Menschen mit Behinderungen: Leben in Zeiten von Corona

Leben in Zeiten von Corona

Was beschäftigt Menschen mit Behinderungen momentan? Was vermissen sie, welche positiven Erfahrungen haben sie in der Corona-Krise gemacht und was wünschen sie sich für die Zukunft? Das fragen wir an dieser Stelle verschiedene Menschen mit Behinderungen und ihre professionellen sowie ehrenamtlichen Helfer*innen aus der Sozialen Arbeit.

Wolfgang und Erwin

Den Anfang machen Erwin und Wolfgang.

Erwin, seit 1994 an MS (Multiple Sklerose) erkrankt und seit 2011 Arbeitgeber von sechs Assistenten im Arbeitgebermodell, hat einen Pflegebedarf von 24 Stunden am Tag. Sein Assistent Wolfgang ist praktisch ein "Kind der ersten Stunde": Die beiden haben wirklich fast schon alles zusammen erlebt.

Momentan reden alle über Corona. Was hat sich bei Euch durch Corona verändert?

Erwin: Irgendwie kommt es mir vor, als gäbe es eigentlich nur noch eine Katastrophe, die alles andere in den Hintergrund rücken lässt. Wenn man in der Früh das Radio anmacht: Corona. Im Fernsehen, ob öffentlich-rechtlich oder privat: Corona. Die Wohnung soll man nicht verlassen, und wenn doch nur mit Gesichtsmaske, wegen Corona. Spricht man mit den Leuten, heißt es sofort: "Hast du das Neueste schon über Corona gehört?"

Angehörige im Krankenhaus oder im Altersheim darf man nicht mehr besuchen, wegen Corona. An sich völlig gesunde Menschen gehen sich mit großem Sicherheitsabstand aus dem Weg, weil sich der andere vielleicht bei irgendwem, irgendwo mit dem Virus angesteckt hat.

Prepper kaufen so viel Klopapier, dass das drei Tage lang ausverkauft ist und schlagen sich dafür sogar fast die Köpfe ein ...

Kurz: der ganz normale Wahnsinn, nur noch etwas verrückter.

Wolfgang: Ich bin dankbarer für meine Tätigkeit geworden. Ich lebe bewusster und mitfühlender.

Was vermisst Ihr momentan am meisten? Und was ist momentan besonders schwierig?

Erwin: Am meisten vermisse ich, dass ich meine Familie und meine Freunde gerade nicht so zwanglos treffen kann.

Aber ich vermisse auch, dass Menschen fast weltweit ihre Selbstbestimmungsrechte nicht deutlicher verteidigen. Da kursieren plötzlich Begriffe wie "bargeldloser Zahlungsverkehr an den Kassen", "Corona-Virus App" oder "flächendeckende Zwangsimpfung" unter dem Deckmantel der Corona-Bekämpfung.

Ich glaube nicht, wenn wir uns alle schön gläsern gemacht haben, dass diese schönen Erfassungsmöglichkeiten von den Behörden im Dienste des öffentlichen Interesses wieder aufgegeben werden.

Wolfgang: Die übertriebene Angst, sich anzustecken, sorgt für absurde Verhaltensweisen. Manche Menschen trauen sich nicht mal mehr, einem in die Augen zu schauen. Andere machen einen Bogen mit einem Radius von fünf Metern um einen. Auch sorge ich mich sehr um diejenigen, deren Existenzen nicht nur bedroht sind, sondern vernichtet - und das sind nicht wenige.

Was würde Euch in der jetzigen Situation am meisten helfen?

Erwin: Eine realistische Sicht auf die Dinge, die hier passieren. Das ist mit Sicherheit nicht die größte Geißel, die die Menschheit jemals erfasst hat. Die Spanische Grippe hat zu Anfang des 20. Jahrhunderts weit mehr Opfer verlangt, als das gerade grassierende Virus. Die Grippewellen der jüngst vergangenen Jahre auch. Von den multiresistenten Krankenhauskeimen, die jedes Jahr viele Tausende Leben kosten, ganz zu schweigen.

Und dann natürlich endlich eine leistungsgerechte Bezahlung von so vielen, für die Gesellschaft wirklich notwendigen Berufen. Wie zum Beispiel alle sozialen, nahrungserzeugenden und die Gesellschaft beschützenden Berufe. Da hätten diese ganzen Notfallschirme, die jetzt so großzügig aufgespannt werden, viele, viele Leben retten oder Lebensumstände entscheidend verbessern können.

Wolfgang: Ich hoffe sehr, dass die Menschen ihre Angst und Panik möglichst schnell verlieren und wieder offen aufeinander zugehen. Dass die Politik ihre Fehler erkennt und öffentlich eingesteht. Dass die Regierung in ihrer Ignoranz und Arroganz nicht völlig den Kontakt zum realen Leben der Bevölkerung verliert.

Gibt es für Euch auch gute Dinge an der Corona-Krise?

Erwin: Es herrscht jetzt gerade eine größere Wertschätzung von systemrelevanten Berufen und deren aufopferungsvolle Arbeit. Jetzt muss sich das nur noch in bare Münze niederschlagen.

Aber ich finde auch toll, wie schnell die Natur beginnt, sich von unseren zivilisatorischen Sünden zu erholen. Da sieht man ganz deutlich: Die Welt hat uns nicht nötig, aber wir die Welt.

Wolfgang: Da die Straßen leer sind, ist mir das Autofahren in die Arbeit zum Vergnügen geworden. Ich finde gut, dass es Menschen gibt, die selbst denken und nicht alles glauben, was man ihnen erzählt.

Was wünscht Ihr euch für die Zukunft bzw. wenn die Corona-Krise vorbei ist?

Erwin: Ich wünsche mir, dass das ewige Streben nach größer, schneller, besser und schöner aufhört und dafür das Bewusstsein wächst, dass wir gemeinsam viel mehr erreichen können. Und, dass wir diese Zeit nie vergessen.

Wolfgang: Ich hoffe, die Menschen leben nach der Krise bewusster. Es wäre schön, wenn das Kommerzdenken etwas abflaut und mehr Dankbarkeit für das Leben an sich Einzug in die Herzen der Menschen hält. Es wäre zu wünschen, dass die Menschen wieder zufriedener sind und nicht nach immer mehr Macht und Besitz streben.

Gerade die Arbeit in der persönlichen Assistenz mit Menschen, die einen pflegerischen Hilfebedarf haben, kann so viele Aspekte bedienen, die zur Zeit so hoch angesehen sind.

 

VbA Selbstbestimmt Leben e.V. München

VbA Selbstbestimmt Leben e.V. München ist eine Initiative von Menschen mit Behinderungen. Der Verein vertritt seit 1990 im Raum München die Interessen von behinderten Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von (Sonder-)Einrichtungen praktizieren oder anstreben. Der VbA bietet Menschen mit Behinderungen professionelle Serviceleistungen an (Beratungen, Lohnabrechnungen, Schulungen, Seminare, Begegnungsangebote, Vernetzung etc.). Der Verein setzt sich ein für das uneingeschränkte Wunsch- und Wahlrecht von Menschen mit Behinderungen und die gesetzliche Verankerung und bundesweite Finanzierung des „Arbeitgebermodells“ als alternativem Hilfesystem.

Ausführliche Informationen gibt es auf der Internetseite des VbA Selbstbestimmt Leben e.V.