Pflege in seltsamen Zeiten
14.05.2020 Themen Ältere Menschen Gesundheit Pflege

Pflege in seltsamen Zeiten

Peter Moser hat uns einen exklusiven Einblick gegeben in den Lebens- und Arbeitsalltag einer Demenz-WG in der Corona-Zeit. Er ist Pflegedienstleiter der Nachbarschaftshilfe Rosenheim.

Ein älterer Mann mit Strohhut sitz neben seinem Rollator auf einer Bank.

Es sind schon seltsame Zeiten: Menschen stehen an Fenstern und auf Balkonen um zu applaudieren. Aus Politikern sprudeln Gehaltsboni und Verpflegungszuschüsse, Mindestlohnregelungen und  Dankesbekundungen  - wie Münzen aus dem Goldesel. Bricklebritt: Presseberichte, Radio-Features, TV-Beiträge, anerkennende Worte in wärmster Färbung. Plötzlich werden wir wahrgenommen: 1,2 Millionen Pflegekräfte in Pflegeheimen und Ambulanten Pflegediensten.

 

Über die Arbeit in einer Demenz-Wohngemeinschaft während der COVID-19-Pandemie

Max ist seit fast 30 Jahren Altenpfleger. Er arbeitet in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft von Demenzerkrankten. Er managt gerade die Frühstücksrunde. Sein Umgang mit den Menschen wirkt spielerisch leicht, seine Fähigkeit, in wenigen Worten, mit Stimmlage und Körper mit denjenigen zu kommunizieren, die keine Sprache mehr haben, berührt mich. Aus einem der Bäder: Gelächter. Nadja hilft einer Spätaufsteherin bei der Morgentoilette. Sie ist erst seit zwei Jahren angelernte Pflegekraft, aber auch ihr haftet diese Haltung an, eine Mischung aus Lockerheit und Konzentration. Die beiden erinnern mich an Spitzensportler. Ich trete auf meinen inneren Balkon und applaudiere ihnen still. In der Wohngemeinschaft riecht es gut, nach Geborgenheit und Kaffee, in der Luft hängt der Sound eines netten Gesprächs. Herr K. begegnet mir auf dem Flur. „Du, wo geht’s denn da auf’s Häusl?“ Ich deute auf die Klotüre, durch die er seit Jahren täglich mehrmals schlurft. Immer die selbe Frage, immer die selbe Klotüre.

In ihrer Pause treffe ich mich mit Nadja. Sie stammt aus Sibirien, hat dort Lehramt studiert. Bevor sie zu uns gekommen ist, war sie Zimmermädchen in einem Sporthotel. Solche Lebensläufe sind nicht untypisch. Bist du gerne Pflegekraft, gefällt dir die Arbeit in der Wohngemeinschaft, was daran motiviert dich, was genau macht dich zufrieden? Ich merke ihr an, dass sie gerade nicht darüber nachdenken mag. Ihre untere Gesichtshälfte ist vom stundenlangen Tragen des Mund-Nasenschutzes gerötet, sie ist müde vom frühen Aufstehen und auch von der mentalen Anstrengung. Sie speist mich mit einem Gemeinplatz ab: Die familiäre Nähe, diese Vertrautheit, das gibt ihr was. Max antwortet später ähnlich vage, verweist immerhin auf den Kontrast zum Arbeiten im Pflegeheim. Bei einer Schichtbesetzung mit zwei Pflegekräften für acht WG-Bewohner, da eröffnen sich dem Profi viele Chancen. Ich denke: ja schon, aber was ist die treibende Kraft dahinter?

Mir fällt John F. Kennedy’s Mondlandungsprogramm ein: Not because it’s easy, but because it’s hard. Machen wir es, gerade weil es schwierig ist? Die Evolution hat uns ein paar fundamentale Abwehrreaktionen ins Programm geschrieben: Ekel, Angst, Ablehnung. Vermeide den Umgang mit Ausscheidungen und Exsudaten, sie übertragen Parasiten und Keime. Ein Rudelmitglied erbricht sich. Hast du dich auch vergiftet? Los, übergib dich auch! Ein Rudelmitglied ist krank, stirbt. Gefahr! Lauf weg! Pflegekräfte erarbeiten sich Coping-Strategien für gerade solche Situationen. Sie entwickeln eine den Anforderungen entsprechende emotionale Muskulatur, routiniert rufen sie erworbene Fähigkeiten ab und entwickeln neugieriges Interesse an Herausforderungen, die auf andere Menschen eher verstörend, zumindest aber beklemmend wirken. Sie öffnen ihr Herz und entwickeln Fürsorge in Situationen, die laut unserer Programmierung zu Aggression oder Flucht auffordern. Da ist sie wieder, die Parallele zu Leistungssportlern, Hochseilartisten, Extremkletterern. Die Arbeit an demenziell veränderten Menschen: Die ultimative Verfremdung. Sie machen absurde Dinge und reagieren nicht auf Einflussnahme. Sie zeigen keine Einsicht und passen sich nicht an. Hier erfolgreich zu bestehen, hier Spaß und Zusammengehörigkeit zu empfinden – das Äquivalent zum Runner‘s High des Triathleten?

„Mann, ich hab heute überhaupt keinen Bock auf Demenz!“ Katharina von der Spätschicht begegnet mir im Treppenhaus. Sie zwinkert mit zu, ich zwinkere zurück. Kein Grund, sich zu beunruhigen, sie muss nicht jeden Tag gleich gerne arbeiten. Sie wird ihren Job mit der gleichen Haltung erledigen, wie sie es in hunderten von Schichten zuvor schon getan hat: zugewandt, geduldig, umsichtig, professionell. Auch das verbale Dampfablassen gehört zum Ritual – derzeitig wegen Corona bedingter Abwesenheit von Angehörigen deutlich erleichtert.

Von den Mitarbeiterinnen selbst haben die wenigsten Angst vor COVID-19. Die „alten“ unter ihnen haben schon viel erlebt und bestaunen eher die Hyperaktivität im Themenfeld, als dass sie beunruhigt oder beeindruckt wären. Während der Grippesaison 2017/2018 hat es nacheinander den Großteil unserer Pflegekräfte in den Krankenstand katapultiert, unser Pflegedienst musste mit dem letzten Aufgebot pflegen. Auch Klienten sind gestorben. Die derzeit vorherrschende Vermeiden-um-jeden-Preis-Perspektive auf das Sterben hat aus Sicht unserer Pflegekräfte auch etwas Befremdliches. Das daraus resultierende Besuchsverbot setzt in erster Linie den Angehörigen zu.  Der Ehemann der zuletzt zugezogenen Bewohnerin streicht mehrmals täglich wie ein alter Kater ums Haus, in der Hoffnung, einen flüchtigen Blick auf seine Liebste werfen zu können. Die Pflegekräfte verschicken täglich Fotos und Mut machende Zustandsberichte. Auch das gehört dazu: Die Pflege der Angehörigen.

Ich bin zurück im Büro und schreibe diesen Artikel. Mein Herz grollt: Wo wart ihr die ganze Zeit, ihr Balkonclaqueure und Wohltatenverteiler. Mein innerer Pessimist sagt: Ist eh bald vorbei. Dann stehen wir wieder unter dem Generalverdacht des Abrechnungsbetrugs und des notorischen qualitativen Schlunzens. Der Optimist in mir meint, die allgemeine Annahme, unsere Arbeit sei in COVOD-19-Zeiten soo viel schwerer als sonst, könnte vielleicht einen nachhaltigen Imagegewinn nach sich ziehen. Wie es auch kommen mag, mein Stolz und meine Verbundenheit mit diesen unglaublichen Kolleginnen und Kollegen, mein Blick auf das Außerordentliche, das sie Tag für Tag leisten, kann durch nichts getrübt werden. Und das Schönste dabei: Sie wissen das zu schätzen.

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