Rollenklischees nerven
30.03.2021 Themen Queer

Rollenklischees nerven

Ronja* ist Anfang 30. Sie ist als Junge aufgewachsen und lebt seit sieben Jahren als Frau. Wir haben mit ihr über ihr Comingout gesprochen, über die Reaktion ihres Umfelds und darüber, was sich in unserer Gesellschaft ändern muss, damit transidente Menschen weniger Diskriminierung erfahren. „Ich selbst hatte Glück und habe wenig negative Erfahrungen machen müssen. Aber ich weiß, was passieren kann, deshalb bin ich sehr vorsichtig,“ erzählt sie.

Brünette Frau arbeitet an einem Computer im Homeoffice

Wann hast Du mitbekommen, dass du im „falschen Körper“ lebst?

Meine früheste Erinnerung reicht bis in die Kindergartenzeit zurück. Schon damals dachte ich, wie schön es wäre, ein Mädchen zu sein. In der Pubertät habe ich zum ersten Mal erfahren, dass eine Geschlechtsumwandlung möglich ist. Damals fehlte mir aber die Aufklärung über den Transprozess und so wusste ich auch nicht, dass man die OP über die Krankenkasse abwickeln kann. Ich war dann in der Gothic Szene unterwegs. Da fielen meine langen Haare nicht auf, und ich konnte als Kompromiss Herrenröcke tragen.

Während der Ausbildung habe ich mich beraten lassen – im Sonntagsclub in Berlin. Ich lebte damals in der Nähe von Berlin. Dort habe ich eine Liste mit Therapeuten bekommen. Als Frau leben, wollte ich erst nach der Ausbildung aus Sorge vor den Reaktionen meiner Mitschüler in der Berufsschule. Jugendliche können echt fies sein. Das wollte ich mir nicht antun.

Wo hast Du während des Geschlechtsumwandlungsprozesses Unterstützung bekommen?

Mein Therapeut hatte mir empfohlen, eine Gruppentherapie zu machen. Ich war immer schon ein Einzelgänger und wollte erst gar nicht in die Gruppe. Das hat mir dann aber doch sehr gutgetan. Und meine Mutter hat mich immer unterstützt.

Ich bin auch jetzt noch in einer Selbsthilfegruppe aktiv. Weil es mir hilft, und weil ich meine Erfahrungen gern an andere weitergeben möchte.

Eine Geschlechtsumwandlung geht nicht von heut auf morgen. Wie lange dauert so ein Prozess? Und ab wann hast Du als Frau gelebt?

Das ist von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich und sehr individuell. Ich habe mir Zeit dabei gelassen, insgesamt vier oder fünf Jahre. Ich bin lange noch zu den Gruppentreffen in Männersachen gegangen. An einem Abend war das Thema in der Gruppe: Warum ich denn immer noch keine Frauenkleider trage. Das war an Halloween. Ich hatte mich einfach nicht getraut, als Mann in der Damenabteilung shoppen zu gehen.

Eine Teilnehmerin hat mich an dem Abend unter ihre Fittiche genommen, mir Sachen von ihr geliehen, und dann sind wir im Schutz des Halloweenabends shoppen gegangen. Seitdem bin ich auch äußerlich als Frau zu erkennen.

Die Operation erfolgt in jedem Fall erst nach mindestens einem Jahr Alltagstest. Die lässt sich dann ja nicht mehr rückgängig machen.

Wie hat Dein Umfeld auf Dein Comingout reagiert? Wie hast Du es Deiner Familie erzählt?

Das war bei einem Ausflug. Während der Autofahrt lief im Radio ein Beitrag über Conchita Wurst. Darauf reagierten meine Eltern sehr positiv. Beim Spaziergang nahm mich meine Mutter beiseite. Sie erzählte davon, dass sich der Sohn eines Bekannten das Leben genommen hat. Und sie sich um mich Sorgen macht, weil ich sehr zurückgezogen war. Egal was ist, sie würde mich immer unterstützen. Das hat es mir ganz einfach gemacht: ‚suizidgefährdet bin ich nicht, aber ich bin dabei, eine Frau zu werden.‘ Sie hat super offen reagiert und hat für mich mein Outing in der Familie und in meinem Heimatdorf übernommen.

Als ich zum ersten Mal als Frau nach Hause kam, wussten die Nachbarn und meine Oma schon Bescheid. Sie waren sehr aufgeschlossen und haben interessiert nachgefragt. Nur an meinen neuen Namen mussten sich erst gewöhnen.

Musstest Du auch Anfeindungen erleben?

Ich habe zum Glück kaum negative Erfahrungen gemacht. Anfangs mal abfällige Bemerkungen im Supermarkt, oder Jugendliche in der S-Bahn, die sich über mich lustig gemacht haben.

Ich weiß, was passieren kann, und bin deshalb insgesamt eher vorsichtig. In der Gruppe haben einige von ihren schlimmen Erfahrungen erzählt. Zwei Teilnehmerinnen wurden komplett von ihrer Familie verstoßen.

Und im Job oder bei Bewerbungsgesprächen? Hast Du da Diskriminierung erfahren?

Zum Glück habe ich keinerlei ablehnende Haltung erfahren. Die IT-Branche, in der ich arbeite, ist sehr tolerant. Ich habe einen coolen Chef. Ich bin mir nicht sicher, ob er weiß, dass ich eine Transfrau bin. Das spielt bei der Arbeit einfach keine Rolle. Wenn mich jemand interessiert danach fragt, beantworte ich gern Fragen. Aber ich erzähle nicht von mir aus, dass ich eine Transfrau bin.

Für transidente Personen hat sich in den letzten Jahren einiges verbessert. Wie bewertest Du das? Was muss sich aus Deiner Sicht ändern, damit unsere Gesellschaft offener wird?

Ich finde es gut, dass es jetzt die Möglichkeit des dritten Geschlechts gibt, dass die Festlegung auf männlich oder weiblich nicht mehr zwingend ist. Auf politischer Ebene sollte das Verfahren zur Personenstandsänderung dringend vereinfacht werden. Der Aufwand ist extrem hoch und die benötigten Gutachten sind teuer. Bei mir hat es über ein Jahr gedauert. Warum muss ich für eine Namensänderung vor Gericht erscheinen?

Was auch nervt, sind die Rollenklischees und Schubladen, die schon den Kleinsten mitgegeben werden. Jungs spielen mit Autos und tragen blaue Sachen, die rosa Mädchen spielen mit Puppen. Das ist leider die dominierende Wahrnehmung. Das macht es für Kinder, die sich anders fühlen schwer. Diese Rollenklischees lassen sich nur aufbrechen, wenn man bei den Kleinen anfängt.

Wo sich auch dringend etwas verbessern muss, ist bei der Aufklärung. Im Schulunterricht müssen Homo- und Transthemen selbstverständlich behandelt werden. Für transidente oder homosexuelle Jugendliche ist die Situation besonders schwer, weil sie sich damit alleingelassen fühlen. Solche Themen werden tabuisiert. Da ist Bayern besonders rückständig, was den Lehrplan angeht.

Wenn Du auf die letzten Jahre zurückblickst, würdest Du etwas anders machen?

Rückblickend hätte ich die Geschlechtsumwandlung gern schon vor der Pubertät gemacht, vorm Stimmbruch, vorm Einsetzen des Bartwuchses. Aber ansonsten würde ich alles wieder so machen. Bei den Gruppensitzungen habe ich gelernt, dass man entweder gestärkt oder geschwächt aus dem Prozess hervorgeht. Ich bin deutlich selbstbewusster geworden und das dicke Fell aus meiner Gothiczeit hat mir da gut geholfen.

*Name geändert

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