Welttag seelische Gesundheit
08.10.2020 Themen Gesundheit Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen

Welttag seelische Gesundheit

Sehr strapaziert, wenig belastbar und etwas dünnhäutig. Nein, psychisch kranke Menschen sind damit nicht gemeint. Sondern unserer Gesellschaft. Der fehle es nämlich an Toleranz, sagt Mirko Bialas vom Verein Münchner Psychiatrie-Erfahrene. Warum unsere Gesellschaft ein Problem mit psychischen Erkrankungen hat, wie psychisch kranke Menschen stigmatisiert werden und ob Corona daran etwas ändern könnte, darüber haben wir mit ihm gesprochen.

Welttag der seelischen Gesundheit: Interview mit Mirko Bialas

Herr Bialas, dank Corona sind psychische Erkrankungen derzeit häufiger Thema in der Öffentlichkeit und den Medien. Ist das eine Chance für die Wahrnehmung psychisch kranker Menschen in unserer Gesellschaft?

Ich denke, das lässt sich noch nicht sagen. Es könnte eine Chance sein. Zu Beginn der Corona-Maßnahmen gab es auch Aufmerksamkeit für psychisch kranke Menschen, die durch den Lockdown zum Beispiel noch stärker in die Isolation geraten sind. Jetzt hat sich das ein bisschen geändert. Was mir in der Diskussion außerdem fehlt, ist Ehrlichkeit. Zum Beispiel beim Thema Homeoffice. Homeoffice ist momentan etwas ganz Positives. Die Schattenseiten und die psychischen Belastungen spielen dagegen in der Diskussion derzeit kaum eine Rolle.

Was mich außerdem besorgt ist, dass Corona-Leugner und -Gegner mit so starken und psychisch kranke Menschen stigmatisierenden Namen wie „Idioten“, „Spinner“ und „Psychos“ betitelt werden …

Durch den Lockdown und die Kontaktbeschränkungen wurde für viele Menschen erlebbar, wie schnell man durch eine Veränderung in der Umwelt in einen persönlichen Ausnahmezustand kommen kann. Und dass die Depression oder die Angststörung eigentlich nur ums Eck sitzt. Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft etwas aus dieser Erfahrung lernt?

Einen gewissen Lerneffekt kann ich mir schon vorstellen. Allerdings denke ich nicht, dass es eine grundsätzliche Wandlung in der Gesellschaft geben wird. Klar: Viele haben vielleicht ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, psychisch krank zu sein. Weil viele Menschen, natürlich unter ganz anderen Voraussetzungen, in eine ähnliche Lebenslage bzw. Isolation geworfen wurden, in der wir immer drinstecken.

Ich denke aber, dass die Gesellschaft weiterhin daran interessiert ist, sich von psychisch kranken Menschen abzugrenzen. Dieser Mechanismus ist so stark, dass wir durch Corona nicht wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind oder anerkannt werden.

Warum kann unsere Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen so schlecht umgehen? Warum können wir über eine Depression nicht wie über einen Diabetes sprechen?

Das hängt mit Gewalt zusammen. Weil psychisches Leiden aus Gewalt entsteht. Wir sind Menschen, die Gewalt erfahren haben.

Heißt das, unsere Gesellschaft spricht so ungern über psychische Erkrankungen, weil sie sie selbst verursacht?

Zumindest wird nicht gerne thematisiert, dass psychisches Leiden auch Produkt einer gewaltförmigen Gesellschaft ist. Zum Beispiel beim Thema Arbeitsstress. Das sind oft Gewaltformen, die keiner Person zugerechnet werden können. Das ist strukturelle Gewalt. Da gehen Sie zu tief in die Gesellschaft rein, als dass jemand zugeben will, dass es das wirklich gibt. Auf der anderen Seite werden psychisch kranke Menschen dagegen gerne mit Gewalt assoziiert bzw. dass die Gewalt von ihnen ausginge.

Unsere Gesellschaft grenzt also lieber Menschen aus, als sich mit sich selbst auseinanderzusetzen?

Unsere Gesellschaft spart gerne aus, dass sie Probleme und Schwierigkeiten hat. Probleme werden auf die lange Bank geschoben und anderen Generationen überantwortet. Und vielleicht hat unsere Gesellschaft auch noch nicht erkannt, dass seelische Not und seelisches Leiden grundlegende Elemente des Lebens sind.

Die Verdrängung hat aber auch historische Gründe: Die Medizin hat wahnsinnige Fortschritte gemacht, seit sie angefangen hat, den menschlichen Körper zu erforschen. Die menschliche Seele stand da weniger auf der Agenda.

Psychisch kranke Menschen überlegen sich ganz genau, wem sie von ihrer Erkrankung erzählen. Und in manchen Lebensbereichen klammern sie die Erkrankung völlig aus. Was macht es mit einem Menschen, wenn er einen so wichtigen Aspekt seines Menschseins verstecken muss?

Das ist eine sehr ambivalente Geschichte… Grundsätzlich würde ich immer dazu raten, sich zu outen. Weil man so die Fäden in der Hand behält, was die Stigmatisierung betrifft. Das ist so ein Credo von Minderheiten, die Stigmatisierung herauszufordern: Andere dazu zu zwingen, Stellung zu beziehen, indem man sich selbst als Minderheit präsentiert. Das wird der „herausgeforderte“ Andere in Anwesenheit der Minderheit kaum zuungunsten der Minderheit tun.

Aber in der Praxis ist das sehr schwierig. Weil der Einzelne mit Konsequenzen rechnen muss. Zum Beispiel bei der Arbeit. Da muss man sich ganz genau überlegen, ob man sich eine Blöße geben will.

Ein Stigma ist in der ursprünglichen Bedeutung ein Mal, das jemanden oder etwas kennzeichnet. Wie werden psychisch kranke Menschen von unserer Gesellschaft „gekennzeichnet“?

Dieses Stigma ist oft unsichtbar - aber es ist da. Es ist da, wenn man keine gleichberechtigten Lebenschancen hat. Wenn man am Kuchen, den die Gesellschaft verteilt, nicht beteiligt wird. Wenn man sich nicht frei und selbstbestimmt verwirklichen kann. Viele psychisch kranke Menschen outen sich nicht, um ihre Lebenschancen nicht zu verlieren.

Wie das mit dem Stigma läuft, kann man gut nachvollziehen, wenn man sich die Selbststigmatisierung anschaut. Stellen Sie sich vor, Sie bekommen gesagt: „Sie müssen in die Psychiatrie!“ Dann fällt dieses Stigma der Gesellschaft auf Sie selbst zurück. All die Dinge, die Sie selbst oder andere über Menschen, die in der Psychiatrie sind, gedacht oder gesagt haben. Diese Selbststigmatisierung ist ein Phänomen, dass jeder Betroffene kennt.

In welchen Lebensbereichen ist die Gefahr, Lebenschancen zu verlieren, besonders groß?

Arbeit ist ganz wichtig. Aber auch im Privaten ist es schwierig. Manche sagen: Da trennt sich die Spreu vom Weizen, zum Beispiel bei den Freunden. Mit dem Outen lässt man sich auf einen Prozess ein, bei dem man nicht weiß, was zum Schluss rauskommt. Weil es immer Zeit braucht, um herauszufinden, wie andere tatsächlich zu einem stehen.

Der dritte Bereich ist der Bereich der Psychiatrie selbst, also der helfende Bereich. Auch da gibt es nach wie vor Stigmatisierungen, Vorbehalte und Vorurteile. Die laufen oft „unter der Hand“, aber manchmal dringen sie auch an die Oberfläche.

Die Psychiatrie haben Sie jetzt schon zweimal erwähnt. Ist das Hilfesystem Teil des Problems?

An einer Stelle bestimmt: Nämlich wenn es darum geht, ob man in die Psychiatrie kommt oder nicht. Denn wenn man in die Psychiatrie kommt, empfindet man das für sich selbst als einen Qualitätsverlust. Das hat sicher mit einer Berichterstattung zu tun, die Forensik mit Psychiatrie gleichsetzt. Aber auch damit, dass es in den Psychiatrien immer noch zu Übergriffen unter Patienten kommt. Dass nicht wirklich in die Psychiatrien hineingeschaut wird, zum Beispiel beim Thema Fixierung. Psychiatrie wird auch deshalb oft mit Gewalt assoziiert.

In Deutschland und Bayern werden Menschen zu schnell mit richterlichem Beschluss in die Psychiatrie eingewiesen, mit Medikamenten versorgt oder rechtliche Betreuer werden eingesetzt. All diese Dinge stigmatisieren. Das Etikett „Ich war in der Psychiatrie“ wird einem regelrecht aufgebrummt.

Was wir brauchen, ist das Gespräch mit den Menschen, einen Dialog und einvernehmliche Lösungen. Eine echte Chance, Hilfe an- und wahrzunehmen. In Finnland zum Beispiel hat sich gezeigt, dass bei so einem offenen Dialog viel mehr Menschen im Berufsleben bleiben können.

Wie das Hilfesystem mit Menschen umgeht, hat also Einfluss darauf, wie sie von der Gesellschaft gesehen werden?

Was im Hilfesystem fehlt, ist Mitsprache. Psychisch kranke Menschen sind eine Bevölkerungsgruppe, die keine Macht hat. Weil sich psychisch kranke Menschen in keinem Disput behaupten können, weil sie immer pathologisiert werden und immer gesagt werden kann: Der reagiert jetzt nur so, weil er psychisch krank ist. Das ist eine Falle, in der man steckt. Und das ist auch ein Grund dafür, dass sich psychisch kranke Menschen so ungern outen.

Also ein echtes Dilemma: Outen oder Nicht-Outen. Was empfehlen Sie Menschen, die zu Ihnen in die Beratung kommen?

Politisch gesehen, wäre es natürlich gut, wenn sich viele Menschen outen! Ungefähr ein Drittel aller Bundesbürger sind irgendwann in ihrem Leben psychisch erkrankt. Letztendlich muss das aber jeder für sich selbst entscheiden.

In einem Buch über Selbstmord und Selbstmordvorsorge habe ich mal gelesen: Ein suizidgefährdeter Mensch kann kein glückliches, aber ein befriedigendes Leben führen. Ein befriedigendes Leben – wohl niemand von uns möchte von der Gesellschaft „zugewiesen“ bekommen, welches Leben er führen darf. Ich rate deshalb immer, sich nur soweit zu outen, dass einem ein glückliches Leben nicht abgesprochen werden kann. Das Outen kann ein unwahrscheinliches Risiko darstellen.

Was muss passieren, damit sich psychisch kranke Menschen outen können, ohne ihre Existenz oder ihre persönlichen Beziehungen zu gefährden?

Von den Medien wünsche ich mir eine differenziertere Berichterstattung: Dass unterschieden wird und dass von uns grundsätzlich nicht viel Gewalt ausgeht.

Unsere Gesellschaft muss begreifen, dass es vom Zufall abhängt, ob man psychisch erkrankt oder nicht. Dass es keine Sache ist, die vordeterminiert ist. Sondern etwas, das jeden treffen kann. Aber das würde bedeuten, dass sich Menschen mit ihren eigenen Ängsten auseinandersetzen müssen - und das ist immer schwierig …

Ich wünsche mir, dass genauer auf die Psychiatrien geschaut wird. Psychiater haben Macht über uns. Was da fehlt, ist gesellschaftliche Kontrolle und ein gesellschaftlicher Diskurs. Wenn psychisch kranke Menschen nicht mehr in der „Schmuddelecke“ stehen, weil sich die Gesellschaft auch um die Bedingungen im Hilfesystem kümmert, dann könnten sich auch bestimmte Wahrnehmungen in der Öffentlichkeit ändern.

Zu mir hat mal jemand gesagt, er wünscht sich, dass es einen Erste-Hilfe-Kurs für psychische Erkrankungen gibt. Halten Sie es für sinnvoll, Kinder und Jugendliche in der Schule darauf vorzubereiten, dass sie selbst oder Angehörige von einer psychischen Erkrankung betroffen sein können?

Es gibt Konzepte, in die Schulen zu gehen. Zum Beispiel von BASTA, einem Bündnis für psychisch erkrankte Menschen. Und vor einem Jahr ist der Film „Grau ist keine Farbe“ – eine Doku über Jugendliche mit Depression - erschienen. Jugendliche haben daraufhin eine Petition initiiert, dass psychische Erkrankungen gerade in der Pubertät kein Tabu-Thema sein sollten. Viele Jugendliche ergreifen selbst die Initiative und machen psychische Erkrankungen an ihren Schulen zum Thema.

Ich persönlich finde es allerdings nicht so gut, wenn man Kinder mit Problemen überfrachtet, die eigentlich die Gesellschaft lösen muss. Anderseits kann man über Bildung einiges verändern. Und vielleicht ist es der einzig wirkliche Ansatz, den wir haben.

Wo es aber an Aufklärung fehlt, ist zum Beispiel bei der Polizei. Das macht BASTA auch: In die Polizeischulen gehen und dort über psychische Erkrankungen informieren und sensibilisieren.

Polizei, Einweisung in die Psychiatrie … Knackpunkte sind also dort, wo es zu krisenhaften Situationen mit psychisch kranken Menschen kommen kann?

Neuralgische Punkte sind für uns die Polizei, das Wohnen – wenn man in einen psychotischen Schub hineingerät, dann kriegen die Nachbarn das einfach mit – die Arbeit und der Gesundheitsbereich. Wenn man dort mehr aufklären und sensibilisieren würde für unsere Probleme und die Zufälligkeit des Ganzen - das würde schon helfen. Da könnten relativ schnell konkrete Probleme aus dem Weg geräumt werden.

Über das Wohnen haben wir noch nicht gesprochen … Wo kann ich mir Hilfe holen, wenn ich Probleme mit der Nachbarschaft habe?

In München kann man sich an den Behindertenbeauftragten der Stadt wenden: Dort gibt es eine Fachstelle für Beratung und Antidiskriminierung. Das Problem ist aber, dass man sich in einem Schub oft keine Hilfe holt. Da kommt dann diese Machtlosigkeit ganz stark zum Tragen: Man ist dem Vermieter, der Hausgemeinschaft oder der Hausverwaltung total ausgeliefert. Man bekommt nicht die Chance, seinen Schub auszuleben - und es hinterher dann auch wieder richtig zu stellen. Da fehlt häufig eine Art „Kulanz“. Dass man eben auch mal in der Unterhose im Treppenhaus rumlaufen kann, ohne das gleich die Hausverwaltung eingeschaltet wird.

Das hat auch was mit der Normalisierung von psychischen Erkrankungen in der Öffentlichkeit zu tun. Dass die sogenannten „Spinner“ in unserer Gesellschaft eben auch einfach dazu gehören dürfen. Da fehlt Toleranz. Unsere Gesellschaft ist sehr strapaziert, wenig belastbar und etwas dünnhäutig: Normabweichungen werden einfach nicht ausgehalten.

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