Tag für Toleranz
13.11.2020 Themen Zivilgesellschaft und Demokratie

Tag für Toleranz

Anderssein ist normal: Wir sehen verschieden aus, wir erträumen, planen und gestalten unsere Leben anders, wir haben unterschiedliche Meinungen und wir alle haben Fehler und Schwächen. Den Anderen so zu respektieren, zu akzeptieren und zu schätzen, wie er ist - das heißt Toleranz. Jeder von uns möchte als der Mensch geachtet werden, der er ist. Auch Chioma. Chioma ist 15 Jahre alt und erlebt seit ihrer Kindheit Intoleranz und Rassismus. Wegen ihrer Hautfarbe. In Nürnberg hat sie deshalb eine Black Lives Matter-Demo mitorganisiert und eine Rede gehalten. Wie sich Rassismus anfühlt und was sie sich von anderen Menschen wünscht, darüber hat sie mit uns gesprochen.

Illustration: stournsaeh Adobe Stock.com

Chioma, Du hast schon Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Warum?

Das liegt an meiner Hautfarbe. Früher haben wir in einem Dorf gewohnt. Da habe ich die ersten Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Weil ich wirklich die einzige Dunkelhäutige im ganzen Dorf war. Da war von Anfang an klar: Ich bin diejenige, die anders ist. Wegen der Hautfarbe.

Was ist Dir in dem Dorf passiert? Kannst Du eine Situation beschreiben?

In meiner Grundschulklasse zum Beispiel. Wir hatten Sportunterricht. Und in der Umkleide haben sie zu mir gesagt: Du bist als Scheiße geboren. Deine Hautfarbe ist ekelhaft.

Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten: Ich habe geweint und habe meine Klasse damit konfrontiert. Ich habe gefragt, was eigentlich das Problem ist. Und was ich getan habe, dass ich so behandelt werde. Da haben sie gesagt, ich hätte ihnen vom ersten Tag an gezeigt, wie ich sei. Wie das jetzt gemeint sei, habe ich gefragt. Da haben sie gesagt: Ja, schau dich doch mal an. Und dann schau uns an. Dann siehst du ja den Unterschied.

Kannst Du beschreiben, wie Du Dich dabei gefühlt hast?

Damals wusste ich nicht, was Rassismus ist und was mir passiert. Ich dachte, die anderen mobben mich, weil sie mich nicht mögen. Ich habe es selber nicht verstanden. Aber ich habe mich einfach ausgeschlossen und verletzt gefühlt. Wie kann man jemanden fertigmachen oder ausschließen einfach wegen der Hautfarbe?

Du hast bestimmt viel darüber nachgedacht, warum die anderen das machen. Hast Du eine Idee?

Ich denke, weil sie es einfach nicht anders kannten. Jetzt im Nachhinein denke ich manchmal, dass es nicht allein ihre Schuld war. Sie waren Kinder und hatten noch nie jemanden mit einer dunklen Hautfarbe gesehen. Sie wussten es einfach nicht besser.

Hast Du Hilfe bekommen oder konntest Du Dir Hilfe holen?

Nein.

Du warst ganz allein mit der Situation?

Ja, und die Lehrer haben es ignoriert und damit indirekt unterstützt. Das war total krass. Als Bezugspersonen haben sie total versagt: Wenn ein Erwachsener sieht, dass jemand Hilfe braucht und von den anderen Kindern anders behandelt wird – wieso schaltet er sich da nicht ein? Warum ignoriert man das? Ich meine, jeder hat doch gesehen, dass ich anders behandelt werde. Und das waren Lehrer, Erwachsene. Die wussten doch, dass das nur wegen der Hautfarbe war.

Also auch die Lehrer haben Dich anders behandelt?

Ich bin bis zur 5. Klasse in diesem Dorf geblieben. Als ich in der 5. Klasse die Schule gewechselt habe, hatte ich einen neuen Lehrer. Den hatte ich angeblich mal provoziert, weil ich die Antwort auf eine Frage nicht wusste. Und dann hat der mich wirklich „Scheiß N*ger“ genannt. Mitten durch den Raum hat er das gerufen. Meine Mutter hat ihn dann auch angezeigt. Dem Lehrer war völlig bewusst, dass er mich demütigt und wie er mich bezeichnet. Und dass er mich vor der ganzen Klasse beleidigt. Aber es war ihm trotzdem egal.

Du hast aber den Lehrer angezeigt. Das heißt, Du hast also irgendwann angefangen, Dich zu wehren?

Gewehrt habe ich mich schon immer: Ich war noch nie ein Mensch, der den Mund gehalten hat. Aber mir war bis dahin einfach nicht bewusst, um was es ging. Wenn jemand dich beleidigt und dir nicht sagt warum, dann weißt du ja auch nicht, wie Du darauf reagieren sollst.

Wie ist die Situation jetzt? Du lebst jetzt nicht mehr in dem Dorf?

Ich wohne seit fünf Jahren nicht mehr in dem Dorf.

Welche Erfahrungen machst Du jetzt? Merkst Du einen Unterschied zwischen dem Dorf und dem Ort, an dem Du jetzt lebst?

Also, das ist ziemlich unterschiedlich: Auf der Schule, auf der ich bis jetzt war, habe ich persönlich keine Erfahrungen mehr mit Rassismus gemacht. Die Schule hatte auch den Slogan „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

Aber im Alltag mache ich schon Erfahrungen. Und die sind zum Teil noch krasser, als die Erfahrungen im Dorf. Weil ich älter bin und andere vielleicht denken, sie müssen sich noch krasser äußern. Ich verstehe das Ganze jetzt auch besser. Deshalb nehme ich auch mehr Dinge als rassistisch wahr, die mir früher gar nicht aufgefallen wären.

Was denkst Du: Was muss passieren, damit Menschen, die sich Dir gegenüber rassistisch verhalten, das nicht mehr tun?

Ich denke, viele lernen schon in ihrer Kindheit, dass dunkelhäutige Menschen oder Ausländer einfach anders sind. Deswegen kommt man da mit Worten inzwischen nicht mehr weiter. Ich denke, die Menschen müssen Rassismus einfach mal selber erfahren. Es gibt viele Dinge, die muss man erleben, um sie zu verstehen.

Viele denken, dass Rassismus ein Problem in den USA ist und dass das nichts mit Deutschland zu tun hat. Dabei ist Alltagsrassismus ein riesen Problem: Viele Menschen macht der Rassismus innerlich kaputt. Weil sie nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollen. Und sie auch nicht verstehen, was sie überhaupt getan haben.

Was wünschst Du Dir: Wie sollten sich andere Menschen Dir gegenüber verhalten?

Ich bin in Deutschland geboren. Ich bin deutsche Staatsbürgerin. Ich würde mir wünschen, dass ich auch so behandelt werde. Ich werde oft so behandelt, als käme ich aus dem Ausland und würde nicht mal die deutsche Sprache verstehen. Wenn man schon mit Vorurteilen durchs Leben geht, dann soll man wenigstens versuchen, mich als Menschen und nicht als Hautfarbe zu sehen. Viele sehen nur die Farbe meiner Haut. Aber nicht meinen Charakter. Nicht meine Erfahrungen. Nicht mich als Menschen.

Viele Menschen in Deutschland bekommen von diesem alltäglichen Rassismus gar nichts mit. Sie denken: Das hat nichts mit mir zu tun. Das betrifft mich nicht. Und deshalb sagen sie auch nichts dazu. Aber wenn Du Rassismus siehst oder hörst: Dann mach was! Jeder muss verstehen, dass Rassismus auch ihn selbst betreffen kann.


Internationaler Tag der Toleranz

Am 16. November 1995 haben 185 Mitgliedsstaaten der UNESCO die Erklärung der Prinzipien zur Toleranz unterzeichnet. Deswegen wird seit 25 Jahren der heutige Tag der Toleranz gewidmet.

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