Pflege: Ein besonderer Beruf
11.05.2020 Themen Ältere Menschen Gesundheit Pflege

Pflege: Ein besonderer Beruf

Eine Frau mit Maske zieht einen älteren Mann Kompressionsstrümpfe an

Gerda Kresse arbeitet über zwanzig Jahre im ambulanten Pflegedienst beim Paritätischen in Unterfranken. Sie hat lange als Intensivkrankenschwester gearbeitet und nach der Kinderpause als Alten- und Krankenpflegerin begonnen zu arbeiten. Eigentlich ist sie schon im Rentenalter, aber arbeitet weiter wie bisher, „da ich gebraucht werde und ich auch die Kontakte zu Patienten und Kollegen vermissen würde“. Allerdings geht die Mehrbelastung durch Überstunden oft an die Belastungsgrenze.

Warum haben Sie sich für einen Beruf in der Altenpflege entschieden?

Ich habe nach der Schule eine Ausbildung als Krankenschwester gemacht und habe viele Jahre als Intensivkrankenschwester gearbeitet. Zum Ambulanten Pflegedienst bin ich durch Zufall gekommen. Als während der Kinderpause mein Nachbar erkrankte, habe ich öfters mitgeholfen. Er wurde vom ambulanten Pflegedienst des Paritätischen betreut. Eine Pflegerin hat mich angesprochen, ob ich nicht bei ihnen arbeiten möchte. Seitdem bin ich dort beschäftigt.

Was mögen Sie an Ihrem Beruf?

Der Beruf hat mir schon immer Spaß gemacht. Ich liebe den Kontakt zu Menschen. Wir sind ein sehr gutes Arbeitsteam mit einem angenehmen Arbeitsklima. Wir arbeiten sehr selbstbestimmt, erstellen im Team die Dienstpläne. So lange das so ist, mache ich die Arbeit gern weiter.

Gibt es ein Erlebnis, das Sie in Ihrer Berufswahl bestätigt hat?

Es gibt immer wieder kleine Erlebnisse. Zum Beispiel hat eine Angehörige wegen Corona den Pflegedienst für vier Wochen abbestellt und niemanden mehr ins Haus gelassen. Als ich nach vier Wochen wiederkam, hat ihr Mann mich angestrahlt. Das Lächeln älterer Menschen das ist so schön! Diese vielen kleinen Freuden motivieren.

Am Ende des Lebens jemanden beim Sterben zu begleiten, den man vielleicht seit zehn Jahren kennt, das ist ein ganz großes Erlebnis. Dabei zu sein, den Angehörigen beizustehen.

Manchen Menschen fällt es schwer zu gehen, weil noch irgendetwas offen geblieben ist. Da helfen zu können, ist ein gutes Gefühl. Zum Beispiel habe ich mit Angehörigen gesprochen, zu denen es lange keinen Kontakt gab, und nochmal einen letzten Besuch möglich gemacht. Am Tag darauf ist der Patient gestorben.

Manche Sterbenden können auch nicht gehen, weil ihre Partner sie nicht gehen lassen wollen. Ein Angehöriger einer jüngeren Frau hat mir einmal gesagt ‚Ohne Sie hätte ich es nicht geschafft loszulassen‘. Auch wenn Sterben immer mit Trauer verbunden ist, ist es ein wichtiges Ereignis im Leben – ähnlich wie die Geburt.

Sie haben Corona angesprochen. Was hat sich für Sie verändert in den letzten Wochen?

Die Last der Verantwortung ist viel größer geworden. Wir betreuen 20 pflegebedürftige Menschen, an denen wir bei der Pflege ganz nah dran sind. Immer ist die Angst mit dabei, dass wir – trotz aller Infektionsschutzmaßnahmen – unwissentlich was einschleppen.

Die Arbeit ist belastender, weil wir permanent einen Mundschutz tragen, mit dem es sich schwerer atmen lässt. Bei Menschen mit Demenz ist die fehlende Nähe belastend, mal jemanden in den Arm nehmen zum Beispiel. Sie verstehen nicht, was gerade passiert. Ein Patient fragte mich letztens ‚Bist du immer noch erkältet‘? Wie soll man einem Demenzkranken erklären, dass quasi die ganze Gesellschaft gerade „erkältet“ ist und Mundschutz tragen muss?

Eine andere demente Patientin fährt fünfmal am Tag einkaufen, weil sie vergessen hat, dass sie schon einkaufen war. Da haben wir natürlich die Sorge, dass sie was einschleppt. Ihre Angehörigen finden keinen Pflegeheimplatz für sie durch den Aufnahmestopp.

Wir sind sehr glücklich, dass bei uns bisher niemand Corona hatte und hoffen sehr, dass das auch mit den Lockerungen so bleibt.

Wie nehmen Sie die Situation der Angehörigen war?

Die Situation für die Angehörigen ist sehr belastend, viele sind kaputt. Das war vor Corona so und gilt jetzt umso mehr. Denn momentan gibt es keine Entlastung, weil die Kurzzeitpflege geschlossen ist. Oder sie finden durch den Aufnahmestopp keinen Heimplatz.

Zu unserer Arbeit gehört auch die Arbeit mit den Angehörigen. Mit ihnen zu sprechen, ist ganz wichtig. Sie müssen aufgebaut und ermuntert werden, sich Hilfe zu holen.

Würden Sie den Beruf weiter empfehlen?

Für jemanden, der Menschen mag, auf jeden Fall! Man braucht eine stabile Persönlichkeit und sollte gut mit demenzerkrankten Menschen umgehen können. Da hatte ich am Anfang Schwierigkeiten, weil ich ja aus der Krankenpflege kam.

Welche Veränderungen haben Sie in Ihrem Arbeitsalltag im Laufe der Zeit erlebt?

Die Arbeitsdichte ist größer geworden. Alle Tätigkeiten sind eng getaktet. Zum Beispiel sind für die Medikamentengabe drei Minuten vorgesehen. Dabei kommen die Gespräche mit den Patienten zu kurz. Wir brauchen immer länger als vorgesehen und von der Pflegekasse gezahlt wird. Das hängen wir privat dran. Das ist frustrierend.

Wo können Sie Ihren Ballast abgeben; wo finden Sie Ausgleich?

Bei uns fängt emotional ganz viel das Team ab. Wir sprechen untereinander viel über die Dinge, die uns beschäftigen. Ein paarmal hatten wir auch Supervision.

Ich gehe viel laufen und mache Sport an frischer Luft, um fit zu bleiben. Und ich verbringe viel Zeit mit meinen Enkelkindern. Da hole ich mir meine Kraft.

Arbeiten Sie Teilzeit? Welchen Grund gibt es dafür?

Ich bin Rentnerin und arbeite 20 Stunden in der Woche. Ich habe immer Teilzeit gearbeitet, sonst hätte ich nicht so lange durchgehalten. Vollzeit zu arbeiten in dem Beruf, ist echt hart. Aber dann reicht später die Rente nicht. Eigentlich müsste die „Vollzeit“ in der Pflege kürzer sein. Das wird leider nicht passieren.

Sind der Pflegeberuf und Familie vereinbar?

Das ist nicht leicht. Die Frühschicht beginnt um sechs. Da ist noch keine KITA oder Schule auf. Wir haben es mal mit einer „Müttertour“ versucht, die später begann. Das hat leider nicht funktioniert. Bei größeren Diensten ließe sich das sicher leichter organisieren. Eine Kollegin macht nur Abend- und Wochenenddienste. Das ist aber auch nicht familienfreundlich.

Wenn Sie als Pflegekraft drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Mehr Zeit für die Menschen! Ganz eindeutig! Zeit für die Pflegebedürftigen, für die Angehörigen und mehr Zeit mit den Kolleginnen.

Gute Qualität in der Pflege mit gut ausgebildetem Personal ist mir wichtig.

Und ich wünsche mir, dass der Pflegeberuf in der Gesellschaft mehr anerkannt wird. Viele Menschen wissen gar nicht genau, worum es in der Altenpflege geht. Das merken sie erst, wenn sie selbst betroffen sind.

Ich hoffe sehr, dass von dem Geklatsche und dem Dank in den letzten Wochen etwas hängen bleibt!

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