Kita digital
26.11.2019 Themen Bildung Kinder und Jugend Digitalisierung

Kita digital

Kommt jetzt die „Generation Smombie“?: Lebhafte Diskussionen und wichtige Erkenntnisse beim Denksalon „Digitale Medien in der Kita“ am 22. Mai 2019

©Syda Productions Adobe Stock.com

Smartphones und Tablets in der Kita: Ein Thema, das Emotionen hochkochen lassen kann. Bei Eltern, aber auch bei Erzieherinnen und Erziehern und Kita-Trägern. Denn viele Erwachsene sehen vor allem die Risiken, die mit digitalen Medien verbunden sind. Ein Abdriften in eine Parallelwelt, in der alles viel schneller und bunter ist als in der analogen Welt. In der es um viel Oberflächliches geht. Die viele Reize aussendet. Die mögliche Folge sehen wir tagtäglich in der U-Bahn, in Cafés, auf der Straße. Menschen, die auf ihr Smartphone starren. Die nichts von ihrer Außenwelt mehr mitzubekommen scheinen. Die als Smombies durch die Gegend laufen.

Intensiver Austausch am Vormittag

Entsprechend intensiv war der Austausch am Vormittag zwischen den Teilnehmer*innen beim Denksalon „Digitale Medien in der Kita“. Einige Kitas wie die Telezwerge verwenden schon längere Zeit digitale Medien in ihrer Arbeit. Andere sind noch komplett analog unterwegs. Manche sehen die Entwicklung äußerst skeptisch. 

Es wurden Fragen diskutiert wie: Sollten wir unsere Kinder nicht wenigstens in der Kita vor digitalen Einflüssen schützen? Sie an der frischen Luft toben lassen, ihre Umwelt erkunden lassen, mit anderen Kindern in Kontakt bringen? Ihnen in der Kita nicht vor allem die analoge Welt zeigen?

Antworten auf diese und andere Fragen gab am Nachmittag Eva Reichert-Garschhammer vom Institut für Frühpädagogik in München. Zusammengefasst lautete die Botschaft: Niemand kommt an der Digitalisierung vorbei. Und: Digitale und analoge Welt schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern können sich wunderbar ergänzen.

Digitale Kompetenz als vierte Kulturtechnik

Die Digitalisierung hat negative Seiten. Gar keine Frage. Aber sie ist Teil unseres Alltags. Und sie bietet viele Chancen. Unsere Kinder kommen von klein auf mit der digitalen Welt in Berührung. Selbst wenn sich der Kontakt vermeiden ließe, wäre es nicht zielführend. „Jedes Kind hat ein Recht auf digitale Bildung und zwar spätestens ab dem zweiten vollendeten Lebensjahr“, erklärte Eva Reichert-Garschhammer. Mit digitalen Medien souverän umgehen zu können, sei heute so wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Digitale Kompetenz komme als neue, vierte Kulturtechnik und als Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe hinzu.

Entsprechend formuliert die AV BayKiBiG in §9: „Kinder sollen die Bedeutung und Verwendungsmöglichkeiten von alltäglichen informationstechnischen Geräten und Medien in ihrer Lebenswelt kennenlernen.“

Hier finden Sie die Folien zum Vortrag von Eva Reichert-Garschhammer

Modellversuch mit 100 Kitas in Bayern

Das Bayerische Sozialministerium fördert seit März 2018 den Modellversuch „Medienkompetenz in der Frühpädagogik stärken“, den das IFP unter Leitung von Eva Reichert-Garschhammer und Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll in Kooperation mit dem Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF), dem Zentrum für Medienkompetenz in der Frühpädagogik (ZMF) und einer dafür installierten Arbeitsgruppe mit Fachpersonen unterschiedlicher Bereiche und Disziplinen fachlich und wissenschaftlich begleitet.

100 Kitas aus ganz Bayern nehmen an dem Modellversuch teil, darunter auch Kitas von Trägern, die Mitglied beim Paritätischen in Bayern sind.

Die Modellkitas erhalten das nötige technische Equipment und werden von Mediencoaches dabei begleitet, digitale Tools und Medien schrittweise in ihre Arbeitsprozesse und die pädagogische Arbeit zu integrieren. „Wieder mehr Zeit für Kinder: Das kann es bedeuten, wenn Kitas mit Hilfe von KitaApps arbeiten“, erklärte Reichert-Garschhammer. Denn digitale Tools könnten Verwaltung, Dokumentation und Elternkommunikation enorm erleichtern. Bessere Arbeitsbedingungen durch digitale Tools: Das könnte auch dazu beitragen, den Erzieherberuf wieder attraktiver zu machen.

Weitere Informationen zum Modellversuch finden Sie auf der Internetseite Kita Digital Bayern und auf der Internetseite des Staatsinstituts für Frühpädagogik

Die PariKita-App

Diese Einschätzung konnte Maren Lienau, Leiterin der Telezwerge, bestätigen. „Wir machen super Erfahrungen mit unserer PariKita-App. Die Kinder checken sich auf einem Monitor im Eingangsbereich selbst ein und aus. Mit den Eltern können wir schnell Kontakt aufnehmen und ihnen Informationen oder Fotos schicken. Auch das Team checkt sich ein und aus, so dass die Eltern immer wissen, wer von uns gerade vor Ort ist.“ Die App spare viel Zeit und mache einiges leichter. Und die Kinder lernten spielerisch den Umgang mit digitalen Medien.

Digitale Medien in der pädagogischen Arbeit

KitaApps erleichtern Abläufe in der mittelbaren pädagogischen Arbeit. So weit, so gut. Wie aber können Smartphones und Tablets auch sinnvoll pädagogisch eingesetzt werden? Diese Frage konnte nur andiskutiert werden.

„Nicht konsumieren, sondern gestalten. Das ist das Anliegen früher digitaler Bildung in der Kita“, erklärte Eva Reichert-Garschhammer „Wie Medien funktionieren, was sie beabsichtigen und wie sie uns beeinflussen, lernen Kinder am besten, indem sie selbst kreativ und aktiv mit Medien arbeiten und sich mit anderen darüber austauschen.“ Kinder sollten digitale Medien als vielseitig einsetzbares Kreativwerkzeug kennenlernen, z. B. durch den Einsatz von Tablets zur Bestimmung von Pflanzen und Tieren bei einem Waldspaziergang oder eine digitale Schnitzeljagd. Studien, die negative Folgen eines hohen Medienkonsums für die kindliche Entwicklung belegen, bezögen sich fast ausschließlich auf übermäßige Mediennutzung im Bereich Spiel und Unterhaltung. Für maßvolle Mediennutzung in kreativen Bereichen seien demgegenüber keine ernsthaften Gesundheitsgefahren belegt. Wichtig sei es jedoch, auf die Online-Offline-Balance zu achten und für medienfreie Zeiten zu sorgen. Die Eltern sollten am ganzen Prozess teilhaben. Etwa über Anregungen, wie sie digitale Medien mit ihren Kindern auch zu Hause kreativ und sicher einsetzen können (z.B. Angebot von App-Ausprobier-Stationen für Eltern mit ihren Kindern in der Kita). Damit Kinder nicht zu Smombies werden, sondern einen guten und gesunden Umgang mit digitalen Medien erlernen.

Weitere Aktivitäten des Paritätischen in Bayern geplant

Dr. Melanie Mönnich, Referentin für Kinder, Jugend und Bildung, fasste den Tag am Ende noch einmal zusammen: „Was ich heute mitnehme, ist, dass es nicht die eine Lösung gibt, die für alle Kitas passt. Jede Kita muss ihre eigenen Regeln für die Nutzung digitaler Medien erarbeiten. Dafür braucht es Teamabsprachen, Kommunikation mit den Eltern und eine gemeinsame Haltung. Und es muss zum Konzept der Kita passen. Es müssen nicht gleich von Beginn an alle davon begeistert sein. Jede Kita sollte anfangen, sich damit auseinanderzusetzen, und kleine Schritte gehen, so dass langfristig alle mitgenommen werden können.“ Gerne nehme der Paritätische in Bayern den Wunsch auf, weiter zu informieren, z. B. in Form einer spezifischen Veranstaltung zu Möglichkeiten des Einsatzes von digitalen Medien in der pädagogischen Arbeit. Auch der Wunsch, sich stärker untereinander zu vernetzen und über Erfahrungen auszutauschen, werde aufgenommen.

Themen Bildung Kinder und Jugend Digitalisierung

Verantwortlich:
Christa Landsberger, Projektleitung Digitalisierung gestalten