Teilhabe ist nicht Party machen
01.12.2020 Themen Corona Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Soziale Teilhabe und Armut

Teilhabe ist nicht Party machen

Kontaktbeschränkungen, Homeoffice statt Büro, Kultur- und Freizeiteinrichtungen dicht: Wer vermisst es nicht, das Leben vor Corona? Das Miteinandersein mit anderen Menschen, sich als Gemeinschaft empfinden, mit anderen zusammen gemeinsam Dinge erleben - es fehlt. Wie geht es da Menschen, deren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben schon in Vor-Corona-Zeiten eingeschränkt oder schwierig war? Zum Beispiel Menschen mit Behinderung? Sabine* und Lena* haben uns erzählt, wie sie die Corona-Krise meistern.

Symbolfoto: Jill Chen / Stocksy Adobe Stock.com

Einen Termin mit Sabine und Lena zum Telefonieren zu finden, ist nicht einfach. Trotz Corona. „Bei uns ist immer was los und wir sind normalerweise immer unterwegs“, sagt Sabine, 49 Jahre und alleinerziehend. „Wir sind ein Dreamteam“, ergänzt Lena, 24 Jahre. Als Team sind Mutter und Tochter bisher gut durch die Corona-Krise gekommen. Sicherlich auch, weil beide wissen, wie man mit schwierigen Situationen und Lebenskrisen umgeht: Sabine ist psychisch krank mit einer Borderline-Störung und Depression. Lena hat eine Autismus-Spektrum-Störung und eine geistige Behinderung. Die Corona-Pandemie bleibt trotzdem eine besondere Herausforderung.

Was Beiden zurzeit besonders fehlt, ist das Angebot des Integral e.V. in Nürnberg. Der Verein berät und unterstützt Menschen mit Behinderungen. Sabine kann sich noch genau an ihren ersten Tag im Offenen Café-Treff vor sechs Jahren erinnern: „Ich bin einfach hingegangen und habe sofort gemerkt: Hier ist jetzt Zeit nur für mich, eine Tasse Kaffee und ein Gespräch ohne Druck. Das ist ein Ort, wo keiner etwas von mir erwartet und wo ich einfach ich sein darf. Mit all meinen Problemen.“

Der Integral ist wie Familie

Dass es solche Orte gibt, sei gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen wichtig. Weil viele gar nicht wissen, dass sie oder welche Hilfe sie brauchen. Oder sich die Hilfe nicht selber holen können. Das hätte auch damit zu tun, dass viele psychisch kranke Menschen schlechte Erfahrungen machen, wenn sie sich outen. „Andere halten einen schnell einfach nur für blöd“, sagt Sabine. „Der Café-Treff ist auch deshalb ein so toller Ort, weil man hier erstmal ganz ungezwungen schauen kann, ob das überhaupt die Menschen sind, mit denen ich über meine Probleme sprechen möchte.“ Denn wenn Vertrauen da ist, sei es auch einfacher, Hilfe anzunehmen.

Inzwischen ist Sabine selber beim Integral tätig. Erst ehrenamtlich im Freizeitbereich, als Vereinsassistenz und im Café-Treff. Jetzt als 450-Euro-Kraft und Assistentin. „Das ist Inklusion pur“, lacht sie. „Von der psychisch desolaten, durchgeknallten Mutter zur geschätzten Kollegin.“

Freizeit heißt nicht, wir machen jetzt Party

Dass der Café-Treff während des Lockdown nicht öffnen darf und auch die anderen Angebote der Offenen Behindertenarbeit nicht stattfinden dürfen, macht Sabine wütend. „Es ist ganz viel Zeit und Arbeit investiert worden, um Hygienekonzepte auf die Beine zu stellen und Assistenten zu schulen. Aber weil die Angebote als Freizeit gelten, muss alles zu machen! Freizeit heißt nicht, wir machen jetzt Party!“

Was diese Angebote für die betroffenen Menschen bedeuten und was passiert, wenn sie fehlen, würde völlig unterschätzt. „Wir verlieren den Kontakt zu den Menschen, die sonst ins Café oder zu den anderen Angeboten kommen“, sagt Sabine. „Und die behinderten Menschen und ihre Familien verlieren eine leicht zugängliche Anlaufstelle, wichtige Hilfen, Tagesstruktur und ihr soziales Netzwerk.“ Über telefonischen oder schriftlichen Kontakt versuche man, so viel wie möglich abzufangen. Aber das Angebot vor Ort ist durch nichts zu ersetzen.

Sorge, dass die Puste ausgeht

Wie wichtig es ist, Kontakt zu anderen Menschen und eine Aufgabe zu haben, weiß Sabine genau. „Ich weiß, was es heißt, wenn man auf der Couch liegt und nicht mehr weiterkann, kein Geld und kein Essen hat. Ich selber habe mich dreimal aus Hartz IV herausgearbeitet und ständig Jobs als Pflegekraft verloren, weil ich wegen meiner privaten Situation nicht flexibel genug war. Deshalb mache ich mir Sorgen um die anderen. Um die, die krank sind, sich nicht selber Hilfe holen können, in Hartz IV leben oder finanziell am Ende sind.“

Sie und Lena seien bisher gut durch die Corona-Krise gekommen. Auch, weil sie sich finanziell keine Sorgen machen müssen. Und weil sie ein gutes Netzwerk haben und wissen, wo und wie man sich Hilfe organisiert. „Das ist das A und O“, sagt Sabine. Wenn sie aber an die kommenden Wochen denkt, hat sie schon manchmal Sorge, dass ihnen die Puste ausgeht.

Isolation und fehlende Teilhabe verunsichern

Wie schwierig es ist, soziale Isolation zu ertragen und im Alltag eine Struktur aufrecht zu erhalten, haben beide im ersten Lockdown gemerkt. Als Lenas Werkstatt Noris-Inklusion neun Wochen geschlossen war. „Das hat sich richtig komisch angefühlt“, erzählt Lena. Die Kollegen und die Arbeit haben ihr sehr gefehlt. „Ich saß daheim rum und bin meiner Mutter auf die Nerven gegangen. Und sie ist mir auch manchmal auf die Nerven gegangen.“

Die neun Wochen hätten aber auch etwas mit Lenas Persönlichkeit und mit ihren Fähigkeiten gemacht. „Mit der täglichen Struktur war auch plötzlich die Sicherheit in Lenas Leben weg“, ergänzt Sabine. „Sie hat sich zum Beispiel nicht mehr allein vor die Tür getraut.“ Selbständigkeit und Selbstbestimmung hätten gelitten. „Und sie hat Flexibilität verloren, weil die Herausforderung und das Lernen durch die Arbeit gefehlt haben.“

Momentan geht Lena zwei Wochen in die Werkstatt und hat eine Woche frei. So kann die Werkstatt unter Einhaltung der Hygieneregeln weiterarbeiten. „Das ist jetzt besser und ich habe in der Woche zuhause auch Zeit für Sachen, die ich in der Arbeit nicht machen kann“, sagt Lena. Was das zum Beispiel sei? „Länger schlafen oder fernschauen.“ Oder gerade ganz dringend: ein Buch abschreiben! Und schon ist sie weg. Es bleibt schwierig, mit diesem vielbeschäftigten Dreamteam zu sprechen …

*Namen von der Redaktion geändert

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