Verschwörungsmythen in Corona-Zeiten

Demokratie stärken

„Große Dinge“ müssen auch eine „große Ursache“ haben

Warum sich so viele Verschwörungserzählungen um Corona ranken und wie man damit umgehen kann

Begegnen Ihnen in den letzten Monaten auch immer häufiger Menschen, die von einem angeblichen Geheimplan überzeugt sind, der hinter Corona stecken soll? Menschen, von denen Sie solche Äußerungen nie erwartet hätten? Damit sind Sie nicht alleine. „In den ersten Wochen der Pandemie explodierten im Internet die Zahl kursierender Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen zu Corona“, berichtet Bürgerrechtlerin und Publizistin Katharina Nocun. Gemeinsam mit der Sozialpsychologin Pia Lamberty hat sie im April 2020 das Buch „Fake Facts. Wie Verschwörungserzählungen unser Denken bestimmen“ veröffentlicht. Seitdem ist sie begehrte Interviewpartnerin zu dem Thema. Für die Mitglieder des Paritätischen in Bayern hat sie nun ein Online-Seminar angeboten.

Wie relevant ist das Thema überhaupt?

„17 Prozent glauben jeweils, dass Corona menschengemacht sei oder dass Corona ein Schwindel sei. Neun Prozent in beiden Gruppen glauben an beides. Insgesamt sind 25 Prozent der Bevölkerung für Verschwörungserzählungen zu Corona empfänglich.“ Und warum ist das problematisch? „Diese Menschen halten sich weniger an Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.“ Für unsere Demokratie bedenklich ist, dass Verschwörungsgläubige häufig ein generelles Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, den Medien und der Wissenschaft hegen. „Die stecken doch eh alle unter einer Decke, ist eine verbreitete These.“ Zudem kann der Glaube an Verschwörungen radikalisieren: „Fast jede*r Vierte mit einer hohen Verschwörungsmentalität zeigt eine höhere Gewaltbereitschaft.“ Auch die Attentäter von Halle, Hanau und Christchurch hingen Verschwörungserzählungen an. „Diese Gefahr dürfen wir auf keinen Fall unterschätzen. Wer nicht mehr daran glaubt, dass es etwas bringt, sich politisch innerhalb eines Systems zu engagieren, ist eher zu Gewalt bereit.“

Welche Menschen sind denn anfällig für Verschwörungsglauben?

„Geschlecht, Bildungsgrad und politische Ausrichtung spielen eine geringe Rolle. Zwar sind viele AfD-Anhänger*innen anfällig, aber auch die linke Szene und die Mitte der Gesellschaft sind nicht immun. Entscheidend ist ein empfundener Kontrollverlust.“ Dieser könnte durch persönliche Krisen oder eben auch durch große Ereignisse wie eine Pandemie ausgelöst werden. „Die Verschwörungserzählung dient hier als ein psychologisches Hilfskonstrukt. Indem ich einen Schuldigen an der Situation ausmache, komme ich leichter mit meiner Unsicherheit klar.“ Zudem sei es menschlich, hinter großen Dingen große Ursachen zu vermuten. „Das erklärt, warum es zum Beispiel über den Tod von Prominenten so viele Verschwörungserzählungen gibt.“ Verbreitet sei auch das Gefühl, eine geheime Wahrheit zu kennen. „Menschen, die sich von anderen abheben wollen, sind anfälliger für Verschwörungserzählungen.“

Was können wir tun?

„Im öffentlichen Raum braucht es Gegenrede. Wir müssen an die stillen Mithörer*innen bzw. Mitleser*innen denken. Einen Verschwörungsgläubigen kann am ehesten das persönliche Umfeld erreichen. Man sollte ruhig und sachlich bleiben und auf keinen Fall abwertend werden“, rät Katharina Nocun. Außerdem sei es wichtig, die Diskussion nicht ausufern zu lassen. „Lieber erstmal bei einem guten Argument bleiben.“ Auch Fragen könnten helfen, gerade bei denjenigen, die schon sehr weit in eine Parallelwelt abgetaucht seien. „Am besten zwischendurch auch einfach mal fragen, wie es der Person geht.“ So kann man herausfinden, ob eine private Krisensituation etwa eine Rolle spielt.

Bei antisemitischen und rassistischen Äußerungen sei aber eine Grenze überschritten: „Hier braucht es eine klare Gegenrede.“ Und auf politischer bzw. gesellschaftlicher Ebene? „Ich halte nichts davon, Verschwörungserzählungen noch weiter zu verbreiten. Screenshots von einschlägigen Telegram-Channels sind kontraproduktiv.“ Politische Strategien gegen Kontrollverlust könnten helfen, genauso wie Aufklärung in der Schule und über Projekte sowie spezialisierte Beratungsangebote. „Aktuell empfehle ich die Sektenberatung und Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus. Wir brauchen aber insgesamt mehr und vor allem besser ausgestattete Stellen, die sich auf den Umgang mit Verschwörungsglauben spezialisieren.“

Verantwortlich:

Christa Landsberger, Projektleitung Demokratie stärken