Nachbarschaft braucht Begegnung
28.05.2020 Themen Corona Bürgerschaftliches Engagement

Nachbarschaft braucht Begegnung

„Unsere Stärke sind analoge Begegnungen!“: Was Nachbarschaftshilfen machen, wenn analoge Begegnungen nicht möglich sind, darüber spricht Andrea Schatz, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der Nachbarschaftshilfen München Land und Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen, in einem Interview mit dem Paritätischen.

Ein älterer Mann mit Hut blickt über den Balkon der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen.

Frau Schatz, gleich zu Corona: Wie haben Sie sich auf die Wiedereröffnung Ihrer Nachbarschaftshilfe vorbereitet?

Wir freuen uns natürlich sehr, dass wir jetzt Stück für Stück weitere Angebote aufmachen können. Seit Anfang Mai sind die Schulkinder in den Mittagsbetreuungen wieder da und auch unser Mittagstisch für alle Generationen konnte nach einer sechswöchigen Pause wieder loslegen. Leckeres frischgekochtes Mittagessen To Go, in diesem Bereich wissen wir noch nicht, wie wir künftig in unserem kleinen Essensraum die Abstandsregeln einhalten können. Mitte Juni wird die Tagesbetreuung für pflegebedürftige Menschen wieder öffnen, zwar mit weniger Plätzen, aber immerhin. Das ist besonders wichtig, denn neben den Kindern sind die pflegebedürftigen, demenzerkrankten Menschen und ihre pflegenden Angehörigen von den Kontaktbeschränkungen besonders schwer betroffen. Wir sind noch immer in der Phase, in der wir von Tag zu Tag schauen, welche Informationen es gibt und wie wir darauf reagieren müssen und können. Und selbstverständlich haben wir in allen Bereichen Schutz- und Hygienekonzepte aufgestellt und setzen diese nun um.

Wie haben Sie während der Schließzeit weitergearbeitet?

Wir hatten die ganze Zeit geöffnet, unsere Geschäftsstelle und auch die Beratungsangebote waren täglich besetzt. Selbstverständlich ging auch die Pflege und Versorgung älterer und pflegebedürftiger Menschen im Rahmen des ambulanten Pflegedienstes und der hauswirtschaftlichen Dienstleistungen weiter. Wir versorgen derzeit etwa 160 Klientinnen und Klienten im Hachinger Tal. Das sind insgesamt etwa 20 Prozent weniger als noch im Januar. Auch die Notbetreuung im Rahmen unserer Kindertagespflege lief die ganze Zeit weiter, die jetzt wieder in den Regelbetrieb gehen konnte. Und bereits ab dem 16. März boten wir eine kostenlose, unbürokratische Einkaufsnotfallhilfe für Menschen an, die nicht mehr selbst einkaufen gehen konnten oder wollten. Erfreulicherweise haben sich sehr schnell etwa 50 neue Freiwillige dafür gemeldet. 

Es begegnen sich – und das ist ja auch das Ziel – viele Generationen unter dem Dach der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen. Wie wird sich Ihr Angebot durch Corona verändern?

Langfristig sehe ich nicht, dass sich unser Angebot fundamental ändern wird. Natürlich ist es im Moment eingeschränkt und Menschen egal welchen Alters können sich nicht mehr so begegnen, wie sie das vorher konnten und wie sie es gerne tun möchten. Das ist besonders bei den vielen ehrenamtlichen Patenschaften schmerzlich. Für die aktuelle Situation probieren wir neue Formen der Kommunikation aus, zum Beispiel Grußbotschaften per Video an die Kinder oder aufmunternde Briefe an die Senioren. Aber im Grunde genommen warten wir doch alle darauf, dass wir uns wieder von Angesicht zu Angesicht begegnen können. Mit Abstand ist dies ja glücklicherweise bereits möglich. Denn gerade die Arbeit in der Nachbarschaftshilfe wird von der direkten zwischenmenschlichen Beziehung, der Empathie und der Authentizität getragen. Unsere Stärke und auch unser Auftrag sind analoge Begegnungen! Genau das suchen ja beispielsweise auch Menschen, die sich bei uns engagieren. 

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in ihren Angeboten?

Digitalisierung spielt selbstverständlich auch bei uns eine große, zunehmend relevante Bedeutung. Wir waren sehr froh, dass wir unsere EDV letztes Jahr neu aufgestellt haben, so dass viele Mitarbeiterinnen nun problemlos ins Home-Office gehen konnten. Da waren wir sehr gut vorbereitet! Und selbstverständlich sprechen wir unsere verschiedenen Zielgruppen über digitale Kanäle an. So hat die Arbeitsgemeinschaft der Nachbarschaftshilfen im Landkreis München, deren Sprecherin ich bin, gerade in dieser Woche ihre neue Webseite online gestellt. Auf www.nachbarschaftshilfe-landkreis-muenchen.de kann man sich über die vielfältigen Aktivitäten unserer 15 Mitgliedsorganisationen informieren. Auch eine Stellenbörse ist integriert. Ich sehe Digitalisierung aber in erster Linie als Tool weniger als Format für soziale Angebote. Schnelle Informationen, leichte Kommunikation, das ist in einer Welt ohne E-Mails und Co kaum noch vorstellbar. Aber wenn es um die Betreuung und Begleitung eines Kindes oder eines älteren Menschen geht, ist der direkte, zwischenmenschliche Kontakt nicht ersetzbar. 

Was benötigen Sie, Ihr Team und ihre Zielgruppen in der aktuellen Corona-Krise?

Die Nachbarschaftshilfen haben in der Krise sehr eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig ihre Arbeit vor Ort in den Gemeinden ist. Mit großem Engagement wurden Notdienste, Krisentelefone und niedrigschwellige Beratungsangebote aus dem Boden gestampft, Ehrenamtliche nähen Mundschutz und vieles mehr. Ich habe in dieser Situation eine große Solidarität wahrgenommen und hoffe, dass uns diese weiter begleitet. Da wäre es beispielsweise schön, wenn Menschen auch Mitglied im Verein Nachbarschaftshilfe werden. Für uns sozialen Einrichtungen ist natürlich immer die Frage einer gesicherten Finanzierung essenziell und wir freuen uns, wenn uns Wertschätzung von Seiten der Politik und Behörden entgegengebracht wird. Wertschätzung ist überhaupt ein wichtiges Stichwort. Ich sehe positive Ansätze im Umgang mit Pflege- und Care-Arbeit, die als absolut systemrelevant verstanden werden. Wir sehen doch gerade jetzt alle die Notwendigkeit für bessere Rahmenbedingungen in der Pflege generell, im Gesundheits- und Altenhilfebereich.

Wie kann die Politik helfen?

Indem sie die Erkenntnis der Handlungsnotwenigkeit nun auch in die Tat umsetzt. Also gute Rahmenbedingungen einführen bzw. erhalten, wo gefordert, bessere Bezahlung und weniger belastende Arbeitsbedingungen durchsetzt, bürokratische Hürden abbaut und soziale Arbeit nicht als sogenannte freiwillige Leistung mit dem Rotstrich kürzt. Dazu gehört auch, dass wir von projektbezogenen Finanzierungen wegkommen hin zu einer nachhaltigen Finanzierung mit planbarer Perspektive, die auch die Übernahme notwendiger Verwaltungsausgaben beinhaltet.

Welche positiven oder schönen Erlebnisse hatten Sie in den letzten Wochen in der NBH Taufkirchen?

Als klar war, dass wir niemanden in Kurzarbeit schicken müssen, hat mich das sehr froh gemacht und sehr erleichtert. Fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die Herausforderungen couragiert und sehr engagiert angegangen. Viel Gutes war zu erleben! Wo möglich, sind beispielsweise Mitarbeiterinnen in komplett andere Arbeitsbereiche eingesprungen; alle arbeiten sehr selbständig an Lösungen zur Bewältigung der aktuellen Situation. Als Geschäftsführerin bin ich sehr stolz auf mein Team und glücklich, Teil der großen Nachbarschaftshilfe-Familie zu sein.

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