mit ihren Bedürfnissen in der Coronakrise weitgehend ungesehen: Sie werden eher in ihrer Rolle als Schüler*innen, Student*innen oder Auszubildende wahrgenommen, nicht aber mit ihren persönlichen Bedürfnissen und Anliegen. Verschiedene Studien haben Kinder und Jugendliche während der Corona-Krise in den Fokus genommen. Die Ergebnisse sind alarmierend: Laut der COPSY-Studie zeigt fast jedes dritte Kind zwischen sieben und 17 Jahren psychische Auffälligkeiten.

Dabei sind Jugendliche nicht gleich Jugendliche. Ihre Betroffenheit durch die Pandemie variiert je nach Elternhaus. Es gibt Familien, die sich corona-bedingt in einer noch größeren finanziellen Unsicherheit befinden als ohnehin schon und solche, die davon weniger betroffen sind. Besondere Risikofaktoren sind Alleinerziehende, Familien, die beengt wohnen, ein geringes Bildungsniveau oder niedrigen sozioökonomischem Status haben. Besonders betroffen sind auch Jugendliche mit vielen Geschwistern und ohne digitale Teilhabemöglichkeit. Einige genießen jedoch die Zeit in der Familie und fühlen sich durch das Homeschooling eher vom schulischen Druck befreit und nicht benachteiligt.

Manche Jugendliche tauchen in keinem System mehr auf

Auffällig ist, dass besonders Förderschüler*innen, junge Wohnungslose, Schulabgänger*innen ohne Abschluss, die in keinem System mehr auftauchen und keine Ausbildung gefunden haben, völlig aus dem Blickfeld geraten. Hilfeketten sind teilweise abgerissen, niedrigschwellige Angebote geschlossen, Ansprechpartner*innen nicht mehr da – und das in einer Entwicklungsphase des Lebens, in der die Jugendlichen besonders vulnerabel sind. Für sie braucht es zum Beispiel gute Angebote der Jugendberufshilfe, um den Jugendlichen wieder Perspektive und Hilfe am Übergang in ein selbstständiges Leben zu geben.

Was Jugendliche bewegt

Nach über einem Jahr Pandemie, mitten in der dritten Welle, haben wir zwei junge Volljährige gefragt, wie es ihnen heute geht. Marla und Katharina haben uns erzählt, wie sie die pandemiebedingten Einschränkungen wahrnehmen. Beide leben in einer stationären Wohngruppe des Vereins für sozialpädagogische Jugendbetreuung e.V. (vsj). Marla macht derzeit Mittlere Reife. Katharina hat aufgrund der Corona-Pandemie ihren Ausbildungsplatz verloren. „Ich bin durch den Online-Unterricht immer schlechter geworden und habe dann meine Ausbildungsstelle verloren”, sagt sie.

Freund*innen nicht treffen zu können, nur wenige „legale” Freizeitmöglichkeiten zu haben, Ängste und Zukunftssorgen: Darunter leiden viele Jugendliche. Es sei wie in einer Wartehalle, bei der man aber nicht weiß, wann man dort wieder abgeholt wird. Marla und Katharina sind in der stationären Wohngruppe noch zusätzlich eingeschränkt. Sie dürfen keinen Besuch empfangen, die Betreuer*innen tragen ständig eine Mund- und Nasenbedeckung, müssen auf Abstand bleiben, und es finden keine gemeinsamen Unternehmungen mehr statt. „Da die Betreuer*innen Masken tragen müssen, hat man nicht das Gefühl, zu Hause zu sein. Das Maskentragen wirkt sich auch auf die Beziehung zwischen Jugendlichen und Betreuer aus. Wir werden von ihnen nicht mehr in den Arm genommen.”, sagen beide Mädchen. Den Sinn und Zweck der nächtlichen Ausgangssperre versteht niemand so recht, und diese wird auch stark kritisiert. „Aufgrund der Ausgangssperre habe ich mit den wenigen Freunden, die ich noch sehen darf, noch weniger Kontakt.”, sagt Katharina.

Auf die Frage nach ihren Wünschen müssen sie nicht lange nachdenken. „Ich wünsche mir, dass mich mein Freund nach einem negativen Test besuchen darf. Wir sind seit zwei Jahren zusammen, und es ist verdammt hart so eine Beziehung zu führen.”, sagt Marla. Katharina wünscht sich, dass es für Jugendliche außerhalb der Familie eine feste Person gibt, mit der sie sich immer treffen dürfen, egal wie spät es ist oder wie hoch die aktuellen Inzidenzzahlen sind.

Die Rechte der Kinder und Jugendlichen dürfen in der Pandemie nicht in Vergessenheit geraten. Auch wenn Minderjährige noch keine Wählerstimme haben, ist die Politik aufgefordert, die Bedürfnisse und Bedarfe dieser Zielgruppe nicht außer Acht zu lassen.

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