Wir müssen reden!
27.01.2021 Themen Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Zivilgesellschaft und Demokratie Demokratie stärken

Wir müssen reden!

Eine Art „Erste-Hilfe-Kurs für psychische Erkrankungen“ und dass über psychische Erkrankungen mehr geredet wird – das wünscht sich Jeyakanthan Nagalingam. In Erlangen arbeitet er beim wabe e.V. in der Küche. Während seiner Arbeitspause sprechen wir mit ihm über seine berufliche Zukunft, den Umgang mit psychischen Erkrankungen in der Familie und seine Wünsche an unsere Gesellschaft.

Herr Nagalingam, kommende Woche beginnen Sie ein Praktikum auf dem ersten Arbeitsmarkt. Freuen Sie sich schon?

Nee, ich habe ein wenig Angst … Weil das der erste Arbeitsmarkt ist. Das heißt, andere Geschwindigkeit und so. Und ich kann mir im Augenblick einfach nicht vorstellen, wie das alles dort ist. Aber ich bin da auch offen! Also, ein Teil von mir hat Angst, ein Teil ist offen und ein Teil sagt: Ziel erreicht. Und ein Teil lässt es einfach auf sich zukommen.

Leider ist der erste Arbeitsmarkt nicht so aufnahmefähig für psychisch kranke oder behinderte Menschen. Deshalb verheimlichen auch viele ihre Erkrankung. Das ist schwierig und sollte sich ändern.

Sie haben eine Behinderung?

Ja, ich habe eine Schizophrenie. Also ich bin psychisch, seelisch behindert.

Mit Ihrer Behinderung haben Sie wahrscheinlich auch schon andere, weniger gute Erfahrungen gemacht …

Ich habe Diskriminierung und Rassismus erlebt. Zum einen wegen meiner Herkunft, als ich neu in Deutschland war. In meiner Familie habe ich Diskriminierung erlebt, weil ich behindert bin.

Was haben Sie konkret erlebt?

Ich bin 1990 aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen. Einmal im Kinderhort ist ein Freund zu mir gekommen und hat gesagt: „Hey, der Junge da drüben hat gerade N*ger zu Dir gesagt.“ Davor hatte ich dieses Wort noch nie gehört! Aber ich habe gleich gemerkt: Das ist ein Schimpfwort. Das war mein erstes Erlebnis mit Rassismus.

Was haben Sie wegen Ihrer Behinderung erlebt?

Ich bin zwischen 2003 und 2005 behindert geworden. Meine Familie konnte damit überhaupt nichts anfangen. Meine Mutter zum Beispiel wollte, dass ich arbeiten gehe. Sie konnte nicht akzeptieren, dass ich Defizite im sozialen Leben, im häuslichen Leben, in der beruflichen Entwicklung habe. Sie hat zum Beispiel zu mir gemeint: „Geh doch Arbeiten – wo ist das Problem?“ Und ich dachte nur: Ich bin froh, dass ich überhaupt meinen Tag überlebe! Morgens aufstehe und abends ins Bett gehe. Arbeiten – wie soll ich das noch schaffen?

Wie fühlt sich das für Sie an, wenn schlecht über Sie geredet wird? Oder wenn Sie merken: Ich werde nicht so akzeptiert, wie ich bin?

Mich interessiert so etwas gar nicht. Ich habe mich davon schon immer ferngehalten. Klar, der eine fühlt sich beleidigt. Der andere bekommt Angstzustände oder soziale Phobien.

Das perlt einfach so an Ihnen ab?

Ja: Ich will davon nichts wissen. Ich will von manchen Sachen einfach nichts wissen.

Was denken Sie, warum sich manche Menschen so verhalten? Oder warum es Ihrer Mutter so schwergefallen ist, Ihre psychische Erkrankung zu akzeptieren?

Ich denke, dass die psychische Erkrankung ein Tabu-Thema, ein Scham-Thema ist. Also, wenn jemand eine andere Krankheit hat: Das erwähnt er. Das kann er öffentlich machen. Aber über psychische Erkrankungen wird nicht viel geredet. Meine Nachbarin – eine 90-jährige alte Dame - hat mal gesagt: Früher wurden solche Menschen zu Hause versteckt. Eingesperrt. Das ist heute nicht mehr so. Aber gesellschaftlich akzeptiert sind psychische Erkrankungen nicht. Das ist – denke ich – der Hauptgrund.

Andere Behinderungen sieht man oder man kann sie nicht verheimlichen. Zum Beispiel eine körperliche Behinderung kann man sehen. Aber eine psychische Behinderung oder Erkrankung ist ja selbst für viele selbst betroffene Menschen nicht greifbar. Und wird von vielen Menschen nicht anerkannt.

Was würden Sie sich von anderen Menschen wünschen?

Was würde ich mir wünschen … Ich denke mal, wenn man genauer hinschaut, kennt jeder jemanden, der psychisch krank ist. Sich mit diesen Menschen auseinandersetzen und sie kennenlernen – das würde ich mir von anderen Menschen wünschen.

Also auf psychisch kranke Menschen zugehen und herausfinden, wie sie sind?

Nein, weil die Menschen sind sowieso individuell. Krank oder nicht krank: Jeder ist eine Person für sich.

Ich meine, um herauszufinden, was die Krankheit ist. Das wäre wichtig. Borderline, Depression, Schizophrenie: Was ist das und woher kommt das? Warum verhält sich die Person so? Warum redet die Person so? Warum hat sie Ängste? Warum kann sich eine Person am allgemeinen Leben nicht beteiligen?

Also: Wenn die Menschen mehr über psychische Krankheiten wüssten – das würde helfen?

Ja. Ich wünsche mir, dass man über psychische Erkrankungen redet, als wäre es eine „Standardkrankheit“. Man spricht es nicht gern an, dass man psychisch krank ist. In der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis wird es auch nicht gerne erwähnt. In meiner Familie und in meinem Freundeskreis gab es keine Aufklärung, was eine psychische Erkrankung ist. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass man weiß: Es gibt psychische Erkrankungen und man kann sie behandeln. Ich wünsche mir so eine Art Grundaufklärung -  wie bei einem Erste-Hilfe-Kurs.

Kommende Woche verlassen Sie den wabe e.V. Sind Sie ein wenig wehmütig?

Bei wabe ist es super! Ich habe zuerst im Betreuten Wohnen gelebt. Da fand ich es schon super. Und auch jetzt beim Arbeiten bin ich gut aufgehoben.

Das ist nicht überall so. Ich habe teilweise erlebt, dass psychisch kranke Menschen angeschrien werden oder dass die Mitarbeiter der Einrichtung die psychisch kranken Menschen dominieren. Dass in manchen Einrichtungen gar nicht das Programm angeboten wird, das im Internet erwähnt wird. Oder sie nicht wie versprochen beschäftigt werden. Psychisch kranke Menschen können selten selbst ihre Meinung ausdrücken, sich wehren oder für ihre Rechte einstehen. Ich wünsche mir deshalb, dass auch die sozialen Einrichtungen für psychisch kranke Menschen genauer angeschaut werden und geguckt wird, wie sie geführt werden.


Gerade in den sozialen Medien ist demokratie- und menschenfeindlicher Hass stark verbreitet. Im Rahmen des Projekts „Demokratie stärken“ setzt der Paritätische in Bayern diesem Trend etwas entgegen, indem er Menschen zu Wort kommen lässt, die Hass und Diskriminierung erleben, und indem er sich klar und vernehmbar positioniert für eine offene, vielfältige und tolerante Gesellschaft, in der alle Menschen die gleichen Rechte haben, unabhängig von zum Beispiel deren Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung.

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