Selbsthilfe braucht neue Bilder
05.02.2021 Themen Selbsthilfe Menschen mit psychischen Erkrankungen Bürgerschaftliches Engagement

Selbsthilfe braucht neue Bilder

„Wenn mein heutiges Ich mein Ich von vor sechs, sieben Jahren treffen würde – wir würden uns hassen. Besonders was das Thema Vorurteile und psychische Erkrankungen angeht.“ Tobi Katze, bestens als Poetry Slammer und Autor bekannt, hat sie auch gehabt – die Vorurteile. Doch Vorurteile sind immer schlechte Ratgeber. Dominique de Marné hat ihn für uns interviewt.

Ein sonniger Tag in München. Tobi Katze, Autor von “Morgen ist leider auch noch ein Tag – irgendwie hatte ich mir von meiner Depression mehr erwartet” und ich sitzen auf einer Bank, genießen das Wetter. Wir sprechen über diese Krankheit, die uns verbindet. Über Selbsthilfe, Vorurteile, warum er das Programm zum Buch am liebsten nicht mehr spielen würde, aber es trotzdem gerne tut. Und wir lachen viel. Sehr viel.

Hast du damals eine Selbsthilfegruppe besucht?

Nein, hab ich tatsächlich nie. Weil ich total große Vorurteile gegen Selbsthilfegruppen hatte. Ich dachte, das wäre dann wie in den amerikanischen Filmen: Alle sitzen da rum “Hi, ich bin Tobi” – “Hallo Tobi” – fand ich ganz grauenhaft. Inzwischen weiß ich, dass das anders ist. Aber damals war das war für mich keine reizvolle Option.

Das ist aber nicht das einzige, wogegen ich mich gewehrt habe. Wo Vorurteile mich von vielleicht klügeren Schritten abgehalten haben. Ich hab mich zum Beispiel auch gegen das Thema Klinik gewehrt. Ich war selber mein schlimmster Feind. Wenn mein heutiges Ich mein Ich von vor sechs, sieben Jahren treffen würde – wir würden uns hassen. Besonders was das Thema Vorurteile und psychische Erkrankungen angeht.

Wie hätte man damals schaffen können, deinen Kopf trotz Vorurteilen von Selbsthilfegruppen zu überzeugen?

Inzwischen würde ich sagen, wenn man mir damals kommuniziert hätte “Hey, das sind Leute in deinem Alter. Das bleibt alles ganz zwanglos. Und diese Krankheit, das Problem Depression, steht nicht zu sehr im Mittelpunkt sondern man ist eher unter seinesgleichen. Man kann, muss aber nicht.” So wie man eben einen Abend mit Freunden verbringt. Wo man weiß, man ist eben auf einer Wellenlänge. So was wäre für mich ideal gewesen. Gerne auch verbunden mit mehr als “nur” im Kreis auf Stühlen sitzen. Egal ob man zusammen Volleyball spielt oder sich durch alle Cafés der Stadt probiert. Ich denke, solche Aktivitäten dem Thema vorzuschalten, könnte bei vielen Menschen die Überwindung senken.

Ist dein Buch Selbsthilfe?

Nein, mein Buch ist keine Selbsthilfe. Ich hab das Buch und auch den Blog angefangen und mich auf eine Veröffentlichung eingelassen mit der Prämisse, dass ich über nichts reden möchte, was ich für mich nicht zumindest halbwegs geklärt habe. Ich hab gedacht “Ich will mich nicht öffentlich therapieren” das ist unfair den Leuten gegenüber, die das lesen, die mit meinem Mist auch noch zu belasten. Und es wäre mir selber auch unangenehm gewesen. Ich möchte das ja verarbeiten und nicht diese Krankheit nutzen, nur um irgendwas zu schreiben, sondern ich möchte was damit bewegen.

Nervt es dich, dass du durch das Buch weiter mit dem Thema Depression konfrontiert bist?

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Es nervt mich künstlerisch – ich möchte künstlerisch auch nichts mehr zu dem Thema machen. Ich hab das Gefühl ich hab dazu alles gesagt. Ich spiele mein Programm dazu immer noch, das macht mir auch weiterhin sehr große Freude. Aber ich möchte nichts neues mehr dazu machen. Ich hab mich ja seit damals auch ein bisschen weiterentwickelt. Das Buch ist ja schon ein paar Jährchen her.

Es ist natürlich schade, dass das Thema und die Show immer noch so gefragt sind. Eigentlich hab ich angefangen darüber zu reden, um irgendwann nicht mehr darüber reden zu müssen. Das ist leider immer noch nicht der Fall. Deswegen mache ich das weiterhin gerne. Weil ich das Gefühl habe, es ist noch notwendig. Und es gibt den Menschen auch was. Es ist immer noch so, dass wenn ich in eine Stadt komme, die Leute dankbar sind und sagen “Endlich spricht mal jemand darüber. Endlich bin ich mal in einem Raum mit Leuten, bei denen ich weiß, denen geht’s genau so wie mir.” Und das ist irgendwie ein tolles Gefühl, aber gleichzeitig auch wahnsinnig traurig.

Dass psychische Krankheiten weiterhin so ein Tabu sind, sodass wenn mal einer drüber redet, sich gleich alle drauf stürzen. Aus beruflicher Sicht ist das natürlich auch schön, aber aus privater Sicht finde ich das wahnsinnig traurig. Deswegen würde ich am liebsten nicht mehr drüber sprechen, aber es ist noch notwendig. Von daher sehe ich mich auch ein bisschen in der Verpflichtung, es weiterhin zu tun.

Die Gemeinschaft, das “WIR”, hast du also auch ohne Selbsthilfegruppe inzwischen kennengelernt?!

Absolut, es ist nach wie vor beruhigend Menschen zu treffen, denen es genau so geht. Ein tolles Gemeinschaftsgefühl – was auf nix außer einer Krankheit beruht, dieses Gefühl, aber trotzdem. Als ich damals die Diagnose Depression bekam und mich dann im Freundeskreis geöffnet habe, fand ich es schon beruhigend zu sehen, dass ich nicht der einzige bin. Weil auf einmal Menschen auf mich zukamen. Dieses WIR-Gefühl fand ich sehr sehr hilfreich. Weil zumindest ich mich mit Depressionen immer wahnsinnig alleine gefühlt habe – krankheitsbedingt. Dann aber zu merken, es gibt ganz viele, die ich kenne, die sich auch super alleine fühlen, hat gut getan. Man hatte dann wenigstens für eine kurze Zeit einen Verbündeten gegen die Krankheit, eine Art Komplizenschaft.

Immer mehr Menschen finden diese Komplizenschaft auch in den sozialen Medien, zum Beispiel bei Instagram. Kennst du das auch?

Ich bin zwar auf Instagram, aber eher mäßig aktiv. Vielleicht habe ich auch deswegen dort noch keine Komplizenschaft erlebt. Was ich dort kenne, sind die Einzelkämpfer. Darunter sind auch welche, die sich in ihrer Krankheit zu wohl fühlen. Die sie auch inszenieren und sogar versuchen, daraus Profit zu schlagen. Oder eben Menschen, die Instagram als Kanal nutzen um ungefiltert ihre Wut, ihre Trauer, ihre Krankheit auszuleben. Was ich stellenweise bedenklich finde. Ab einer gewissen Followerzahl werden manche Inhalte unverantwortlich.

Ich halte Instagram für Menschen mit Depression generell nicht für die ideale Plattform. Da sind immer alle schön und machen Sport und Urlaub und essen immer buntes und angeblich gesundes Essen. Damals in meiner akuten Phase war ich noch nicht bei Instagram. Ich weiß nicht, ob mir das gut getan hätte. Soziale Medien und Depression generell ist glaub ich eine schwierige Sache. Es kann total helfen, es kann aber auch super schädlich sein.

Zu welcher Seite hast du tendiert?

Ich war damals nur bei Facebook, und hab dem auch irgendwie meinen Erfolg mit zu verdanken. Die Plattform hat es mir erlaubt, mich als normal zu inszenieren nach außen. Ein komplettes Leben sozusagen nur digital zu leben. Soziale Medien machen es auf jeden Fall leichter, eine Maske zu tragen.

Da sehe ich wieder den Vorteil von “echten” Selbsthilfegruppen, die einen dazu verführen, im echten Leben rauszugehen. Die also nicht digital stattfinden. Natürlich können solche Gruppen auch digital stattfinden, aber da sehe ich eher die Aufgabe, jemanden auf diese digitale Weise aus der Wohnung zu locken. Um irgendwas gemeinsam zu tun, was nicht selbstverletzend ist.

Wie siehst du die Tatsache, dass zwischen den Generationen wenig Kommunikation stattfindet?

Muss da Kommunikation stattfinden? Muss man die zusammenbringen, die beiden Seiten? Kann das nicht parallel laufen? Ich weiß nicht, ob man da einen gemeinsamen Nenner findet. Weil die Generationen trotzdem so nah beieinander sind. Das ist nicht wie bei Rentnern und Kleinkindern, die kann man eher problemlos zusammenpacken. Im Gegensatz zu Menschen um die 60 und um die 30. Das ist weit weg und gleichzeitig zu nah. Was die Lebensrealitäten angeht und die Alltagsgestaltung.

Natürlich ist es schön gemeinsame Sachen anbieten zu können. Aber es sollte die Möglichkeit geben, das zu trennen. Vielleicht nicht nach Alter, sondern vielleicht eher nach Aktivität. Wie eben zum Beispiel Volleyball oder zusammen Kaffee trinken. Aber es gibt ja zwischen den Generationen auch viele Verbindungen. Ich merke das immer wieder, wenn Leute zu meinen Shows gemeinsam aus der Klinik anreisen. Jung und alt, als Clique zusammen, weil das eben zusammenschweißt. Da entstehen solche Gemeinschaften ganz natürlich. Es wäre absolut toll, wenn so etwas auch entstehen könnte, ohne dass davor alle in die Psychiatrie müssen.

Nun wird die eine Generation aber oft gefördert, die andere muss vermeintlich ohne solche Förderungen auskommen, …

Ich verstehe schon, dass die Krankenkassen sich gerade schwer tun einen neuen Rahmen zu finden. Dass es dauert, ein solches System an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Aber ich hoffe, dass sich alle Seiten weiter dran machen, das Fördersystem immer ein bisschen weiter zu modernisieren.

Kann ein Blog was verändern?

Absolut, da bin ich ja das beste Beispiel. Bei mir hat auch alles mit einem Blog angefangen. Gut gemachte, nicht spießige Blogs können viele Menschen erreichen. Wenn man anders, vernünftig, normal über ein Thema spricht, dann bietet ein Blog die Möglichkeit, es anders zu beleuchten. So wie mir wichtig ist, weiter andere, neue, realistischere Bilder von Depression zu vermitteln. So wie das Bild hier jetzt: wir beide sitzen jetzt hier in München auf ner Bank in der Sonne, sehen aus wie ganz normale Menschen und reden über Depression miteinander – und lachen viel.

Es wäre toll, wenn der #wirhilft-Blog dabei helfen kann, das Thema Selbsthilfe von seinem spießigen Image loszulösen, es davon zu befreien, attraktiver zu machen. Das Bild vom ewigen Stuhlkreis durch andere Bilder zu ergänzen. Wenn man da hin käme, wäre glaube ich, schon richtig vielen Menschen geholfen.

Das Interview wurde zuerst auf dem Wir hilft-Blog des Paritätischen in Bayern veröffentlicht.


Tobi Katze, Slampoet und Autor, redet nicht nur, aber auch offen über seine Erfahrung mit Depression. Mehr Infos unter: www.tobikatze.de

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