Prävention wirkt!
21.04.2021 Themen Gesundheit Sucht Menschen mit psychischen Erkrankungen

Prävention wirkt!

Von 100 auf null: In der Corona-Pandemie, in der Suchtprävention besonders wichtig wäre, findet sie kaum statt. Das ist eine Katastrophe, sagt Ludwig Binder von unserer Mitgliedsorganisation neon - Prävention und Suchthilfe Rosenheim. Denn Prävention wirkt! Wir haben mit ihm über Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche, neue schöne Welten auf Insta und Co. und die guten Seiten von Corona gesprochen.

Herr Binder, Sie beraten und helfen rund um das Thema Sucht. Was ist für Ihre Klient*innen in der Corona-Pandemie besonders belastend?

Ich finde es immer ganz wichtig zu unterscheiden. Es gibt Menschen, die blenden das Thema Corona völlig aus. Die nervt Corona vielleicht, aber sie sind nicht belastet. Nicht jeder, der psychische Probleme hat oder suchtkrank ist, ist jetzt automatisch in einer noch schlechteren Lebenslage oder seelischen Verfassung. Was wir aber schon sehen ist, dass Corona für Menschen, die generell seelisch belastet, psychisch krank oder in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind, ein brutaler Booster ist. Soziale Isolation, fehlende Unterstützung, Distanzierung durch Homeoffice und Masken – das führt dazu, dass es vielen unserer Klient*innen echt schlecht geht. Weil die Dinge, die im Leben guttun, reduziert sind oder gar nicht mehr stattfinden.

Kommen zu Ihnen mehr Menschen als vor Corona in die Beratung?

Was wir merken, ist ein wahnsinniger Druck auf die Beratung. Das liegt zum Teil daran, dass wir unter erschwerten Bedingungen arbeiten - zum Beispiel in kleineren Gruppen - und gar nicht so viele Klient*innen aufnehmen können. Aber auch daran, dass wir mehr Nachfrage haben.

Nehmen durch Corona Suchtprobleme zu?

Man muss wissen, dass das Suchthilfesystem nur circa 10 Prozent der betroffenen Menschen erreicht. Deshalb ist es schwierig, aus der Situation in der Beratung auf die Situation in der Gesellschaft zu schließen. Aber dass Corona Auswirkungen hat – und zwar nicht günstige – das ist klar. Und gerade Menschen mit chronifizierten Suchterkrankungen oder in prekären Lebenslagen geht es natürlich nicht besser.

Wie gut können Sie Betroffene momentan mit Ihren Angeboten erreichen?

Das ist spannend: Denn es ist schlechter und gleichzeitig besser geworden.

Schlecht ist, dass viele Menschen momentan einfach Angst vor Kontakten mit anderen Menschen haben. Was natürlich eine Hürde ist, um in eine Beratungsstelle zu kommen. Wir haben Menschen, die wollen nicht an Gruppen teilnehmen. Wir haben Menschen, die eh schon gehemmt und beschämt sind, über ihre Sucht zu sprechen. Die Angst vor Corona kommt dann noch dazu.

Andererseits ist es faszinierend, wie „normal“ die Situation ist. Wir haben während der Pandemie immer in Präsenz weiterberaten und ambulante Therapie angeboten. Inzwischen haben wir die erste Generation an Klient*innen, die wir noch nie ohne Maske gesehen haben. (lacht)

Wie ist es mit der Online- und Video-Beratung?

Da wundern wir uns manchmal selbst drüber, dass wir da nicht schon eher draufgekommen sind! Zum Beispiel standardmäßig Face-to-Face Online-Calls anzubieten. Unsere Klient*innen nehmen das Online-Angebot gerne in Anspruch. Auch in Gruppensettings haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Und das in allen Altersgruppen.

Online ist nicht besser oder schlechter. Es ist anders! Und es ist mehr, als ein Ersatz. Deshalb wird die Online-Beratung auch nach Corona bleiben. Zum Beispiel bei der niedrigschwelligen Beratung von Kindern und Jugendlichen.

Apropos Kinder und Jugendliche: Sie gehören zu den Risikogruppen, wenn es um die Entwicklung von Suchterkrankungen geht. Und in der Pandemie werden sie häufig vergessen. Wo sehen Sie die größten Risiken für Kinder und Jugendliche momentan?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Ich glaube, ein Teil der jungen Menschen konsumiert weniger Suchtmittel. Einfach, weil momentan die sozialen Möglichkeiten dafür fehlen. Ich denke, das ist keine kleine Gruppe.

Und dann gibt es die Risikokonsument*innen: Junge Menschen, die phasenweise exzessiv Alkohol oder Drogen konsumieren. Bei denen fehlt durch Corona die soziale Kontrolle. Für diese Jugendlichen ist Corona ein Booster, der zu risikoreicherem Verhalten und zu härteren Konsummustern führt. Mancher versucht so, den Corona-Frust zu bewältigen und zu kompensieren. Und denkt sich vielleicht: Wozu soll ich morgen früh für das Online-Schooling aufstehen?

Stichwort Online: Sehen Sie ein erhöhtes Risiko für Online- und Mediensucht?

Wir haben auf jeden Fall mehr Anfragen von Eltern zum Thema exzessive Mediennutzung. Aber das muss man mit Vorsicht bewerten: Die Situation zu Hause ist eventuell auch einfach angespannter als sonst. Dazu kommt, dass Eltern und Fachwelt exzessive Mediennutzung ganz unterschiedlich definieren….

Das interessiert mich jetzt auch persönlich als Mutter: Wo beginnt denn aus fachlicher Sicht die exzessive Mediennutzung?

Da gehört der zeitliche Umfang der Mediennutzung rein. Aber nicht nur. Sondern auch die Reduzierung von sozialen Kontakten, ein verändertes Freizeitverhalten, Vernachlässigung von Schule und Ausbildung. Diese Veränderungen können schon eintreten, bevor jemand 12 bis 14 Stunden täglich vor dem Rechner sitzt.

Das heißt, Eltern machen sich manchmal auch einfach zu viele Sorgen?

Ich persönlich bin der Meinung, dass unsere Gesellschaft grundsätzlich zu medienaffin ist. Zu viele junge Menschen haben zu lange Bildschirmzeiten. Und zu viele ihrer sozialen Aktivitäten finden im Digitalen statt. Menschliche Interaktion muss aber zwingend etwas mit der analogen Realität zu tun haben. Wenn dann andere Risikofaktoren dazu kommen – keine Teilhabe – oder Freizeitmöglichkeiten – dann kann es für junge Menschen gefährlich werden.

Es gibt junge Menschen, die schließen auf Instagram digitale Freundschaften und kündigen sie dort auch wieder auf – ohne sich jemals im analogen Leben begegnet zu sein. Kann man den anderen so überhaupt kennenlernen? Kann man das Konzept von Freundschaft so überhaupt verstehen?

Das Problem an der digitalen Realität ist, dass das eine nicht so inklusive ist. Das ist eine Teilrealität. Wenn ich „analog“ nach draußen gehe, werde ich ganzheitlich wahrgenommen. Auf meinem Insta-Profil präsentiere ich nur einen Teil von mir. Und dazu noch einen idealisierten. Das ist grundsätzlich kein Problem. Doch die Dosis macht das Gift: Wie viel von dieser Teilrealität macht zum Schluss meine Gesamtwahrnehmung aus? Auch da ist Corona wieder ein Booster. Weil die Realität draußen noch nerviger ist, als sonst schon. Weil draußen noch weniger stattfindet. Da ist es auf Insta einfach schöner.

Aber wir dürfen nicht vergessen: Bei der Mediensucht haben wir neben den Jugendlichen eine weitere große Risikogruppe. Und das ist die Generation 30 bzw. 40 plus, insbesondere Menschen in prekären Lebenssituationen und mit geringen Teilhabemöglichkeiten. Auch diese Menschen verbringen viel Zeit vor Bildschirmen - mit passivem Fernsehkonsum, Surfen, Zocken.

Erreichen Sie diese Menschen mit Ihrem Angebot? Kommen diese Menschen in Ihre Beratung?

Null! Dafür gibt es kein gesellschaftliches Problembewusstsein. Anders, als zum Beispiel eine Abhängigkeit von Alkohol oder illegalen Drogen, ist die Abhängigkeit von Medien gesellschaftlich akzeptiert.

Ein zentraler Baustein der Suchthilfe ist Prävention. Können Sie Ihre Präventionsarbeit momentan noch machen?

Bei uns ging es von 100 auf null und jetzt sind wir bei fünf… Das ist eine Katastrophe: Denn wir machen ja Prävention, weil wir wissen, dass sie etwas bewirkt. Und gerade jetzt können wir sie nicht machen! Die Entwicklung und Förderung eines gesundheitsbewussten und achtsamen Lebensstils ist wichtig: Wer diesen Lebensstil nämlich einmal verinnerlicht hat, der wird sich später in allen Lebensbereichen weniger selbstschädigend verhalten.

„Live“ geht wegen der Kontaktbeschränkungen momentan gar nichts. Deshalb haben wir Hybrid- und Online-Lösungen entwickelt. Für die hat aber niemand einen „Nerv“: Für die Gesundheitsförderung von Kinder und Jugendlichen gibt es momentan kein Bewusstsein. Weil zum Beispiel an den Schulen häufig auch gar nicht klar ist, wie in der kommenden Woche die Schule überhaupt stattfindet. Oder anderes mehr Priorität hat. Aber: Wenn wir diese Arbeit nicht machen können, wird das massive Effekte haben. Mir fehlt da komplett die gesellschaftspolitische Debatte.

Dazu kommt, dass es auch für uns als Dienst eine schwierige Situation ist. Denn diese Präventionsarbeit ist zum größten Teil projektgefördert. Da sind soziale Angebote – gerade in diesem niedrigschwelligen Bereich – einfach in Gefahr.

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