www.paritaet-bayern.de: Paritätischer Wohlfahrtsverband, Landesverband Bayern e.V. https://www.paritaet-bayern.de/ Paritätischer Wohlfahrtsverband, Landesverband Bayern e.V. Aktuelle Meldungen de www.paritaet-bayern.de: Paritätischer Wohlfahrtsverband, Landesverband Bayern e.V. https://www.paritaet-bayern.de/fileadmin/verband/bund_2015/theme/img/icon_newsfeed.gif https://www.paritaet-bayern.de/ 16 16 Paritätischer Wohlfahrtsverband, Landesverband Bayern e.V. Aktuelle Meldungen TYPO3 - get.content.right http://blogs.law.harvard.edu/tech/rss Mon, 22 Nov 2021 14:13:16 +0100 Motivational Interviewing Grundkurs https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=11&tx_ttnews%5Bday%5D=22&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23482&cHash=845a2171e643ee8ff9e0a9b2b11316c3

]]> ]]> ZIELGRUPPE

Pädagogische Fachkräfte

INHALTE

Motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing,

kurz MI) ist ein klient*innenzentrierter Ansatz der

Gesprächsführung mit dem Ziel, die Eigenmotivation

zur Änderung problematischen Verhaltens zu steigern.

Ausgangspunkt des MI bildet die Annahme, dass Menschen

ambivalent sind. Das heißt: Es gibt gute Gründe für, aber

auch gegen die Änderung eines Verhaltens. Wenn man dies

zulässt und bestimmte Gesprächsprinzipien (z. B. beim

Auftauchen von Widerstand) beherzigt, wird der Patient

„automatisch“ zum Fürsprecher der eigenen Veränderung.

Die Seminarteilnehmer*innen erhalten einen Überblick über

den Ansatz des MI und eignen sich praktisches

Handwerkszeug in MI-Basismethoden an:

■ Bewusstmachen der eigenen Grundhaltung

■ den eigenen Handlungsspielraum im Hinblick auf

motivierende Gesprächsführung erkennen und

ausfüllen können

■ die Werkzeuge kennen, beherrschen und zum geeigneten

Zeitpunkt anwenden können

■ die erlernten MI-Kompetenzen zur Burnout-Prävention

einsetzen können

REFERENTIN

Gela Böhrkircher,

Dipl.-Sozialpädagogin,

GK Quest Akademie GmbH

TEILNEHMER*INNENZAHL

Online: 14 Plätze

Präsenz: 16 Plätze

KOSTEN

520,- € Teilnahmegebühr

16,- € pro Tag Verpflegungskosten

(nur bei Präsenzveranstaltung)

VERANTALTUNGSTAGE

22.11.2021

23.11.2021

30.11.2021

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Termine Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Mon, 22 Nov 2021 14:13:16 +0100
Vertiefungsseminar Traumatisierungen, Traumafolgestörungen und Sucht https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=11&tx_ttnews%5Bday%5D=10&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23319&cHash=2fef743b8b2a81923fe0c8d927debb78

]]> ]]> ZIELGRUPPE

Mitarbeiter*innen im Suchtbereich, die sich

für ihre tägliche Arbeit mit traumatisierten

Suchtmittelabhängigen fortgeschrittenes Knowhow aneignen möchten.

INHALTE

Die Fortbildung ist ein Kompaktseminar für Fortgeschrittene

mit praktischer Fallarbeit.

■ Aspekte der Entwicklungspsychologie, Traumatisierungen

und die Entstehung von Traumafolgestörungen, Umgang

und Behandlung von Menschen mit Traumafolgestörungen,

Zusammenhang zwischen Traumatisierungen,

Traumafolgestörungen und Sucht

■ Praxis psychosozialer Arbeit: Die Rolle des*der Berater*in,

Therapeut*in, Betreuer*in und sein*ihr Umgang mit

traumatisierten Suchtmittelabhängigen: Bearbeitung von

Fallbeispielen aus der Praxis der Teilnehmer*innen

REFERENT

Jürgen Glatting,

Dipl.-Psychologe, Psychologischer

Psychotherapeut, Einrichtungsleitung

ÜWG, Condrobs e. V., Lehrbeauftragter

an der Katholischen Stiftungshochschule

München im Masterstudiengang Suchttherapie,

Weiterbildung am Münchner

Institut für Traumatherapie

TEILNEHMER*INNENZAHL

15 Plätze

KOSTEN

180,- € Teilnahmegebühr

16,- € Verpflegungskosten

(nur bei Präsenzveranstaltung)

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Termine Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Wed, 10 Nov 2021 11:34:17 +0100
Tanz mit dem Wiederstand: Motivierende Gesprächsführung https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=11&tx_ttnews%5Bday%5D=08&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23317&cHash=8e45d035198a9c1c4c16b65868eec242

]]> ]]> ZIELGRUPPE

Fortbildung für alle Akteur*innen im Bereich der Suchttherapie

für Neueinsteiger*innen und zur Vertiefung

INHALTE

Für alle Neueinsteiger*innen im Bereich der Suchtthematik

stellt es eine große Herausforderung dar, mit Betroffenen

und Angehörigen gelungene Gespräche zu führen.

Motivierende Gesprächsführung ist die Brücke für

konstruktive Kommunikation.

■ Einblick in die Methode der Motivierenden Gesprächsführung

und einzelne Module des NLP

(Neuro Linguistisches Programm)

■ Erarbeiten gezielter Kommunikationsstrategien und

-kompetenzen anhand praktischer Fallbeispiele aus Ihrem

Arbeitsalltag und Situationssequenzen: Gelegenheit, Ihre

individuellen Anliegen aus dem jeweiligen Arbeitsfeld

einzubringen und Gesprächssituationen zu erproben.

REFERENTIN

Dr. Carolin Zeller,

Psychologin, Abteilungsleitung Landkreis

Garmisch-Partenkirchen, Condrobs e. V.

TEILNEHMER*INNENZAHL

12 Plätze

KOSTEN

180,- € Teilnahmegebühr

16,- € Verpflegungskosten

(nur bei Präsenzveranstaltung)

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Termine Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Mon, 08 Nov 2021 11:26:56 +0100
Sucht im Alter - (K)ein Tabu https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=10&tx_ttnews%5Bday%5D=26&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23459&cHash=108b0ba624c45a6eed015689837e61c8

]]> ]]> ZIELGRUPPE

Alle Fachkräfte, die sich für dieses Thema interessieren

INHALTE

Das Älterwerden ist mit großen Herausforderungen

verbunden: der Wegfall gewohnter Strukturen, körperliche

Einschränkungen, Krankheits- und Todesfälle im

Bekanntenkreis oder des Partners. Potenzielle Suchtmittel

können zu schnell verfügbaren, vermeintlichen Abhilfen

werden, die mit erheblichen Risiken und Folgeschäden

einhergehen. Schädlicher Konsum oder eine Abhängigkeit

werden bei älteren Menschen oft nicht oder erst spät

erkannt, da die Folgeschäden meist fälschlicherweise dem

Alter angelastet werden.

Die Schulung gibt Mitarbeiter*innen der offenen und

ambulanten Seniorenarbeit Methoden an die Hand,

■ die eigene Haltung zu reflektieren

■ gesundheitlich riskanten Konsum oder süchtiges

Verhalten bei Senior*innen feinfühlig anzusprechen

■ Ressourcen zu stärken und Hilfe anzubieten

■ und dabei die eigenen Grenzen und Handlungsmöglichkeiten

gut im Blick zu behalten.

REFERENTINNEN

Dr. Carolin Zeller,

Psychologin, Abteilungsleitung Landkreis

Garmisch-Partenkirchen, Condrobs e. V.

Philine Altebäumer

MPH, Sozialpädagogin B.A.,

Suchtberatungsstelle Starnberg,

Condrobs e. V.

TEILNEHMER*INNENZAHL

12 Plätze

KOSTEN

180,- € Teilnahmegebühr

16,- € Verpflegungskosten

(nur bei Präsenzveranstaltung)

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Termine Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Tue, 26 Oct 2021 13:49:15 +0200
Mit Storytelling überzeugend kommunizieren https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=10&tx_ttnews%5Bday%5D=26&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24253&cHash=4fb262a4c3110fa70f7a60ebb83c4df4

]]> ]]> Seminar mit Sandra Masemann

Alles, was unter die Haut geht, wird zwangsläufig besser abgespeichert.
(Gerald Hüther)

Zahlen, Daten, Fakten – durch nüchterne und reine Informationen zu überzeugen und Lernprozesse anzuregen ist schwierig, da diese unser Emotionssystem nicht berühren und wenig Anknüpfungspunkte an vorhandene Erinnerungen existieren.

Wie gelingt es uns, andere Menschen für neue Ideen zu begeistern und ihnen Lust auf Neues zu machen? Gerade in einer Zeit, in der jeder Einzelne, aber auch Unternehmen und Organisationen durch vielfältige Phänomene herausgefordert werden - unsere Welt wird komplexer, ungewisser und mehrdeutiger. Veränderungen gehören zum Alltag, die Reizüberflutung nimmt zu. Aufmerksamkeit zu bekommen und Zuhörer*innen zu fesseln scheint also immer schwieriger, oder?

Die Antwort ist einfach: „Storytelling ist die erfolgreichste Kommunikationsform, die die Menschheit je entwickelt hat. … Storytelling ist sehr gehirnadäquat – unser Gehirn liebt Geschichten… Man dringt mit ihnen sehr viel stärker zu den Menschen, zu ihren Emotionen und zu ihrer Identifikationskraft durch als mit reiner Faktenkommunikation.“ (Prof. Dr. Michael Müller)

Somit ist Storytelling heute die Schlüsselqualifikation, wenn Sie Ihre Ideen emotional und überzeugend kommunizieren möchten. Mit spannenden Geschichten erlangen Sie Aufmerksamkeit, fesseln Ihre Zuhörerschaft und bleiben in Erinnerung. In einer guten Story verweben Sie nicht nur Informationen, sondern Sie wecken Emotionen und Energie bei den Zuhörenden und vermitteln eine Sinnhaftigkeit, die dauerhaft verankert bleibt.

Ziele:

Sie erweitern Ihre eigenen Storytelling-Kompetenzen und lernen von den großen Storyteller*innen aus dem Bereich Film und Business.

Sie kennen wichtige Storytelling-Techniken und wenden diese sicher für Ihre spezifischen Anliegen an.

Inhalt:

- Nutzen und Einsatzmöglichkeiten von Storytelling

- Leichte Einstiege ins Erzählen – Bilder und Metaphern gekonnt nutzen

- Struktur und Handwerkszeug für den Aufbau guter Stories

- Eine eigene Story entwickeln & präsentieren

Methoden:

- Merk-würdige Trainer-Inputs

- Einzel-, Paar- und Gruppenarbeiten

- Praktische Arbeit an eigenen Anliegen

Zielgruppe:

- Geschäftsführer*innen

- Einrichtungsleitungen

- Verantwortliche für PR / Marketing und Öffentlichkeitsarbeit

- Vertrieb

- Fundraiser

- Changemanager

- uvm.

Ihr Nutzen:

Über merk-würdige Geschichten und narrative Methoden nutzen Sie Storytelling

- für eine gelungene Unternehmenskommunikation

- für eine gelungene Kundenkommunikation

- im Wissensmanagement

- zur Motivation

- um Visionen zu transportieren

- in Veränderungsprozessen

- bei Führungsaufgaben

- im Personalbereich

- bei der Selbstdarstellung

- in Lernprozessen

Dauer & Kosten:

2 Tage, Tag 1: 09:00 – 17:00 Uhr, Tag 2: 09:00 – 16:00 Uhr

840,00 € pro Person inkl. Seminarverpflegung und Seminarunterlagen (720,00 € bei Anmeldung bis zu 1 Monat vor Seminarbeginn)

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Termine Region Mittelfranken Mitgliedsorganisationen Tue, 26 Oct 2021 13:01:32 +0200
Regionalkonferenz Bayern zum Umsetzungsstand des BTHG https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=10&tx_ttnews%5Bday%5D=20&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24279&cHash=b9c7312f9a00a5ed20ff2f4fd640a5d8

]]> Mit Inkrafttreten der dritten Reformstufe des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) zum 1. Januar 2020 wurde der Systemwechsel in der Eingliederungshilfe vollzogen. Alle an der Umsetzung des Gesetzes beteiligten Akteure blicken auf vier Jahre intensiver Vorbereitung und tiefgreifende Veränderungen zurück. Nun gilt es, die neue Rechtslage anzuwenden, Unsicherheiten auszuräumen und neue Formen der Zusammenarbeit zu etablieren.

Das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales und das Projekt Umsetzungsbegleitung BTHG laden Beteiligte aus allen Bereichen des sozialrechtlichen Dreiecks ein, in diesem herausfordernden Umsetzungsprozess einen Moment inne zu halten. Im Rahmen dieser Regionalkonferenz ziehen Vertreterinnen und Vertreter der Träger der Eingliederungs- und Sozialhilfe, der Leistungserbringer, der Organisationen der Menschen mit Behinderungen und der Akteure des Betreuungswesens Bilanz zur Umsetzung des BTHG in Bayern. Im Fokus stehen Umsetzungserfahrungen sowie aktuelle Herausforderungen.

Zielgruppen

Fach- und Führungskräfte der Leistungsträger, Leistungserbringer und Organisationen der Menschen mit Behinderungen sowie die Akteurinnen und Akteure des Betreuungswesens.

Technische Informationen und Ablauf

Die Regionalkonferenz findet als digitale Veranstaltung auf der barrierefreien Plattform Vidivent statt. Entsprechende Informationen zu den technischen Voraussetzungen stehen Ihnen in Kürze hier zum Download zur Verfügung.

Veranstaltungsteile im Plenum wechseln sich mit interaktiven Formaten ab. Der Austausch der Teilnehmenden wird in Fachforen über digitale Arbeitsgruppen ermöglicht.

Die Vorträge, auf denen die digitalen Fachforen basieren, werden den Teilnehmenden eine Woche vor der Regionalkonferenz zur Vorbereitung zur Verfügung gestellt. In den Live-Fachforen stehen die Referentinnen und Referenten für Rückfragen zur Verfügung. Im Vordergrund steht jedoch der Austausch der Teilnehmenden.

Die Veranstaltung wird durch Gebärden- und Schriftdolmetscher begleitet. Die aufgezeichneten Vorträge für die Fachforen werden mit Untertiteln zur Verfügung gestellt. Bitte geben Sie Ihren Unterstützungsbedarf bei der Anmeldung an.

Anmeldung

Wir informieren Sie via E-Mail, ab wann die Anmeldung zur Veranstaltung möglich ist. Wenn Sie in unseren Verteiler aufgenommen werden möchten, kontaktieren Sie uns bitte unter info@umsetzungsbegleitung-bthg.de.

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Termine Fachbereich Menschen mit Behinderung Fachbereich Psychiatrie Sucht- und Gefährdetenhilfe Der Paritätische Weitere Anbieter Wed, 20 Oct 2021 15:58:00 +0200
Gesundheitsstrategien in Digitalen Zeiten https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=10&tx_ttnews%5Bday%5D=20&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23321&cHash=b891cb691fd1091175d66ea4940c38c3

]]> ]]> ZIELGRUPPE

Mitarbeiter*innen aus allen sozialen Arbeitskontexten

INHALTE

Neu- und Umstrukturierungen am Arbeitsplatz, Schritt

halten mit der Digitalisierung, aber auch emotionale

Herausforderungen, die die Corona-Zeit mit sich bringt,

beschäftigen jede*n – für sich persönlich und im Team.

Gesund bleiben oder wieder werden – was bedeutet

es heute?

Das Seminar greift Kernaspekte von Gesundheitsstärkung

und -förderung auf und beleuchtet diese unter den

aktuellen Rahmenbedingungen im Arbeitskontext – mit

dem Ziel handlungsfähig zu bleiben und bestmögliche

Entlastungsmomente zu finden.

■ Bedeutung von transparenter Kommunikation

als Gesundheitsfaktor

■ Hybrid und agil arbeiten – Stressfaktoren und

Chancen zugleich

■ Selbstsorge unter neuen Vorzeichen – was bleibt

bewährt und wirksam und wo brauchen wir neue

Zugänge?

■ Mitgestaltung und Selbstorganisation in Zeiten

vermehrter Vorgaben

■ Resilienz und Entlastung im Team – war wichtig

und bleibt wichtig. Was konkret können wir tun?

Konkrete Beispiele skizzieren die strukturelle Verankerung

von betrieblichem Gesundheitsmanagement bei Condrobs.

REFERENT*INNEN

Anne Lubinski, Dipl.-Pädagogin, Fachreferentin für Prävention und Gesundheitsmanagement, Condrobs e. V.

Andreas Schwabeneder, Dipl.-Pädagoge Univ., Sozialtherapeut Sucht (VDR), Abteilungsleitung Sozialtherapie und Männerspezifische Hilfen, Condrobs e. V.

TEILNEHMER*INNENZAHL

15 Plätze

KOSTEN

180,- € Teilnahmegebühr

16,- € Verpflegungskosten

(nur bei Präsenzveranstaltung)

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Termine Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Wed, 20 Oct 2021 11:44:43 +0200
#Digital Natives: Jugend im Digitalen zeitalter https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=10&tx_ttnews%5Bday%5D=14&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23316&cHash=8b74fd6417adb5cd4fba2e174ca8c955

]]> ]]> ZIELGRUPPE

Fortbildung für Fachkräfte der Jugendhilfe

INHALTE

■ Welche digitalen Medien gibt es überhaupt?

■ Welche Bedeutung haben die verschiedenen Medien in

der Lebenswelt von Mädchen* und Jungen*?

■ Welche Risiken gibt es?

■ Wie gehe ich als pädagogische Fachkraft damit um?

■ Wie werden die Themen besprechbar?

■ Machen Verbote Sinn?

■ Wie erkenne ich erste Anzeichen

von Abhängigkeit?

In der Fortbildung geht es um die digitale Lebenswelt von

Kindern und Jugendlichen und deren Auswirkung auf die

pädagogische Arbeit. Insbesondere steht die Vermittlung

eines mündigen und selbstbestimmten Umgangs mit

digitalen Medien im Vordergrund.

Das Seminar findet als Präsenzveranstaltung statt

und wird pandemiebedingt ggf. Online stattfindet.

REFERENT*INNEN

Anna Henning, Sozialpädagogin M.A., Inside, Condrobs e. V.

Mel-David Tersteegen, Sozialpädagoge M.A., Inside, Condrobs e. V.

KOSTEN

180,- € Teilnahmegebühr

16,- € Verpflegungskosten

(nur bei Präsenzveranstaltung)

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Termine Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Thu, 14 Oct 2021 11:21:52 +0200
Betreuer*innentag: "Zwang – Selbstbestimmung in der Betreuung" https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=10&tx_ttnews%5Bday%5D=11&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24322&cHash=1c68b9f86928c5ffbc1f78cfeeb6216b

]]> Das Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung auf der einen und manchmal notwendigen Zwangsmaßnahmen auf der anderen Seite ist ein Themenfeld, das jeden Betreuer und jede Betreuerin Tag für Tag betrifft.

Das Sozialteam – STZ Nordoberpfalz bietet ein breites Spektrum von Unterstützungsmöglichkeiten– von beschützter Betreuung für Menschen mit Unterbringungsbeschluss über Unterstützung 24 Stunden am Tag in der Wohnstätte oder abgestufte Betreuungsangebote in den verschiedenen Formen des Betreuten Wohnen bis hin zu niedrigschwelligen tagesstrukturierenden Angeboten, wie den Wohnstätten.

Auch auf diesen Hintergrund wollen wir den Spannungsbogen Zwang – Selbstbestimmung in der Betreuung im Rahmen dieses Betreuertages nachgehen. Als Hauptreferent konnten wir für diesen Tag den bundesweit bekannten Referenten Ralph Chauvistre gewinnen, der mit seinen fast 30 Jahre Erfahrungen im Betreuungswesen umfangreichstes Fachwissen bietet. Die Frage der Zwangsmaßnahmen werden wir auch mit einer bekannten Praktikerin aus der Region diskutieren. Hier konnten wir Frau Richterin Janina Leinhäupel gewinnen.

Das Programm und Möglichkeit zur Anmeldung entnehmen Sie bitte diesem untenstehenden Flyer.

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Termine Fachbereich Ältere Menschen Fachbereich Menschen mit Behinderung Fachbereich Psychiatrie Sucht- und Gefährdetenhilfe Mitgliedsorganisationen Mon, 11 Oct 2021 13:39:00 +0200
Basiswissen Sucht https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=10&tx_ttnews%5Bday%5D=05&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23305&cHash=b449a10535591f55dabdff4720167628

]]> ]]> ZIELGRUPPE

Alle (neuen) Mitarbeiter*innen in der Prävention, Suchthilfe,

Justiz und (Sozial-)Verwaltung, die bereit sind, sich

selbst zu reflektieren, Konsummuster zu erkennen und

ein echtes Verständnis für Suchtkrankheit zu entwickeln.

INHALTE

Wissen über Abhängigkeitserkrankungen erwerben,

eigene Konsummuster erkennen, Verständnis für

Suchtkranke entwickeln, Hilfe für Suchtgefährdete

und Suchtkranke anbieten können, das Suchthilfesystem

durchschauen.

In Vorträgen, Kleingruppenarbeiten und Diskussionen

werden folgende Themen erarbeitet:

■ Welche Gefühle sind mit dem Thema Sucht verbunden?

■ Wie entsteht eine Abhängigkeitserkrankung?

■ Wie funktioniert Suchtprävention?

■ „Hitliste“ der Süchte seit 1992

■ Wege aus der Sucht

Das Seminar findet als Präsenzveranstaltung statt

und wird pandemiebedingt ggf. verschoben.

REFERENT

Josef Strohbach,

Dipl.-Psychologe, stellv. Bereichs-

Geschäftsführer Angebote

für Frauen* und Männer* in München,

Condrobs e. V.

TEILNEHMER*INNENZAHL

19 Plätze

KOSTEN

180,- € Teilnahmegebühr

16,- € Verpflegungskosten

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Termine Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Tue, 05 Oct 2021 09:41:36 +0200
Genderheterogene Beratung: Benefits und Schwierigkeiten des „CROSSWORK“ https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=09&tx_ttnews%5Bday%5D=23&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23313&cHash=31d18c9b00d7820ff85173058222f465

]]> ]]> ZIELGRUPPE

Pädagogisches Fachpersonal

INHALTE

In diesem Workshop geht es nach einem kurzen

theoretischen Input um die eigenen Erfahrungen mit

Dynamiken von Doing Gender in der Beratung, Betreuung

und Sozialpädagogik mit anderen als dem eigenen Gender.

Ausgehend von Anforderungen in Ihrer Praxis wollen wir

die relevanten Themen identifizieren, Erfahrungen

austauschen und Handlungsoptionen entwickeln. Dabei

reflektieren wir Grenzen, Vorteile und Chancen einer solch

genderübergreifenden Arbeit.

■ Theoretischer Input zu Doing Gender

■ Dynamiken in Dyaden und Gruppen

■ Hotspots von Gender Troubles

■ Handlungsmöglichkeiten und Grenzen

ZIELE

■ Vertiefung von Gendersensibilität

■ Austausch von Erfahrungen

■ Anreicherung von Handlungsoptionen

■ Theoretisches Verständnis für Gender-Dynamiken

REFERENTIN

Prof.in, Dr.in Brigitte Schigl (Österreich),

MSc. Klinische Psychologin, Psychotherapeutin

(Integrative Gestalttherapie, Integrative

Therapie) und Supervisorin in freier

Praxis. Professorin an der Donau Universität

Krems (Psychotherapie-, Supervisionsausbildung).

Studiengangsleitung Psychotherapieund

Beratungswissenschaften an der Karl

Landsteiner Universität für Gesundheitswissenschaften.

Forschung und Publikationen

zu Psychotherapie und Gender

TEILNEHMER*INNENZAHL

15 Plätze

KOSTEN

180,- € Teilnahmegebühr

16,- € Verpflegungskosten

(nur bei Präsenzveranstaltung)

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Termine Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Thu, 23 Sep 2021 10:56:31 +0200
RückfallPräventions-Program S.T.A.R. https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=09&tx_ttnews%5Bday%5D=20&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23333&cHash=92066f43f1f0e20db1f2ec84c5b3e1c6

]]> ]]>
Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Termine Mon, 20 Sep 2021 13:00:42 +0200
Grundlagen der ICF https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=09&tx_ttnews%5Bday%5D=15&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23307&cHash=fa94aca6f7eaf11e5bb8bb809591b5c7

]]> ]]> ZIELGRUPPE

Mitarbeiter*innen aus dem sozialen und medizinischen Kontext

INHALTE

In dieser Fortbildung werden die Grundlagen der

Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit,

Behinderung und Gesundheit (ICF) vermittelt.

Die Teilnehmer*innen erhalten einen umfassenden

Einblick in

■ das integrative biopsychosoziale Modell der ICF

■ Nutzen und Ziele der ICF

■ Struktur und Kodierung der ICF

■ Beurteilungsmerkmale der ICF

■ Entwicklung von ICF Core Sets

Für diese Veranstaltung ist es von Vorteil, die ICF-Klassifikation als Buch oder PDF-Datei vorliegen zu haben.

Das Seminar findet als Präsenzveranstaltung statt

und wird pandemiebedingt ggf. Online stattfindet.

REFERENTIN

Michaela Kirschneck,

Lehrstuhl für Public Health und

Versorgungsforschung, Pettenkofer

School of Public Health (IBE), Ludwig-

Maximilians-Universität München

TEILNEHMER*INNENZAHL

19 Plätze

KOSTEN

180,- € Teilnahmegebühr

16,- € Verpflegungskosten

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Termine Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Wed, 15 Sep 2021 10:08:02 +0200
Transkulturelle Ansätze in Suchthilfe und Suchtprävention https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=28&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23308&cHash=23b2125ee47ff98cb5a645f5db14f783

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Region Oberbayern Mitgliedsorganisationen Termine Wed, 28 Jul 2021 16:54:00 +0200
Auftaktveranstaltung der Veranstaltungsreihe „Angehörige stärken – Kraftquellen für den Pflegealltag“ https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=28&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24123&cHash=3b954e83bf7a7009144b8c47c4d85909

]]> Zum Auftakt seiner Veranstaltungsreihe 2021, Angehörige stärken – Kraftquellen für den Pflegealltag“, veranstaltet der PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband Bayern e.V. am Mittwoch, den 28.07.2021, eine Kräuterwanderung rund um die „Blutenburg“ in München.

Der Pflegealltag zeigt, dass die häusliche Pflege eines vertrauten Menschen häufig eine schwere und belastende Aufgabe ist. Die eigenen Bedürfnisse bleiben dabei oft auf der Strecke. Mit dieser 3-teiligen Veranstaltungsreihe wurden Wünsche von pflegenden Angehörigen aufgegriffen und ein vielfältiges und buntes Angebot entwickelt.

Das Programm orientiert sich an neueren Studien, die aufzeigen, dass pflegende Angehörige sich mehr Zeit für den Austausch mit anderen und das Pflegen von geliebten Hobbies wünschen.

Die Kräuterwanderung mit dem Fokus auf Wildkräuter und deren Heilwirkung, Waldbaden, um in der Natur zur Ruhe zu kommen und Entlastung durch Körperarbeit sind Angebote, die helfen sollen, neue Kräfte zu generieren und Lebensfreude in den Pflegealltag zu bringen.

Auftaktveranstaltung: Kräuterwanderung – Heilkräuter zeitlos und hilfreich

28.07.2021

10.00 – 11.30 Uhr

Referentin: Astrid Süßmuth, Heilpraktikerin & Kräuterkolleg

Die Phytotherapie, zu Deutsch Heilkräuterkunde, ist die älteste Therapieform der Welt. Das belegen Grabfunde bei den Neandertalern und kräuterkundliche Aufzeichnungen in Keilschrift aus dem mesopotamischen Zweistromland. Dabei sind Heilpflanzen mehr als bloße Wirkstoffe. Auf einer Kräuterwanderung rund um die „Blutenburg“ werden frische Wildkräuter erkundet und deren Heilwirkung erklärt.

Veranstaltungsort: Schloss Blutenburg, Seldweg 15, 81247 München

Veranstalter: PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband Landesverband Bayern e.V., Beratungsstelle für ältere Menschen und Angehörige, Fachstellen für pflegende Angehörige Stadt München und Landkreis München

Im September 2021 findet die Folgeveranstaltung „Waldbaden  - In der Natur zur Ruhe kommen“ statt.

Alle Informationen zu dieser und den weiteren Veranstaltungen erhalten Sie bei der Anmeldung beim PARITÄTISCHEN unter Tel: 089 | 2420 778 208

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Termine Fachbereich Ältere Menschen Region Oberbayern Der Paritätische Wed, 28 Jul 2021 10:19:00 +0200
70 Jahre Genfer Flüchtlingskonvention: Integration von Anfang an! https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=27&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24345&cHash=9fb534490bebd048844487d5bef4ef83

]]> Menschenrechte gelten auch für Geflüchtete

„Die in der Flüchtlingskonvention formulierten Rechte, müssen auch Geflüchteten in Deutschland gewährleistet werden“, fordert Margit Berndl, Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege Bayern und Vorständin des Paritätischen in Bayern. Das sei eigentlich eine Selbstverständlichkeit, da Deutschland Vertragsstaat ist. Deutschland könne schwerlich andere Staaten wegen Menschenrechtsverletzungen anprangern, wenn Menschenrechte je nach Herkunft auch hier unterschiedlich interpretiert werden.

„Der Zugang zu Sprachkursen, zu Bildung und Arbeit ist außerdem der zentrale Schlüssel für gelingende Integration. Diese ist eine wichtige Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. Damit Integration erfolgreich sein kann, müssen Geflüchtete von Anfang an die Chance dazu bekommen, sich zu integrieren,“ so Berndl weiter.

Verharren in Wartestellung verstärkt psychische Belastung

Bei den meisten Geflüchteten sei der Wille, möglichst schnell eine Arbeit zu finden, die Sprache zu lernen und im Aufnahmeland anzukommen, gerade am Anfang sehr groß. Oft werde dieser anfängliche Elan durch strukturelle und gesetzliche Barrieren abgebremst. Je länger Geflüchtete darauf warten müssten, mit dem Leben in Deutschland starten zu können, umso schwieriger gestalte sich später die Integration. Oft sind Geflüchtete gezwungen monate- oder jahrelang in Wartestellung zu verharren. Auch psychische Folgen der Flucht verstärken sich durch fehlende Struktur und Sicherheit im Aufnahmeland und durch fehlende Behandlungsmöglichkeiten.

Geflüchtete brauchen frühzeitig Zugang zu psychosozialen Angeboten

Laut Schätzungen leiden etwa 30 Prozent der Geflüchteten unter Traumafolgestörungen. „Sie brauchen frühzeitig Zugang zu psychosozialer Beratung und Therapie. Um eine bedarfsgerechte Versorgung von Anfang an zu ermöglichen, müssen Geflüchtete frühzeitig auch zu staatlich finanzierten psychosozialen und therapeutischen Angeboten uneingeschränkt Zugang erhalten“, fordert Berndl abschließend.

Hintergrundinformationen:

Die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) ist ein völkerrechtliches Abkommen, das 1951 verabschiedet wurde, 1954 in Kraft trat und offiziell "Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge" heißt. Es bildet bis heute die Grundlage des internationalen Flüchtlingsrechts. Die GFK definiert, wer ein Flüchtling ist und welche rechtlichen Schutzgarantien, Hilfen und sozialen Rechte die Unterzeichnerstaaten Flüchtlingen gewähren müssen. Dazu zählen zum Beispiel das Recht auf Religions- und Bewegungsfreiheit, das Recht, zu arbeiten, oder das Recht auf Bildung.

Gleichzeitig beschreibt das Abkommen die Pflichten, die ein Flüchtling dem Gastland gegenüber erfüllen muss. Flüchtlinge müssen die Gesetze und Bestimmungen des Asyllandes respektieren. Mit dem Protokoll von 1967 wurde der Wirkungsbereich der Konvention sowohl zeitlich als auch geografisch erweitert. 149 Staaten sind bisher beigetreten.

In der Freien Wohlfahrtspflege Bayern sind das Bayerisches Rotes Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt, der Landes-Caritasverband Bayern, die Diakonie Bayern, der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und der Paritätische Wohlfahrtsverband Bayern organisiert. Als Verband unterstützt die Freie Wohlfahrtspflege Bayern ihre Mitglieder durch Koordination und Absprachen bei der Realisierung von Zielen, mit denen sie ihren Beitrag dazu leisten, Bayern sozial zu gestalten. Gemeinsam erbringen die Verbände rund 75 Prozent aller sozialen Dienstleistungen in Bayern. Sie unterstützen Geflüchtete und andere Zugewanderte bei der Integration mit hauptamtlicher Flüchtlings- und Integrationsberatung, Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer, Jugendmigrationsdiensten, Projekten und Maßnahmen sowie Koordination von ehrenamtlichen Helfer*innen.  Diese Angebote werden mit staatlichen Fördergeldern und Eigenmitteln finanziert.

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Presse Fachbereich Migration Migration und Flucht Tue, 27 Jul 2021 12:29:55 +0200
Licht am Horizont? https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=22&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24317&cHash=50ee0fd467611998913cb249abc61c68

]]> Foto: Adobe Stock leno2010]]> Herr Schreier, wie viele Auszubildende haben Sie momentan in der generalistischen Pflegeausbildung?

Bei uns haben zum 1. September 2020 sechs Auszubildende in der neuen Pflegeausbildung angefangen - verteilt auf zwei Pflegeheime mit einmal 27 und einmal 60 Betten. Das heißt, wir bilden mehr aus, als wir selbst als Eigenbedarf haben.

Sie leben als Einrichtung also auch das Motto der neuen Pflegeausbildung: Kooperation statt Konkurrenz. Entscheidend ist nicht, wer den*die Auszubildende*n letztlich bekommt. Sondern das ausgebildet wird. Wie läuft das bei Ihnen in der Praxis?

In der Region Coburg gibt es einen Kooperationsverbund, den der Landkreis Coburg initiiert hat. Dafür sind wir alle unendlich dankbar. Denn dieser Verbund verbindet eine Vielzahl an ambulanten und stationären Einrichtungen inklusive den Krankenhäusern in der Region sowie die drei Pflegefachschulen. Allein die Schulen untereinander zu koordinieren, ist eine Herausforderung. Zum Beispiel, wenn es um die Einteilung der Praktika bzw. der Auszubildenden in der ambulanten und stationären Pflege geht. Dass da die einzelnen Einrichtungen und Dienste nicht plötzlich zu wenige oder zu viele Auszubildende haben, muss gut koordiniert werden. Da gibt es eine verantwortliche Mitarbeiterin im Verbund.

Das klingt nach einem hohen Koordinierungsaufwand…

Die Kommunikation und Koordination ist natürlich eine Herausforderung. Und auch der Regulierungsaufwand ist hoch: Wir arbeiten an gemeinsame Standards, es müssen Leitlinien für die Praxisanleitungen in den einzelnen Einrichtungen entwickelt und Merk- und Informationsblätter erstellt werden – damit die Auszubildenden, wenn sie die Einrichtung wechseln, nicht ständig mit neuen Bedingungen und Voraussetzungen konfrontiert werden. Und auch die Einrichtungen Handlungssicherheit haben. Wer meinte, dass die neue Pflegeausbildung reibungslos anlaufen würde, der hat sich geirrt…

Die Investitionskosten sind also hoch. Würden Sie sagen, die Investition lohnt sich? Sehen Sie am Horizont, dass man die Ziele erreichen wird, die man mit der neuen Ausbildung verfolgt?

Wir hoffen darauf! Sonst würde man sich die Mühe nicht machen. Wir sehen aber auch, dass unsere Praxisanleitungen in die Überforderung laufen, weil die Erfahrungen fehlen und es noch so viele Baustellen gibt, an denen nachjustiert werden muss. Aber: Wir sind guter Dinge, weil wir im Gespräch mit den anderen Wohlfahrtsverbänden in der Region sind und „Anpassungsbedarfe“ auch anmelden. Ich bin aber schon überzeugt, dass wir noch gute zwei bis drei Jahre brauchen, bis eine gewisse „Trittfestigkeit“ entstanden ist.

Und wie zufrieden sind die Auszubildenden mit der neuen Ausbildung?

Einige Auszubildende sind froh über die generalistische Ausbildung, weil sie einen Mehrwert für sich erkennen. Das frustriert dann manchmal die Auszubildenden, die noch nach dem alten System lernen.

Man muss aber auch sehen, dass so ein regionaler Ausbildungsverbund natürlich auch „behäbiger“ als eine einzelne Einrichtung ist. Und wie die bundesweite Gesetzgebung vor Ort umgesetzt wird, ist ja auch jedem überlassen. Da gibt es auch schon mal Konflikte und Reibungspunkte. Wenn sich aber alles mal eingespielt hat, wird die neue Ausbildung nachhaltiger und besser sein, als die alte.

Es gibt Bereiche in der Pflege, die Sorge haben, mit der neuen Ausbildung bei den Auszubildenden hinten runter zu fallen. Zum Beispiel die Kinderkrankenpflege oder ambulante Dienste. Teilen Sie diese Sorge?

Nein. Es gibt bei uns jetzt schon Auszubildende, die vorhaben, in die Altenpflege oder zu einem ambulanten Dienst zu gehen. Die sich ganz bewusst dafür entscheiden. Zumal sich das auch mit den Tariflöhnen besser aneinander anpassen wird. Wer ins Krankenhaus will, ist auch früher schon ins Krankenhaus gegangen. Dieses Problem der Konkurrenz um Fachkräfte untereinander muss sich über die Quantität der Ausbildung regulieren.

Das war ja auch ein Ziel der Reformierung: Mehr Auszubildende für die Pflege gewinnen. Ist das gelungen?

Die paar Prozent mehr Auszubildende deutschlandweit lösen das Problem nicht. Was wir in zehn Jahren versäumt haben, werden wir in einem Jahr mit ein paar Prozent nicht ausgleichen. Wenn Sie mich das in fünf Jahren nochmal fragen und bis dahin auch größere Einrichtungen mehr ausbilden, dann haben wir in weiter Zukunft eine Chance. Aber nicht kurz- und mittelfristig.

Wo sehen Sie in der neuen Ausbildung Knackpunkte und Nadelöhre, an denen nachjustiert werden muss?

Bei den ambulanten Pflegediensten, bei denen insbesondere die kleinen Dienste nur begrenzt Auszubildende für Praxiseinsätze aufnehmen können. Da sind die Touren das Problem: Die müssen mit einer Fachkraft besetzt sein. Und das zweite Problem ist, dass diese Touren größtenteils von Teilzeit-Fachkräften bedient werden, aber der*die Auszubildende in Vollzeit beschäftigt ist. Wo bekommt der*die Auszubildende seine Einsatzzeit her, wenn die Tour nach sechs Stunden beendet ist?

Aber das größte „Nadelöhr“ wird die Kinderkrankenpflege sein. Ich denke, hier muss nochmal bei der Dauer des Einsatzes nachjustiert werden, damit mehr Praxiseinsätze möglich werden. Man muss jetzt Erfahrungen sammeln – und dann aber auch etwas ändern!

Jetzt kommt die neue Pflegeausbildung ja auch nicht gerade zu einem günstigen Zeitpunkt: Pflegekräfte haben 1,5 Jahre Corona-Krise auf dem Buckel…

Ja, das war und ist gerade für die Praxisanleitungen eine große Herausforderung, neben den zusätzlichen Belastungen in der Pflege auch noch die neue Ausbildung auf die Beine zu stellen. Gerade für diejenigen, die aufgrund der Anzahl der Auszubildenden im Betrieb nicht als Praxisanleitung freigestellt werden können, sondern in der Kombination Schichtdienst und Praxisanleitung arbeiten müssen. Der organisatorische Aufwand für den Aufbau der Ausbildung, die vielen Besprechungen mit den Schulen, mit den anderen Ausbildungsbetrieben, das Festlegen von Standards et cetera pp – das ist unterschätzt worden. Wir müssen aufpassen, dass wir unser Personal nicht überfordern – und verlieren.

Auch die Ausbildung zum Praxisanleiter ist lang und es ist unklar, wie die finanziert wird. Müssen das die Einrichtungen selbst stemmen? Über ihre normalen Pflegesätze? Und die Arbeitszeit, die durch die lange Ausbildungszeit wegfällt, die ersetzt Ihnen ja auch keiner.

Da muss man nochmal über ein paar Details sprechen und nachbessern. Denn: Wer keine Lust auf diesen Aufwand hat, der bildet einfach nicht aus. Gerade größere Einrichtungen, die sehr wirtschaftlich orientiert sind, zahlen lieber den Ausbildungszuschlag, tun sich aber die Arbeit, selber auszubilden, nicht an. Auch ambulante Pflegedienste scheuen den Aufwand, weil die Ausbildung mit der Tourenplanung kompliziert ist.

Das wird auf Dauer ein Problem werden. Nur auf das Engagement derjenigen Einrichtungen, die die Sinnhaftigkeit im Ausbilden sehen und erkennen, kann und darf man sich nicht verlassen. 

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Themen Ältere Menschen Arbeit und Beschäftigung Bildung Gesundheit Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Pflege Thu, 22 Jul 2021 12:41:00 +0200
Werkstatt Führungskompetenz: Ein Kompetenztraining für Führungskräfte (4 Module) https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=21&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23914&cHash=9baa6bb9db45dcdd2e8048aa18fe57a0

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Region Mittelfranken Mitgliedsorganisationen Termine Wed, 21 Jul 2021 12:31:03 +0200
Soziales Netz Bayern: Strukturelle Armut in Bayern muss ein Ende haben! https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=20&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24313&cHash=9f7b7b49eae3bb859aee069b60a7a3ba

]]> Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, ein ausufernder Niedriglohnsektor, ein kaputtgespartes Pflege- und Gesundheitssystem und immer weiter steigende Mietpreise – auch knapp eineinhalb Jahre nach Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland sind diese und viele weitere soziale Ungerechtigkeiten hochaktuell. Rund zwei Monate vor der Bundestagswahl nimmt das Soziale Netz Bayern – ein Bündnis aus 16 Verbänden, Organisationen und Institutionen – diese Situation zum Anlass, sich in einer gemeinsamen Erklärung klar zu positionieren. Zentrale Kernforderungen des Bündnisses sind, die soziale Ungleichheit in Bayern zu bekämpfen und der strukturellen Armut im Freistaat ein Ende zu bereiten.

Laut Verena Di Pasquale, kommissarische Vorsitzende des DGB Bayern, ist aktuell fast jede siebte Person in Bayern von Armut bedroht. „Einer der Gründe für die steigende Armut liegt in der Verwilderung des Arbeitsmarktes. Arm trotz Arbeit ist für viele Menschen im reichen Freistaat bittere Realität. Dabei muss es doch darum gehen, dass Beschäftigte mit ihrem Entgelt sich und ihre Familien ernähren können und auch die gesellschaftliche Teilhabe gesichert ist.“ Daher sei es Di Pasquale zufolge notwendig, aus dieser Krise zu lernen und den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Sicherheit und Perspektiven zu geben. „Dazu gehört, alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen, um die Tarifbindung in Bayern wieder deutlich zu erhöhen“, so Di Pasquale.

„Um Armut wirkungsvoll zu bekämpfen, braucht es neben der direkten finanziellen Unterstützung ein gut ausgebautes Netz an sozialen Diensten und Einrichtungen, das Menschen unterstützt, berät und entlastet“, ergänzt Margit Berndl, Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege und Vorständin des Paritätischen in Bayern. Armutsfeste soziale Sicherungssysteme und die soziale Infrastruktur seien zwei Seiten eines funktionierenden Sozialstaates. „Mit Blick auf die sozialen Folgen der Pandemie muss die soziale Infrastruktur erhalten und ausgebaut werden – trotz anstehender Sparhaushalte“, fordert Berndl.

Auch Ulrike Mascher, Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK Bayern, plädiert für einen starken Sozialstaat: „Die Pandemie-Monate haben deutlich gemacht, wie das öffentliche Pflege- und Gesundheitssystem in den vergangenen 30 Jahren an entscheidenden Stellen ‚kaputtgespart‘ wurde. Pflegerinnen und Pfleger brauchen bessere Arbeitsbedingungen und eine gute Bezahlung. Der Eigenanteil für Pflegebedürftige in der stationären Pflege ist viel zu hoch. Und die zahlreichen pflegenden Angehörigen kommen zuhause körperlich, psychisch und finanziell an ihre Grenzen. Darüber hinaus können sich viele Menschen die Mieten nicht mehr leisten, es fehlt an bezahlbarem und barrierefreiem Wohnraum. Unser dringender Appell an die Politik lautet: Überlassen Sie das Gesundheits- und Pflegesystem und den Wohnraum nicht dem freien Markt, sondern stärken Sie den Sozialstaat!“

Die gemeinsame Erklärung des Sozialen Netz Bayern sowie alle Materialien zur Online-Pressekonferenz finden Sie hier.

Hintergrund

Das Soziale Netz Bayern wurde 2004 gegründet und ist in seiner Art einzigartig. Von der Selbsthilfe über Familien- und Jugendorganisationen bis hin zu den großen Wohlfahrtsverbänden, Kirchen, Sozialverbänden wie VdK und Gewerkschaftsbund sind alle miteinander an einer Sache interessiert: sich für gute soziale Rahmenbedingungen der Menschen in Bayern einzusetzen. 16 Verbände, Organisationen und Initiativen sehen sich zum gemeinsamen Engagement verpflichtet, um der Ökonomisierung aller Lebensbereiche und dem Verlust an sozialer Gerechtigkeit entgegenzuwirken.

Weitere Informationen zum Sozialen Netz Bayern finden Sie hier.

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Presse Arbeit und Beschäftigung Bildung Familie Gesundheit Pflege Soziale Teilhabe und Armut Tue, 20 Jul 2021 14:46:59 +0200
Motivation, die beeindruckt https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=19&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24308&cHash=2efd4d6a771110035879c6a1b1163501

]]> ]]> Was war Ihre größte Herausforderung im vergangenen Jahr?

Die größte Herausforderung war der Corona-Ausbruchs im Heim. Wir mussten sofort handeln und ein neues System entwickeln: neues Dienstplansystem, strengste Hygieneregelungen, Errichten einer Schleuse, tägliche Meldungen an Behörden, Verlegung von Bewohner*innen. Die Einführung von 12-Stunden-Schichten war eine immense Belastung.

Für mich war in dem Moment eine gute Mitarbeiterführung äußerst wichtig, d. h. keine Ängste zu zeigen, auf Augenhöhe mit den Mitarbeiter*innen zu bleiben, sie zu motivieren und Vertrauen zu geben, dass wir die Situation gemeinsam meistern. Mein Hauptziel war, dass so viele Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen wie möglich unbeschadet durch den Ausbruch kommen. Im Nachhinein betrachtet, hatte ich große Sorge, Fehler zu machen. Die Sorge um die Unversehrtheit von Bewohnern und Personal war eine extreme Belastung.

Was haben Sie gegen die soziale Isolation der Bewohner*innen gemacht?

Die individuelle Einzelbetreuung unserer Bewohner*innen fand uneingeschränkt statt. Im Zuge der Digitalisierung in der Pflege boten wir den Bewohnern und Angehörigen die Möglichkeit, über für diesen Zweck angeschaffte Laptops und Handys Videoanrufe durchzuführen. Manche Angehörige kamen vor die Fenster und Balkone, um ihre Lieben zu sehen. Es gab in unserer Einrichtung zu keinem Zeitpunkt eine totale soziale Isolation.

Trotz eines generell ausgesprochenen Besuchsverbotes wurde jeder Einzelfall individuell entschieden und Angehörige konnten so zum Beispiel Besuche wahrnehmen, um ihre Angehörigen in der letzten Phase zu begleiten oder Abschied zu nehmen.

Gab es auch schöne Momente in der Krise?

Es gab tatsächlich schöne Momente in dieser schlimmen Krise. Das schönste für mich war der Zusammenhalt und die Unterstützung der Mitarbeiter*innen. Die Zusammenarbeit, die Motivation und das Engagement der Mitarbeiter*innen haben mich nachhaltig beeindruckt. Wir haben auf humorvolle Art gelernt, uns auch im Vollschutzanzug mit Visier und Brille gegenseitig zu erkennen. Ja, es wurde auch gelacht. Anders als in manch anderen Betrieben wurde uns sofort Schutzausrüstung in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt.

Wie geht das Team damit um, dass Bewohner*innen im Haus an Corona gestorben sind?

Natürlich ist jeder einzelne Tote zu viel. Mit sieben verstorbenen Bewohnern von 42 erkrankten blieben wir zumindest weit unter jeder Prognose. Den erkrankten Mitarbeiter*innen geht es mittlerweile wieder gut.

Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit?

Ich wünsche mir qualifiziertes gutes Personal und dass das Ausbildungssystem nicht nach Quantität, sondern auf Qualität ausgerichtet ist. Die Zeit ist gekommen, auf politischer Ebene den Fachkräftemangel zu beheben und das aktuelle Gesundheitssystem zu ändern.

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Themen Ältere Menschen Gesundheit Corona Pflege Mon, 19 Jul 2021 15:47:02 +0200
Studie des Paritätischen belegt gewachsene Kinderarmut https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=15&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24280&cHash=0882185e09a6a973d6870a8c8f234104

]]> Die bestehenden sozialen Sicherungssysteme reichen nicht aus, um Kinderarmut effektiv zu verhindern, kritisiert der Paritätische Wohlfahrtsverband. Obwohl die Hartz-IV-Quoten sinken, wachse die Kinderarmut überdurchschnittlich, wie eine aktuelle Studie des Verbandes zeigt. Trotz verschiedener sozialpolitischer Reformen bspw. beim Kinderzuschlag seien Minderjährige mit einer Armutsquote von 20,5 Prozent im Vergleich zu anderen Altersgruppen überproportional von Armut betroffen. Der Paritätische fordert wirksame Maßnahmen zur Beseitigung von Kinderarmut, darunter u.a. die Einführung einer bedarfsgerechten, einkommensabhängigen Kindergrundsicherung.

In der aktuellen Studie der Paritätischen Forschungsstelle wird die Entwicklung der Kinderarmut in Deutschland über einen Zehn-Jahres-Zeitraum untersucht. Während weniger Kinder und Jugendliche Hartz IV-Leistungen bekommen, ist die Einkommensarmut gestiegen, so ein zentraler Befund: Rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche (20,5 Prozent) lebten inzwischen in Armut. Besonders hart und häufig treffe es unverändert Alleinerziehende und kinderreiche Familien. Insgesamt seien die Leistungen der Grundsicherung deutlich zu niedrig bemessen und ergänzende familienpolitische Maßnahmen nicht ausreichend, um Familien und Kinder effektiv vor Armut zu schützen, so die Kritik. „Jüngere Reformen bei Leistungen wie Kinderzuschlag und Unterhaltsvorschuss holen zwar verstärkt Familien mit Kindern aus dem SGB-II-Bezug, aber sind mitnichten armutsfest”, erläutert der Autor der Studie Dr. Andreas Aust von der Paritätischen Forschungsstelle.

Die Studie, die auch Länder-Trends untersucht, belegt dabei eine konträre Entwicklung zwischen Ost- und Westdeutschland, bei starker regionaler Differenzierung. Während sich die Lage der Kinder und Jugendlichen in den neuen Bundesländern (ausgehend von sehr hohem Niveau) positiv entwickelt, wachsen die Probleme in verschiedenen westdeutschen Ländern wie Bremen, Hessen, Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen teilweise dramatisch. Gewarnt wird in der Studie zudem vor einer aktuellen Verschärfung der Lage, die sich (noch) nicht in den amtlichen Daten abbildet: Die Folgen der Corona-Pandemie belasteten gerade einkommensarme Familien zusätzlich, wie die Autoren skizzieren.

„Es ist beschämend und erschütternd, wie sich Kinderarmut in diesem reichen Land verschärft und verhärtet. Das Ausmaß und die Entwicklung der Armut von Kinder und Jugendlichen sind nicht nur besorgniserregend, sondern skandalös und ein Ausdruck armuts- und gesellschaftspolitischen Versagens”, so Dr. Joachim Rock, Leiter der Forschungsstelle sowie der Abteilung Arbeit, Soziales und Europa im Paritätischen Gesamtverband.

Der Verband fordert die Einführung einer bedarfsgerechten, einkommensabhängigen Kindergrundsicherung und einen Rechtsanspruch auf Angebote der Jugendarbeit. Um Armut von Kindern und ihren Eltern wirksam zu beseitigen, müsse darüber hinaus sowohl am Arbeitsmarkt als auch bei der Grundsicherung angesetzt werden. Schließlich müssten auch Verteilungsfragen neu diskutiert werden: „Alle Maßnahmen, die geeignet sind, die Kluft zwischen arm und reich zu schließen, kommen auch Familien und damit Kindern zugute”, heißt es in der Studie.

Hier geht es zur Studie „Kein Kind zurücklassen. Warum es wirksame Maßnahmen gegen Kinderarmut braucht“.


Kontakt

Gwendolyn Stilling
Pressesprecherin und Abteilungsleiterin Öffentlichkeitsarbeit, Presse, Redaktion und Kampagnen

Der Paritätische Gesamtverband
Oranienburger Str. 13-14
10178 Berlin
Telefon: 030 24636-305
Telefax: 030 24636-110
Mail: pr@paritaet.org

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Presse Fachbereich Frauen / Familie / Geschlechterpolitik Fachbereich Kinder und Jugend / Bildung Familie Kinder und Jugend Soziale Teilhabe und Armut Thu, 15 Jul 2021 09:45:20 +0200
Mitgliederversammlung 2021: Verbandsrat neu gewählt https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=14&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24278&cHash=8d8258815f0ab5eedd1e8b07509fc6b9

]]> Die Mitgliederversammlung des Paritätischen in Bayern, die erstmals virtuell tagte, hat einen neuen Verbandsrat gewählt. Der Verbandsrat wählt bei der konstituierenden Sitzung Ende Juli den Vorsitz und den stellvertretenden Vorsitz.

Wir gratulieren allen Mitgliedern herzlich zur Wahl und wünschen viel Erfolg bei der Arbeit. Den bisherigen Mitgliedern danken wir herzlich für die gute Zusammenarbeit!

Die neuen Mitglieder des Verbandsrates sind:

Irmgard Badura, ehemalige Bayerische Behindertenbeauftragte

Thomas Bannasch, LAG Selbsthilfe

Michael Bauer, Humanistische Vereinigung K.d.ö.R.

Norbert Blesch, Münchner Aidshilfe e.V.

Sabine Böhm, frauenBeratung Nürnberg

Eva Egartner, Supervisorin, ehem. Geschäftsführerin Condrobs e.V.

Sven Göpel, Ambulante BetreuungsDienst gGmbH

Barbara Mergenthaler, Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund

Christian Reisenberg, pro familia Ortsverband München e.V.

Heinz Rembor, Arbeiter-Samariter-Bund Kreisverband Coburg Land e.V.

Petra Ruf, Psychosoziale Hilfsgemeinschaft HOI! e.V.

Maria Schwarzfischer, SOS-Kinderdorf e.V.

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Presse Aus dem Landesverband Wed, 14 Jul 2021 14:02:32 +0200
10 Jahre BFD http://https://www.freiwilligendienste-bayern.de/10-jahre-bfd/

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Themen Zivilgesellschaft und Demokratie Tue, 13 Jul 2021 09:52:10 +0200
Dienst-Tag für Menschen https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=06&tx_ttnews%5Btt_news%5D=22828&cHash=fa0c7ed480b01bab563cd20d2713ac65

]]> ]]> Während der ersten Welle der Corona-Pandemie haben Menschen in "helfenden" Berufen (Pflege, Gesundheitswesen, Behindertenhilfe) viel Beifall und Wertschätzung erfahren.

Die Aktion "Dienst-Tag für Menschen" möchte erreichen, dass es nicht beim Applaus bleibt. Sie setzt sich dafür ein, dass sich diese gesellschaftliche Anerkennung dauerhaft in konkreten Verbesserungen der Rahmenbedingungen für die Menschen in diesen Berufen ausdrückt.

Auf das Anliegen wird in Würzburg wöchentlich, immer am Dienstag, durch die stille und stationäre Kundgebung aufmerksam gemacht und werden von unterschiedlichen Einrichtungen und Organisationen durchgeführt.

Seit dem 09. März 2021 werden wieder nach einer corona-bedingten Pause jeden Dienstag um 17:00 Uhr max. 25 Mitarbeiter*innen aus den teilnehmenden Einrichtungen und Organisationen an einem zentralen Platz in der Stadt in einer stillen und stationären Kundgebung für circa 30 Minuten zusammenkommen.

Der Paritätische in Unterfranken ist Kooperationspartner dieser Aktion und beteiligte sich erneut an der Demonstration „Dienst-Tag für Menschen“. Am 06. Juli organisierte der Paritätische die Demonstration an der Juliuspromenade. Die Kundgebungen sollen mindestens bis zu den Bundestagswahlen fortgesetzt werden.


Wann?

Jeden Dienstag von 17:00 bis 17:30 Uhr an der Juliuspromenade 



Dienst-Tag für Menschen setzt sich für folgende Forderungen ein:

1. Der Mensch muss wieder im Mittelpunkt stehen, nicht die Ökonomie!

  • Keine Dividende durch Gesundheitsleistungen
  • Mehr Wert auf gute Ausbildung und Fortbildung legen können
  • Personal fachlich und menschlich stärken

2. Weniger Bürokratie - wir brauchen mehr Zeit für Menschen!

  • Bürokratie wieder abbauen
  • Dokumentationspflichten verringern
  • Digitalisierung zügig voranbringen

3. Bessere Arbeitsbedingungen schaffen = spürbare Wertschätzung!

  • Adäquate tarifliche Bezahlung für alle, bessere Personalschlüssel
  • 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, höhere Zuschläge
  • Sabbatjahr, Altersteilzeit, Lebensarbeitszeitkonto

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage.

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Termine Region Unterfranken Der Paritätische Tue, 06 Jul 2021 17:00:00 +0200
Virtual-Pride-Parade 2021 https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=07&tx_ttnews%5Bday%5D=02&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24227&cHash=8704b32b28a8d3e6ed1bdacff1f8c613

]]> ]]> Der CSD zählt zu den sichtbarsten Aktionen für eine vielfältige Gesellschaft: Jährlich sind viele Millionen Menschen in Deutschland und weltweit auf der Straße und demonstrieren für eine offene Gesellschaft und für LSBTIQ*- und Menschenrechte.

Die Corona-Pandemie hat die Durchführung des CSD bereits 2020 stark beeinträchtigt und tut es auch dieses Jahr. Flagge für Vielfalt, Respekt, Solidarität, Weltoffenheit und Gleichstellung zu zeigen, ist dennoch wichtig!

Mit ihrer Virtual-Pride-Parade haben der Arbeiter-Samariter-Bund NRW, der Paritätische Gesamtverband und der Lesben- und Schwulenverband gemeinsam den Gedanken der CSD-Demonstrationen deshalb ins Netz geholt und zu ihrer Onlineparade befreundete Organisationen und Initiativen eingeladen.

Auch der Paritätische in Bayern ist bei der Parade dabei mit der Wagennummer 25.

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Themen Queer Fri, 02 Jul 2021 21:31:39 +0200
Ehrenamt und Digitalisierung https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=7624

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Themen Digitalisierung Zivilgesellschaft und Demokratie Bürgerschaftliches Engagement Thu, 01 Jul 2021 17:24:24 +0200
Migrationsberatungen spielen eine zentrale Rolle für die Integration https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=29&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24194&cHash=11295345db262b4765a0e6b63afaa186

]]> Beratungsnetz muss ausgebaut werden

Wie für Alexandra sind für viele Menschen mit Migrationshintergrund Migrationsfachdienste seit fast 60 Jahren eine der wichtigsten Brücken zur Integration. „Das Beratungsnetz der Migrationsberatungsstellen in Bayern muss dringend ausgebaut werden, um den Bedarf an qualifizierter, unabhängiger und ortsnaher Beratung zu decken“, fordert Margit Berndl, Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege Bayern anlässlich des Aktionstages. Diese teilt die Forderung der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege, das Bundesprogramm um mindestens zehn Millionen Euro aufzustocken. „Die Migrationsberatungsstellen brauchen Planungssicherheit. Sie spielen eine zentrale Rolle für das Gelingen von Integration“, so Berndl weiter.

Lange Wartezeiten, überarbeitete Fachkräfte

Vielerorts in Bayern – vor allem in den Ballungsgebieten, aber auch in den ländlichen Regionen – sind die Fachkräfte der MBE überlastet, und Ratsuchende müssen häufig lange Wartezeiten für eine Beratung in Kauf nehmen. Aus diesem Grund beteiligen sich Migrationsberatungsstellen der Freien Wohlfahrtspflege Bayern am bundesweiten Aktionstag rund um den 30. Juni.

Seit 2005 gibt es die Migrationsberatungsstellen für erwachsene Zuwanderer der Freien Wohlfahrtspflege und des Bundes der Vertriebenen. Die Migrationsberatungsstellen sind der zentrale Beratungsdienst für bleibeberechtigte Migrantinnen und Migranten, der Integrationsmaßnahmen individuell und professionell koordiniert und begleitet.

Wie wichtig die Migrationsberatungsstellen für die Integration sind, zeigt das Beispiel von Alexandra. Sie arbeitet jetzt selbst als Beraterin bei der Migrationsberatungsstelle der Diakonie.

Aktionen in Bayern

Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege Bayern, die Träger der meisten MBE sind, beteiligen sich mit diversen Angeboten rund um den Aktionstag, sowohl einzeln als auch im Verbund. Ein Beispiel für eine gemeinsame Aktion ist „Von der Migration zur Integration“, eine Kampagne der Wohlfahrtsverbände München in Kooperation mit dem Bund der Vertriebenen, der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland sowie dem Internationalen Bund. Dazu gibt es einen virtuellen Rundgang: https://aktionstag2021.migmuenchen.de/index.html

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Presse Fachbereich Migration Migration und Flucht Tue, 29 Jun 2021 12:01:47 +0200
Paritätischer kritisiert Ausgrenzung armer Kinder https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=29&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24192&cHash=505122b4500987f676820325998c6bae

]]> Als beschämenden Ausdruck tiefer sozialer Ungleichheit bewertet der Paritätische Wohlfahrtsverband die heute vorgestellten Zahlen des Statistischen Bundesamtes, nach denen reiche Familien dreimal mehr für Lebensunterhalt und Teilhabe ihrer Kinder ausgeben als arme. Der Verband weist darauf hin, dass Kinder aus einkommensarmen Familien seit Jahren immer weiter abgehängt werden und von gleichwürdiger sozialer und kultureller Teilhabe ausgeschlossen sind. Neben einer bedarfsgerechten, einkommensabhängigen Kindergrundsicherung fordert der Verband flächendeckende Lernmittelfreiheit, die auch notwendige IT-Ausstattung beinhaltet, sowie einen Rechtsanspruch auf Angebote der Jugendarbeit.

"Es kann nicht angehen, dass Kinderarmut als gegeben hingenommen wird. Das, was für die Mehrheit Gleichaltriger selbstverständlich ist, bleibt armen Kindern aufgrund der Einkommenssituation ihrer Eltern versagt. Was es braucht, ist endlich eine beherzte Armutsbeseitigungspolitik”, fordert Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. Arme Familien seien gezwungen, notgedrungen an allem zu sparen, was über das physisch Überlebensnotwendige hinausgeht. “Das Gefühl nicht dazu zu gehören, ausgegrenzt zu sein und abseits stehen zu müssen, ist das Lebensgefühl armer Kinder in Deutschland“, so Schneider.

Corona habe die bestehende Kluft u.a. angesichts fehlender technischer Ausstattung zur digitalen Teilhabe noch einmal schmerzhaft deutlich gemacht und verschärft. “Es fehlt armen Familien schon im normalen Alltag vorne und hinten an Geld, um den Kindern eine unbeschwerte Kindheit und ein Mindestmaß an Teilhabe zu ermöglichen, in der Pandemie hat sich die Not verschärft”, so Schneider.

Laut Statistischem Bundesamt sind die durchschnittlichen Konsumausgaben für ein Kind von 660 Euro (2013) auf 763 Euro (2018) pro Monat gestiegen. Die Ausgaben für Kinder bestehen unter anderem aus der materiellen Grundversorgung wie Ernährung, Bekleidung und Wohnen. Hierauf entfiel rund die Hälfte der Ausgaben für Kinder. Auf Freizeit, Unterhaltung und Kultur entfielen rund 15 % der Ausgaben. Während die ärmsten zehn Prozent der Familien im Schnitt 424 Euro für ein Kind ausgeben, geben die reichsten zehn Prozent der Familien im Schnitt 1200 Euro pro Kind aus.

 
Gwendolyn Stilling

Pressesprecherin
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Presse Fachbereich Frauen / Familie / Geschlechterpolitik Fachbereich Kinder und Jugend / Bildung Kinder und Jugend Soziale Teilhabe und Armut Tue, 29 Jun 2021 11:50:12 +0200
Kinder brauchen eine Lobby https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=28&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24189&cHash=124f9f74f1f14ad439ee3a813b8bc2fa

]]> ]]> Herr Kuhn, nach vielen Wochen ist jetzt der Präsenzunterricht an den Schulen wieder gestartet. Wie leicht oder schwer fällt es Kindern, an die Zeit vor dem Lockdown anzuknüpfen?

Ich denke, dass es älteren Kindern und Jugendlichen zumindest vom sozialen Aspekt her leichter fällt, wieder Anschluss zu finden. Dem gegenüber gibt es Klassenstufen, die kaum in Präsenz zusammen waren. Für diese Kinder ist es schwerer, sich wieder in das Gruppengefüge einzufinden. Für Kinder, bei denen soziale Kompetenzen gut ausgeprägt sind, ist das weniger ein Problem. Andere, die da Defizite haben, tun sich schwerer.

Dazu kommt der Druck, gegebenenfalls Lernstoff auf- und nachzuholen …

Ja, die inhaltlichen und formalen Herausforderungen kommen da noch oben drauf. Und da herrscht ja häufig auch noch Unklarheit, wer welche Leistungsnachweise bis zum Ende des Schuljahres erbringen muss oder kann. Was zusätzlich verunsichert.

Haben Sie den Eindruck, dass die Schulen ausreichend Ressourcen und Zeit haben, auf diese sehr verschiedenen und individuellen Probleme und Fragen der Schüler*innen einzugehen?

Das kann man nicht pauschal beantworten und wahrscheinlich hängt es auch einfach sehr stark vom jeweiligen Lehrer*in ab. Denn diese Aufgaben kommen ja zum normalen Schulalltag dazu. Und der war an manchen Schulen schon vor Corona herausfordernd oder vom Fachkräftemangel geprägt.

Ich habe schon den Eindruck, dass an vielen Schulen momentan im Vordergrund steht, dass alle erstmal wieder ankommen dürfen und geschaut wird, mit welchen Problemen, Lücken und Fragen die einzelnen Schüler*innen zurück an die Schulen kommen. Die Anforderungen an die Lehrer*innen sind definitiv nicht geringer geworden …

Wie hat sich die Pandemie psychisch auf Kinder und Jugendlichen ausgewirkt hat. Haben psychische Belastungen zugenommen?

Wir beobachten seit einigen Jahren, dass psychiatrische Krankheitsbilder unter Kindern und Jugendlichen zunehmen. Ob das auch daran liegt, dass schneller und öfter diagnostiziert wird, lässt sich schwer sagen. In der Pandemie sind die psychischen Belastungen für Kinder und Eltern gestiegen.

Was für Belastungen sind das?

Das sind zum Beispiel depressive Episoden oder Angststörungen. Für manche Kinder und Jugendliche – egal ob vorbelastet oder nicht - war da die Pandemie eine Art Beschleuniger bei der Entwicklung von psychischen Erkrankungen. Viele Kinder haben auch Angst vor Corona oder erleben und verinnerlichen die Angst der Eltern und Familien vor der Krankheit.

Halten Sie die Möglichkeiten der Schulen, auf diese Herausforderungen zu reagieren, sie aufzufangen für ausreichend?

Wir wussten ja, dass wir in diese Situation kommen. Und wenn man in die Zukunft schaut, wissen wir auch, dass wir wieder in die Situation kommen werden, wenn es im Herbst wieder Distanz- oder Wechselunterricht geben soll. Das Wichtigste, was ein*e Lehrer*in braucht, sind Zeit und eine gute Beziehung zu den Kindern. Dann kann man natürlich mit Beratungsstellen oder dem Jugendamt zusammenarbeiten. Aber auch das ist wieder ein zusätzlicher Aufwand.

Das Problem ist: Zuallererst sind Lehrer*innen ja in der Pflicht, den Lehrplan einzuhalten! Und da wird es dann zu einer Frage der Haltung, was ich als Lehrer*in in den Mittelpunkt stelle, wenn ich merke, ein oder mehrere Kinder kommen mit sozialen oder psychischen Problemen zurück in meine Klassen: das Wohlergehen des Kindes oder den Lernstoff?

Was wünschen Sie sich, damit wir im Herbst und einer möglichen 4. Welle nicht wieder in derselben Situation sind wie heute? Damit das Wohlergehen von Kindern nicht allein von den individuellen Ressourcen und Möglichkeiten einzelner Lehrer*innen abhängig ist. Es geht ja auch um Chancengerechtigkeit allen Kindern gegenüber …

Dazu muss der Fokus überhaupt erstmal auf den Bildungssektor gerichtet werden. Es braucht ein gesellschaftliches Bewusstsein und dann natürlich entsprechende Rahmenbedingungen und Mittel. Der Tenor momentan ist ja, dass man das mit dem Distanzunterricht doch eigentlich ganz gut hingekriegt hätte. Da fehlt aber komplett die Perspektive der Kinder! Wir brauchen eine ehrliche Bestandsaufnahme.

Und was wünschen Sie sich ganz konkret?

Es muss sichergestellt werden, dass die Kinder im Herbst in die Schule gehen können bzw. dass die Schulen zumindest immer mit einem Teil der Kinder regelmäßig im persönlichen Kontakt stehen. Mit Hygienekonzepten, Impfungen und Lüftungsanlagen. Aber auch der technischen Ausstattung für Online-Unterricht und Standards, wie so ein virtueller Unterricht bestenfalls aussehen sollte.

Klar, für Politik ist es auch nicht einfach, die richtigen Entscheidungen zu treffen: So eine Pandemie ist keine komfortable Situation. Aber verschiedene Szenarien und zu den Szenarien verschiedene Pläne und Maßnahmen zu entwickeln -  das wäre wünschenswert.

Warum ist der persönliche Kontakt so wichtig?

Weil Lernen durch soziale Interaktionen und im sozialen Kontext geschieht. Virtuelle Interaktionen gehören da auch dazu. Aber virtuell bekomme ich den ganzen Menschen ja gar nicht mit, mit all den Sinnen, die ich dafür brauche.

Für ältere Kinder und Jugendliche ist die Peergroup ganz wichtig, um eine eigene Identität auszubilden und für die psychische Entwicklung und die Persönlichkeitsentwicklung. Die ist mit der Einschränkung von Kontakten auch eingeschränkt. Das ist also ein Lernschritt oder eine Entwicklungsaufgabe, die durch die Pandemie beeinträchtigt sein könnte. Bei kleineren Kinder funktioniert Lernen viel über Mimik und die Reaktionen anderer Menschen. Da sind die Masken einfach ein Problem.

Auch wenn wir die Auswirkungen noch nicht konkret kennen, wissen wir, dass die Kontaktbeschränkungen und fehlende persönliche Kontakte grundsätzlich nicht gut sind für Kinder. Deshalb sollten wir auch nicht auf die Analyse der Folgen warten, sondern jetzt Maßnahmen einleiten und präventiv arbeiten.

Vor welchen besonderen Herausforderungen standen denn Kinder und Jugendliche, für die das Leben schon vor Corona schwieriger als für andere war? Zum Beispiel in Ihren Wohngruppen?

Die Ausgrenzung, die schon vorher da war, hat sich durch Corona nochmal verschärft. Teilhabe ist noch schwerer geworden. Bei uns in der Einrichtung waren zeitweise Besuche gar nicht erlaubt. Da reicht es nicht, Menschen in prekären Lebenslagen mit Tablets oder Laptops zu versorgen. Man muss Sorge dafür tragen, dass sie mit anderen Menschen in Kontakt bleiben können.

Ist den Kindern und Jugendlichen in ihren Einrichtungen bewusst, was für einen tollen Teil sie dazu beigetragen haben, dass wir als Gesellschaft so gut durch die Pandemie gekommen sind? Wollen sie dafür jetzt auch mal gehört und mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden?

Da sage ich eher pessimistisch: Nein. Denn Kinder und Jugendliche tendieren ja eher dazu, zu kooperieren, sich an die Umwelt anzupassen, die Gegebenheiten zu akzeptieren, ihre Bedürfnisse zurückstellen.

Aber was passiert mit mir, wenn ich meine Bedürfnisse dauerhaft um- oder zurückstelle? Empfinde ich das dann irgendwann als „normal“?  Wie wirkt sich so etwas auf mich persönlich und das soziale Miteinander aus? Wir sind deshalb als Gesellschaft und Erwachsene gefordert, für die Bedürfnisse von Kindern und Jugendliche wieder Raum zu schaffen und sie zu fördern. Kinder und Jugendliche brauchen eine starke Lobby, die sich für sie hinstellt und dafür sorgt, dass sie gehört und beteiligt werden.

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Themen Bildung Corona Kinder und Jugend Mon, 28 Jun 2021 10:13:56 +0200
Wo ist die Perspektive? https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=24&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24182&cHash=c0bb20f775a1b8515c6ca755c9d7c25b

]]> Foto: Adobe Stock.com DGC]]> Sabine Bethge ist Erzieherin in einer heilpädagogischen Jugendwohngruppe Fürth unserer Mitgliedsorganisation vsj. In der Wohngruppe leben derzeit vier Jungen und drei Mädchen zwischen 14 bis 24 Jahren.

Sabine Bethge sagt, die Jugendlichen werden scheu, sie „können sich nicht mit anderen ausprobieren.” Die Jugendlichen halten sich an die Regeln, aber für sie ist nicht nachvollziehbar, warum sie mit vielen anderen Menschen in der U-Bahn sitzen, aber nicht zwei Freunde treffen dürfen. „Also muss man U-Bahn fahren, um seine Freunde zu treffen?"

Quarantäne – für die Jugendlichen schier unaushaltbar

Besonders schwierig gestaltet sich der derzeitige Alltag, wenn Jugendliche in häuslicher Quarantäne sind. Die elf Quadratmeter großen Einzelzimmer dürfen in diesem Fall für die Quarantänezeit nicht verlassen werden, ausgenommen ist der Gang ins Badezimmer. Toilettengänge müssen telefonisch angekündigt werden, um sicherzustellen, dass sich niemand auf dem Gang aufhält. Das Badezimmer wird danach komplett desinfiziert. Sabine Bethge leidet mit: „Für die Jugendlichen ist das schier unaushaltbar. Sie haben nicht mal Hofgang.”

Besondere Herausforderung: Homeschooling

Das Homeschooling stellt die stationären Einrichtungen vor besondere Herausforderungen. In der Regel ist am Vormittag kein oder nur wenig Personal in den Einrichtungen, denn die Jugendlichen sind normalerweise in der Schule. Findet Distanzunterricht statt, sind alle Jugendlichen in den Wohngruppen und müssen nicht nur betreut, sondern auch beim Lernen angeleitet und begleitet werden, zu Lasten der Verwaltungstätigkeiten, die sonst am Vormittag erledigt werden. Ein*e Betreuer*in betreut dann acht Schüler*innen aus unterschiedlichen Jahrgangsstufen und Schularten, die mit verschiedenen Lernplattformen arbeiten.

In Bayern wurde für diese Fälle die sogenannte 10%-Regelung geschaffen oder alternativ die Bezahlung nach Fachleistungsstunden. Die so finanzierten zusätzlichen Personalressourcen sind jedoch lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein, da bei weitem nicht alle Kinder und Jugendlichen adäquat im Homeschooling betreut und unterstützt werden können. Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen sind dadurch benachteiligt und werden von der gleichberechtigten Teilhabe an Bildung ausgeschlossen.

Perspektivlosigkeit macht sich breit

Besonders schwierig wird auch die Situation der Jugendlichen am Übergang ins Berufsleben gesehen. Zukunftsängste und Perspektivlosigkeit machen sich breit. Jugendliche schreiben 50 Bewerbungen ohne überhaupt eine Antwort zu erhalten. Die Jugendlichen „wünschen sich nichts mehr, weil sie sich nichts mehr vorstellen können.” Es entsteht der Eindruck, dass die Politik die Jugendhilfe einfach nicht auf dem Radar hat. Dies muss sich besonders im Hinblick auf die Bedarfe und Bedürfnisse der jungen Menschen ändern. Das Resümee der Einrichtungsleitung: „Wir klauen ihnen die Jugend.”

Stationäre Jugendhilfe wird vergessen

Nicht nachvollziehbar ist für Sabine Bethge der Umgang mit den Impfpriorisierungen. „Warum sind Erzieherinnen in den Kindertagesstätten und Grundschullehrerinnen in der Prio-Stufe 2 und das Personal in der Jugendhilfe Stufe 3? Wir sind 24 Stunden mit den Kindern und Jugendlichen auf engsten Raum zusammen.” Angesichts der Testpflicht in Schulen ist nicht nachvollziehbar, warum die Bewohner*innen und Beschäftigten in den Einrichtungen der Jugendhilfe nicht regelmäßige Tests durchführen sollen bzw. diese nicht refinanziert sind. Die Jugendhilfe wurde in der Testverordnung nicht aufgenommen. Die Versorgung mit Schutzmaterialien verlief ebenso sehr schleppend.

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Themen Corona Kinder und Jugend Thu, 24 Jun 2021 16:17:55 +0200
In der Wartehalle https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=23&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24175&cHash=d45a029114896f3a541bb07cff4e4542

]]> Foto: Adobe Stock.com tryama]]> „Wir bleiben zu Hause.” Das war die Devise im März 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie um vulnerable Personengruppen wie zum Beispiel ältere Menschen zu schützen. Die junge Generation verschwand dabei jedoch fast völlig aus dem Blickfeld. Im Laufe der Pandemie wurden die Rufe zwar lauter, Kindergärten und Schulen wieder zu öffnen, damit Eltern ihrer Berufstätigkeit nachgehen können. An die Bedarfe und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen wurde dabei aber nur nachrangig gedacht.

Besonders Jugendliche bleiben mit ihren Bedürfnissen in der Coronakrise weitgehend ungesehen: Sie werden eher in ihrer Rolle als Schüler*innen, Student*innen oder Auszubildende wahrgenommen, nicht aber mit ihren persönlichen Bedürfnissen und Anliegen. Verschiedene Studien haben Kinder und Jugendliche während der Corona-Krise in den Fokus genommen. Die Ergebnisse sind alarmierend: Laut der COPSY-Studie zeigt fast jedes dritte Kind zwischen sieben und 17 Jahren psychische Auffälligkeiten.

Dabei sind Jugendliche nicht gleich Jugendliche. Ihre Betroffenheit durch die Pandemie variiert je nach Elternhaus. Es gibt Familien, die sich corona-bedingt in einer noch größeren finanziellen Unsicherheit befinden als ohnehin schon und solche, die davon weniger betroffen sind. Besondere Risikofaktoren sind Alleinerziehende, Familien, die beengt wohnen, ein geringes Bildungsniveau oder niedrigen sozioökonomischem Status haben. Besonders betroffen sind auch Jugendliche mit vielen Geschwistern und ohne digitale Teilhabemöglichkeit. Einige genießen jedoch die Zeit in der Familie und fühlen sich durch das Homeschooling eher vom schulischen Druck befreit und nicht benachteiligt.

Manche Jugendliche tauchen in keinem System mehr auf

Auffällig ist, dass besonders Förderschüler*innen, junge Wohnungslose, Schulabgänger*innen ohne Abschluss, die in keinem System mehr auftauchen und keine Ausbildung gefunden haben, völlig aus dem Blickfeld geraten. Hilfeketten sind teilweise abgerissen, niedrigschwellige Angebote geschlossen, Ansprechpartner*innen nicht mehr da – und das in einer Entwicklungsphase des Lebens, in der die Jugendlichen besonders vulnerabel sind. Für sie braucht es zum Beispiel gute Angebote der Jugendberufshilfe, um den Jugendlichen wieder Perspektive und Hilfe am Übergang in ein selbstständiges Leben zu geben.

Was Jugendliche bewegt

Nach über einem Jahr Pandemie, mitten in der dritten Welle, haben wir zwei junge Volljährige gefragt, wie es ihnen heute geht. Marla und Katharina haben uns erzählt, wie sie die pandemiebedingten Einschränkungen wahrnehmen. Beide leben in einer stationären Wohngruppe des Vereins für sozialpädagogische Jugendbetreuung e.V. (vsj). Marla macht derzeit Mittlere Reife. Katharina hat aufgrund der Corona-Pandemie ihren Ausbildungsplatz verloren. „Ich bin durch den Online-Unterricht immer schlechter geworden und habe dann meine Ausbildungsstelle verloren”, sagt sie.

Freund*innen nicht treffen zu können, nur wenige „legale” Freizeitmöglichkeiten zu haben, Ängste und Zukunftssorgen: Darunter leiden viele Jugendliche. Es sei wie in einer Wartehalle, bei der man aber nicht weiß, wann man dort wieder abgeholt wird. Marla und Katharina sind in der stationären Wohngruppe noch zusätzlich eingeschränkt. Sie dürfen keinen Besuch empfangen, die Betreuer*innen tragen ständig eine Mund- und Nasenbedeckung, müssen auf Abstand bleiben, und es finden keine gemeinsamen Unternehmungen mehr statt. „Da die Betreuer*innen Masken tragen müssen, hat man nicht das Gefühl, zu Hause zu sein. Das Maskentragen wirkt sich auch auf die Beziehung zwischen Jugendlichen und Betreuer aus. Wir werden von ihnen nicht mehr in den Arm genommen.”, sagen beide Mädchen. Den Sinn und Zweck der nächtlichen Ausgangssperre versteht niemand so recht, und diese wird auch stark kritisiert. „Aufgrund der Ausgangssperre habe ich mit den wenigen Freunden, die ich noch sehen darf, noch weniger Kontakt.”, sagt Katharina.

Auf die Frage nach ihren Wünschen müssen sie nicht lange nachdenken. „Ich wünsche mir, dass mich mein Freund nach einem negativen Test besuchen darf. Wir sind seit zwei Jahren zusammen, und es ist verdammt hart so eine Beziehung zu führen.”, sagt Marla. Katharina wünscht sich, dass es für Jugendliche außerhalb der Familie eine feste Person gibt, mit der sie sich immer treffen dürfen, egal wie spät es ist oder wie hoch die aktuellen Inzidenzzahlen sind.

Die Rechte der Kinder und Jugendlichen dürfen in der Pandemie nicht in Vergessenheit geraten. Auch wenn Minderjährige noch keine Wählerstimme haben, ist die Politik aufgefordert, die Bedürfnisse und Bedarfe dieser Zielgruppe nicht außer Acht zu lassen.

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Themen Bildung Corona Kinder und Jugend Wed, 23 Jun 2021 18:18:44 +0200
Klimaschutzgesetz: Paritätischer und BUND kritisieren Eckpunkte als halbherzig https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=22&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24169&cHash=5641bc7c9c374d3e7053b459a5d2d206

]]> Die von der Großen Koalition vereinbarten Eckpunkte für eine Reform der Klima- und Energiepolitik stoßen auf deutliche Kritik von Paritätischem Wohlfahrtsverband und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). So seien die Vorschläge klimapolitisch unambitioniert, zudem fehle jeglicher sozialer Ausgleich. Echter gesellschaftlicher Umbau sei nur möglich, wenn man ökologischen Umbau, Naturschutz, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit zusammen denke. Ohne soziale Komponenten zur Flankierung eines Klimaschutzgesetzes, von der Grundsicherung bis zum Wohnen, drohe eine neuerliche Vertiefung der sozialen Spaltung in unserem Land, warnen die Verbände.

“Es ist schon bezeichnend, dass jedwede sozialpolitische Flankierung fehlt. Natur- und Umweltschutz und eine echte sozial-ökologische Wende funktionieren nur dann, wenn alle Menschen mitgenommen werden und niemand zurückgelassen wird. Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der Vernunft. Ein Klimaschutzgesetz, das soziale Fragen ignoriert, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Es wird keine Mehrheit in der Bevölkerung finden”, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. “Es wäre fatal, wenn am Ende Umweltschutz- gegen Sozialpolitik ausgespielt werden. Es geht nur zusammen – sozial und ökologisch und daher dulden wir auch keine halbherzigen Kompromisse weder sozial noch ökologisch”, so Schneider.

BUND-Vorsitzender Olaf Bandt: “Auch mit der Eckpunkte-Einigung fehlt es an Maßnahmen, die die neuen Klimaschutzziele erreichbar machen. Diese Bundesregierung überlässt diese Aufgabe der nächsten. Damit verliert der Klimaschutz wichtige Monate. Gleichzeitig zerredet Unions-Kanzlerkandidat Laschet wichtige Klimaschutz-Maßnahmen wie einen höheren CO2-Preis. Union und SPD schaffen aktuell keine Einigung zur Aufteilung eines höheren CO2-Preises zwischen Mietern und Vermietern, verständigen sich aber auf eine finanzielle Entlastung von betroffenen Unternehmen. Das ist klimaschädlich und unsozial.”

Der Paritätische hat zusammen kürzlich mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) die “Zukunftsagenda für die Vielen” vorgelegt, ein politisches Programm für den konsequenten Aufbruch in eine ökologisch und sozial gerechte Republik. In dem detaillierten Forderungskatalog fordern die Verbände ein entschlossenes Umsteuern der Politik, um unter anderem das 1,5 Grad-Klimaziel zu erreichen, sowie flankierende Maßnahmen für soziale Sicherheit und die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Unter anderem sprechen sie sich etwa für eine Anhebung des CO2-Preises auf zunächst 50 Euro pro Tonne aus bei voller Rückgabe an die Bevölkerung über einen Pro-Kopf-Ökobonus.

Die Zukunftsagenda sowie weitere Infos zum Thema unter: https://www.der-paritaetische.de/themen/bereichsuebergreifende-themen/klimaschutz/

Gwendolyn Stilling

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Presse Soziale Teilhabe und Armut Tue, 22 Jun 2021 18:14:02 +0200
NEU! Mini OBA Club bei Integral e.V. in Nürnberg https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=18&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24147&cHash=6da66a1a4312689ec7c7def3c6f27e62

]]> ]]> Der Mini OBA-Club findet mit Anmeldung und in kleinen Gruppen statt.

Mehr Infos finden Sie im Anhang.

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Termine Fachbereich Menschen mit Behinderung Region Mittelfranken Mitgliedsorganisationen Fri, 18 Jun 2021 11:21:38 +0200
Organisationen fordern die Fortsetzung der Aufnahme Geflüchteter aus Griechenland https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=08&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24081&cHash=3e02659f544af101e4e3c2ae1e6a154c

]]> Mit der Erklärung "Aufnahme von Geflüchteten aus Griechenland fortsetzen – Hotspot-Experiment beenden!" haben sich anlässlich der heutigen Sitzung des EU-Rats der Justiz- und Innenminister*innen der Paritätische Gesamtverband und 13 weitere Organisationen an die Bundesregierung gewandt und appellieren eindringlich, die Aufnahmen Geflüchteter aus Griechenland fortzusetzen und das Hotspot-Experiment endgültig zu beenden.

„Die Lebensumstände der Geflüchteten in den Hotspots auf den griechischen Inseln sind weiterhin katastrophal. Die Aufnahme von schutzbedürftigen Menschen aus den griechischen Flüchtlingslagern muss weitergehen", fordert Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. Mit großer Sorge sehen die unterzeichnenden Organisationen insbesondere den Bau quasi-geschlossener Zentren an den EU-Außengrenzen, die von der EU-Kommission und Griechenland als “Pilot-Projekte” vereinbart wurden. Diese nehmen die im „Neuen Migrations- und Asylpaket“ von der EU-Kommission vorgeschlagenen Pläne, die eine Ausweitung und eine verpflichtende Durchführung von Grenzverfahren vorsehen, vorweg. Kerstin Becker, Referentin für Flüchtlingshilfe beim Paritätischen, kommentiert: „Die Erfahrungen in Griechenland haben uns gelehrt: faire Asylverfahren und menschenwürdige Unterbringung sind an den europäischen Außengrenzen nicht möglich – Asylverfahren an den Grenzen muss endlich eine klare Absage erteilt werden.“

Die gemeinsame Erklärung wurde unterzeichnet von: PRO ASYL, Caritas, Diakonie Deutschland, Amnesty International, Save the children, Ärzte ohne Grenzen, Der Paritätische Gesamtverband, Equal Rights beyond borders, Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland, terre des hommes, Ärzte der Welt, World Vision, AWO, und Deutscher Anwaltsverein/ Arbeitsgemeinschaft Migrationsrecht.

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Presse Fachbereich Migration Migration und Flucht Tue, 08 Jun 2021 09:33:00 +0200
Für alle, nicht die Wenigen: Warum wir unsere Zukunft nicht den Märkten überlassen dürfen https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=02&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24056&cHash=9f0ef74b90c69846fd9a7b73d095efa2

]]> „Für alle, nicht die Wenigen“, das Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband, Melanie Weber-Moritz vom Deutschen Mieterbund und Olaf Bandt vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland heute in Berlin in der Landesvertretung Baden-Württemberg vorgestellt haben.

„Auf einem Markt, den Profitmaximierung und Konkurrenzdenken beherrschen, geraten sowohl der Mensch als Individuum wie auch die kollektiven Güter, die er zum Leben braucht, aus dem Blick“, mahnte Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. Zu diesen Gütern gehörten soziale Sicherheit, bezahlbarer Wohnraum, ein gutes Gesundheitssystem, eine selbstbestimmte Arbeit, eine möglichst intakte Umwelt und nicht zuletzt die Möglichkeit, seine Existenz in einem kulturell vielfältigen Gemeinwesen selbst zu gestalten. „Die neoliberale, an Profitmaximierung und Konkurrenz orientierte Wirtschaftsweise folgt politischen Entscheidungen und ist weder natur- noch gottgegeben und schon gar nicht alternativlos.“

Das gilt besonders auch für den Bereich Wohnen: „Die Mieten in Deutschland stiegen auch im Krisenjahr 2020 ungebremst, trotz Corona-Pandemie, Wirtschaftsabschwung und Kurzarbeit“, so Melanie Weber-Moritz, Bundesdirektorin des Deutschen Mieterbundes. „Angesichts steigender Mieten und sinkender Sozialwohnungsbestände brauchen wir dringend einen großen gemeinnützigen Sektor mit dauerhaft preisgebundenen Wohnungen, um langfristig bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.“ Damit Menschen mit niedrigen Einkommen keine Angst mehr haben müssen, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren.

Olaf Bandt ist Vorsitzender des BUND und rückt die sowohl ökologischen als auch sozialen Verwerfungen in den Fokus, die der Klimawandel mit sich bringt. Er fordert: „Für eine ökologische und gerechte Republik braucht es einen aktiven Staat und aktive Bürger*innen. Wir treten für eine Neuordnung von Verantwortung und Gestaltungswillen im Verhältnis zwischen Markt, Staat und Gesellschaft ein.“

Das Buch „Für alle, nicht die Wenigen“ erscheint kommenden Montag im Westend Verlag und zeigt eindrücklich, warum wir unsere Zukunft nicht den Märkten überlassen dürfen. Ulrich Schneider hat namhafte Expertinnen und Experten aus den Bereichen Gesundheit, Kultur, Energie, Verkehr und Landwirtschaft versammelt, die die Grenzen eines profitorientierten Wirtschaftens aufdecken und Alternativen aufzeigen: Dierk Hirschel, Olaf Bandt, Elisabeth Fresen, Melanie Weber-Moritz, René Mono, Olaf Zimmermann, Mara Dehmer, Joachim Rock, Rolf Rosenbrock und Cornelia Harrer.

Pressekontakt: Rüdiger Grünhagen, Westend Verlag GmbH, presse@westendverlag.de  –  Telefon: 069 / 2475018-10  –  Fax: 069 / 2475018-20

Zitate der Autorinnen und Autoren

„Auf einem Markt, den Profitmaximierung und Konkurrenzdenken beherrschen, geraten sowohl der Mensch als Individuum wie auch die kollektiven Güter, die er zum Leben braucht, aus dem Blick. Zu diesen Gütern gehören soziale Sicherheit, bezahlbarer Wohnraum, ein gutes Gesundheitssystem, eine selbstbestimmte Arbeit, eine möglichst intakte Umwelt und nicht zuletzt die Möglichkeit, seine Existenz in einem kulturell vielfältigen Gemeinwesen selbst zu gestalten. Die neoliberale, an Profitmaximierung und Konkurrenz orientierte Wirtschaftsweise folgt politischen Entscheidungen und ist weder natur- noch gottgegeben und schon gar nicht alternativlos.“
Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes.

„Die Mieten in Deutschland stiegen auch im Krisenjahr 2020 ungebremst, trotz Corona-Pandemie, Wirtschaftsabschwung und Kurzarbeit. Angesichts steigender Mieten und sinkender Sozialwohnungsbestände, brauchen wir dringend einen ausreichend großen gemeinnützigen Sektor mit dauerhaft preisgebundenen Wohnungen, um langfristig bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und zu erhalten. Eine neue Wohnungsgemeinnützigkeit bildet den notwendigen Rahmen für kommunale Unternehmen, Genossenschaften und andere gemeinwohlorientierte Unternehmen und ist der Gegenentwurf zum rein profitorientierten frei finanzierten Wohnungsmarkt. Damit Menschen mit niedrigen Einkommen keine Angst mehr haben müssen ihr Dach über dem Kopf zu verlieren.“
Melanie Weber-Moritz, Bundesdirektorin des Deutschen Mieterbundes

„Für eine ökologische und gerechte Republik braucht es einen aktiven Staat und aktive Bürger*innen. Wir treten für eine Neuordnung von Verantwortung und Gestaltungswillen im Verhältnis zwischen Markt, Staat und Gesellschaft ein.“
Olaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland

„Nach der Pandemie gilt: Geht nicht, gibt's nicht! Sozial-ökologischer Fortschritt ist eine Frage des politischen Willens und nicht des Kassenstandes.“
Dierk Hirschel, Chefökonom der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di

„Die Genossenschaft, eine Organisationsform, die wir ganz besonders häufig auf dem Land antreffen – schließlich kommt sie ja auch von dort – scheint uns immer noch eine ganz besonders geeignete Rechtsform zu sein, um neoliberaler Profitorientierung etwas entgegenzusetzen. Sie stärkt Selbstwirksamkeit, Teilhabe und Eigensinn.“
Mara Dehmer (Paritätischer Gesamtverband) und Cornelia Harrer (Landesverband NRW) 

„Alle gesellschaftlichen Bereiche, auch die Kultur, sind in den letzten Jahrzehnten unter immer stärkeren ökonomischen Druck geraten. Die Einladung von Ulrich Schneider an Vertreterinnen und Vertreter aus den Bereichen Gesundheit, Energie, Verkehrs, Landwirtschaft und Kultur, in seinem Buch zu schreiben, birgt die große Chance, dass wir uns in der Zukunft gemeinsam gegen diese zügellose Marktorientierung wenden. Das Buch kann deshalb mehr sein als nur die Beschreibung der Situation, es kann zur Aktion werden.“
Olaf Zimmermann, Geschäftsführer Deutscher Kulturrat

„410,8 Milliarden Euro, das sind 4.944 Euro je Einwohner*in , wurden im Jahr 2019 in Deutschland für Gesundheit ausgegeben. Das Geld reicht sicherlich, um eine gut erreichbare, vollständige und hochwertige Versorgung für wirklich alle Menschen in Deutschland zu finanzieren. Tatsächlich aber führen eine nicht auf Qualität und Menschlichkeit gerichtete Konkurrenz auf allen Ebenen, kurzatmiges Kostendenken und eine weit verbreitete Raffgier dazu, dass dieses alte und große Versprechen immer noch nicht eingelöst wird.“
Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbands

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Presse Soziale Teilhabe und Armut Wed, 02 Jun 2021 10:38:06 +0200
Pflege: Paritätischer kritisiert Pläne der Großen Koalition als “Mogelpackung” https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=01&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24053&cHash=a3e71c94e20fb5d5577ef3124381ed3a

]]> Äußerst scharfe Kritik übt der Paritätische Wohlfahrtsverband an dem vorliegenden Gesetzentwurf für eine Pflegereform. Die Vorschläge der Großen Koalition seien ein “fauler Kompromiss” und der Gesetzentwurf eine “Mogelpackung”. Es fehle nachwievor eine wirksame Regelung zur Deckelung der Eigenanteile bei den Pflegekosten, die alle Betroffenen wirklich entlaste. Auch der Kompromiss zur Entlohnung von Pflegekräften falle weit hinter die Ankündigungen zurück, kritisiert der Verband.

Der aktuelle Gesetzesentwurf sehe weder eine Begrenzung, noch eine Deckelung der Eigenanteile bei den Pflegekosten vor. Stattdessen werde lediglich ein Zuschuss angekündigt, der zudem nur an langjährige Heimbewohner*innen gehen soll. “Dieser Kompromiss ist fachlich, politisch und ethisch unzumutbar”, kritisiert Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. “Es ist für uns nicht tragbar, dass Heimbewohner*innen mit kürzerer Lebenserwartung völlig außen vor bleiben sollen.”

Auch was die tariflichen Regelungen angeht, bewertet der Paritätische den Gesetzentwurf als halbherzig. Im Unterschied zum ursprünglich von Arbeitsminister Hubertus Heil angestrebten Modell eines einheitlichen Mindesttarifs für die Pflege würde mit den aktuellen Vorschlägen ein Flickenteppich im System der Entlohnung entstehen.

“Die Zeit ist überreif: Wir brauchen eine echte Reform und keine halbherzigen Trippelschritte”, so Schneider. Der Paritätische bekräftigt seine Forderung nach einer Vollkaskoversicherung als Bürgerversicherung, die das Risiko der Pflegebedürftigkeit wirksam absichert. Übergangsweise fordert der Verband eine Begrenzung des Eigenanteils in Höhe von 15 Prozent, die Pflegekassen sollen stattdessen stärker in die Pflicht genommen werden.

Gwendolyn Stilling

Pressesprecherin
Leiterin
Presse, Redaktion, Kampagnen

Der Paritätische Gesamtverband
Oranienburger Str. 13-14
10178 Berlin
Telefon: 030 24636-305
Telefax: 030 24636-110
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Presse Fachbereich Ältere Menschen Fachbereich Menschen mit Behinderung Ältere Menschen Gesundheit Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Pflege Tue, 01 Jun 2021 14:48:06 +0200
Tag der Nachbarschaft https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&tx_ttnews%5Bday%5D=25&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24025&cHash=3e9d7bb13ea3a502d149ae1bf2a3084f

]]> ]]> Wie hat sich die Arbeit der Nachbarschaftshilfen im letzten Jahr durch die Pandemie verändert?

Die Pandemie hat die Bedeutung sozialer und pflegerischer Dienste und die Systemrelevanz ihrer Beschäftigten mit einem Paukenschlag ins Bewusstsein aller gerückt. In der Kinderbetreuung, Pflege und Versorgung älterer und behinderter Menschen haben viele Nachbarschaftshilfen notwendige soziale Infrastruktur weiterhin sichergestellt. Schwieriger dagegen war und ist die Situation im bürgerschaftlichen Engagement. Die 15 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Nachbarschaftshilfen im Landkreis München verzeichnen im Jahr 2020 einen Rückgang der ehrenamtlich geleisteten Stunden um etwa ein Drittel. Aus Furcht vor einer Infektion standen viele Ehrenamtliche nicht mehr zur Verfügung, viele Angebote konnten während der Lockdowns ja auch gar nicht durchgeführt werden. Das betraf vor allem die offenen Treffs, Veranstaltungen aber auch die niedrigschwelligen Angebote für alle Altersgruppen. Insgesamt ist die Arbeit durch die spezifischen Anforderungen deutlich mehr geworden und ich beobachte bei vielen eine Flexibilisierung des persönlichen Arbeitsstils. Wir arbeiten heute an mehreren Orten, zu diversen Zeiten, mit ganz unterschiedlichen Arbeitsmitteln.

Wo liegt heute der Schwerpunkt in der Arbeit der Nachbarschaftshilfe?

Es gilt die große Zäsur „Corona“ zu überwinden und zurück zu einer gewissen Normalität zu finden. Langsam starten wieder die Angebote, die nicht oder nur eingeschränkt möglich waren. Nach den Pfingstferien werden alle Kinder hoffentlich zurück in die Regelbetreuung können und auch unsere ehrenamtlichen Aktivitäten nehmen wieder an Fahrt auf. Gleichzeit planen wir in Taufkirchen Events und Sonderaktionen für die nächsten Monate. Soweit möglich, soll es ein wunderbarer Sommer mit Zuversicht, Anregungen und schönen Gemeinschaftserlebnissen in der Nachbarschaftshilfe werden.

Was ist derzeit Ihre größte Herausforderung?

Pflegefachkräfte zu finden, ist schon lange eine der größten Herausforderungen und ist mutmaßlich noch schwieriger geworden. Viele Mitarbeitende im Pflege- und Gesundheitsbereich sind ausgebrannt und von der Politik frustriert. Auch wenn wir in unserem Pflegedienst ein tolles Team haben und sehr gute Konditionen anbieten, können auch wir nur schwer gegen diesen Trend ankommen. Hier fordere ich die politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen auf, aktiv zu werden, sei es bezahlbare Wohnungen zu ermöglichen oder die Pflegeausbildung so zu gestalten, dass die Zugänge für Auszubildende und Ausbildungsbetriebe leichter werden. Die neue, generalistische Pflegeausbildung hält dieses Versprechen im ambulanten Sektor leider nicht.

Sind Ehrenamtliche „weggebrochen“? Wie lassen sich diese wieder erreichen? Wird sich das Ehrenamt durch die Pandemie weiter verändern?

Ja natürlich, manche Ehrenamtlichen haben die Unterbrechung genutzt, um sich ganz zu verabschieden, Gruppen haben sich aufgelöst, Menschen haben sich umorientiert. Aber die beliebten Angebote, die gut liefen und einen gewichtigen Bedarf aufgreifen, werden wiederkommen. Da stehen ganz viele schon in den Startlöchern.

Gleichzeitig ist im letzten Jahr viel Neues entstanden und wir konnten gerade auch jüngere Engagierte für die verschiedenen, projektbezogenen Corona-Hilfsangebote wie Einkäufe, Impffahrten oder Telefonpatenschaften gewinnen. Viele davon sind noch aktiv und wir hoffen, einige auch längerfristig an die Nachbarschaftshilfe zu binden.

Im März startete unsere Lernaktion „Lücken schließen“. Mittlerweile unterstützen unsere Ehrenamtlichen knapp 20 Schülerinnen und Schüler aller Altersgruppen, die Resonanz ist ausgesprochen positiv, das Thema brennt einfach.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir auch in Zukunft viele unterschiedliche Menschen für das Engagement in der Nachbarschaftshilfe begeistern können und wieder viele bei uns mitmachen werden. Wir alle sehnen uns nach analogen Begegnungen und die Nachbarschaftshilfen sind wunderbare Anlaufstellen, um andere Menschen zu treffen und gemeinsam etwas Sinnvolles zu bewegen.

Stichwort Digitalisierung. Was geht besser digital? Was sollte analog bleiben?

Digitalisierung ist für mich immer dort sinnvoll, wo es um die Organisation von Arbeit geht. Wir alle haben es schätzen gelernt, uns unkompliziert digital vernetzen zu können und über schnelle Kanäle zu kommunizieren. Ich sehe auch keinen Gegensatz zum Analogen. Begegnungen und Beziehungen sind etwas ganz Anderes, hier wird der direkte, persönliche Kontakt auch in Zukunft eine große Rolle spielen.

Was war der schönste Moment im letzten Jahr?

Besonders berührt hat mich unsere Weihnachtsaktion für bedürftige und von Einsamkeit bedrohte ältere Menschen. Das war ja in der Zeit, als die Inzidenzen besonders hoch waren und Weihnachten diesmal für viele ganz anders war. Wir hatten 20 Geschenke mit wirklich hübschen Überraschungen für Leib und Seele liebevoll gepackt. Das hat nochmal die wirklich wichtigen Themen vor Augen geführt. Am Ende ist es ganz einfach: Anderen helfen zu können, macht selbst glücklich.

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Themen Zivilgesellschaft und Demokratie Tue, 25 May 2021 21:24:21 +0200
Zukunftsagenda für die Vielen https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&tx_ttnews%5Bday%5D=19&tx_ttnews%5Btt_news%5D=24001&cHash=906c01d4f525070743aa071228fb2ad0

]]> Mit einer Neun-Schritte-Zukunftsagenda legen der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Paritätische Gesamtverband zum Auftakt des Bundestagswahlkampfes ein politisches Programm für den konsequenten Aufbruch in eine ökologisch und sozial gerechte Republik vor. Ein echter gesellschaftlicher Umbau ist nur möglich, wenn man ökologischen Umbau, Naturschutz, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit zusammen denkt. Beide Verbände fordern ein entschlossenes Umsteuern der Politik, um unter anderem das 1,5 Grad-Klimaziel zu erreichen, sowie flankierende Maßnahmen für soziale Sicherheit und die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. In ihrer detaillierten „Zukunftsagenda für die Vielen“ sprechen sich die Verbände etwa für eine Anhebung des CO2-Preises auf zunächst 50 Euro pro Tonne aus bei voller Rückgabe an die Bevölkerung über einen Pro-Kopf-Ökobonus.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer Paritätischer Gesamtverband: „Natur- und Umweltschutz und eine echte sozial-ökologische Wende funktionieren nur dann, wenn alle Menschen mitgenommen werden und niemand zurückgelassen wird. Hier kommen enorme Anstrengungen und eine gigantische Umverteilung auf uns zu, die es aber konsequent und solidarisch zu stemmen gilt. Es wäre fatal, wenn Umweltschutz- gegen Sozialpolitik ausgespielt werden. Es geht nur zusammen – sozial und ökologisch und daher dulden wir auch keine halbherzigen Kompromisse weder sozial noch ökologisch. Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der Vernunft. “

Olaf Bandt, BUND-Vorsitzender: „Die Corona-Krise hat soziale Schwachstellen unserer Gesellschaft offengelegt. Spätestens seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ist auch der fehlende politische Wille der Bundesregierung für einen ökologischen Umbau unserer Gesellschaft belegt. Dies zu erleben war für unsere Mitglieder eine einschneidende Erfahrung. Sollte sich dieser Trend weiter fortsetzen, sehen wir die reale Gefahr, dass sich viele Menschen aus den demokratischen Prozessen verabschieden. Daher machen wir deutlich: Wie es ist, darf es nicht bleiben! Wir werben bei den demokratischen Parteien und ihren Kandidat*innen mit unserer ‚Zukunftsagenda für die Vielen‘ für eine mutige Vision. Gemeinsam wollen wir bei der anstehenden Bundestagswahl den Aufbruch in eine ökologische und sozial gerechte Republik einleiten.“

Mit ihrer Vision einer ökologischen und sozial gerechten Republik umschreiben beide Verbände den Bruch mit dem Politikstil der aktuellen Bundesregierung aber auch vieler Landesregierungen. Sie appellieren an die demokratischen Parteien und Kandidat*innen für den Deutschen Bundestag Klimakrise, das Massenaussterben von Arten und die massiven sozialen Schieflagen endlich ernst zu nehmen und Lösungen zu präsentieren, die dem Ausmaß dieser Krisen gerecht werden. Gemeinsam wollen die Organisationen in den kommenden Monaten bis zur Bundestagswahl dazu beitragen, dass keine künftige Bundesregierung, gleich welcher Konstellation, die Frage nach der Gestaltung einer ökologisch und sozial gerechten Gesellschaft ignorieren kann.

Ulrich Schneider: „Wir wünschen uns eine Politik, die den ökologischen und sozialen Krisen gerecht wird, vor denen wir als Gesellschaft stehen. Ideologisch geprägte Parteischarmützel, Greenwashing eigener unzulänglicher Wahlforderungen und das Abwägen von ökologischem Umbau gegen soziale Gerechtigkeit sind aus der Zeit gefallen. Ein gutes Leben für alle ist möglich. Was es braucht, ist Solidarität, Fantasie, politischer Wille und Mut. Und dafür werden wir als Verband politisch Druck machen.“

Olaf Bandt: „Wir wünschen uns einen Politikstil, der das Notwendige klar benennt. Der Bürger*innen auf diesem Weg mitnimmt, indem ein Austausch über Zielkonflikte erfolgt. Der im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen niemanden zurücklässt. Unsere Vision einer ökologischen und gerechten Republik ist ein Plädoyer für einen aktiven Staat und aktive Bürger*innen gleichermaßen. Dafür braucht es eine Neuordnung von Verantwortung und Gestaltungswillen im Verhältnis zwischen Markt, Staat und Gesellschaft.“

Mit der „Zukunftsagenda für die Vielen“ fordern die Verbände alle demokratischen Kandidat*innen im Bundestagswahlkampf und die neue Bundesregierung auf, sich für eine ökologische und gerechte Gesellschaft für alle einzusetzen und dafür folgende Schritte einzuleiten:

  1. Eine naturverträgliche Energierevolution.
  2. Eine nachhaltige Mobilität für alle.
  3. Eine soziale und ökologische Agrar- und Ernährungswende.
  4. Soziale Sicherheit für die Transformation.
  5. Einen starken Naturschutz.
  6. Weniger Ressourcenverbrauch und eine gerechtere Gesellschaft.
  7. Wohnen und Boden in Gemeinschaftshand.
  8. Eine gute Pflege und Gesundheitsversorgung für alle.
  9. Internationale Solidarität und die Einhaltung von Menschenrechten.

Mehr Informationen

In der Zukunftsagenda für die Vielen finden sich zu neun Politikfeldern konkrete inhaltliche Forderungen, die einen Aufbruch in eine ökologische und sozial gerechte Republik näher beschreiben. Sie finden das Dokument online in unserem Pressebereich unter https://www.der-paritaetische.de/fachinfo/paritaetischer-und-bund-zur-bundestagswahl-2021-zukunftsagenda-fuer-die-vielen/.

Gwendolyn Stilling

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Presse Soziale Teilhabe und Armut Zivilgesellschaft und Demokratie Wed, 19 May 2021 11:55:24 +0200
Wir können nur gewinnen https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&tx_ttnews%5Bday%5D=17&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23991&cHash=3718cfa2885b33bf2d19e5126fb6f004

]]> Das Schild "Visible for those who can't be" ist von ehmkay.]]> Wenn es um die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt geht: Wo steht da unsere Gesellschaft heute?

Auf der einen Seite erleben wir momentan eine Zunahme an Akzeptanz für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Und auf der anderen Seite zeigt sich eine Verhärtung der Diskussion, eine Art Gegenbewegung - als Reaktion auf diese zunehmende Akzeptanz.

Fakt ist, dass viele Menschen immer noch schlechte Erfahrung aufgrund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität machen. Wie zeigen sich Diskriminierung und Ablehnung für die Betroffenen konkret?

Auf verschiedene Art und Weise. Es beginnt beim Ignorieren, dass es diese Art von Leben gibt – was eine sehr indirekte Form von Diskriminierung ist. Lesbische, schwule oder trans* Personen kommen dann im öffentlichen Leben oder den Medien, zum Beispiel in Filmen, nicht vor. Oder nur stereotyp und nicht in ihrer realen Vielfalt. Es geht weiter über das „nicht berücksichtigt werden“, zum Beispiel nach einem Coming Out wenn es um die Karriere geht, und unangemessene Kommentare und Fragen. Und endet bei offenem Hass und Gewalt.

Wie wirken diese Erfahrungen auf die betroffenen Menschen? Was erschüttert mich in meinem Menschsein mehr: Der offene Hass, die direkte Ablehnung? Oder unsichtbar sein, totgeschwiegen werden?

Das lässt sich schwer beantworten. Aber was wir wissen ist, dass sogenannte Mikroaggressionen sehr belastend sind. Das sind alltägliche, kleine Diskriminierungserfahrungen. Dazu gehören das Ignorieren der sexuellen und geschlechtlichen Identität, aber auch das Ansprechen im falschen Geschlecht oder, dass es keine Toiletten für nicht-binäre Menschen gibt. Wenn sich diese Erfahrungen summieren, weil sie nicht nur ab und zu, sondern täglich passieren, dann können sie traumatisierend wirken.

Momentan erleben wir, wie sich Verschwörungstheorien und rechtes Gedankengut in der Mitte unserer Gesellschaft breitmachen und ungeniert artikulieren. Können Sie Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Akzeptanz queerer Lebensweisen und -entwürfe feststellen?

Auf jeden Fall lässt sich ein stärkeres Ignorieren der Lebensrealitäten von queeren Menschen feststellen: Es gibt schon erste Studien, die zeigen, dass LGBTIQ-Personen von der Pandemie besonders betroffen sind. Es wird aber nicht verstärkt gegen diese Personengruppe gehetzt.

Was man aber sehr wohl beobachten kann ist, dass es weltweit Bewegungen gibt, die versuchen, bereits errungene Rechte wieder zu beschneiden. Wenn wir zum Beispiel nach Polen gucken oder nach Ungarn, aber auch nach Großbritannien oder in die USA. Da werden insbesondere im Zusammenhang mit trans* Personen Erzählungen, Mythen und Zuschreibungen verwendet, die wir aus dem Antisemitismus kennen und die Angst machen sollen. Wenn zum Beispiel von einer Lobby gesprochen wird oder einer kleinen Gruppe, die viel Macht hat.

Wir beobachten das in rechten und konservativen Kreisen. In Großbritannien und den USA aber auch in so genannten radikal-feministischen Bewegungen, die gegen die Selbstbestimmung von trans* Personen ins Feld ziehen und einen Konflikt heraufbeschwören, der eigentlich absurd ist. Die Rechte von Frauen werden nicht beschränkt, wenn trans* Menschen mehr Rechte bekommen.

Warum funktioniert diese „Angstmache“? Warum reagieren Menschen mit Ablehnung und Feindseligkeit, wenn sie mit Vielfalt jenseits von Heterosexualität und zweigeschlechtlicher Norm konfrontiert sind?

Es gibt sehr viele Gründe dafür. In Deutschland zum Beispiel haben wir immer noch ein sehr völkisches Bild von der Familie. Alles, was nicht in diese Bild passt, wird als Bedrohung empfunden. Das ist auch sehr eng verknüpft mit Rassismus und Nationalismus. Aus diesem Bild entstehen Erzählungen, die sich immer wieder selbst reproduzieren: So lange wir keine anderen Bilder haben, so lange wir keine lesbischen, schwulen oder trans* Personen kennen, vervielfältigen sich diese traditionellen Bilder immer weiter.

Welche Vorbilder gibt es in unserer Gesellschaft, den Medien zum Beispiel für ein lesbisches Mädchen? Gibt es positive Vorbilder? Ist lesbisch sein normal? Oder wird es nur problematisiert? Wenn die positiven Vorbilder fehlen, dann ist es auch nicht leicht, sich selbst positiv zu beziehen. Aber das ändert sich gerade: Es gibt viel mehr Menschen, die sichtbar werden. Das ist toll.

Wenn eine Gesellschaft mein „Menschsein“ vor allem problematisiert, dann gehört aber auch eine gute Portion Mut und Selbstbewusstsein dazu, um sichtbar zu werden, um sich hinzustellen und zu sagen: „Ich bin stolz darauf, wie ich bin! Und das ist gut so.“ Nicht jede*r kann oder möchte das…

Es gibt viele Menschen, die eine Transition durchmachen und danach einfach als Frau leben und mit ihrer Geschichte nicht mehr sichtbar sein wollen. Dann gibt es andere, für die es ganz wichtig ist, dass ihre Geschichte sichtbar ist. Und dann gibt es nicht-binäre Menschen, die immer sichtbar sind – weil es gar nicht anders geht.

Unsere Gesellschaft schaut auf LGBTIQ Menschen häufig mit einem defizitären Blick. Dabei ist es ein Gewinn, unsere Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven erlebt zu haben, zum Beispiel durch eine Transition. Wenn wir diese verschiedenen Perspektiven und Wahrnehmungen miteinander teilen, dann können wir alle gewinnen. Zum Beispiel, indem wir gesellschaftlichen Strukturen aufdecken, die sonst schwer zu erkennen sind, weil sie sich nicht aufdrängen.

Für mich persönlich ist trans* sein ein Geschenk. Ein Geschenk, das ich auch nicht mehr hergeben wollte. Natürlich ist es auch schwer - rechtlich und medizinisch - und man muss ständig kämpfen. Aber Anderssein ist nicht nur Schwäche und Schmerz. Sondern auch eine Erfahrung, die stark machen kann. Klar gibt es viel Diskriminierung, es gibt aber auch sehr viel Unterstützung und Zuspruch.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Von der Politik wünsche ich mir, dass sie endlich ein Selbstbestimmungsgesetz für trans* Menschen beschließt. Das Transsexuellengesetz ist Unrecht, es zwingt trans* Menschen in entwürdigende, langwierige, unsichere und teure Begutachtungsverfahren: Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Urteilen immer wieder festgehalten, dass Teile des Gesetzes verfassungswidrig sind.

Und wir brauchen eine Anerkennung im Familienrecht. Es ist zum Beispiel unerträglich, dass lesbische Paare, die Kinder kriegen, das eigene Kind adoptieren müssen. Wir haben viele rechtliche Regelungen, die sich nur an Frauen und Männer richten und die Existenz nicht-binärer Menschen ignorieren. Da gibt es absurde Gesetzeslagen, zum Beispiel, wenn es um Personalratswahlen geht.

Die Frage ist: Muss das alles immer in jedem einzelnen Punkt – wie es leider häufig ist, wenn es um Menschenrechte und Diskriminierung geht – von Betroffenen vor Gericht erstritten und erkämpft werden? Ich würde mir wünschen, dass dieses Erkämpfen nicht mehr nötig ist. Dass der Gesetzgeber selbst die Initiative ergreift und die Dinge sorgfältig angeht. Denn kämpfen können auch nur manche: Viele Menschen haben nicht die Kraft oder die Ressourcen dazu.

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Themen Queer Mon, 17 May 2021 18:25:15 +0200
Offener Brief an Ministerpräsident Markus Söder https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&tx_ttnews%5Bday%5D=17&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23990&cHash=674322c27e08e92a5a61b2b5bbc2e113

]]> Während der Corona-Pandemie sind viele Therapieangebote für Kinder und Jugendliche mit Behinderung ausgefallen und dadurch große Defizite bei Trägern der Behindertenhilfe in ganz Bayern entstanden. Seit März 2020 setzen sich die Vorstände und Geschäftsführer großer Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen intensiv für eine Entschädigung ein – damals mit einem ersten Brief an die damalige bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml.

Weil alle Bemühungen seitdem ins Leere liefen und immer noch Defizite entstehen, senden sie jetzt einen dringenden Hilferuf: Zusammen mit der früheren Landtagspräsidentin Barbara Stamm in ihrer Rolle als Vorsitzende des Landesverbandes der Lebenshilfe an der Spitze übergeben die Führungskräfte betroffener Träger am Montag, 17.05.2021, einen offenen Brief mit 3.400 Unterschriften an den Leiter der Staatskanzlei Dr. Florian Herrmann. Adressat des Briefes ist der bayerische Ministerpräsident Dr. Markus Söder. Die Forderung: ein bayerischer Rettungsschirm für therapeutische Angebote für Kinder und Jugendliche mit Behinderung.

Wie entsteht die Finanzierungslücke?
Für Leistungen der Physio-, Ergo- und Logopädie, die über einen Rahmenvertrag mit den Krankenkassen (RV IHF) abgerechnet werden, erhalten die Einrichtungen trotz intensiver Bemühungen des Sozial- und des Gesundheitsministeriums leider keine ausreichende Finanzierung durch die Krankenkassen analog zu den Entschädigungen, die niedergelassene Heilmittelpraxen bereits im ersten Lockdown 2020 sehr unbürokratisch erhielten.

Warum ist dies ein bayerisches Problem?
Nach dem bayerischen Rahmenvertrag werden Leistungen von Therapeutinnen und Therapeuten ermöglicht, die direkt an den Förderzentren beschäftigt sind. Dadurch arbeiten Lehrkräfte, Heilpädagogen und auch Therapeuten täglich Hand in Hand, bestens koordiniert zum Wohl der Schülerinnen und Schüler, vor allem mit schweren und mehrfachen Behinderungen. Dies ist ein wertvolles bayerisches Alleinstellungsmerkmal zum Wohl von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen.

Diese wertvolle Leistung hat in der Pandemie einen großen Nachteil: Während Therapien von niedergelassenen Praxen während der Pandemie wie im Vorjahr großenteils refinanziert wurden, auch wenn es zu Therapieausfällen kam, finanzieren die Krankenkassen den Trägern von Förderzentren nur die tatsächlich erbrachten Therapien. Die Lücken entstehen vor allem dadurch, dass die Förderschulen und heilpädagogischen Tagesstätten etc. geschlossen wurden und viele Kinder die Notbetreuung nicht wahrnehmen konnten.

Nach zahlreichen Prüfungsvorgängen steht nun fest, dass hier weder die Krankenkassen noch die bundesweiten Rettungsschirme eine Hilfe für die Finanzierungslücken anbieten, weil der Rahmenvertrag IHF ein rein bayerischer Rahmenvertrag zwischen der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen und den Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in Bayern ist, den es in der jetzigen Form seit dem 1. September 2010 gibt. Dieser Rahmenvertrag trägt der hohen Dichte an Therapiebedürftigkeit in Folge der hohen Komplexität von Behinderungen in den Schulen und Einrichtungen Rechnung und ist ein wesentliches Instrument für die Gruppe der durch Behinderung schwer betroffenen Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien.

Aktuelle Schätzung: Bayernweites Defizit von 8 Millionen Euro
Nachdem sich die Pandemiesituation 2021 leider nicht entspannt hat, nimmt das im August 2020 vom bayerischen Sozialministerium geschätzte Defizit für die Einrichtungen von circa vier Millionen Euro erheblich zu. Die Situation für die Förderzentren wird deshalb immer belastender. Für ganz Bayern gehen die Verantwortlichen inzwischen von einer Belastung der Förderzentren für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, die nach dem Rahmenvertrag arbeiten, im doppelten Umfang aus.

Deshalb bitten die Einrichtungsverantwortlichen erneut dringend darum, diese pandemiebedingte Finanzierungslücke, welche den Förderzentren enorme finanzielle Probleme bereitet, mit einem bayerischen Rettungsschirm zu schließen.

Gewählt haben sie dafür die Form eines offenen Briefes, der sich direkt an den Ministerpräsidenten wendet und von 3.400 Unterschriften unterstützt wird – nachdem alle bisherigen Initiativen und Gespräche erfolglos blieben.
Eine Lösung mit einer 60%igen Erstattung der entgangenen Erlöse, würde nach Überzeugung der Verantwortlichen zu einer großen wirtschaftlichen Erleichterung für die Einrichtungen führen.

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Presse Fachbereich Menschen mit Behinderung Corona Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Mon, 17 May 2021 15:23:39 +0200
Paritätischer fordert von Großer Koalition überzeugende Pflegereform noch in dieser Legislaturperiode https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&tx_ttnews%5Bday%5D=11&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23952&cHash=7f956341cf9fc99c699ca0f7322ee4d2

]]> Der Paritätische Wohlfahrtsverband appelliert an die Große Koalition, die verbleibenden Wochen dieser Legislatur zu nutzen, um ihr Versprechen aus dem Koalitionsvertrag einzulösen und endlich eine überzeugende Pflegereform auf den Weg zu bringen. In den vergangenen Woche habe sich der offene Konflikt zwischen Bundesgesundheits- und Arbeitsminister  bedauerlicherweise sehr zugespitzt, der nunmehr vorliegende Gesetzentwurf sei weder zielführend, noch problemlösend und greife deutlich zu kurz, kritisiert der Verband. Insbesondere fehle eine wirksame Regelung zur Deckelung der Eigenanteile bei den Pflegekosten.

“Es kann nicht sein, dass koalitionsinterne Konflikte auf dem Rücken der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen ausgetragen werden. Wir brauchen endlich eine überzeugende Pflegereform, die den Namen verdient und den aktuellen Problemen auch gerecht wird”, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

Perspektivisch brauche es eine Vollkaskoversicherung als Bürgerversicherung, die das Risiko der Pflegebedürftigkeit wirksam absichert, fordert der Paritätische. Auf dem Weg dahin müsse die Pflegefinanzierung ambulant und stationär solidarisch neu aufgestellt und vor allem die Eigenanteile für pflegebedingte Kosten deutlich gedeckelt werden. Der Paritätische fordert übergangsweise eine Begrenzung des Eigenanteils in Höhe von 15 %, die Pflegekassen sollen stattdessen stärker in die Pflicht genommen werden. “Die von Jens Spahn vorgeschlagene Zuschussregelung fällt weit hinter die Ankündigungen der Regierung und vor allem die Erwartungen der Betroffenen zurück”, kritisiert Schneider. „Es ist höchste Zeit, dass aus dem zu geringen Festzuschuss der Pflegekasse eine verlässliche Versicherung wird. Es kann nicht sein, dass Pflegebedürftigkeit wieder zum außerordentlichen Armutsrisiko dieser Gesellschaft wird“, so Schneider.

Mit den vorliegenden pflegerelevanten Regelungsvorschlägen im Entwurf für ein so genanntes Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) bliebe ein erheblicher Teil der Pflegebedürftigen (fast die Hälfte) in vollstationären Einrichtungen von Entlastungen völlig ausgeschlossen, warnt der Verband. Für den ambulanten Bereich werde gar nichts getan. Gleichzeitig seien durch notwendige Verbesserungen bei den Themen Tarifbindung, Mehrpersonalisierung und Arbeitsbedingungen dagegen weitere Kostensteigerungen absehbar, die nicht zu Lasten der Pflegebedürftigen gehen dürfen. “Wenn die Große Koalition jetzt die Chance versäumt, eine echte Pflegereform auf den Weg zu bringen, droht ein weiteres Jahrzehnt Stückwerk. Die Betroffenen und ihre Angehörigen haben für solches Stückwerk keine Zeit”, so Schneider.

Die Stellungnahme des Paritätischen zu pflegerelevanten Änderungsanträgen zum Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG) finden Sie hier: https://www.der-paritaetische.de/fachinfo/stellungnahmen-und-positionen/pflegereform-stellungnahme-des-paritaetischen-zu-pflegerelevanten-aenderungsantraegen-zum-entwurf-eine/


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Presse Fachbereich Ältere Menschen Fachbereich Menschen mit Behinderung Fachbereich Psychiatrie Sucht- und Gefährdetenhilfe Ältere Menschen Gesundheit Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Pflege Tue, 11 May 2021 12:59:01 +0200
Tag der Pflegenden: Der Symbolik müssen Taten folgen https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&tx_ttnews%5Bday%5D=11&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23956&cHash=48dfbbf3de32b69523067720c6ab616a

]]> „Nach über einem Jahr Pandemie ist es mehr als überfällig, dass den anerkennenden Worten und der Symbolik Taten folgen. Wir brauchen endlich eine Pflegereform, die ihren Namen verdient!“ fordert Margit Berndl. Für gute Qualität in der Pflege braucht es bessere Arbeitsbedingungen, weniger Bürokratie und höhere Gehälter für die Pflegekräfte, sind sich die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege Bayern einig.

Die Finanzierungslogik der Pflegeversicherung muss auf den Prüfstand

Dafür brauche es eine gesicherte Finanzierung. „Viele Einrichtungen wollen gern mehr zahlen. Sie bekommen es aber nicht von den Pflegekassen refinanziert“, so Berndl. In unserem Pflegesystem gehe jede Kostensteigerung oftmals zu Lasten der Pflegebedürftigen und deren Angehörigen. „Das darf nicht sein! Die Finanzierungslogik der sozialen Pflegeversicherung muss komplett auf den Prüfstand gestellt werden!“, fordert Berndl. „Und es muss viel mehr Geld ins System!“

Pflegepolitik ist eine zentrale Herausforderung unserer Gesellschaft, die immer mehr an Bedeutung gewinnt. Denn die Generation der Babyboomer, die bald in Rente geht, macht ein Viertel der Bevölkerung aus.

Bezahlte Auszeit für pflegende Angehörige

Margit Berndl ist ein weiterer Aspekt am Tag der Pflegenden wichtig: In Bayern werden 70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen zu Hause gepflegt. Für die pflegenden Angehörigen war das vergangene Jahr eine riesige Belastung: die Sorge vor Ansteckung, fehlende Entlastungsangebote, weil die Tagespflegen und Kurzzeitpflegen geschlossen waren, der Aufnahmestopp in den stationären Einrichtungen. „Wir brauchen eine bezahlte Auszeit für pflegende Angehörige – nach dem Vorbild von Elternzeit und Elterngeld!“ fordert Berndl.

Margit Berndl mahnt abschließend: „Die wichtige Arbeit der Pflegenden und die große Bedeutung aller Sorgeberufe für das Funktionieren unserer Gesellschaft darf auch nach Corona nicht vergessen werden – wenn die finanziellen Scherben wieder aufgekehrt werden müssen.“

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Presse Fachbereich Ältere Menschen Fachbereich Menschen mit Behinderung Fachbereich Psychiatrie Sucht- und Gefährdetenhilfe Ältere Menschen Gesundheit Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Pflege Tue, 11 May 2021 10:17:00 +0200
Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Misshandlungen https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&tx_ttnews%5Bday%5D=11&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23949&cHash=d2bd07db8096493fae302225b364e2be

]]> Der Paritätische in Bayern sucht ehemalige Heimkinder und Zeitzeug*innen, die zur Aufklärung von schwerer sexualisierter Gewalt und Misshandlungen im ehemaligen Kinderheim „Haus Maffei“ in Feldafing in den 60er- und 70er-Jahren beitragen können. Der Verband arbeitet die Vorfälle umfassend auf.

„Das Leid der Kinder berührt uns sehr. Wir möchten vollständig aufklären, was Kinder damals im Kinderheim in Feldafing erleiden mussten, wer die Täter und Täterinnen waren, warum der Paritätische als Träger ihr Leid nicht beendet hat. Wir übernehmen heute als Verband die Verantwortung für das Unrecht, das den Kindern in unserem damaligen Heim angetan wurde,“ so Margit Berndl, Vorstand des Paritätischen in Bayern.

Weitere Erzählungen sollen Archivfunde einordnen

„Für die fundierte, vom Verband unabhängige Aufarbeitung sind Schilderungen von weiteren Betroffenen oder Zeug*innen der gewaltsamen Übergriffe dringend erforderlich,“ so Prof. Dr. Annette Eberle. Der Verband hatte die Professorin der Katholischen Stiftungshochschule München im Januar mit einer Vorstudie beauftragt. Neben einer Archivrecherche hat sie bereits mehrere Gespräche mit ehemaligen Mitarbeiterinnen, Betroffenen und Einwohner*innen aus Feldafing geführt.

Nach der Auflösung des Kinderheims in Feldafing im Jahr 1972 wurden viele der Kinder in einer neuen Einrichtung des Paritätischen, im Heilpädagogischen Zentrum Lohhof in Unterschleißheim, betreut. Der Paritätische in Bayern hat Prof. Dr. Eberle deshalb beauftragt auch zu untersuchen, ob das Unrecht und die schwere Gewalt im HPZ Lohhof fortgesetzt wurden. Auch hier sucht der Verband nach ehemaligen Heimkindern und Zeitzeug*innen.

Der Paritätische in Bayern bittet Betroffene, Familienangehörige, Freund*innen oder Mitarbeiter*innen der Einrichtungen oder des Trägers, die möglicherweise zur Aufklärung beitragen können, sich zu melden. Sie können sich direkt an Prof. Dr. Annette Eberle wenden. Alle Angaben werden streng vertraulich behandelt. Sie ist telefonisch erreichbar unter (08857) 88-533 oder per E-Mail annette.eberle@ksh-m.de.

Über den Stand der Aufarbeitung informieren wir laufend auf unserer Webseite www.aufarbeitung-paritaet-bayern.de

Ansprechpartnerin für die Presse:  Susann Engert | 089 30611-137 | presse@paritaet-bayern.de

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Presse Aufarbeitung Aus dem Landesverband Tue, 11 May 2021 09:54:33 +0200
Barrieren nerven https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&tx_ttnews%5Bday%5D=07&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23924&cHash=d30485740e8a5172134102ba835d22a3

]]> Foto: Christian Adobe Stock.com]]> Welche Barrieren begegnen Ihnen im Alltag?

Treppen, fehlende oder kaputte Aufzüge, zu hohe Regale beim Einkaufen, Bahnübergänge und Gleise – das sind Barrieren, die mich nerven. In Weiden gibt es wenige barrierefreie Plätze. Ich hoffe, dass das irgendwann mal besser wird.

Was wünschen Sie sich?

Dass man Barrieren abbaut. Das ist wichtig. Und dann gibt es viele Menschen, die ein Problem damit haben, mit Menschen mit Behinderungen umzugehen.

Was erleben Sie da? Was stört Sie konkret?

Mich stört zum Beispiel, wenn andere mit mir nur über Krankheiten sprechen. Oder mich ausfragen, was ich für eine Krankheit habe. Ich komme damit schon klar, ich habe mich daran gewöhnt. Aber das sind schon sehr persönliche Dinge. Wenn es mir zu viel wird, dann sage ich: „Cut!“ Grundsätzlich wünsche ich mir schon mehr Respekt. Und dass ich nicht so ausgefragt werde.

Was kann jede*r Einzelne von uns tun, um Barrieren zu beseitigen?

Mit den betroffenen Menschen sprechen und sie nicht ignorieren. Etwas über die Probleme, die Menschen mit Behinderungen haben, erfahren wollen. Das passiert viel zu wenig.

Suchen Sie denn das Gespräch mit anderen über die Barrieren in Ihrem Alltag?

Auf jeden Fall! Denn andersherum funktioniert es kaum.

Sie arbeiten in einer Behindertenwerkstatt in der Montage.

Ja, und mir gefällt es dort sehr gut. Aber ich finde, wenn es um Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen geht, da sollten die Politiker auch was machen. Dass es mehr Arbeitsplätze außerhalb von Werkstätten gibt.

Würden Sie denn gerne außerhalb einer Werkstatt arbeiten?

Noch nicht jetzt, aber irgendwann bestimmt. Mir macht die Montagearbeit Spaß, aber ich bin so mehr der „Bürotyp“. Im Büro zu arbeiten – das könnte ich mir gut vorstellen. Das will ich gerne mal ausprobieren.

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Themen Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Fri, 07 May 2021 12:08:00 +0200
Teilhabe braucht Flexibilität https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&tx_ttnews%5Bday%5D=06&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23920&cHash=56c85240f99b8fec83033f95f1f0947e

]]> Foto: shocky Adobe Stock.com]]> Welche Barrieren begegnen Ihnen im Alltag?

Mir begegnen viele Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen. Das Wort „geisteskrank“ wird ja auch häufig im Zusammenhang mit negativen Themen wie Kriminalität in den Medien verwendet. Das befördert Barrieren im Alltag.

Durch zeitweise auftretende depressive Schübe kann ich auch nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten. Obwohl ich den Rest der Zeit produktiv sein könnte und nur die Möglichkeit bräuchte, flexibel arbeiten zu können.

Wie haben sich die Barrieren in der Corona-Pandemie verändert? Sind es mehr Barrieren geworden oder weniger?

Es sind mehr Barrieren geworden. Meine psychische Erkrankung und die mit ihr einhergehende übersteigerte Angst davor, sich mit Corona zu infizieren oder jemand anderen mit Corona anzustecken, erschweren es mir, mich im öffentlichen Raum zu bewegen. Auch die depressive Symptomatik bzw. paranoide Vorstellungen haben sich durch die Corona-Pandemie verstärkt.

Allerdings gibt es seit der Pandemie auch mehr Verständnis für die Situation von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Insbesondere auch wegen der Zunahme von „Long-Covid“-Fällen und weil unsere Gesellschaft in der Pandemie mehr in Kontakt kommt mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Das größere Bewusstsein für das Thema Erkrankungen führt zu weniger Barrieren in Gesprächen.

Was wünschen Sie sich von unserer Gesellschaft und der Politik? Was kann jede*r Einzelne tun, um Barrieren zu beseitigen?

Ich wünsche mir mehr Berichterstattung darüber, vor welchen Herausforderungen Menschen mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen stehen. Aber auch darüber, wie wir diese Herausforderungen bewältigen bzw. bewältigen können. Ich wünsche mir ein Umschwenken auf „New Work“-Modelle durch die Arbeitgeber und entsprechende Gesetze oder Anreize für Arbeitgeber.

Ein Beispiel wäre mehr „Remote Work“ mit einer flexiblen Einteilung der Arbeitszeiten. So wäre eine Anpassung an die jeweiligen psychischen oder physischen Beeinträchtigungen möglich und diese temporär produktiven Kräfte würden der Gesellschaft nicht verloren gehen. Und die dahinterstehenden Menschen mit Beeinträchtigung bekämen eine Chance, teil zu haben.

* Name von der Redaktion geändert

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Themen Arbeit und Beschäftigung Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Thu, 06 May 2021 14:53:55 +0200
Das ist unsere Normalität https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=05&tx_ttnews%5Bday%5D=05&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23917&cHash=d9dd0d1242f207a4ea3eeb35f5e22640

]]> ]]> Herr Zeidler, welche Barrieren begegnen Ihnen im Alltag?

Kommunikation, Kommunikation und nochmal Kommunikation! Es ist jeden Tag das gleiche Drama.

Das fängt schon beim Bäcker an: Zwei Semmeln, diese und diese … klappt nicht oder nur mit Ach und Krach. Beim Autokauf: Welche Modelle gibt es, was gibt es für Angebote, wie ist die Fahrweise … Keine Chance, höchstens mit Dolmetscher. Vor der Haustür mit dem Nachbar: „Guten Morgen“, grinsen und das war’s. Eine ausführliche Kommunikation ist nicht möglich. Selbst bei Familienfeiern: Wie geht es dir? Gut. Schön … So, genug Smalltalk!

Es ist immer dasselbe ohne Dolmetscher: Wie ein begossener Pudel stehen wir da! Das hört sich vielleicht wie ein Vorwurf an, ist es aber nicht. Wir haben damit abgeschlossen: Das ist halt unsere Normalität.

Wie hat sich die Situation in der Corona-Pandemie verändert? Sind es mehr Barrieren geworden oder weniger?

Wir haben die genannten Probleme mal 10! Vor der Pandemie konnte man noch mit Mühe wenigstens vom Mund ablesen. Mit Mundschutz geht die Kommunikation gar nicht mehr: Funkstille!

Besonders schwer ist es gerade für die gehörlosen Senioren. Die haben keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr und leben wir weggesperrt. Normalerweise treffen wir uns fast jede Woche – im Seniorentreff, auf Versammlungen oder privat. In der Pandemie fällt das alles weg. Um diese Leute mache ich mir am meistens Sorgen. Bei mir geht es ja noch dank Skype, Facetime, Soziale Medien etc. Aber Senioren, die nicht mal Internetverbindung haben …

Was wünschen Sie sich von unserer Gesellschaft und der Politik? Was kann jede*r Einzelne tun, um Barrieren zu beseitigen?

Das Gehörlosengeld wäre eine Alternative: Damit könnten wir Dolmetscher einsetzen.

Und wir brauchen mehr Öffentlichkeitsarbeit durch die Politik, die Träger, aber auch durch die Gehörlosenvereine. Denn nach außen werden wir nicht als behindert wahrgenommen: Wir können alles, nur nicht hören. Es ist wichtig, dass andere Menschen erleben und erfahren können, mit welchen Problemen wir im Alltag kämpfen.

Was auch helfen würde wäre, an allen Schulen das Nebenfach Deutsche Gebärdensprache einzuführen, damit hörende Schüler schon mal mit Gebärdensprache in Berührung gekommen sind.

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Themen Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Wed, 05 May 2021 18:30:55 +0200
Barrierefreiheit stärken https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=7763

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Themen Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Tue, 04 May 2021 16:28:09 +0200
Newsletter abonnieren https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4906

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Themen Thu, 29 Apr 2021 16:26:00 +0200
Brandbeschleuniger Corona https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=04&tx_ttnews%5Bday%5D=28&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23878&cHash=55f43adc7a8e5feac15c3c66a324acaf

]]> Foto: Zadvornov Adobe Stock.com]]> Natürlich sind Schulden kein neues Thema. „Aber für viele, die sich schon vor Corona in einer finanziellen Schieflage befanden, ist die Lage einfach noch schiefer geworden“, sagt Rainer Ptok. „Viele stehen nicht mehr am Abgrund. Sie schauen rein.“ Rainer Ptok berät beim H-TEAM e.V. in München Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen verschuldet haben: vom Selbstständigen bis zum Minijobber, von der Alleinerziehenden bis zum Haftentlassenen.

Schuldenlast, Job verloren, Corona-Frust: Ausweglosigkeit hoch drei

Für viele dieser Menschen wirkt Corona wie ein Brandbeschleuniger. Rainer Ptok erzählt von einer Familie, in der mehrere Familienmitglieder in der Pandemie ihren Job verloren haben. Oder einem Klienten, der schwer an Corona erkrankt war, seine Wohnung verloren hat und unter der Brücke gelandet ist.

Der Druck, unter dem Menschen stehen, die schon vor Corona nicht viel hatten, sei enorm. „Wo man sich vor Corona noch mit Ratenzahlungen und aufgeschobenen Mahnungen rumwinden konnte, wissen viele jetzt gar nicht mehr ein noch aus. Weil zum Beispiel durch Corona der Job weg ist und man in die Grundsicherung, in Hartz IV rutscht“, sagt Rainer Ptok. Eine neue Arbeit zu finden, vor allem in den von Corona besonders gebeutelten Branchen wie der Gastronomie, ist momentan schier unmöglich. „Für viele Menschen potenzieren sich gerade verschiedene Probleme gleichzeitig: Schlechte Vermögenssituation, soziale Isolation und Perspektivlosigkeit.“

Hilfe holen: Lieber früher, als später

Viele würden zu lange versuchen, diese Probleme alleine zu lösen. Indem alles zu Geld gemacht wird, was man zu Geld machen kann. Indem Angehörige und Freunde um Geld angepumpt und mit reingezogen werden. Indem Ratenzahlungen vereinbart werden, die die Menschen aber häufig oft nur noch tiefer in die Schulden reinreiten.

„Wir würden uns wünschen, dass die Menschen früher zu uns kommen“, sagt Rainer Ptok. Eine Perspektive aus der Schuldenfalle aufzuzeigen: Das macht die Schuldner- und Insolvenzberatung des H-TEAM e.V. Zuerst wird die aktuelle Einkommens- und Schuldensituation analysiert und anschließend eine individuelle Strategie für und mit den in Not geratenen Menschen und den Gläubigern entwickelt. In vielen Fällen ist die Privatinsolvenz der letzte Ausweg.

Prävention: Den richtigen Umgang mit Geld lernen

In einer Gesellschaft, in der sich Status über Konsum definiert, geht niemand gerne mit seinen finanziellen Sorgen hausieren: Schulden zu haben ist mit großer Scham behaftet. Angebote im Internet scheinen da mit Online-Krediten per Mausklick, Darlehensverträgen und Zahlung auf Raten nicht nur Lösungen, sondern auch Anonymität zu versprechen. „Das sind Geschäftsmodelle, um den Leuten noch mehr das Geld aus der Tasche zu ziehen“, warnt Rainer Ptok. „Und das Schlimme daran ist: Genau denen, die es gar nicht haben!“

Prävention – sprich: den richtigen Umgang mit Geld zu lernen – ist für den H-TEAM e.V. deshalb ein wichtiger Baustein im Beratungskonzept. „Wir haben deshalb ein Schuldenpräventionsprojekt an Förderschulen in und um München aufgebaut und innerhalb der vergangenen 10 Jahre erfolgreich weiterentwickelt“, erzählt Rainer Ptok. „Um schon den Kids klar zu machen, wie schnell man auch bereits in jungen Jahren in den Schuldenstrudel kommen kann.“

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Themen Corona Soziale Teilhabe und Armut Wed, 28 Apr 2021 18:32:16 +0200
Renten-Nullrunde: Paritätischer warnt vor negativen Folgen auch bei Hartz IV https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=04&tx_ttnews%5Bday%5D=27&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23874&cHash=3cca6e79518ec94db833a781b1970bcb

]]> Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnt davor, dass angesichts der Entwicklung der Löhne in der Pandemie nicht nur die Renten eine Nullrunde erfahren werden, sondern voraussichtlich auch Beziehenden von Hartz IV und Altersgrundsicherung im kommenden Jahr ein realer Kaufkraftverlust droht. Der Verband fordert Bundessozialminister Hubertus Heil auf, umgehend dafür zu sorgen, dass die Fortschreibungsformel für die Regelsätze in der Grundsicherung so angepasst wird, dass Preissteigerungen immer mindestens ausgeglichen werden. Davon unabhängig kritisiert der Paritätische die Regelsätze als grundsätzlich nicht bedarfsdeckend und fordert eine zügige Erhöhung auf mindestens 600 Euro und einen sofortigen coronabedingten Zuschlag von 100 Euro pro Kopf und Monat für die Dauer der Pandemie.

"Es darf nicht passieren, dass die Bundesregierung die Armen wieder einmal im Regen stehen lässt. Wenn jetzt schon absehbar ist, dass sich die Grundsicherungsleistungen zu Beginn nächsten Jahres noch weiter vom tatsächlichen Bedarf der Menschen entfernen, muss sofort gehandelt werden. Alles andere wäre ein armutspolitisches Armutszeugnis“, mahnt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

Nach Berechnungen der Paritätischen Forschungsstelle müsste ein wirklich armutsfester Regelsatz für einen alleinlebenden Erwachsenen bereits jetzt 644 Euro statt den geltenden 432 Euro betragen. Angesichts der andauernden Pandemie brauche es zudem dringend finanzielle Soforthilfen, um coronabedingte Mehrbedarfe abzudecken. Den als Corona-Hilfe von der Großen Koalition beschlossene Einmalzuschlag in Höhe von 150 Euro für arme Menschen, der diese Woche (zum 1. Mai) ausgezahlt werden soll, hatte der Paritätische zusammen mit einer breiten Allianz von Gewerkschaften, Wohlfahrtverbänden und weiteren zivilgesellschaftlichen Organisationen bereits wiederholt als allenfalls einen „Tropfen auf den heißen Stein” kritisiert.

Zum Hintergrund: Die jährliche Fortschreibung der Regelsätze zum 1. Januar erfolgt nach dem Sozialgesetzbuch XII auf Basis eines Mischindexes, der zu 70 Prozent die regelsatzspezifische Preisentwicklung und zu 30 Prozent die Entwicklung der Nettolöhne und -gehälter berücksichtigt.

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Presse Soziale Teilhabe und Armut Tue, 27 Apr 2021 08:43:00 +0200
Der Paritätische Gesamtverband: Prof. Dr. Rolf Rosenbrock einstimmig als Vorsitzender für vier weitere Jahre im Amt bestätigt https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=04&tx_ttnews%5Bday%5D=23&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23861&cHash=f4a0bd58488a898d6ab6257acf55f4eb

]]> Die Mitgliederversammlung des Paritätischen Gesamtverbands, die heute erstmals virtuell tagte, hat den renommierten Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Rolf Rosenbrock einstimmig für weitere vier Jahre im Amt des Verbandsvorsitzenden bestätigt. In seiner Rede betonte Rosenbrock die Rolle des Verbandes zur Aufrechterhaltung und der Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der Corona-Krise: „Erneut zeigt sich, welch zentrale Rolle die Freie Wohlfahrtspflege, ihre sozialen Dienste vor Ort und das Ehrenamt bei der Bewältigung von gesellschaftlichen Notlagen haben.“ Dazu gehöre auch, sich mit aller Kraft gegen die bedrohlichen Entwicklungen durch den menschengemachten Klimawandel und das Erstarken von Ideologien der Ungleichwertigkeit zu stemmen. Der Paritätische wende sich "mit aller Entschlossenheit gegen diejenigen, die die Angst der Menschen vor Abstieg und Armut ausnutzen, um sie gegeneinander auszuspielen, um Hass und Zwietracht zu säen", so Rosenbrock weiter.

Prof. Dr. Rolf Rosenbrock (75), der den Vorsitz des Paritätischen ehrenamtlich seit 2012 ausübt, ist seit mehr als 40 Jahren in der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Gesundheitsforschung tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen. Von 1988 bis 2012 leitete er die Forschungsgruppe „Public Health“ im Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) Berlin. Dem Paritätischen und seinen Mitgliedsorganisationen ist Prof. Rosenbrock seit Jahrzehnten eng verbunden, u.a. durch sein Engagement für die Deutsche AIDS-Hilfe sowie als Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Gesundheit Berlin-Brandenburg, die jährlich den Kongress „Armut und Gesundheit“ organisiert. In vielfältigen Funktionen war er als politischer Berater aktiv, u.a. als Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen sowie als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und Mitglied in der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer.

Ebenfalls neu gewählt wurde heute der Verbandsrat des Paritätischen Gesamtverbands. Dem neuen Vorstand des Paritätischen gehören neben Prof. Dr. Rolf Rosenbrock die beiden stellvertretenden Vorsitzenden Elke Schmidt-Sawatzki (Der Paritätische Nordrhein-Westfalen) und Achim Meyer auf der Heyde (Deutsches Studentenwerk), Suzanna Karawanskij (Volkssolidarität Bundesverband), Ulla Klapproth (Der Paritätische Niedersachsen), Norbert Blesch (Der Paritätische Bayern) sowie Dr. Ulrich Schneider (beratend) an.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband ist mit über zehntausend selbständigen Mitgliedsorganisationen einer der größten Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland.

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Presse Aus dem Landesverband Fri, 23 Apr 2021 22:08:12 +0200
Der Suchtdruck steigt https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=04&tx_ttnews%5Bday%5D=21&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23842&cHash=32f93260a13d5a7557fcbd6024b764e9

]]> ]]> Wie geht es trockenen Alkoholiker*innen gerade in der Corona-Pandemie?

Gerade für Menschen, die noch nicht so lange weg sind vom Alkohol, ist es momentan besonders schwer. Zum Beispiel, wenn sie gerade von der Entgiftung kommen. Diese Menschen müssen eigentlich ihr Leben völlig umstrukturieren, Leerräume ausfüllen und neue Beziehungen aufbauen. Das Problem ist, dass das jetzt so schwer möglich ist: Man kann sich schlecht ablenken, man kann nicht zum Sport gehen, man kann keine neuen Menschen kennenlernen. Sondern man ist wie eingesperrt. Und die alten Freunde sind häufig auch die alten „Saufkumpanen“…

Man merkt ja, wie belastend die momentane Situation für alle ist. Auch für diejenigen von uns, die kein Suchtproblem haben. Für jemanden, der seine Probleme bisher mit einem Suchtmittel, mit Alkohol gelöst oder gedämpft hat, ist das eine riesen Herausforderung. Der Griff zur Flasche geht da schnell.

Menschen, die noch nicht lange weg sind vom Alkohol, haben also momentan ein höheres Risiko, rückfällig zu werden?

Passieren kann es jedem. Aber jemand, der erst seit kurzen trocken ist, hat natürlich ein höheres Risiko. Auch, weil momentan keine Gesprächskreise oder Selbsthilfegruppen in Präsenz stattfinden.

Wie bleiben Sie in Ihrer Gruppe derzeit untereinander in Kontakt?

Wir treffen uns einmal pro Woche per Video. Als Ersatz für unsere sonst in Präsenz stattfindenden Treffen in der Gruppe „Friesener Warte“. Aber ich kenne auch viele Gruppen, die gar nichts machen oder nur ab und zu mal eine Telefonkonferenz. Das hängt auch vom Altersdurchschnitt in den Gruppen ab. In der Videokonferenz sieht man sich wenigstens. Wir machen aber auch Einzelgespräche aus, wenn jemand gerade in der Krise steckt, und gehen zum Beispiel spazieren.

Sind die Videokonferenzen ein vollwertiger Ersatz für die persönlichen Treffen?

Nein. Es ist eine ganz andere Art der Unterhaltung. Jeder kann nur einzeln reden, vieles geht unter, wenn sich jemand nicht aktiv zu Wort meldet oder immer nur die anderen reden lässt. Wenn man sich persönlich trifft, dann kann man halt doch besser fragen: „Was ist denn los mit Dir? Du bist heute so still. Du schaust heute so: Hast Du ein Problem?“ Die digitale Begegnung kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Zumindest nicht langfristig.

Ihr Gesprächskreis ist ein offenes Angebot. Das heißt, jeder und jede die will, kann einfach vorbeikommen, mitmachen, nach Hilfe fragen. Wie erreichen Sie diese Menschen jetzt?

Vor Corona standen Menschen immer mal wieder bei uns spontan in der Tür oder haben uns angerufen. Das hat sich jetzt geändert: Momentan kommen vor allem Menschen zu uns, die einen Entzug in der Klinik hinter sich haben oder ihren Führerschein entzogen bekommen haben und die direkt an uns verwiesen werden. Dass die Leute nicht mehr spontan zu uns kommen oder uns auch schnell wieder verlassen, hat meiner Meinung nach schon etwas damit zu tun, dass unser Gesprächskreis momentan nicht in Präsenz stattfinden kann. Es fehlt einfach die persönliche Anbindung und Motivation. Manche sagen mir auch, dass sie lieber abwarten, bis die Gruppe wieder aufmacht.

Was bedeutet das für die Zukunft der Gruppen?

Ich weiß von Gruppen, in denen vor allem ältere Menschen sind, dass sie wahrscheinlich gar nicht mehr aufmachen werden. Viele der älteren Betroffenen benötigen die Gruppen bezüglich der Abstinenz nicht mehr. Und selbst, wenn die Gruppen wieder stattfinden können, bleibt es schwierig, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Gruppen zu kommen.

Das heißt, wir erleben gerade eine Art „Gruppensterben“ in der Selbsthilfe?

Ja. Aber wo etwas stirbt, entsteht ja auch was Neues. Wo eine Tür sich schließt, geht eine andere auf. Wir verlegen unsere Aktivitäten deshalb auch stärker ins Digitale und suchen neue Wege, Betroffene zu erreichen. Zum Beispiel mit den SoberGuides, einer Internetplattform, auf der geschulte Ehrenamtliche aus der Suchtselbsthilfe beraten und begleiten. Dort erreichen wir dann auch jüngere Zielgruppen.

In der Selbsthilfe für alkoholkranke Menschen ist der Altersdurchschnitt relativ hoch. Wo sind die jüngeren Betroffenen?

In jungen Jahren ist die Alkoholsucht meistens noch nicht so ausgeprägt. Bzw., bis man merkt, dass man Hilfe braucht, bis der Leidensdruck so groß ist, dass man es selbst oder Angehörige nicht mehr aushalten, der Führerschein weg ist, bis es Probleme mit dem Arbeitgeber gibt – bis dahin können viele Jahre oder Jahrzehnte vergehen. Deshalb ist auch in den Selbsthilfegruppen der Altersdurchschnitt hoch. In diese „alten“ Gruppen junge Menschen zu kriegen, ist ein Problem. Denn die Menschen müssen sich ja in der Gruppe wohlfühlen. Und nicht das Gefühl haben, dass sie zu ihrem Opa gehen! (lacht)

Dazu kommt, dass es bei den Jüngeren den „reinen Alkoholiker“ kaum noch gibt. Meistens sind da auch andere Drogen und Probleme mit im Spiel.

Sie sehen die Situation also auch als Chance für die Selbsthilfe, sich neu zu orientieren und vermehrt auch jüngere Zielgruppen früher zu erreichen?

Ja, als Chance vor allem, dass Menschen nicht über viele Jahre immer wieder in die Entgiftung müssen. Und als Möglichkeit, niedrigschwellige Angebote zu entwickeln und auszubauen. Zum Beispiel in Form von Chats. Oder Hotlines, wie unser Nottelefon, das 24 Stunden am Tag für Betroffene und Angehörige da ist.

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Themen Gesundheit Selbsthilfe Sucht Wed, 21 Apr 2021 21:59:14 +0200
Prävention wirkt! https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=04&tx_ttnews%5Bday%5D=21&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23841&cHash=ec29e6b118d6933529092d5efa1e76bd

]]> ]]> Herr Binder, Sie beraten und helfen rund um das Thema Sucht. Was ist für Ihre Klient*innen in der Corona-Pandemie besonders belastend?

Ich finde es immer ganz wichtig zu unterscheiden. Es gibt Menschen, die blenden das Thema Corona völlig aus. Die nervt Corona vielleicht, aber sie sind nicht belastet. Nicht jeder, der psychische Probleme hat oder suchtkrank ist, ist jetzt automatisch in einer noch schlechteren Lebenslage oder seelischen Verfassung. Was wir aber schon sehen ist, dass Corona für Menschen, die generell seelisch belastet, psychisch krank oder in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind, ein brutaler Booster ist. Soziale Isolation, fehlende Unterstützung, Distanzierung durch Homeoffice und Masken – das führt dazu, dass es vielen unserer Klient*innen echt schlecht geht. Weil die Dinge, die im Leben guttun, reduziert sind oder gar nicht mehr stattfinden.

Kommen zu Ihnen mehr Menschen als vor Corona in die Beratung?

Was wir merken, ist ein wahnsinniger Druck auf die Beratung. Das liegt zum Teil daran, dass wir unter erschwerten Bedingungen arbeiten - zum Beispiel in kleineren Gruppen - und gar nicht so viele Klient*innen aufnehmen können. Aber auch daran, dass wir mehr Nachfrage haben.

Nehmen durch Corona Suchtprobleme zu?

Man muss wissen, dass das Suchthilfesystem nur circa 10 Prozent der betroffenen Menschen erreicht. Deshalb ist es schwierig, aus der Situation in der Beratung auf die Situation in der Gesellschaft zu schließen. Aber dass Corona Auswirkungen hat – und zwar nicht günstige – das ist klar. Und gerade Menschen mit chronifizierten Suchterkrankungen oder in prekären Lebenslagen geht es natürlich nicht besser.

Wie gut können Sie Betroffene momentan mit Ihren Angeboten erreichen?

Das ist spannend: Denn es ist schlechter und gleichzeitig besser geworden.

Schlecht ist, dass viele Menschen momentan einfach Angst vor Kontakten mit anderen Menschen haben. Was natürlich eine Hürde ist, um in eine Beratungsstelle zu kommen. Wir haben Menschen, die wollen nicht an Gruppen teilnehmen. Wir haben Menschen, die eh schon gehemmt und beschämt sind, über ihre Sucht zu sprechen. Die Angst vor Corona kommt dann noch dazu.

Andererseits ist es faszinierend, wie „normal“ die Situation ist. Wir haben während der Pandemie immer in Präsenz weiterberaten und ambulante Therapie angeboten. Inzwischen haben wir die erste Generation an Klient*innen, die wir noch nie ohne Maske gesehen haben. (lacht)

Wie ist es mit der Online- und Video-Beratung?

Da wundern wir uns manchmal selbst drüber, dass wir da nicht schon eher draufgekommen sind! Zum Beispiel standardmäßig Face-to-Face Online-Calls anzubieten. Unsere Klient*innen nehmen das Online-Angebot gerne in Anspruch. Auch in Gruppensettings haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Und das in allen Altersgruppen.

Online ist nicht besser oder schlechter. Es ist anders! Und es ist mehr, als ein Ersatz. Deshalb wird die Online-Beratung auch nach Corona bleiben. Zum Beispiel bei der niedrigschwelligen Beratung von Kindern und Jugendlichen.

Apropos Kinder und Jugendliche: Sie gehören zu den Risikogruppen, wenn es um die Entwicklung von Suchterkrankungen geht. Und in der Pandemie werden sie häufig vergessen. Wo sehen Sie die größten Risiken für Kinder und Jugendliche momentan?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Ich glaube, ein Teil der jungen Menschen konsumiert weniger Suchtmittel. Einfach, weil momentan die sozialen Möglichkeiten dafür fehlen. Ich denke, das ist keine kleine Gruppe.

Und dann gibt es die Risikokonsument*innen: Junge Menschen, die phasenweise exzessiv Alkohol oder Drogen konsumieren. Bei denen fehlt durch Corona die soziale Kontrolle. Für diese Jugendlichen ist Corona ein Booster, der zu risikoreicherem Verhalten und zu härteren Konsummustern führt. Mancher versucht so, den Corona-Frust zu bewältigen und zu kompensieren. Und denkt sich vielleicht: Wozu soll ich morgen früh für das Online-Schooling aufstehen?

Stichwort Online: Sehen Sie ein erhöhtes Risiko für Online- und Mediensucht?

Wir haben auf jeden Fall mehr Anfragen von Eltern zum Thema exzessive Mediennutzung. Aber das muss man mit Vorsicht bewerten: Die Situation zu Hause ist eventuell auch einfach angespannter als sonst. Dazu kommt, dass Eltern und Fachwelt exzessive Mediennutzung ganz unterschiedlich definieren….

Das interessiert mich jetzt auch persönlich als Mutter: Wo beginnt denn aus fachlicher Sicht die exzessive Mediennutzung?

Da gehört der zeitliche Umfang der Mediennutzung rein. Aber nicht nur. Sondern auch die Reduzierung von sozialen Kontakten, ein verändertes Freizeitverhalten, Vernachlässigung von Schule und Ausbildung. Diese Veränderungen können schon eintreten, bevor jemand 12 bis 14 Stunden täglich vor dem Rechner sitzt.

Das heißt, Eltern machen sich manchmal auch einfach zu viele Sorgen?

Ich persönlich bin der Meinung, dass unsere Gesellschaft grundsätzlich zu medienaffin ist. Zu viele junge Menschen haben zu lange Bildschirmzeiten. Und zu viele ihrer sozialen Aktivitäten finden im Digitalen statt. Menschliche Interaktion muss aber zwingend etwas mit der analogen Realität zu tun haben. Wenn dann andere Risikofaktoren dazu kommen – keine Teilhabe – oder Freizeitmöglichkeiten – dann kann es für junge Menschen gefährlich werden.

Es gibt junge Menschen, die schließen auf Instagram digitale Freundschaften und kündigen sie dort auch wieder auf – ohne sich jemals im analogen Leben begegnet zu sein. Kann man den anderen so überhaupt kennenlernen? Kann man das Konzept von Freundschaft so überhaupt verstehen?

Das Problem an der digitalen Realität ist, dass das eine nicht so inklusive ist. Das ist eine Teilrealität. Wenn ich „analog“ nach draußen gehe, werde ich ganzheitlich wahrgenommen. Auf meinem Insta-Profil präsentiere ich nur einen Teil von mir. Und dazu noch einen idealisierten. Das ist grundsätzlich kein Problem. Doch die Dosis macht das Gift: Wie viel von dieser Teilrealität macht zum Schluss meine Gesamtwahrnehmung aus? Auch da ist Corona wieder ein Booster. Weil die Realität draußen noch nerviger ist, als sonst schon. Weil draußen noch weniger stattfindet. Da ist es auf Insta einfach schöner.

Aber wir dürfen nicht vergessen: Bei der Mediensucht haben wir neben den Jugendlichen eine weitere große Risikogruppe. Und das ist die Generation 30 bzw. 40 plus, insbesondere Menschen in prekären Lebenssituationen und mit geringen Teilhabemöglichkeiten. Auch diese Menschen verbringen viel Zeit vor Bildschirmen - mit passivem Fernsehkonsum, Surfen, Zocken.

Erreichen Sie diese Menschen mit Ihrem Angebot? Kommen diese Menschen in Ihre Beratung?

Null! Dafür gibt es kein gesellschaftliches Problembewusstsein. Anders, als zum Beispiel eine Abhängigkeit von Alkohol oder illegalen Drogen, ist die Abhängigkeit von Medien gesellschaftlich akzeptiert.

Ein zentraler Baustein der Suchthilfe ist Prävention. Können Sie Ihre Präventionsarbeit momentan noch machen?

Bei uns ging es von 100 auf null und jetzt sind wir bei fünf… Das ist eine Katastrophe: Denn wir machen ja Prävention, weil wir wissen, dass sie etwas bewirkt. Und gerade jetzt können wir sie nicht machen! Die Entwicklung und Förderung eines gesundheitsbewussten und achtsamen Lebensstils ist wichtig: Wer diesen Lebensstil nämlich einmal verinnerlicht hat, der wird sich später in allen Lebensbereichen weniger selbstschädigend verhalten.

„Live“ geht wegen der Kontaktbeschränkungen momentan gar nichts. Deshalb haben wir Hybrid- und Online-Lösungen entwickelt. Für die hat aber niemand einen „Nerv“: Für die Gesundheitsförderung von Kinder und Jugendlichen gibt es momentan kein Bewusstsein. Weil zum Beispiel an den Schulen häufig auch gar nicht klar ist, wie in der kommenden Woche die Schule überhaupt stattfindet. Oder anderes mehr Priorität hat. Aber: Wenn wir diese Arbeit nicht machen können, wird das massive Effekte haben. Mir fehlt da komplett die gesellschaftspolitische Debatte.

Dazu kommt, dass es auch für uns als Dienst eine schwierige Situation ist. Denn diese Präventionsarbeit ist zum größten Teil projektgefördert. Da sind soziale Angebote – gerade in diesem niedrigschwelligen Bereich – einfach in Gefahr.

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Themen Gesundheit Sucht Menschen mit psychischen Erkrankungen Wed, 21 Apr 2021 18:22:57 +0200
Verbote behindern Prävention https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=7682

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Themen Gesundheit Sucht Tue, 20 Apr 2021 16:12:25 +0200
Drogenberatung: Gamification https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=04&tx_ttnews%5Bday%5D=19&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23834&cHash=822206886891c8d543923ec7370af1b5

]]> ]]> Der Mensch ist ein Spielender – so formulierte es der niederländische Kulturhistoriker Johann Huizinga in seinem Buch Homo Ludens. Und er hat Recht! Spielen ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen DNA. Kinder lernen spielend die Welt kennen, Jugendliche zocken stundenlang Fortnite und auch für Erwachsene hat es sich noch lange nicht „ausgespielt“. Candy Crush in der U-Bahn, Teambuilding-Games auf Arbeit und eine Runde Risiko mit guten Freunden am Wochenende.

Spiele faszinieren, inspirieren und motivieren. Sie sind schon immer Teil unserer Kulturgeschichte und haben im Zuge der Digitalisierung weiter an Bedeutung gewonnen. Ebenso alt ist wahrscheinlich auch der Versuch, die motivierenden Eigenschaften des Spiels im Alltag zu nutzen. Vor einigen Jahren hat dieses Prinzip mit dem Neologismus Gamification eine neue Bezeichnung gefunden.

Gamifi...was?

Gamification meint den Einsatz von Spielelementen in spielfremden Umgebungen. Ziel ist es, den Spieltrieb der Nutzer*innen zu aktivieren, um sie für bestimmte Aktivitäten oder Verhaltensweisen zu motivieren. Es geht dabei nicht um die Entwicklung kompletter Spiele. Vielmehr sollen alltägliche Prozesse mit einzelnen Spielelementen wie z.B. Challenges, Wettbewerben, Punktesystemen, Leistungsbalken, Storylines oder Avataren angereichert werden.

Dabei funktioniert Gamification zunächst technologieunabhängig. Es wird in analoger Form realisiert, wie etwa in der New Yorker Schule Quest to Learn. Ebenso eröffnen die vielfältigen Produkte der Digitalisierung (z.B. Smartphones, Augmented-Reality, Internet-Of-Things) enorme Gestaltungsspielräume, um Spielelemente in alltägliche Kontexte zu implementieren. Gamification erfreut sich bereits in verschiedenen Bereichen (z.B. Gesundheit, Bildung, Wirtschaft) großer Beliebtheit. Auch in der Sozialen Arbeit ist es kein unbekanntes Prinzip, so werden Spielelemente etwa in der offenen Jugendarbeit schon auf vielfältige und kreative Weise eingesetzt. Im Rahmen der Drogenberatung fand die Strategie bisher kaum Beachtung. Dabei ist gerade hier die Motivation von Klient*innen eine wesentliche Bestimmungsgröße nachhaltiger Veränderungen und damit ein Schlüsselfaktor für den Erfolg von Unterstützungsangeboten. Spielelemente haben auch in diesem Setting das Potential, die Klient*innenmotivation zu fördern.

Das Forschungsprojekt EMPAMOS – künstliche Intelligenz meets Brettspiele

In der Umsetzung ist Gamification in vielen Fällen ziemlich langweilig. Man denke nur an die Bonuspunkteprogramme vieler Supermärkte, bei denen sich das spielerische Erlebnis in Grenzen hält. Diese Beobachtung markierte den Ausgangspunkt für das interdisziplinäre Forschungsprojekt EMPAMOS, einer Kooperation zwischen den Fakultäten Informatik, Sozialwissenschaften und BWL der Technischen Hochschule Nürnberg und dem Deutschen Spielearchiv.

Im analytischen Interesse stand dabei die Frage, welche motivationalen Elemente in Spielen vorkommen und wie diese im Sinne eines funktionierenden Spielerlebnisses miteinander kombiniert werden. Hierfür wurden zunächst tausende Spielanleitungen digitalisiert und anschließend mittels maschineller Lernverfahren analysiert. Ergebnis ist eine empirisch fundierte Spielelemente-Taxonomie, die im Rahmen eines Workshop-Konzepts zur „Gamifizierung“ nicht-spielerischer Kontexte eingesetzt werden kann. Bei mudra wurde im Dezember 2019 der erste Gamification-Workshop im enterprise Büro durchgeführt.

Gerichtliche Beratungsauflagen oder „ich mach das halt, weil der Richter es will“

Im enterprise werden jährlich circa 500 junge Menschen beraten und begleitet. Der Zugang erfolgt bei einem Drittel der Klient*innen extrinsisch motiviert über richterliche Weisungen. Die Beratungsauflagen haben meistens einen Umfang von drei bis sechs Einzelgesprächen mit einer Dauer von jeweils 60 Minuten. Aus dem hohen Grad an Fremdbestimmung resultieren verschiedene motivationale Probleme. Zwar finden die meisten jungen Menschen den Austausch über drogenbezogene Themen spannend, jedoch formulieren sie selten einen konkreten Beratungsauftrag. Entsprechend haben die Berater*innen oft die unliebsame Aufgabe, die Beratungsgespräche für die Klient*innen inhaltlich auszugestalten. Dabei werden verschiedene Motivationsstrategien praktiziert.

Hierzu gehören etwa eine zieloffene Haltung gegenüber Konsumveränderungen, der Einsatz von Techniken aus dem Motivational Interviewing oder die Anwendung beratungsbegleitender Methoden (z.B. Risikocheck, Puzzle zur Konsumfunktionalität). Ein zentrales Ziel ist dabei, die Klient*innen zur Umsetzung von Risikokompetenzstrategien in ihrem Alltag anzuregen. Dies umfasst beispielsweise das Führen eines Konsumtagebuchs, die Reaktivierung alter Hobbies oder das Ausprobieren neuer Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Leider gelingt dieser Transfer in der Praxis oft nur unzureichend.

RIKO – Risikokompetenz spielerisch fördern

Im Rahmen des Gamification-Workshops entwickelten die Berater*innen verschiedene Ideen, wie diese motivationalen Probleme mit Spielelementen gelöst werden könnten. Als zentrales Instrument diente dabei der EMPAMOS-Spielelemente-Baukasten. Dieser erlaubt es, das Wissen aus dem Forschungsprojekt in konkrete Praxisfelder zu transferieren. Als Ergebnis entstand das hybride Gamification-Konzept RIKO („Risikokompetenz spielerisch fördern“), welches sowohl analoge als auch digitale Spielelemente integriert.

Hierfür wurden die Beratungsauflagen zunächst mittels spielerischer Elemente neu strukturiert. Für die Klient*innen geht es nicht mehr darum, eine spezifische Anzahl an Beratungsgesprächen zu absolvieren. Die Gewinnbedingung von RIKO besteht nun im Erreichen von 120 Erfahrungspunkten (experience points = XPs). Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Selbstverständlich finden weiterhin klassische Face-to-Face-Gespräche statt, jedoch werden diese durch sogenannte Boosts zwischen den Einheiten ergänzt. Das RIKO-Spielbrett visualisiert diese Struktur. Klient*innen können hier ihre Auflage planen und den momentanen Spielstand auf einem Fortschrittsbalken ablesen.

Klassische Face-to-Face-Gespräche werden in RIKO mit 20 XPs honoriert. Über die Inhalte entscheiden die Klient*innen selbstständig. Hier stehen unterschiedliche Vorschläge zur Auswahl, die bei Bedarf durch individuelle Themen ergänzt werden können. In einem Wissensquiz etwa werden Substanzinformationen spielerisch ausgetauscht. Der Risikocheck umfasst eine Beratungseinheit zum Testen der eigenen Konsumrisiken. Das Puzzle Drogen und Du gibt Einblicke in die individuellen Konsumfunktionalitäten und in der Beratungsstunde Skillz erkunden Klient*innen unter Einsatz von Lego Serious Play ihre Stärken und Zukunftsziele.

Zwischen den Beratungssessions können in unterschiedlichen Boosts weitere Erfahrungspunkte gesammelt werden. Im Zentrum steht dabei die medienpädagogische SmartphoneApp Actionbound, ein digitales Tool zur Gestaltung multimedialer Lernreisen. Die enterprise-Berater*innen haben hierfür eine Reihe von Boosts erstellt. So können sich die Klient*innen anhand von Videos und Wissenstests vertieft mit den Themen Cannabis, Konsumveränderung oder Führerscheinverlust auseinandersetzen (jeweils 20 XPs). Im Sinne von Medienkompetenz werden sie in einer Online-Schnitzeljagd (20 XPs) auf verschiedene Drogeninformationsseiten gelotst und müssen dort knifflige Rätsel lösen.

Die App enthält außerdem verschiedene GeoCaches. Klient*innen können anhand von GPSKoordinaten unterschiedliche Joggingstrecken in Nürnberg ablaufen und müssen dabei diverse Aufgaben erfüllen (z.B. „Fotografiere das Graffiti am Fuchsloch!“). Weitere Boosts umfassen das Führen eines Konsumtagebuchs (10 XPs pro Woche), die 8000 Schritte-pro-Tag-Challenge (20 XPs pro Woche) oder die Teilnahme am Kraftmontag, der wöchentlichen Klettergruppe des Mountain Activity Clubs (40 XPs). Selbstverständlich können auch hier individuelle Boosts formuliert werden. In welcher Höhe diese mit XPs belohnt werden, wird zwischen Klient*in und Berater*in individuell ausgehandelt.

Mögen die Spiele beginnen

RIKO wird seit September 2020 in der Beratungsstelle enterprise umgesetzt und von den Klient*innen bisher gut angenommen. Durch den spielerischen Zugang scheint es ihnen leichter zu fallen, sich mit ihrem Drogenkonsum auseinanderzusetzen und Veränderungen einzuleiten. Wir sind gespannt, ob diese ersten Praxiserfahrungen auch durch die systematisch erhobenen Daten aus der wissenschaftlichen Begleitung des Programms bestätigt werden. Bis das soweit ist, heißt es erstmal weiterhin: Mögen die Spiele beginnen!

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Themen Sucht Digitalisierung Mon, 19 Apr 2021 08:30:00 +0200
Mietendeckel-Urteil https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=04&tx_ttnews%5Bday%5D=15&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23818&cHash=9d610c41d5812432880ff583966d9552

]]> Anlässlich der heutigen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Berliner Mietendeckel fordern der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Paritätische Wohlfahrtsverband von der Bundesregierung mehr Engagement für eine wirksame Mietpreisbegrenzung und eine sozial gerechte und ökologisch verträgliche Wohnungs- und Baupolitik. Hohe Mieten belasten viele Menschen gerade während der aktuellen Krise ganz besonders – aber auch nach Corona bleibe Wohnen eine der zentralen sozialen und ökologischen Fragen unserer Zeit. Nötig seien wirksame Instrumente der Mietpreisbegrenzung wie ein Mietendeckel sowie öffentliche Investitionen in gutes und gesundes Wohnen für alle in einem sozialen und grünen Gemeinwesen, das Naherholungsmöglichkeiten und den Erhalt der Biodiversität genauso wie soziale und kulturelle Angebote sichert.

„Heute ist ein schwarzer Tag für Mieter*innen in Berlin, die von zu hohen Mietzahlungen und Verdrängung bedroht sind und leider ein guter Tag für  Mietenzocker. Es ist nun der Bund gefordert, die Länder zu ermächtigen oder selbst tätig zu werden, einen Mietendeckel auf den Weg zu bringen. Der Mietendeckel wird damit unweigerlich zu einem zentralen Wahlkampfthema. Für unser Gemeinwesen braucht es Möglichkeiten eines Mietendeckels und des Milieuschutz für Privatmieter, aber auch für soziale Einrichtungen”, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

„Die heutige Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist ein herber Rückschlag für Mieterinnen und Mieter und die Umwelt. Das ewige Credo ‚Bauen, Bauen ,Bauen‘ löst die Wohnungsfrage nicht, sondern bedroht sogar die für die Menschen wertvolle Stadtnatur und damit die biologische Vielfalt. Es braucht stattdessen eine bundesweit geregelte Eindämmung der Mietpreise. Der BUND fordert zudem einen gemeinwohlorientierten Neustart in der Bodenpolitik, um Spekulationen zu verhindern und Stadtnatur zu schützen”, so der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt.

Beide Verbände betonen, dass auch eine Neuausrichtung in der Bodenpolitik kein Tabu bleiben dürfe. Boden sei Gemeingut und keine beliebige Ware, für das Gemeinwohl müsse der Markt begrenzt werden. Die Belange von Natur und Umwelt müssen bei Bebauungsplänen gestärkt werden und bei Bauprojekten ein Schwerpunkt auf dem sozialen und gemeinnützigen Wohnungsbau liegen. Dabei dürften soziale nicht gegen ökologische Interessen ausgespielt werden. Eine Förderung der Stadtnatur sei ebenso wichtig, um Folgen der Klimaerhitzung zu mildern, und Biodiversität und die Gesundheit zu fördern.

BUND und Paritätischer kündigen an, zur Bundestagswahl eine gemeinsame Agenda mit detaillierten Forderungen für eine sozial-ökologische Transformation vorzustellen.

Kontakt:
Gwendolyn Stilling, Der Paritätische Gesamtverband, Tel. 030/24636-305, pr@paritaet.org
Afra Heil, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Tel. 030/275 86-311, afra.heil@bund.net

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Presse Soziale Teilhabe und Armut Thu, 15 Apr 2021 11:48:21 +0200
Impfen vor der Haustür https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=04&tx_ttnews%5Bday%5D=12&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23784&cHash=f84202eebb8b4860b3a815ad3b474eeb

]]> ]]> Wie kann man älteren Bürger*innen ein Impfangebot vor der eigenen Haustür machen? Wie kann man denjenigen helfen, die nicht mobil genug sind, um in das Impfzentrum in der Messestadt Riem zu fahren? Und diejenigen erreichen, die bisher noch gar kein Impfangebot bekommen haben?

„Wir sind Anlaufstelle für die älteren Menschen in unserem Stadtteil“, sagt Manuela Arnsperger. „Also: Warum diese Struktur nicht auch für die Impfungen nutzen?“ Seit über 40 Jahren gibt es das Alten- und Service-Zentrum (ASZ) Allach-Untermenzing des Paritätischen in Bayern. Es ist eines von insgesamt 32 Zentren in München. Die Münchner ASZs sind ein bundesweit einmaliges Konzept und Einrichtungen der Landeshauptstadt.

„Nachdem klar war, dass bei uns geimpft werden kann, haben wir zuerst die Besucher*innen unseres ASZ abtelefoniert“, erzählt Manuela Arnsperger. „Und dann Werbung über die Presse, Aushänge bei den Kirchengemeinden und Apotheken sowie die Pflegedienste und Hausärzt*innen gemacht.“ Ende März war es dann soweit: 54 über 80-Jährige wurden vom Impfteam der Aicher Ambulanz im ASZ Allach-Untermenzing geimpft. Der Gymnastikraum und der Wintergarten wurden zu Warte- bzw. Ruheräumen umfunktioniert, damit Abstände eingehalten werden konnten und keine Staus entstehen. In der Bibliothek wurde geimpft.

„Die Planung und Koordination des Impftages war viel Arbeit“, sagt Manuela Arnsperger. „Aber es gab viele positive Rückmeldungen von den geimpften älteren Menschen und ihren Angehörigen!“ Deshalb findet diese Woche auch bereits der zweite Impftag statt.

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Themen Ältere Menschen Gesundheit Mon, 12 Apr 2021 10:04:57 +0200
Kinderarmut ist kein Aprilscherz: Bildungs- und Teilhabepaket ist und bleibt "Murks" https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=04&tx_ttnews%5Bday%5D=01&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23748&cHash=11b30718124b1913c3b9ee6bbc9c29da

]]> Das sogenannte “Bildungs- und Teilhabepaket”, das vor zehn Jahren auf Druck des Bundesverfassungsgerichts von der Bundesregierung eingeführt wurde, um armen Kindern mehr Teilhabe zu ermöglichen, ist nach Ansicht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes komplett gescheitert. Die Leistungen für benachteiligte Kinder und Jugendliche seien nicht geeignet, Kinderarmut zu bekämpfen, Teilhabe zu ermöglichen und Bildungsgerechtigkeit sicherzustellen, kritisiert der Verband. Trotz mehrfacher Nachbesserungen, zuletzt über das so genannte „Starke Familien Gesetz“, gehe das Paket nachwievor an der Lebenspraxis armer Kinder und ihrer Familien weitgehend vorbei.

“Das Bildungs- und Teilhabepaket war von Anfang an komplett an der Lebensrealität Heranwachsender und den Strukturen vor Ort vorbei konzipiert und zum Scheitern verurteilt. Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Bundesregierung nach zehn Jahren ernüchternder Praxiserfahrung und entgegen dem Rat vieler Expert*innen immer noch an diesem sozialpolitischen Murks festhält”, so Werner Hesse, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

Mit dem Bildungs- und Teilhabepaket wird seit 2011 benachteiligten Kindern und Jugendlichen ein monatlicher Zuschuss in Höhe von 10 Euro (seit dem 1. August 2019: 15 Euro) für Mitgliedsbeiträge in den Bereichen Sport, Spiel, Kultur und Geselligkeit, für Musikunterricht und die Teilhabe an Freizeiten in Aussicht gestellt. Obwohl die Leistungen praktisch nur einem Teil der Jugendlichen zu Gute kommen, wurden Regelsatz-Bestandteile im Gegenzug für alle Kinder und Jugendlichen pauschal gestrichen. Auch knapp zehn Jahre nach Einführung profitieren laut einer Studie des Paritätischen nur bis zu 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler unter 15 Jahren im Hartz-IV-Bezug von den sogenannten „soziokulturellen Teilhabeleistungen“, 85 Prozent der Leistungsberechtigten wurden in der Praxis dagegen nicht erreicht.

Durch Corona sei der akute Handlungsbedarf noch einmal bitter zu Tage getreten, betont der Verband. “Homeschooling und andere coronabedingte Beschränkungen des öffentlichen Lebens haben deutlich gemacht, wie schwierig die Lage einkommensarmer Eltern ist. Es fehlt schon im normalen Alltag vorne und hinten an Geld, um den Kindern eine unbeschwerte Kindheit und ein Mindestmaß an Teilhabe zu ermöglichen, in der Pandemie hat sich die Not potenziert”, so Hesse. So richtig und wichtig es gewesen sei, dass Arbeitsminister Hubertus Heil inzwischen den Weg frei gemacht habe für die Kostenerstattung von Laptops für einkommensarme Schüler*innen, so wenig können solche Einzelmaßnahmen darüber hinwegtäuschen, dass es grundlegender Reformen bedarf, um Kinderarmut wirksam abzuschaffen.

“Was es braucht, ist politischen Mut, sich von dem verkorksten Bildungs- und Teilhabepaket endlich zu verabschieden, und den politischen Willen, Kinderarmut wirklich zu stoppen“, fordert Werner Hesse, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. Der Paritätische bekräftigt seine Forderung nach der Einführung eines Rechtsanspruchs auf Angebote der Jugendarbeit im Kinder- und Jugendhilfegesetz und die Einführung einer bedarfsgerechten, einkommensabhängigen Kindergrundsicherung.

Gwendolyn Stilling

Pressesprecherin
Leiterin
Presse, Redaktion, Kampagnen

Der Paritätische Gesamtverband
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10178 Berlin
Telefon: 030 24636-305
Telefax: 030 24636-110
Mail: pr@paritaet.org

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Presse Fachbereich Frauen / Familie / Geschlechterpolitik Fachbereich Kinder und Jugend / Bildung Bildung Familie Kinder und Jugend Soziale Teilhabe und Armut Thu, 01 Apr 2021 09:52:50 +0200
Queer am Arbeitsplatz https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=7674

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Themen Queer Demokratie stärken Tue, 30 Mar 2021 15:18:12 +0200
Rollenklischees nerven https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=30&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23731&cHash=c3f4f0c8369317e3be33b319206915e7

]]> ]]> Wann hast Du mitbekommen, dass du im „falschen Körper“ lebst?

Meine früheste Erinnerung reicht bis in die Kindergartenzeit zurück. Schon damals dachte ich, wie schön es wäre, ein Mädchen zu sein. In der Pubertät habe ich zum ersten Mal erfahren, dass eine Geschlechtsumwandlung möglich ist. Damals fehlte mir aber die Aufklärung über den Transprozess und so wusste ich auch nicht, dass man die OP über die Krankenkasse abwickeln kann. Ich war dann in der Gothic Szene unterwegs. Da fielen meine langen Haare nicht auf, und ich konnte als Kompromiss Herrenröcke tragen.

Während der Ausbildung habe ich mich beraten lassen – im Sonntagsclub in Berlin. Ich lebte damals in der Nähe von Berlin. Dort habe ich eine Liste mit Therapeuten bekommen. Als Frau leben, wollte ich erst nach der Ausbildung aus Sorge vor den Reaktionen meiner Mitschüler in der Berufsschule. Jugendliche können echt fies sein. Das wollte ich mir nicht antun.

Wo hast Du während des Geschlechtsumwandlungsprozesses Unterstützung bekommen?

Mein Therapeut hatte mir empfohlen, eine Gruppentherapie zu machen. Ich war immer schon ein Einzelgänger und wollte erst gar nicht in die Gruppe. Das hat mir dann aber doch sehr gutgetan. Und meine Mutter hat mich immer unterstützt.

Ich bin auch jetzt noch in einer Selbsthilfegruppe aktiv. Weil es mir hilft, und weil ich meine Erfahrungen gern an andere weitergeben möchte.

Eine Geschlechtsumwandlung geht nicht von heut auf morgen. Wie lange dauert so ein Prozess? Und ab wann hast Du als Frau gelebt?

Das ist von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich und sehr individuell. Ich habe mir Zeit dabei gelassen, insgesamt vier oder fünf Jahre. Ich bin lange noch zu den Gruppentreffen in Männersachen gegangen. An einem Abend war das Thema in der Gruppe: Warum ich denn immer noch keine Frauenkleider trage. Das war an Halloween. Ich hatte mich einfach nicht getraut, als Mann in der Damenabteilung shoppen zu gehen.

Eine Teilnehmerin hat mich an dem Abend unter ihre Fittiche genommen, mir Sachen von ihr geliehen, und dann sind wir im Schutz des Halloweenabends shoppen gegangen. Seitdem bin ich auch äußerlich als Frau zu erkennen.

Die Operation erfolgt in jedem Fall erst nach mindestens einem Jahr Alltagstest. Die lässt sich dann ja nicht mehr rückgängig machen.

Wie hat Dein Umfeld auf Dein Comingout reagiert? Wie hast Du es Deiner Familie erzählt?

Das war bei einem Ausflug. Während der Autofahrt lief im Radio ein Beitrag über Conchita Wurst. Darauf reagierten meine Eltern sehr positiv. Beim Spaziergang nahm mich meine Mutter beiseite. Sie erzählte davon, dass sich der Sohn eines Bekannten das Leben genommen hat. Und sie sich um mich Sorgen macht, weil ich sehr zurückgezogen war. Egal was ist, sie würde mich immer unterstützen. Das hat es mir ganz einfach gemacht: ‚suizidgefährdet bin ich nicht, aber ich bin dabei, eine Frau zu werden.‘ Sie hat super offen reagiert und hat für mich mein Outing in der Familie und in meinem Heimatdorf übernommen.

Als ich zum ersten Mal als Frau nach Hause kam, wussten die Nachbarn und meine Oma schon Bescheid. Sie waren sehr aufgeschlossen und haben interessiert nachgefragt. Nur an meinen neuen Namen mussten sich erst gewöhnen.

Musstest Du auch Anfeindungen erleben?

Ich habe zum Glück kaum negative Erfahrungen gemacht. Anfangs mal abfällige Bemerkungen im Supermarkt, oder Jugendliche in der S-Bahn, die sich über mich lustig gemacht haben.

Ich weiß, was passieren kann, und bin deshalb insgesamt eher vorsichtig. In der Gruppe haben einige von ihren schlimmen Erfahrungen erzählt. Zwei Teilnehmerinnen wurden komplett von ihrer Familie verstoßen.

Und im Job oder bei Bewerbungsgesprächen? Hast Du da Diskriminierung erfahren?

Zum Glück habe ich keinerlei ablehnende Haltung erfahren. Die IT-Branche, in der ich arbeite, ist sehr tolerant. Ich habe einen coolen Chef. Ich bin mir nicht sicher, ob er weiß, dass ich eine Transfrau bin. Das spielt bei der Arbeit einfach keine Rolle. Wenn mich jemand interessiert danach fragt, beantworte ich gern Fragen. Aber ich erzähle nicht von mir aus, dass ich eine Transfrau bin.

Für transidente Personen hat sich in den letzten Jahren einiges verbessert. Wie bewertest Du das? Was muss sich aus Deiner Sicht ändern, damit unsere Gesellschaft offener wird?

Ich finde es gut, dass es jetzt die Möglichkeit des dritten Geschlechts gibt, dass die Festlegung auf männlich oder weiblich nicht mehr zwingend ist. Auf politischer Ebene sollte das Verfahren zur Personenstandsänderung dringend vereinfacht werden. Der Aufwand ist extrem hoch und die benötigten Gutachten sind teuer. Bei mir hat es über ein Jahr gedauert. Warum muss ich für eine Namensänderung vor Gericht erscheinen?

Was auch nervt, sind die Rollenklischees und Schubladen, die schon den Kleinsten mitgegeben werden. Jungs spielen mit Autos und tragen blaue Sachen, die rosa Mädchen spielen mit Puppen. Das ist leider die dominierende Wahrnehmung. Das macht es für Kinder, die sich anders fühlen schwer. Diese Rollenklischees lassen sich nur aufbrechen, wenn man bei den Kleinen anfängt.

Wo sich auch dringend etwas verbessern muss, ist bei der Aufklärung. Im Schulunterricht müssen Homo- und Transthemen selbstverständlich behandelt werden. Für transidente oder homosexuelle Jugendliche ist die Situation besonders schwer, weil sie sich damit alleingelassen fühlen. Solche Themen werden tabuisiert. Da ist Bayern besonders rückständig, was den Lehrplan angeht.

Wenn Du auf die letzten Jahre zurückblickst, würdest Du etwas anders machen?

Rückblickend hätte ich die Geschlechtsumwandlung gern schon vor der Pubertät gemacht, vorm Stimmbruch, vorm Einsetzen des Bartwuchses. Aber ansonsten würde ich alles wieder so machen. Bei den Gruppensitzungen habe ich gelernt, dass man entweder gestärkt oder geschwächt aus dem Prozess hervorgeht. Ich bin deutlich selbstbewusster geworden und das dicke Fell aus meiner Gothiczeit hat mir da gut geholfen.

*Name geändert

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Themen Queer Demokratie stärken Tue, 30 Mar 2021 12:47:00 +0200
Corona-Zuschuss zu gering und verfassungswidrig https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=26&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23729&cHash=96cd0311a487f1d5724bd50c50e8d753

]]> Das heute ergangene Urteil des Sozialgerichts Karlsruhe, das den geplanten einmaligen Corona-Zuschuss für Grundsicherungsbeziehende für zu gering und verfassungswidrig hält, kommentiert der Paritätische Gesamtverband wie folgt:

Der Paritätische Gesamtverband bewertet es als beschämend, dass das Sozialgericht Karlsruhe nun bereits zum wiederholten Mal das armutspolitische Versagen dieser Bundesregierung in der Corona-Krise feststellen muss. Mit dem Hinweis, dass ein Zuschlag von 100 Euro pro Monat nötig wäre, um die Mehrbedarfe angesichts der Pandemie zu kompensieren, folgt das Gericht der Forderung von rund 50 Gewerkschaften und Sozialverbänden.

"Das Krisenmanagement der Bundesregierung ist ein armutspolitisches Trauerspiel. Wir fordern die Bundesregierung auf, endlich dafür zu sorgen, dass Deutschland wieder seinen sozialstaatlichen Verpflichtungen nachkommt", so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. "Es braucht eine zügige Erhöhung der Regelsätze auf mindestens 600 Euro und für die Dauer der Pandemie finanzielle Soforthilfe in Höhe von 100 Euro pro Kopf und Monat für alle, die auf existenzsichernde Leistungen angewiesen sind."

Mehr Informationen zum Appell “Corona trifft Arme extra hart - Soforthilfen jetzt!” unter www.der-paritaetische.de/coronahilfe

Hintergründe und Reportagen zur Lage armer Menschen während der Corona-Pandemie finden Sie auch in einer aktuellen Schwerpunktausgabe unseres Verbandsmagazins: https://www.der-paritaetische.de/publikation/verbandsmagazin-der-paritaetische/der-paritaetische-221/

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Presse Corona Allgemeine Informationen Soziale Teilhabe und Armut Fri, 26 Mar 2021 09:56:00 +0100
EU-Reformvorschläge zur Migrations- und Asylpolitik werden Kinderrechten nicht gerecht https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=26&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23737&cHash=1c923a2a7c5c89a2722953ad2796401f

]]> Eine Rechtsanalyse im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerks, des Deutschen Komitees für UNICEF, des Paritätischen Gesamtverbands sowie von Plan International Deutschland, Save the Children Deutschland, terre des hommes Deutschland und World Vision Deutschland hat gezeigt, dass die Rechte von Kindern in den Vorschlägen der Europäischen Kommission für ein Migrations- und Asylpaket nicht umfassend verankert werden. In einem gemeinsamen Positionspapier fordern die Organisationen daher, dass das Kindeswohl in allen Verfahren vorrangig behandelt wird, wie es die UN Kinderrechtskonvention vorgibt.

"Wir begrüßen zwar, dass die Europäische Kommission teils in ihrem Entwurf des Migrations- und Asylpakets auf die Belange und Rechte von Kindern eingeht. Es fehlt allerdings eine systematische und damit auch praktisch durchsetzbare Sicherstellung der Rechte von Kindern", heißt es in dem heute veröffentlichten Positionspapier. "Die Vielzahl von Richtlinien und Verordnungen greifen keineswegs nahtlos ineinander. Dadurch entstehen Regelungslücken und eine Unübersichtlichkeit, die einen effektiven Schutz von Kindern und die flächendeckende Umsetzung ihrer Rechte verhindern."

In dem Positionspapier äußern die beteiligten Organisationen die Sorge, dass das Reformpaket in der aktuellen Form die Situation geflüchteter und migrierter Kinder insgesamt verschlechtert. So gebe es zwar einige positive Ansätze, wie zum Beispiel die Einführung eines Monitoring-Mechanismus und die Anerkennung von Geschwistern als Teil der Kernfamilie, doch insbesondere die entstehenden Regelungslücken hätten negative Auswirkungen auf die Situation von Kindern. So besteht zum Beispiel die Gefahr, dass unbegleiteten Kinder keine vormundschaftliche Vertretung mit geeigneten fachlichen Qualifikationen zur Seite steht.

Die Organisationen fordern, dass der besondere Schutzbedarf von Kindern geprüft werden muss und eine kindgerechte Unterbringung von Anfang an sicherzustellen ist. Kinder dürfen nicht in Haft genommen oder unter haftähnlichen Bedingungen untergebracht werden. Aus Sicht der Organisationen ist es unerlässlich, der Definition der UN-Kinderrechtskonvention Rechnung zu tragen, nach der allen Kindern ein besonderer Schutzbedarf und besondere Rechte zwingend gewährt werden müssen.

Hintergrund

Am 23. September 2020 stellte die EU-Kommission ein "Migrations- und Asylpaket" vor, das aus einer Reihe von Gesetzesentwürfen zur europäischen Migrations- und Asylpolitik besteht. Kernziele der Kommission sind die Etablierung eines effizienten und schnellen Verfahrens an den EU-Außengrenzen, die Verhinderung von Sekundärmigration durch Sanktionen sowie die verbesserte Durchsetzung der Ausreisepflicht.

Das Positionspapier mit den Forderungen der Organisationen finden Sie hier:
https://www.der-paritaetische.de/fachinfo/positionspapier-kinderrechte-im-eu-migrations-und-asylpaket-konsequent-verankern/

Die rechtliche Analyse zur Rechtsstellung von Kindern im neuen Migrations- und Asylpaket der EU findet sich hier: https://www.der-paritaetische.de/fachinfo/rechtliche-analyse-ueber-die-situation-von-kindern-im-europaeischen-migrations-und-asylpaket-veroeffen/https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Schwerpunkte/Fluechtlingshilfe/doc/MAP_Rechtliche_Analyse_final.pdf

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Presse Fachbereich Kinder und Jugend / Bildung Fachbereich Migration Kinder und Jugend Migration und Flucht Fri, 26 Mar 2021 08:41:00 +0100
Kampagne Mietenstopp anlässlich des Housing Action Days https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=26&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23736&cHash=fd5c1bc35e19fa022364c405d09911b3

]]> Er ist der Protesttag gegen die extremen Auswüchse auf dem Wohnungsmarkt: Der “Housing Action Day”. Dieses Jahr machen Aktivist*innen am Wochenende des 27. und 28. März in vielen Ländern in ganz Europa auf die äußerst angespannte Lage auf den Mietmärkten aufmerksam. Auch in Deutschland führt ein aus den Fugen geratener Markt dazu, dass Menschen ihr Zuhause verlieren. Die Mietpreisspirale dreht sich weiter nach oben, die Corona-Pandemie verschärft die Lage zusätzlich. Es braucht dringend strengere Regeln, um Mieterinnen und Mieter zu schützen.
 
Die neue, bundesweite, breit aufgestellte Kampagne “Mietenstopp! Denn dein Zuhause steht auf dem Spiel” fordert deswegen ein sofortiges, beherztes Eingreifen der Entscheider*innen in der Politik. Erster
Schritt sollte ein bundesweiter Mietenstopp für sechs Jahre sein. Denn nur so können Bestandsmieter*innen jetzt geschützt werden. Während der sechs Jahre Atempause müssen dringend nötige Reformen angegangen werden: So braucht es etwa deutlich mehr Neubau von bezahlbaren Mietwohnungen und ein soziales Bodenrecht – denn immer weiter steigende Bodenpreise führen zu steigenden Mieten. Bund, Länder und Kommunen müssen sich außerdem wieder verstärkt ihrer Verantwortung als Anbieter günstiger, öffentlicher Wohnungen bewusst werden. Alle Forderungen der Kampagne finden sich unter www.mietenstopp.de
 
Mieterinnen und Mieter müssen endlich besser geschützt werden, damit unser soziales Gefüge nicht in Gefahr gerät. Um daran zu erinnern, wird die Kampagne Mietenstopp ab sofort jeden Monat den Preis
die “Goldene Mietenklatsche” verleihen. Den Preis erhält, wer nachdrücklich und mit besonderer Hingabe die Situation der Mieter und Mieterinnen verschlechtert. Die Ehre der Auszeichnung wird als erstem
Preisträger der Landesregierung von Schleswig-Holstein zuteil, die sich jüngst erst öffentlich dafür gerühmt hat, den Mietenanstieg 2020 deutlich abgeschwächt zu haben. Die auch als Jamaika-Koalition
(Schwarz-Gelb-Grün) bezeichnete Regierung von Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hatte Ende 2019 als erstes Bundesland die Mietpreisbremse vorzeitig abgeschafft sowie die Absenkung der Kappungsgrenzen für Mieterhöhungen im Bestand auslaufen lassen.
 
Laut aktuellen Zahlen, die die landeseigene Investitionsbank Schleswig-Holstein im Rahmen des Mietenmonitorings Mitte März veröffentlicht hat, sind die Neuvertragsmieten “nur” um 2,9 Prozent im Vergleich
zum Vorjahr gestiegen. Der Flächenstaat Schleswig-Holstein liegt aber damit voll im Bundesdurchschnitt von 3 Prozent, wobei einzelne Städte und Kreise mit außergewöhnlich hohen Mietsteigerungen von
5,5 Prozent in Lübeck oder 7,1 Prozent in Ostholstein aufhorchen lassen. Dank der Landesregierung können jetzt auch wieder die Bestandsmieten um bis zu 20 Prozent statt 15 Prozent innerhalb von drei Jahren erhöht werden, womit sich die steigenden Neuvertragsmieten noch schneller in den örtlichen Vergleichsmieten deutlich machen werden. Dagegen sind die Löhne und Einkommen vieler Mieterinnen und Mieter aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise gesunken. Für das Bündnis Mietenstopp ist diese Entwicklung im Gegensatz zur Landesregierung kein Grund zum Feiern, zumal die Jamaika-Koalition ein Mietenmoratorium zum Schutz vor Kündigung und Zwangsräumung vehement ablehnt. Gute Mietenpolitik geht anders!
 
Vertreter*innen der Kampagne Mietenstopp fordern anlässlich des Housing Action Days:
 
Lukas Siebenkotten, Deutscher Mieterbund:
Das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht. Deshalb darf Wohnraum auch keine herkömmliche Ware sein. Der Gebrauch des Eigentums verpflichtet – und zwar dem Wohle der Allgemeinheit. Die Spekulation mit Wohnraum vieler für maximale Gewinne weniger sowie die Preistreiberei auf dem Mietwohnungsmarkt müssen sofort beendet werden. Der von uns geforderte sechsjährige Mietenstopp ist die benötigte Atempause für Mieterinnen und Mieter und gibt Luft zur Schaffung des dringend benötigten bezahlbaren Wohnraums. Lippenbekenntnisse der Politik gibt es genug, jetzt muss endlich gehandelt und ausreichend bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden!«
 
Lorena Jonas, 23 Häuser sagen NEIN, Berlin:
Die Pandemie zeigt deutlicher denn je, welche Rolle das eigene Zuhause in unserer Gesellschaft spielt. Es ist nicht nur das behütende Dach über dem Kopf für Familie, Gesundheit und Rückzug, sondern für viele sogar Schule, Kita und Arbeitsstätte. Dieser Tage wird offenkundig, dass der Wohnraum essentiell für unser aller Leben ist und er deswegen ganz grundlegend geschützt werden muss. Es ist nicht mehr
begründbar, dass dieses Zuhause der Vielen als Anlageoption der Wenigen genutzt wird oder sogar als Spekulationsobjekt auf der Börse liegt. Denn diese Verwertungslogik wird immer auf Kosten der Mieter*innen verfolgt. Ein bundesweiter Mietenstopp schiebt dem einen Riegel vor. Er sorgt für konsequente Sicherheit dort, wo sie unabdingbar gebraucht wird: Im Zentrum unser aller Leben.«
 
Dr. Ulrich Schneider, Der Paritätische Gesamtverband:
Die Miete ist vielerorts ein Armutsrisiko. Die hohen Mieten in den Städten sind besorgniserregend und treffen Menschen, die es auf dem Wohnungsmarkt ohnehin schwer haben: Pflegebedürftige, Alleinerziehende und kinderreiche Familien, Migrant*innen, Menschen mit Behinderung und Rentner*innen in Altersarmut. Arme Haushalte müssen inzwischen fast die Hälfe ihres Einkommens für die Miete aufbringen. Während der Corona-Pandemie sind ärmere Menschen noch stärker belastet.«
 
Tilman Schaich, #ausspekuliert, München:
Die Entwicklungen zeigen, dass trotz größter Bemühungen der Bundesregierung gar nicht so schnell gebaut werden kann, wie Wohnraum benötigt wird. Selbst wenn ab jetzt noch mehr gebaut werden würde:
Es würde viele Jahre dauern, bis diese Wohnungen zur Verfügung stehen. Auf genau diese Jahre kommt es jetzt aber an. Die möglichen Gewinne in der Immobilienbranche machen Spekulation und die damit zusammenhängende Verdrängung so unglaublich attraktiv - und der gesetzliche Rahmen bietet den Boden dafür. Wir brauchen jetzt einen Mietenstopp, damit die notwendigen Reformen umgesetzt werden können und währenddessen wir Mieter*innen geschützt sind.«
 
Kalle Gerigk, Recht auf Stadt Köln:
In Deutschland werden täglich Menschen zwangsgeräumt. Viele werden obdachlos und landen auf der Straße. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der ein Menschenleben weniger zählt als
wirtschaftliche Interessen. Ich fordere eine Wohnungspolitik, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht an den Profitinteressen der Investor*innen.«
 
 
Die Kampagne Mietenstopp ist eine zivilgesellschaftliche, überparteiliche Kampagne, die sich für einen bundesweiten Mietenstopp einsetzt und die immer größer wird. Informationen dazu, wer die Kampagne alles unterstützt, gibt’s auf www.mietenstopp.de.
 
Pressekontakt:
Kampagne Mietenstopp
0162/2576627
presse@mietenstopp.de

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Presse Soziale Teilhabe und Armut Wohnungslosigkeit Fri, 26 Mar 2021 08:38:00 +0100
Paritätischer warnt vor Rassismus in Jobcentern https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=16&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23664&cHash=d6c1d569ca4b5af29f7cef7ef4dfd21d

]]> Der Paritätische Wohlfahrtsverband bewertet die Ergebnisse einer heute von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) veröffentlichten Umfrage, nach der EU-Ausländer*innen bei der Beantragung von Sozialleistungen oder von Kindergeld einer diskriminierenden und zum Teil rechtswidrigen Behördenpraxis ausgesetzt sind, als skandalös und warnt vor strukturellem Rassismus in Jobcentern.

Nach der heute veröffentlichten Studie liegen fast der Hälfte der rund 400 bundesweit befragten Beratungsstellen Berichte vor, wonach EU-Bürger*innen aus Osteuropa bereits in der Eingangszone von Jobcentern abgewiesen worden seien und somit keinen Antrag auf „Hartz IV“ stellen konnten.

Die Abweisung passiere häufig pauschal ganz ohne Begründung oder mit dem Hinweis, ihre Deutschkenntnisse wären nicht ausreichend oder eine dolmetschende Person wäre nicht dabei - was eindeutig rechtswidrig sei, erläutert Natalia Bugaj-Wolfram, Referentin für Migrationssozialarbeit beim Paritätischen Gesamtverband. Gelingt die Antragstellung, werden von EU-Bürger*innen oft unverhältnismäßig hohe Anforderungen an das Vorlegen von Dokumenten gestellt. Teilweise werden aufstockende Leistungen trotz belegtem Erwerbstätigenstatus verweigert. Hintergrund sei eine BA-interne Arbeitshilfe zur "Bekämpfung von bandenmäßigem Leistungsmissbrauch im spezifischen Zusammenhang mit der EU-Freizügigkeit". Sie bewirke, dass an Ausländer*innen, die Hartz IV beantragen, erhöhte Anforderungen gestellt und letztlich Hürden zur Antragstellung aufgebaut würden.

“Ich weiß nicht, ob das, was wir aus den Jobcentern hören, bereits struktureller Rassismus ist. Wenn nicht, ist es auf jeden Fall recht nahe daran”, warnt Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.

Die Auswertung der Umfrage zu "Praxiserfahrungen der Mitarbeitenden in der Beratung: Schwierigkeiten von EU-Bürgerinnen und EU-Bürgern in der Durchsetzung von Leistungsansprüchen” finden Sie hier: https://www.bagfw.de/

Lesen Sie zum Thema auch diesen Beitrag vom 11.03.2021 im RBB: https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2021/03/diskriminierung-arbeitsagentur-eu-buerger-leistungsmissbrauch.html

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Presse Fachbereich Migration Migration und Flucht Zivilgesellschaft und Demokratie Demokratie stärken Tue, 16 Mar 2021 17:33:00 +0100
Paritätischer kritisiert Konjunkturpaket als armutspolitischen Fehlschlag https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=11&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23632&cHash=12e3deee1d486ea35b84a200d16ad014

]]> Als massiven armuts- und konjunkturpolitischen Fehlschlag wertet der Paritätische Wohlfahrtsverband die Konjunkturmaßnahmen der Bundesregierung anlässlich der heute veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Wirkung der Coronahilfen aus dem vergangenen Jahr. Der Verband fordert gezielte Hilfen für arme Haushalte für die Dauer der Krise und eine deutliche Erhöhung der Regelsätze in Hartz IV und der Altersgrundsicherung.

“Die Konjunkturpolitik der Bundesregierung zeigt eine bemerkenswerte soziale Schlagseite,” so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigten nach Ansicht des Verbandes eindeutig, dass von den Konjunkturmaßnahmen vor allem wohlhabende Haushalte profitiert haben. “Es ist absolut unverständlich, dass die Not armer Menschen so dermaßen missachtet und eine weitere Vertiefung der sozialen Spaltung in Kauf genommen wird”, so Ulrich Schneider weiter.

Die heute vorgelegten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigten, dass rund die Hälfte der Haushalte den Kinderbonus im letzten Jahr zur Erhöhung der Familiensparquote nutzte und ihn folglich gar nicht brauchte, kritisiert der Verband. Auch die Mehrwertsteuersenkung habe vor allem besserverdienenden Haushalten genutzt, während einkommensschwache Haushalte so gut wie gar nicht profitierten.

“Die bereits im letzten Sommer von uns geäußerten Befürchtungen haben sich mit den Daten des Statistischen Bundesamtes leider bestätigt,” so Ulrich Schneider. Unter armutspolitischer Perspektive stellen die konjunkturpolitischen Beschlüsse von 2020 einen fulminanten Fehlschlag dar. “Wir fordern die Bundesregierung zu einer sofortigen Korrektur auf”, so Ulrich Schneider weiter.

Der Verband fordert die zügige Erhöhung der Regelsätze in Hartz IV und Altersgrundsicherung um 100 Euro pro Kopf und Monat während der Corona-Krise und eine dauerhafte Erhöhung der Regelsätze auf mindestens 600 Euro.

Das Statistische Bundesamt veröffentlichte heute Daten, wonach durch die Mehrwertsteuersenkung im letzten Jahr lediglich zwischen 20 und 25 Prozent der Haushalte Anschaffungen vorzogen oder sich ungeplante Anschaffungen leisteten und dabei insbesondere einkommenstärkere Haushalte profitierten. Über die Hälfte der befragten Haushalte gaben zudem an, den Kinderbonus teilweise oder gänzlich zum Sparen genutzt zu haben.

Philipp Meinert

Presse und Redaktion

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Presse Corona Soziale Teilhabe und Armut Thu, 11 Mar 2021 13:20:47 +0100
Der Paritätische kommentiert Entwurf Armuts- und Reichtumsbericht https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=05&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23625&cHash=3cf1c025a5ed6d1dbbb24745fb66753a

]]> Der Entwurf des 6. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung sei ein "Beleg des jahrelangen armutspolitischen Versagens", kommentiert der Paritätische Wohlfahrtsverband den Entwurf des Berichts aus dem Bundesarbeitsministerium. Der Verband hat den mehrere hundert Seiten umfassenden Text einer ausführlichen Analyse unterzogen: Die Entwicklung der Ungleichheit in Deutschland sei zutiefst besorgniserregend, so die Bilanz der Expert*innen.

Der Bericht komme einem Armutszeugnis gleich, so der Paritätische. “Der Bericht belegt, wie sowohl Armut, als auch Reichtum wachsen und sich verfestigen. Die sogenannte “Mitte” schrumpft, soziale Mobilität nimmt ab und soziale Ungleichheit steigt. Und der Bericht weist nach, wie dramatisch sich die Situation gerade der Arbeitslosen verschärft hat“, so Werner Hesse, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. Der Bericht dokumentiere u.a. die dramatischen Effekte der Agenda-Reformen. Mit den sogenannten Hartz-Reformen sei die Absicherung des sozialen Risikos Erwerbslosigkeit zu einem erheblichen Teil der Fürsorge übertragen worden, die Armutsquote Erwerbsloser habe sich seitdem vervielfacht. “Erwerbslose stoßen auf ein soziales Sicherungssystem, das bereits vor Corona nicht vor Armut schützte und dessen Schwächen nun noch deutlicher zutage treten”, so Hesse.

Dass die Corona-Pandemie die Ungleichheit noch verschärft, belegt der Bericht selbst anhand aktueller Daten. “Diese Befunde können kaum überraschen, sind doch bspw. die Menschen, die zuvor schon in der Grundsicherung waren, bislang von zusätzlichen, auf ihre Bedarfe zugeschnittenen Hilfen ausgeschlossen gewesen”, so Dr. Joachim Rock, Leiter der Abteilung Arbeit, Soziales und Europa im Paritätischen Gesamtverband, die den Berichtsentwurf ausgewertet hat. “Die geplante Einmalzahlung für Grundsicherungsbeziehende von 150 Euro geht weit an den Mehrbelastungen armer Menschen in der Pandemie vorbei und kann schon gar kein Beitrag dazu sein, die sich verfestigende Ungleichheit in irgendeiner Weise positiv zu beeinflussen.”

Der Paritätische fordert eine politische Offensive zur Beseitigung von Armut. Deutschland habe es in der Hand, seine Einkommensarmut abzuschaffen und parallel für eine gute soziale Infrastruktur zu sorgen. Es klinge banal und werde bei vielen nicht gern gehört, “aber gegen Einkommensarmut, Existenzängste und mangelnde Teilhabe hilft Geld“, so Hesse. Konkret seien eine bedarfsgerechte Anhebung der Regelsätze in Hartz IV und der Altersgrundsicherung (nach Berechnungen der Paritätischen Forschungsstelle auf mindestens 644 Euro), die Einführung einer Kindergrundsicherung sowie Reformen von Arbeitslosen- und Rentenversicherung nötig. Der Verband untermauert zudem die Forderung nach einer monatlichen Zusatzzahlung für die Dauer der Pandemie von 100 Euro für alle Menschen, die existenzsichernde Leistungen beziehen.

Eine erste Kurzanalyse des Paritätischen sowie den Entwurf des 6. Armuts- und Reichtumsberichts zum Download finden Sie hier: https://www.der-paritaetische.de/fachinfo/entwurf-des-6-armuts-und-reichtumsberichts-der-bundesregierung/

Die Forderung nach einer zügigen Erhöhung der Regelsätze auf mindestens 600 Euro sowie angemessener Soforthilfen für arme Menschen während der Corona-Krise wird unterstützt von rund 50 Verbänden und Gewerkschaften. Mehr Infos zum Online-Appell “Corona trifft Arme extra hart - Soforthilfen jetzt!” unter www.der-paritaetische.de/coronahilfe

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Presse Corona Soziale Teilhabe und Armut Fri, 05 Mar 2021 10:18:00 +0100
Ein Anker für Familien https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=03&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23581&cHash=1abf447ccecdf668cc35836e7555500b

]]> Camilla Engelsmann, pro familia München e.V.]]> Viel wurde bereits geschrieben über die enorme Belastung der Familien durch die Corona-Pandemie. Wie spiegelt sich das bei Ihnen in der Beratung wider?

Alle Familien waren mit dem ersten Lockdown plötzlich komplett auf sich geworfen und damit beschäftigt, sich in dieser Ausnahmesituation zurecht zu finden. Einige Familien berichteten auch von positiven Effekten, wie einer Entschleunigung im Alltag. Paare konnten sich als Krisenteam erleben. Aber die meisten Menschen gerieten dann sehr schnell in einen inneren und äußeren Krisenmodus.
Sehr viele Anmeldungen hatten wir im Herbst letztes Jahr und seit Anfang diesen Jahres. Zunehmende psychische Belastungen treten immer deutlicher hervor. Existenzielle Ängste, finanzielle Sorgen, Angst um die eigene Gesundheit und die Sorge um Angehörige sind häufige Beratungsthemen.

Haben Sie eine Zunahme an Problemen und Konflikten beobachtet?

Ja. Der Lockdown hat bereits vorhandene Probleme verstärkt, die sonst den Alltag weniger dominierten. Die Paare und Familien waren plötzlich quasi rund um die Uhr zusammen. Dauernd miteinander zu sein, wirkt wie ein Brandbeschleuniger.

Extrem belastet waren – und sind es noch – Familien mit Kindern. Arbeit im Homeoffice und die gleichzeitige Betreuung der Kinder überforderte die Eltern zunehmend. In vielen Fällen spiegelte sich der Verlauf der Corona Krise wider. Wir beobachten eine zunehmende emotionale Überreiztheit und depressive Verstimmungen. In den Beratungen zeigten sich auch eindeutigere Entscheidungen in Bezug auf Trennungen.

Wie erreichen Sie die Familien im Lockdown?

Wir sind die ganze Zeit über für die Familien da. Im ersten Lockdown haben wir vorübergehend die Präsenzberatung reduziert und die Zeit genutzt, um ein Onlineangebot in Form von Videoberatung und die telefonische Beratung auszubauen. Jetzt im zweiten Lockdown konnten wir auch weiterhin Präsenzberatung anbieten – mit Maske, Abstand und Lüften. Manche brauchen den direkten persönlichen Kontakt. Andere nutzen lieber die Möglichkeit der Video- oder Telefonberatung. Für viele Familien sind wir der Anker in dieser schwierigen Zeit.

Erreichen Sie auch die Familien, die Unterstützung am dringendsten nötig haben?

Das hoffen wir sehr. Belastet sind alle Familien, aber die Pandemie verstärkt auch Ungleichheit. Wir sehen den dringenden Bedarf bei sehr Vielen, das zeigt sich auch in den vielen Beratungsanfragen. Wir versuchen auch über unsere Homepage und Öffentlichkeitsarbeit uns sichtbar zu machen für alle Familien. Wir kooperieren mit Einrichtungen in der Stadt, zum Beispiel mit dem Jugendamt, anderen Beratungsstellen oder unserem pro familia Kooperationsprojekt, einer Flüchtlingsunterkunft für Frauen. Bei Bedarf kümmern wir uns auch um Dolmetscher*innen, die in der Beratung übersetzen.

Was raten Sie Familien in dieser Zeit?

Nicht die Zuversicht zu verlieren. Viele Familien haben Resilienz und konnten in der schweren Zeit eigene Selbstheilungskräfte entwickeln. Was allen Familien hilft ist, raus in die Natur zu kommen, sich viel zu bewegen, kreativ zu werden oder gemeinsam zu spielen.

Es gibt aber auch viele Familien, deren Belastung durch die Corona Beschränkungen im Alltag so hoch ist, dass sie das nicht allein schaffen und Unterstützung brauchen. Wir bieten einen geschützten Rahmen, hören zu, begleiten und bieten Hilfe bei der Krisenbewältigung. Manchmal auch in Form von „Alltagscoaching“, zum Beispiel beim Schaffen von klaren Tagesstrukturen und Zeiten für sich alleine schaffen.

Was brauchen Familien aus Ihrer Sicht? Was wünschen Sie sich von der Politik?

Viele Eltern äußern in der Beratung ihren Frust, dass – trotz aller Lippenbekenntnisse – Familien zu wenig gesehen werden, dass nichts getan wurde um Kitas und Schulen so auszurüsten, dass trotz der Pandemie Betreuung und Unterricht sicher möglich sind.

Ich wünsche mir, dass sich die Politik nicht nur von Virologen beraten lässt, sondern bei allen Entscheidungen auch die sozialen Folgen und die Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und Familien berücksichtigt. Viele der psychischen Folgen werden erst im Laufe der Zeit sichtbar werden. Um diese langfristigen Schäden zu reparieren, braucht es genauso einen gesellschaftlichen Kraftakt wie bei dem gemeinsamen Kampf gegen das Virus.

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Themen Familie Gesundheit Wed, 03 Mar 2021 07:00:00 +0100
Für Menschlichkeit und Vielfalt https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=02&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23570&cHash=d056e7fbce7ef4258e64cd6efa6f7df2

]]> ]]> Als Initiativen, Einrichtungen und Verbände, die sich für Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung oder psychischer Beeinträchtigung einsetzen, wenden wir uns gegen jegliche Form von Ausgrenzung und Diskriminierung. Wir treten ein für Menschlichkeit und Vielfalt.

Und wir sind nicht alleine: Wir stehen für Millionen Menschen in Deutschland, die das Auftreten und die Ziele von Parteien wie der Alternative für Deutschland (AfD) und anderer rechter Bewegungen entschieden ablehnen. Die AfD hat vielfach gezeigt, dass sie in ihren Reihen Menschen- und Lebensfeindlichkeit duldet. Sie fördert Nationalismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus.

Diese Entwicklung macht uns große Sorgen. Denn heute ist wieder an der Tagesordnung, was in Deutschland lange als überwunden galt: Hass und Gewalt gegen Menschen aufgrund von Behinderung, psychischer und physischer Krankheit, Religion oder Weltanschauung, sozialer oder ethnischer Herkunft, Alter, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität sowie nicht zuletzt gegen Personen, die sich für eine offene und vielfältige Gesellschaft engagieren.

Das ist nicht hinnehmbar und muss aufhören! Wir sagen NEIN zu jeglicher Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen. Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass:

  • sich Hass und Gewalt nicht weiter ausbreiten können,
  • niemand das Recht auf Leben von Menschen mit Behinderungen in Frage stellen darf
  • und Menschen nicht ausgegrenzt, benachteiligt und diskriminiert werden.

Wir lassen nicht zu, dass in Deutschland eine Stimmung erzeugt wird, die unsere Gesellschaft spaltet. Wir setzen uns ein für eine menschliche und lebenswerte Zukunft für uns alle!

#wfmv2021

Untenstehend können Sie die Erklärung in Leichter Sprache als PDF-Datei herunterladen.

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Themen Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Zivilgesellschaft und Demokratie Demokratie stärken Tue, 02 Mar 2021 08:51:00 +0100
Wir für Menschlichkeit und Vielfalt https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=02&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23569&cHash=0c0e2bf36ab0bd171a18ac1a1502705c

]]> Mit der gemeinsamen Erklärung zeigen zum Auftakt des Wahljahres 435 Verbände, Initiativen und Einrichtungen aus dem Bereich der Behindertenhilfe und der Sozialen Psychiatrie gemeinsam klare Haltung gegen Rassismus und Rechtsextremismus und warnen vor Hetze und Stimmungsmache rechter Akteur*innen wie der AfD und ähnlicher Bewegungen. Mit Sorge beobachten die Verbände, wie versucht wird, eine Stimmung zu erzeugen, die Hass und Gewalt nicht nur gegen Menschen mit Behinderung, psychischer oder physischer Krankheit schürt, sondern gegen alle, die sich für eine offene und vielfältige Gesellschaft engagieren.

„Wir treten ein für Menschlichkeit und Vielfalt. Und wir sind nicht alleine: Wir stehen für Millionen Menschen in Deutschland, die das Auftreten und die Ziele von Parteien wie der Alternative für Deutschland und anderer rechter Bewegungen entschieden ablehnen“, heißt es in der Erklärung. Die AfD habe vielfach gezeigt, dass sie in ihren Reihen Menschen- und Lebensfeindlichkeit dulde, sie fördere Nationalismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Heute sei daher plötzlich „wieder an der Tagesordnung, was in Deutschland lange als überwunden galt“, warnen die Unterzeichnenden.

Die Mitzeichnenden, die von Organisationen der Selbsthilfe über Förder- und Inklusionsorganisationen bis zu Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege reichen, zeigen sich entschlossen, Hass und Hetze entgegenzutreten: „Wir lassen nicht zu, dass in Deutschland eine Stimmung erzeugt wird, die unsere Gesellschaft spaltet“, heißt es in der Erklärung.

Durch Aufklärung, Beratung und öffentlichkeitswirksame Aktionen soll durch verschiedenste Aktivitäten der Unterzeichnenden „für eine menschliche und lebenswerte Zukunft für uns alle“ geworben werden. Ziel der Mitzeichnenden ist es, im Superwahljahr ein Zeichen für Demokratie zu setzen. Sie betonen, es komme auf jede Stimme an und fordern auf, zur Wahl zu gehen.

Unterzeichnet wurde die Erklärung unter anderem vom Sozialverband VdK Deutschland, dem Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland, den Fachverbänden für Menschen mit Behinderung, dem Paritätischen Gesamtverband und der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie. Bislang wird die Erklärung bundesweit von weit mehr als 400 Verbänden, Initiativen und Einrichtungen mitgetragen.

Der gesamte Erklärungstext und die Liste der Mitzeichnungen ist online unter www.wir-fmv.org abrufbar.

Hintergrund

Bereits im April 2018 und im November 2019 haben sich zahlreiche Verbände öffentlich gegen Versuche aus den Reihen der AfD positioniert, Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen herabzuwürdigen und für rassistische Stimmungsmache zu instrumentalisieren.

Kontakt für Presseanfragen: kontakt@wir-fmv.org

Stimmen der Unterstützer*innen der Erklärung für Menschlichkeit und Vielfalt sind in Zitatform unter www.wir-fmv.org/Stimmen abrufbar.

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Presse Fachbereich Menschen mit Behinderung Fachbereich Psychiatrie Sucht- und Gefährdetenhilfe Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Zivilgesellschaft und Demokratie Demokratie stärken Tue, 02 Mar 2021 08:43:00 +0100
Wichtiger Meilenstein: Krisendienste gehen in ganz Bayern an den Start https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=03&tx_ttnews%5Bday%5D=01&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23565&cHash=805686c31aa1f34e1ea128e5fc14a0d0

]]> Jeder dritte Mensch in Deutschland leidet einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung. In eine psychische Krise kann jeder Mensch geraten. Unterstützung finden sie bei den Krisendiensten. Ab kommenden Montag sind diese unter der einheitlichen kostenlosen Telefonnummer 0800 655 3000 in ganz Bayern erreichbar. „Das ist ein wichtiger Meilenstein beim Aufbau einer flächendeckenden Krisenversorgung in Bayern. Dieses Angebot ist einmalig in ganz Deutschland“, freut sich Margit Berndl, Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege Bayern.

Den Startschuss dafür bildete das Bayerische Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz im Jahr 2018. Das verpflichtet die Bezirke zum Aufbau der Krisendienste. In jedem Bezirk gibt es eine Leitstelle und daran angegliederte mobile Fachkräfte. Diese unterstützen die Menschen in psychischen Krisen vor Ort, sobald sie von der Leitstelle angefordert werden. Die Krisendienste vermitteln je nach Bedarf weitere Unterstützungsangebote. Ziel ist eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung. Von diesem Ziel sind die Bezirke noch unterschiedlich weit entfernt. Bisher gibt es eine 24-Stundenerreichbarkeit an sieben Tagen in der Woche nur in Oberbayern.

„Die mobilen Dienste müssen in allen Bayerischen Bezirken zügig aufgebaut und die Erreichbarkeit der Leitstellen ausgebaut werden“, so Berndl. Angesichts der Zunahme psychischer Belastungen durch Corona sei das umso dringlicher. Der Erfolg der Krisenversorgung hängt ab von der gelungenen Kombination aus Leitstellen und mobilen Diensten, sowie der Kooperation mit den vorhandenen Versorgungsstrukturen. „Dabei bilden die Dienste der Wohlfahrtsverbände und ihre Mitarbeitenden das Rückgrat“, betont Margit Berndl abschließend.

Hintergrundinformationen

Seit 40 Jahren bieten die Sozialpsychiatrischen Dienste und Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege Hilfen an für Menschen in psychischen Belastungssituationen, ebenso für ihre Angehörigen und deren soziales Umfeld.

Die Freie Wohlfahrtspflege Bayern, der Landesverband der Psychiatrie-Erfahrenen und der Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker sowie der Bayerische Bezirketag schlossen sich 2014 zu einem Bündnis zusammen und forderten eine gesetzliche Grundlage zur Prävention und Ausgestaltung einer flächendeckenden psychiatrischen Versorgung in Bayern. Ein wesentliches Ziel dabei war es, die in Bayern hohe Zahl von Zwangsunterbringungen und Krankenhausaufenthalten zu senken. In beispielhafter Kooperation haben o.g. Partner zusammengearbeitet und die Politik überzeugt: 2018 wurde das Bayerische PsychKHG verabschiedet, dessen Kern der Aufbau der flächendeckenden Krisendienste ist.

Bestrebungen zu so einem Krisen-Angebot reichen zurück bis in die Neunzigerjahre. Die von Vereinen und Trägern der Freien Wohlfahrtspflege in München und Nürnberg (mit)gegründeten Vorläufer der heutigen Krisendienste haben die konzeptionellen Grundlagen geschaffen.

Für Rückfragen stehen Ihnen zur Verfügung:  

Susann Engert | Paritätischer Wohlfahrtsverband Bayern
Tel: 089 30611-137 | Mail: susann.engert(at)paritaet-bayern.de

Maria Heiland | Freie Wohlfahrtspflege Bayern
Tel: 089 54497-132 | Mail: info(at)freie-wohlfahrtspflege-bayern.de

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Presse Fachbereich Psychiatrie Sucht- und Gefährdetenhilfe Gesundheit Menschen mit psychischen Erkrankungen Mon, 01 Mar 2021 14:24:36 +0100
Corona-Einmalzuschuss für Arme reicht nicht https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=26&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23552&cHash=e93f4f292b5b423527798f72faf8619d

]]> Eine Mehrheit der Bevölkerung (54 %) hält die von der Bundesregierung geplante Einmalzahlung in Höhe von 150 Euro für Grundsicherungsbeziehende, die heute im Bundestag beschlossen werden soll, für nicht ausreichend. Dies ergibt eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Paritätischen Gesamtverbandes. 68 % der Befragten sind der Meinung, dass Menschen mit geringen Einkommen in der Corona-Krise bisher insgesamt von der Bundesregierung nicht ausreichend unterstützt werden, im Gegensatz zu beispielsweise Großkonzernen, die finanzielle Umsatzverluste erlitten haben. Mit einer kreativen Protestaktion vor dem Reichstag wird ein Bündnis von fast 50 Organisationen, darunter Campact, Paritätischer und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, heute gegen die unzureichende Nothilfe für die Ärmsten in der Corona-Pandemie demonstrieren. Die Organisationen fordern eine zügige Erhöhung der Regelsätze auf mindestens 600 Euro sowie für die Dauer der Krise eine monatliche Zusatzzahlung von 100 Euro.

Die große Mehrheit der Befragten (62 %) geht nicht davon aus, dass die in Hartz IV und Grundsicherung im Alter, bei Erwerbsminderung und im Asylbewerberleistungsgesetz vorgesehenen Regelsätze ausreichen, um den alltäglichen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Im Durchschnitt liegt das als nötig erachtete Budget mit 573 Euro pro Monat um fast 30 Prozent über dem, was alleinlebenden Grundsicherungsbeziehenden derzeit tatsächlich regierungsamtlich zugestanden wird (446 Euro). Der durch die Befragten im Durchschnitt für Ernährung veranschlagte Bedarf liegt mit 289 Euro im Monat fast doppelt so hoch wie der Betrag, den die Bundesregierung in ihrem Regelsatz rechnerisch für Ernährung als ausreichend erachtet. Die notwendigen Ausgaben für Körperpflegeprodukte werden von den Befragten gleich fast dreimal so hoch wie von den Statistiker*innen der Bundesregierung veranschlagt.

 „Das Krisenmanagement der Bundesregierung ist ein armutspolitisches Trauerspiel. Die Einmalhilfe ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein“, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

„Kein Geld für schnelles Internet im Homeschooling, kein Geld für die Reparatur der Waschmaschine, kein Geld für frisches Obst und Gemüse – die Ärmsten leiden doppelt unter Lockdown und knapper Kasse. Mit den Regelsätzen und ohne Unterstützung in der Krise zementiert die Regierung Armut bis in die nächsten Generationen. 150 Euro mehr: das ist lächerlich!”, so Christoph Bautz, geschäftsführender Vorstand Campact.

Der Online-Appell “Corona trifft Arme extra hart - Soforthilfen jetzt!” wird unterstützt von Campact, Paritätischem Gesamtverband, Diakonie Deutschland, Sozialverband VdK, Deutscher Kinderschutzbund, Attac, foodwatch und dem Deutschen Mieterbund sowie 40 weiteren bundesweiten Organisationen. Der Appell wurde inzwischen von über 134.000 Menschen unterschrieben.

Unter dem Motto “Keine halben Sachen” werden die Organisationen heute um 11.30 Uhr halbierte Gegenstände von der halben Matratze, über halbe Staubsauger und halbe Kinderwagen bis zur halben Kommode auf der Reichstagswiese aufstellen, um gegen die unzureichende Nothilfe für die Ärmsten in der Corona-Pandemie zu demonstrieren. Der Termin eignet sich auch für die Rundfunk- und Bildberichterstattung.

Die repräsentative Umfrage wurde vom 12. bis 18. Februar 2021 vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Paritätischen Gesamtverbands durchgeführt. Insgesamt wurden 1.003 Personen über 18 Jahre befragt.

Sie finden die Umfrage hier: https://www.der-paritaetische.de/fachinfo/coronahilfen-reichen-nicht-einschaetzungen-der-bevoelkerung-zu-kosten-des-taeglichen-lebensunterhalts/

Gwendolyn Stilling

Pressesprecherin
Leiterin
Presse, Redaktion, Kampagnen

Der Paritätische Gesamtverband
Oranienburger Str. 13-14
10178 Berlin
Telefon: 030 24636-305
Telefax: 030 24636-110
Mail: pr@paritaet.org
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Presse Corona Soziale Teilhabe und Armut Fri, 26 Feb 2021 09:43:21 +0100
Mitarbeitende in der Pflege nicht zu Sündenböcken machen! https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=25&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23546&cHash=6e7a33eadf15cc1d29a9b5b30121a09b

]]> Die Freie Wohlfahrtspflege Bayern weist die Kritik von Ministerpräsident Söder anlässlich einer Veranstaltung der Christlich Sozialen Arbeitnehmerschaft (CSA) entschieden zurück. „Den Pflegeheimen die Schuld für die hohe Anzahl der Toten in den Heimen zuzuweisen, ist ein Schlag ins Gesicht all der Pflegekräfte, die seit Monaten am Limit arbeiten und unter hohem eigenen Risiko einen großen Teil der coronainfizierten Patient*innen in Deutschland gepflegt haben“, hält Margit Berndl, Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege Bayern, der Kritik des Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder entgegen.

Die Pflegekräfte arbeiten seit Beginn der Pandemie am Rande der Erschöpfung, um die Pflege sicherzustellen. Sie pflegen mit vollem Körperkontakt und setzen sich dabei jeden Tag dem Risiko aus, sich selbst zu infizieren. Sie können kein Homeoffice machen. „Dieser Einsatz verdient allerhöchste Anerkennung!“, so Berndl weiter.

Die Pflegeeinrichtungen gingen sehr verantwortungsvoll mit dem Spagat von Infektionsschutz einerseits und einem Minimum an Teilhabe und Gemeinschaft andererseits um und täten alles Menschenmögliche, um Infektionen zu verhindern, ergänzt Berndl. Bei extrem hohen Infektionszahlen in der gesamten Gesellschaft sei auch das Risiko, dass Viren in Pflegeheime eingeschleppt werden, deutlich höher – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen.

Berndl abschließend: „Wir fordern, dass sich die Politik hinter die Pflege stellt und die Mitarbeiter*innen in den Heimen nicht zum Sündenbock gemacht werden.“

Für Rückfragen stehen Ihnen zur Verfügung:  

Susann Engert | Paritätischer Wohlfahrtsverband Bayern Tel: 089 30611-137 | Mail: susann.engert(at)paritaet-bayern.de

Maria Heiland | Freie Wohlfahrtspflege Bayern Tel: 089 54497-132 | Mail: info(at)freie-wohlfahrtspflege-bayern.de

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Presse Fachbereich Ältere Menschen Ältere Menschen Corona Pflege Thu, 25 Feb 2021 09:21:31 +0100
#SpendenStattVernichten - Lagerware für den guten Zweck https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=24&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23539&cHash=8c1aebe27bc8bc9eeecf6689ad60486e

]]> Nach Wochen und Monaten des Shutdowns, der den stationären Einzelhandel wirtschaftlich besonders stark getroffen hat, stehen viele Unternehmen wirtschaftlich am Rande ihrer Existenz. Wenn umfassende, schnelle und zielgenaue Hilfen nicht unverzüglich ankommen, droht unseren Innenstädten und Ortskernen ein massives Ladensterben und ein auf lange Zeit wirkender Verlust an Vielfalt und Lebensqualität.

Gleichzeitig haben die erheblichen Einschränkungen im Handel dazu geführt, dass viele Einzelhändler*innen – besonders im Bereich Textil und Mode – auf unverkaufter Ware sitzen, die sich auch bei einer Wiederöffnung nicht oder nur schwer verkaufen lässt. Langfristige Lieferverträge haben zu Überbeständen - nicht nur bei Saisonware - geführt. Mehrere hundert Millionen unverkaufter Kleidungsstücke liegen deutschlandweit in den Lagern.

Die finanzielle Berücksichtigung der Wertverluste unverkaufter Saisonware bei der Überbrückungshilfe III muss rasch und praxistauglich möglich sein. Aber wie mit der nicht-verkäuflichen Ware an sich weiter umgegangen werden kann, darüber herrscht weiterhin Unklarheit. Immer noch ist aufgrund steuerlicher Regelungen das Spenden für Händler*innen teurer als die Vernichtung.

Kein Einzelhändler und keine Einzelhändlerin hat aber ein Interesse daran, nicht-verkäufliche Ware zu vernichten. Gleichzeitig haben die Verwerfungen der Krise bei vielen Menschen im Land zu Einkommenseinbrüchen geführt, durch Kurzarbeit, durch den Wegfall von Aufträgen, des Nebenjobs oder des gesamten Arbeitsplatzes, und auch die Not bereits vor der Krise von Armut betroffener Menschen wurde verschärft. Sie haben mehr Hilfe und Unterstützung verdient.

Daher appellieren wir heute gemeinsam an die Bundesregierung: Machen Sie den Weg frei, damit auch die Einzelhändler*innen helfen können. Schaffen Sie eine umsetzbare und rechtssichere Möglichkeit, dass nicht-verkäufliche Ware an karitative Einrichtungen oder gemeinnützige Organisationen gespendet werden kann. Helfen Sie so den Ladenbesitzer*innen, Menschen zu helfen, die Hilfe nötig haben. Und lassen Sie uns auch für die Zukunft einen entscheidenden steuerrechtlichen Fehlanreiz beseitigen, der zu unnötiger Ressourcenvernichtung führt. Zusammen könnten Handel und Wohlfahrtseinrichtungen rasch und Hand in Hand helfen.

Seit Jahren wird kritisch darauf hingewiesen, dass geltende steuerliche Regelungen bei nicht verkäuflichen oder online retournierten Waren die Vernichtung günstiger stellen als das Spenden. Diese offenkundige Fehlsteuerung könnte das Bundesfinanzministerium ohne größeren Aufwand korrigieren. Doch das Finanzministerium schafft keine rechtssichere Lösung, obwohl gute Vorschläge seit Monaten vorliegen.

Mit einer eindeutigen Regelung könnten Kleidung und andere unverkäufliche Waren und Textilien unmittelbar und ohne größeren Aufwand einem wohltätigen Zweck zugeführt werden. Wann wäre ein besserer Zeitpunkt als jetzt?

Wir appellieren an die Bundesregierung: Zögern Sie nicht mehr, helfen sie den Einzelhändler*innen in unseren Innenstädten und Menschen in Not gleichermaßen. Machen Sie in der aktuellen Krise den Weg frei für mehr Solidarität, unternehmerische Verantwortung und mehr Umweltschutz.

Katrin Göring-Eckardt, Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsfraktion, Fraktionsvorsitzende

Stefan Genth, Handelsverband Deutschland (HDE), Hauptgeschäftsführer

Dr. Ulrich Schneider, Der Paritätische Gesamtverband, Hauptgeschäftsführer

Hintergrund

Die grüne Bundestagsfraktion hat für die Initiative „#SpendenStattVernichten - Lagerware für den guten Zweck“ Verantwortliche aus Wirtschaft, Wohlfahrtsverbänden und Vermittler von Sachspenden zusammengebracht, um über rechtssichere Lösungen zur Spende der massenhaften Lagerware zu beraten. Die Corona-Einschränkungen im Handel haben dazu geführt, dass viele Einzelhändler*innen – besonders im Bereich Textil und Mode – auf unverkaufter Ware sitzen bleiben. Mit dem Appell „#Spenden- StattVernichten - Lagerware für den guten Zweck“ rufen die grüne Bundestagsfraktion, der Handelsverband Deutschland und der Paritätische Wohlfahrtsverband mit weiteren Akteur*innen die Bundesregierung zum Handeln auf. Wenn die Bundesregierung den Weg dafür frei macht, können Wohlfahrts- und Handelsverbände aktiv werden und die Umsetzung, also die Übergabe von Lagerware an gemeinnützige Organisationen, vorantreiben.

Pressestatements

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag:

„Mit diesem Appell ziehen wir mit dem deutschen Einzelhandel und Wohlfahrtsverbänden an einem Strang. Gemeinsam fordern wir die Bundesregierung auf, eine rechts-sichere und funktionierende Möglichkeit für Sachspenden an gemeinnützige Organisationen zu schaffen. Beide Seiten stehen jetzt bereit, sodass mit nichtverkäuflicher Lagerware Menschen in Not Unterstützung erhalten. Inmitten der vielen schlechten Nachrichten wäre das ein Signal der Hoffnung. Die milliardenschweren Wirtschaftshilfen bekommen dann einen sozialen Nutzen, der weit über die Sicherung wirtschaftlicher Existenzen hinausgeht. Jetzt geht es ums Möglichmachen.“

Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer Handelsverband Deutschland (HDE):

„Kein Händler zerstört seine Ware und damit einen wichtigen Teil seines Kapitals gerne. Viele würden die Bekleidung lieber für Bedürftige spenden. Doch das können sich die Händler, die in der Corona-Krise ohnehin schon oft der Insolvenz nahe sind, häufig nicht leisten. Denn bei Spenden wird grundsätzlich Umsatzsteuer auf einen fiktiven Einkaufspreis bzw. Wiederbeschaffungswert fällig. Das muss sich dringend ändern.“

Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer Der Paritätische Gesamtverband:

„Wir wissen, dass die unserem Sozialstaat, der kein Almosenstaat ist, angemessene Lösung nur in einer armutsverhindernden Ausgestaltung der Grundsicherung liegen kann. Wir wissen aber auch: Gerade weil der Staat sie im Stich lässt, brauchen die Armen jede Hilfe, die sie bekommen können, auch Kleiderspenden. Wer schon vor Corona zu wenig hatte, den trifft die Krise jetzt erst recht besonders hart. Die Bundesregierung hat bisher nicht geglänzt, wenn es um die soziale Ausgestaltung der Krisenpolitik ging. Der einmalige Hartz IV-Corona-Zuschuss ist allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Deshalb unser dringender Appell an die Bundesregierung: Machen Sie den Weg für diese Spenden frei.“

Dr. Uwe Martin Fichtmüller, Hauptgeschäftsführer Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e. V.

„Für den Arbeiter-Samariter-Bund zählt die gelebte soziale Verantwortung zu den höchsten Gütern unseres Zusammenlebens. Dazu zählt, Menschen, die in Not sind, schnell und pragmatisch zu helfen. Deshalb ist es dem ASB ein besonderes Anliegen, sich der Initiative und dem Appell „#SpendenStattVernichten – Lagerware für den guten Zweck“ anzuschließen und sie mit unseren Möglichkeiten zu unterstützen. In existenzielle Bedrängnis geratene Einzelhändler*innen und in Not geratene Menschen gleichermaßen zu unterstützen, ist eine Form von Verantwortungsübernahme für das Gemeinwohl, die zugleich weitere positive ressourcenschonende Nebeneffekte zeitigen würde. Hierzu braucht es jetzt kluge Entscheidungen, um die hierfür erforderlichen steuerrechtlichen Möglichkeiten zu schaffen.“

Dr. Juliane Kronen, Gründerin & Geschäftsführerin innatura gGmbH

„Wir können uns nicht weiter von einer Ausnahme zur anderen hangeln. Wir brauchen endlich eine dauerhafte Perspektive, damit Unternehmen fabrikneue überschüssige Produkte rechtssicher an gemeinnützige Organisationen spenden können, ohne dafür mehr zu bezahlen als für die Vernichtung. Wir können uns diese Fehlsteuerung aus ökologischen und sozialen Gründen wirklich nicht länger leisten.“

Christoph Wenk-Fischer, Hauptgeschäftsführer bevh - der E-Commerce Verband

„Eine tolle Initiative der Grünen und ein erster Schritt in die richtige Richtung, dem noch weitere folgen müssen! Langfristig gesehen müssen Sachspenden an gemeinnützige Organisationen von der Umsatzsteuer entlang der gesamten Wertschöpfungskette befreit werden. Nur so machen wir hier wirklich einen Unterschied im Sinne der Nachhaltigkeit.“

Thomas Ahlmann, Geschäftsführer Dachverband FairWertung e.V.

„Die Weitergabe von funktionsfähigen, aber unverkäuflichen Textilien oder Gebrauchswaren an gemeinnützige Organisationen muss die Regel in Deutschland werden. Die steuerlichen Fehlanreize, die in den letzten Jahren vielfach verantwortliches Unternehmenshandeln verhindert und zu unnötiger Ressourcenvernichtung geführt haben, sollten nun endlich zugunsten einer gemeinnützigen Verwendung korrigiert werden.“

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Presse Corona Soziale Teilhabe und Armut Wed, 24 Feb 2021 12:17:01 +0100
Das "System Pflege" wankt https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=23&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23534&cHash=014147afd9f507614518b5a1d12e365d

]]> Brigitte Bührlen, Vorsitzende WIR! Stiftung pflegender Angehöriger]]> Frau Bührlen, Sie haben ihre an Demenz erkrankte Mutter 20 Jahre lang gepflegt und begleitet: Sieben Jahre zu Hause und 13 Jahre in Heimen. Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken: Woran erinnern Sie sich gerne?

Ich erinnere mich gerne an viele schöne und vergnügte Stunden in der Großfamilie. Meine Mutter war zu Hause und auch im Heim eine ausgesprochen positive, freundliche, hilfsbereite und angenehme Frau.

Und was war in dieser Zeit für Sie persönlich schwierig?

Gerade diese Freundlichkeit war, so komisch das klingt, ein Problem für mich. Alle ihr begegnenden Menschen waren ausgesprochen angetan von ihrem Auftreten und haben nicht verstanden, warum ich Probleme mit meiner Mutter hatte. Ich musste einen komplexen Alltag bewältigen zwischen Praxis und Selbständigkeit, Haushalt, drei Jugendlichen Mutter und meinem Mann Partnerin zu sein.

Meine Mutter wurde als „normal“ und ich als merkwürdig und uneinsichtig für die Situation meiner Mutter angesehen. Ich war hilflos und fühlte mich nicht verstanden.

Außerdem habe ich es ganz schlecht geschafft zu akzeptieren, dass meine Mutter nie mehr so werden wird, wie sie war. Sie sollte doch so bleiben wie sie war, ich hatte noch so viel mit ihr vor. Ich fand es irgendwie unfair, mich einfach so alleine zu lassen. Ich habe lange gebraucht zu begreifen, dass meine Mutter ein Recht hat, krank zu sein, und dass ich nicht das Recht habe, sie unglücklich zur machen durch meine Probleme mit ihrer Krankheit.

Welche Unterstützung hätten Sie sich damals für sich selbst gewünscht?

Ich habe mir selbst Hilfe gesucht. Ich habe eine Selbsthilfegruppe der Alzheimer Gesellschaft besucht, deren Leitung damals eine Angehörige hatte. Dieser Austausch, das Lernen an den Erfahrungen Anderer hat mir am meisten geholfen.

Die Situation für viele pflegende Angehörige ist grundsätzlich schon anstrengend und herausfordernd. Wie hat sich das durch die Corona-Pandemie verändert?

Es ist pflegenden Angehörigen bewusster geworden, dass sie im Pflege- und Gesundheitssystem keinen Platz und kaum eine Stimme haben. Sie wurden und werden meist nur auf Nachfrage erwähnt. Sie mussten selbst Ansprüche anmelden und dafür kämpfen, um gelegentlich am Rande offiziell erwähnt und wahrgenommen zu werden.

Für professionelle Pflegekräfte gab und gibt es in der Corona-Pandemie zumindest immer wieder Anerkennung in Form von „Beifall“ und Prämien. Warum sind und bleiben pflegende Angehörige in unserer Gesellschaft dagegen so unsichtbar? Immerhin sind sie der größte „Pflegedienst“ in Deutschland.

Die Angehörigenpflege basiert auf der Basis Bismarck`scher Regelungen: „Die Pflege“ basiert immer noch unreformiert auf der familien- und generationensolidarischen unentgeltlichen Sorge - vor allem durch Frauen - umeinander. Diese moralische Verpflichtung des Staates, also der Bürgergemeinschaft, ist heute noch die Basis „der Pflege“ in Deutschland. „Pflegende Angehörige“ ist kein rechtlich definierter Begriff, es gibt für diese Gruppe keinen Rechtsstatus. Einen rechtlichen Status haben nur anerkannte „Pflegepersonen“.

Diese Rahmenbedingungen haben zur Folge, dass nur die professionelle Pflege eine Lobby hat und im politischen Kontext unter „Pflege“ nur die professionelle, die beruflich ausgeübte Pflege gegen Entgelt einen rechtlich verankerten Status hat. „Angehörigenpflege“ hat keine rechtlichen Rahmenbedingungen und - noch - keine aus den Reihen pflegender Angehöriger gebildete Lobby. Deshalb existiert sie nicht im offiziellen politischen Sprachgebrauch.

Was wünschen Sie sich von den Wohlfahrtsverbänden, wenn es um die Interessen von pflegenden Angehörigen geht?

Wohlfahrtsverbände sollten sich mit Angehörigen unterschiedlicher Altersgruppen „zusammensetzen“ und Brücken bauen zwischen privater und professioneller Kompetenz. Selbstgewählte Berufstätigkeiten dienen im Kern dem Gelderwerb. Wenn professionell Tätige nach ihrem Berufsalltag nach Hause gehen, sind sie nicht selten privat noch „Pflegende Angehörige“.

Das eine ist also die Bürgerebene, das andere die Berufsebene. Ich wünsche mir, dass wir uns als Bürgerinnen und Bürger mit unseren unterschiedlichen Pflegeschwerpunkten zusammensetzen und gemeinsam mit Politik, Wissenschaft und Pflegewirtschaft darüber nachdenken, wie wir unser Pflegesystem so reformieren und zukunftsfähig machen können, dass Pflegebedürftige und die sie Pflegenden wieder im Mittelpunkt stehen. Es geht mir um eine Reform, bei der die Gelder so verwendet werden, dass sie den bedürftigen Menschen zu Gute kommen. Dabei geht es nicht um eine Schwächung der Wirtschaft. Es geht um Neuorganisation und zukunftstaugliche Schwerpunktsetzungen, von denen alle profitieren können.

Hohe Pflegebedürftigkeit kann von einem Tag auf den anderen entstehen, zum Beispiel durch eine Krankheit oder einen Unfall. Häufig benötigen Betroffene und ihre Angehörigen zunächst aber gar nicht den Pflegedienst, sondern vor allem Unterstützung bei der häuslichen Betreuung und der hauswirtschaftlichen Versorgung, um zu Hause wohnen bleiben zu können. Sind die vorhandenen Angebote ausreichend und passend?

Leider werden die bestehenden Angebote häufig als weder passend noch ausreichend empfunden. Die Gründe dafür sind vielschichtig und liegen wohl in der Entwicklung unseres Pflegesystems und auch unserer gesellschaftlichen Entwicklung begründet.

Wir brauchen kommunale, sozialräumliche Anlaufstellen, die unbürokratisch, individuell und niedrigschwellig gemeinsam mit dem Ratsuchenden eine Situationsanalyse entwickeln. Wenn jemand nur eine Frage hat, dann muss auch nur diese eine Frage beantwortet werden. Im Mittelpunkt muss der Bedarf des Ratsuchenden und des eventuell damit verbundenen Unterstützungsbedürftigen stehen.

Weiter ist eine Begleitfunktion wichtig. Das kann man Case Manager oder Pflege Co Pilot nennen. Unter dem Strich muss es eine wohnortnahe, verlässliche individuelle Beratung und Begleitung sowohl zu medizinisch-pflegerischen wie auch zu hauswirtschaftlichen Fragen sein.

Und, ganz wichtig: Ratsuchende müssen zur Übernahme von Aufgaben auch „nein“ sagen können.

Welches Potential sehen Sie in der Digitalisierung, pflegende Angehörige zu Hause besser zu unterstützen?

In der Digitalisierung sehe ich ein großes Potential zur häuslichen Unterstützung. Das kann durch Unterstützungstechnik für Pflege über Raum-Monitoring über Tracking-Funktionen und Vernetzungs-Apps gehen. Aber auch digitale Dokumentation und Informationsweitergabe sowie Kommunikation mit Ärzten und anderen Gesundheitsberufen zählt dazu. 

Allerdings müssen dazu stabile Netzabdeckung mit schnellem Internet sowie erschwingliche und praxiskompatible Endgeräte zur Verfügung stehen.

Viele pflegende Angehörige stehen vor schwerwiegenden Entscheidungen: Entweder übernehmen sie – meistens Frauen - die Pflege selbst und riskieren damit, sozial und finanziell in eine prekäre Lage zu kommen. Oder sie organisieren sich auf einem nicht kontrollierten „Pflegemarkt“ häufig prekär beschäftigte migrantische Betreuungskräfte als 24-Stunden-Pflege. Wie müssen verlässliche und zukunftsorientierte Unterstützungsstrukturen aussehen, die pflegende Angehörige nicht in diese Zwickmühle bringen?

Der „Pflegemarkt“ muss verlässliche Angebote machen, die in einen zukunftsfähigen gesetzlichen Rahmen gefügt sind bzw. werden.

Fakt ist, dass immer mehr Menschen keine Angehörigen haben, auf die sie zurückgreifen können. Dass gut ausgebildete Frauen berufstätig sind, sein möchten und es auch sein müssen. Immer mehr Angehörige leben nicht in der Nähe eines Pflegebedürftigen und können oder wollen Pflege nicht übernehmen.

Damit kommen die Grundlagen unseres Pflegesystems ins Wanken. Es müssen neue finanzierbare sozialräumlich orientierte „24 Stunden Angebote“ gemacht werden. Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflegen für alle Altersgruppen müssen zur Verfügung stehen. Wohnformen müssen entstehen, bei denen Angehörige und / oder Nachbarn zeitweise die Versorgung übernehmen und individuell definierte professionelle Leistungen von professionellen Pflegekräften erbracht werden können.

Wichtig erscheint es mir auch, zu einer Vertrauenskultur in die Eigenverantwortung von professionell und informell pflegenden und begleitenden Menschen und zu kommen. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit Misstrauenskultur und überbordenden Kontrollmechanismen die Zukunft nicht bewältigen können.

Es gibt Erkrankungen, die für pflegende Angehörige besonders herausfordernd sind und bei denen auch ambulante Angebote schnell an ihre Grenzen stoßen. Zum Beispiel Demenz. Wie kann es in Zukunft gelingen, auch dementiell erkrankte Menschen länger zu Hause zu betreuen? 

Demenziell erkrankte Menschen zu Hause zu betreuen ist nicht einfach, da Demenzkranke individuell sehr verschieden sind.

Alleinstehende demenziell erkrankte Menschen können oft relativ lange ihren gewohnten Tätigkeiten noch selbst nachgehen. Wichtig wäre es, dass es Menschen gibt, die alleine lebende Demenzkranke im Blick haben und mit ihnen in regelmäßigem Kontakt stehen.

Für Angehörige, die mit Demenzkranken zusammenleben, ist es wichtig, dass sie eine Anlaufstelle haben, bei der sie ihre Probleme ansprechen können und unterstützende Hilfsangebote individuell zugeschnitten erhalten. Das können Tagespflege-, Nachtpflege- oder Kurzzeitpflegeplätze sein. Das kann aber auch ein Platz in einer Demenz WG oder einer anderen alternativen Wohnform sein.

Unter dem Strich ist es mir wichtig, dass möglichst oft ein Lächeln im Gesicht eines Demenzerkrankten auftaucht, dass es uns gelingt, Demenzkranke in unserer Mitte zu behalten und sie wertschätzend durch diesen Lebensabschnitt zu begleiten. Demenzkranke haben Leben gemeistert, ihren Mann oder ihre Frau gestanden. Sie gehören zu uns. Sie gehören in unsere Mitte.

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Themen Ältere Menschen Familie Frauen und Mädchen Gesundheit Pflege Tue, 23 Feb 2021 12:20:00 +0100
Kampagne fordert Mietenstopp für sechs Jahre https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=19&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23523&cHash=46545ea42e2ad41c2ceebf522a02a02e

]]> Einen sofortigen bundesweiten Mietenstopp für die kommenden sechs Jahre fordert die neue Kampagne "Mietenstopp", die heute von sechs Kampagnenvertreter*innen (Deutscher Mieterbund, Deutscher Gewerkschaftsbund, Paritätischer Gesamtverband, 23 Häuser sagen NEIN (Berlin), #ausspekuliert (München) und Recht auf Stadt Köln) vorgestellt wurde.

Anlass ist eine Konferenz der Bundesregierung. Auf dieser will die Regierung am kommenden Dienstag, 23. Februar 2021, ihre Wohnraumoffensive bilanzieren. Aus Sicht der Kampagnenpartner*innen fällt die Bilanz für die Mieterinnen und Mieter schlecht aus. Die auf dem Wohngipfel 2018 beschlossenen Maßnahmen haben keine Kehrtwende auf dem Wohnungsmarkt eingeleitet.

Die Bundesregierung bleibt weit hinter ihren selbstgesteckten Zielen zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum zurück: Der Wohnungsneubau stagniert weiterhin. Die Baulandpreise in Ballungszentren schnellen nach wie vor in die Höhe. Der Bestand an Sozialwohnungen ist dramatisch rückläufig.

Gleichzeitig dreht sich die Mietpreisspirale weiter nach oben. Die Corona-Pandemie verschärft die Situation für viele Menschen zusätzlich. Viele haben mit erheblichen Einkommensverlusten zu kämpfen und befürchten, ihr Zuhause zu verlieren, weil sie die Mieten nicht mehr aufbringen können. Darauf muss die Politik jetzt sofort Antworten finden.

Vertreter*innen der Kampagne Mietenstopp fordern:

Lukas Siebenkotten, Deutscher Mieterbund:
„Die Bilanz der Wohnraumoffensive zeigt neben kleineren Fortschritten, zum Beispiel bei der Begrenzung der Modernisierungsumlage, klar die Unzulänglichkeiten der Wohnungspolitik der Bundesregierung. Wenig Erfolge, vor allem wenig neu geschaffener bezahlbarer Wohnraum und kaum neue Sozialwohnungen, obwohl diese dringend benötigt werden. Wir brauchen ein soziales Bodenrecht, das die ungezügelte Explosion der Baulandpreise stoppt, und deutlich mehr bezahlbaren Wohnraum. Bis es hier klare Erfolge gibt, brauchen wir wirksame Maßnahmen, die weitere Mieterhöhungen unterbinden. Aus diesem Grund fordern wir einen bundesweiten sechsjährigen Mietenstopp.“

Lorena Jonas, 23 Häuser sagen NEIN, Berlin:
„Die Mietenkrise politisiert, denn Mieter*innen spüren die Schieflage des Wohnungsmarktes als Erste – und zwar in ihrem eigenen Zuhause. Ob bei Umwandlung oder horrenden Mieterhöhungen: Mieter*innen schließen sich zusammen und entwickeln gemeinsam eine starke Stimme. Die bundesweite Mietenstopp-Kampagne bündelt diese Kräfte und setzt an einem zentralen Punkt an: Mieten darf kein Risiko mehr sein – Vermieten muss wieder sozialverantwortlich werden. Mieteinnahmen dürfen nicht hauptsächlich der Abschöpfung von Gewinnen auf Kosten der Mieter*innen dienen.“

Dr. Ulrich Schneider, Der Paritätische Gesamtverband:
„Die Mietbelastungen sind unerträglich hoch. Nicht wenige Menschen müssen ihre Wohnung aufgeben. Gerade für Menschen mit Behinderung, Alte und sogar Pflegebedürftige, Alleinerziehende, die auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen sind, kinderreiche Familien und einkommensarme Menschen kommt dies einer Katastrophe gleich."

Tilman Schaich, #ausspekuliert, München:
„Die ganze Welt stürzt sich auf den deutschen Immobilienmarkt. In München geht der Trend beim Kaufpreis rapide in Richtung 27.000 Euro pro Quadratmeter. Es geht schon lange nicht mehr um das Schaffen von Wohnraum, sondern ausschließlich um Kapitalanlage und Profitmaximierung. Profit für Wenige, die angestammten Bewohner*innen müssen weichen. Daher fordern wir einen sechsjährigen Mietenstopp, während notwendige Reformen umgesetzt und sozialer Wohnungsbau realisiert werden. Denn "bauen, bauen, bauen“ braucht seine Zeit.“

Stefan Körzell, Deutscher Gewerkschaftsbund:
„Coronabedingt haben viele Beschäftigte Einkommenseinbußen und damit Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Gerade sie brauchen einen Mietenstopp. Um den Wohnungsmarkt auf Dauer zu beruhigen, müssen Bund und Länder massiv in den Bau bezahlbarer Mietwohnungen investieren. Mindestens 6 Milliarden Euro sind notwendig, um jährlich den Bau von 100.000 Sozialwohnungen zu fördern.“

Kalle Gerigk, Recht auf Stadt Köln:
„Als Initiative Recht auf Stadt erleben wir in Köln wachsendes Wohnungselend. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern sollte zwangsgeräumt werden. Das konnten wir in letzter Minute verhindern. Täglich gibt es Zwangsräumungen, die Leben zerstören. Menschen verlieren ihr Zuhause. Einige landen auf der Straße. Mitten in Köln ist im Januar ein Obdachloser erfroren. Im reichen Deutschland kein Einzelfall. Das Menschenrecht auf Wohnen wird in Deutschland seit Jahren torpediert und die Bundesregierung liefert den Miethaien auch noch die gesetzliche Munition dafür. Darum brauchen wir sofort einen Mietenstopp!“

Die Kampagne Mietenstopp ist eine zivilgesellschaftliche, überparteiliche Kampagne, die sich für einen bundesweiten Mietenstopp einsetzt und die immer größer wird. Die Aktivist*innen sind über ganz Deutschland verteilt – zusammen kämpfen wir für alle Mieterinnen und Mieter.

Untenstehend können Sie herunterladden Bilanzpapier zum Wohnraumgipfel der Bundesregierung 2018, Forderungen und FAQs.

Weitere Informationen zum Bündnis unter www.mietenstopp.de

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Presse Soziale Teilhabe und Armut Wohnungslosigkeit Fri, 19 Feb 2021 14:29:29 +0100
Suchtkranke Frauen sind im Lockdown besonders belastet https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=17&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23511&cHash=6896e7b892b4657441e6f0c3892f1c36

]]>  „Obwohl die Beratungsstellen auch in der Pandemiezeit ihre Dienste anbieten, finden viele der Betroffenen – v.a. Frauen – den Kontakt zur Beratungsstelle nicht. Gerade für Frauen ist die Zeit des Lockdowns aber besonders belastend. Die Rundum-Betreuung der Kinder daheim, Homeschooling, Mehrfachbelastungen und der Wegfall von sozialen Angeboten belasten die Frauen enorm. Da bleibt wenig Zeit für den Kontakt zur Beratungsstelle, selbst Telefongespräche können nicht in Ruhe vorgenommen werden“, so Margit Berndl, Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege Bayern, der die Koordinierungsstelle der bayerischen Suchthilfe (KBS) angeschlossen ist.

Im Lockdown steigt Konsum von Suchtmitteln

Die letzten Monate hätten gezeigt, dass während der Corona-Pandemie bzw. des Lockdowns der Suchtmittelkonsum steige und damit auch die Begleiterscheinungen wie z.B. Aggressionen, Einsamkeit, finanzielle Probleme, Zukunftsängste, häusliche Gewalt oder Depressionen. Gerade Frauen sind an dieser Stelle schwer belastet, betont Berndl: „Die eigene Suchterkrankung und auch die psychischen Probleme werden hintenangestellt. Somit verstärkt sich nicht selten die Suchtproblematik bei den Frauen. Hinzu kommen oft noch andere traumatische Erfahrungen, wie zum Beispiel gewalttätige und/oder sexuelle Übergriffe, die die suchterkrankten Frauen zusätzlich belasten.“

Beratungsstellen sind auch während des Lockdowns für Betroffene da

Diejenigen, die sich ohnehin schwertun, sich Hilfe zu suchen, hätten in der derzeitigen Corona- Pandemie durch die Mehrfachbelastungen nun noch höhere Hürden zu überbrücken. Margit Berndl ermuntert die betroffenen Frauen: „Die Beraterinnen sind auch in der jetzigen Zeit für Sie da und bieten Unterstützung an: mit einem persönlichen Gespräch, nach Absprache auch abends nach der Berufstätigkeit. Kommen Sie zur Sprechstunde, melden Sie sich telefonisch.“

Die Mitarbeitenden in den bayerischen Suchtberatungsstellen haben ihre Angebote angepasst. Die Beraterinnen bemühen sich verstärkt durch aufsuchende Arbeit Frauen, Familien und deren Kinder zu betreuen, bei Rückfällen zu helfen und bei der Suche nach Notbetreuungsplätzen für die Kinder Unterstützung zu bieten. Auch bei Erfahrungen mit häuslicher Gewalt stehen die Mitarbeiterinnen beratend zur Verfügung.

Koordinierungsstelle der bayerischen Suchthilfe (KBS)

Die KBS ist ein Projekt der Freien Wohlfahrtspflege Bayern. In der KBS sind die in der Suchtkranken- und Suchtgefährdetenhilfe tätigen Verbände der Freien Wohlfahrtspflege vertreten und leisten einen wichtigen Beitrag zur Förderung und Entwicklung der Suchthilfe in Bayern. Die KBS bietet Hilfe und Unterstützung bei suchtspezifischen Fragen, führt bayernweite verbandsübergreifende Fachtagungen, Fortbildungen und Arbeitskreise durch und ist Impulsgeber für aktuelle Suchtthemen. Die Geschäftsstelle der KBS wird von der Freien Wohlfahrtspflege Bayern und – als Projekt – vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege finanziert.

Die Suchtberatungsstellen in Bayern sind im Internet zu finden unter: https://www.kbs-bayern.de/einrichtungen/suchtberatung/

Für Rückfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Kornelia Poth | Koordinierungsstelle der bayerischen Suchthilfe (KBS)
Tel: 0160 8982946 | Mail: info(at)kbs-bayern.de

Susann Engert | Paritätischer Wohlfahrtsverband Bayern
Tel: 089 30611-137 | Mail: susann.engert(at)paritaet-bayern.de

Maria Heiland | Freie Wohlfahrtspflege Bayern
Tel: 089 54497-132 | Mail: info(at)freie-wohlfahrtspflege-bayern.de

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Presse Fachbereich Frauen / Familie / Geschlechterpolitik Fachbereich Psychiatrie Sucht- und Gefährdetenhilfe Frauen und Mädchen Corona Sucht Wed, 17 Feb 2021 17:43:55 +0100
Gegen Rassismus! https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=09&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23476&cHash=a3e34558413916d858f5f966cf22dc4f

]]> ]]> Können Sie uns über Situationen erzählen, in denen sie Rassismus erlebt haben?

Ja, zum Beispiel mit der Polizei am Flughafen. Ich habe ein Problem mit Bluthochdruck. Dadurch geht es mir manchmal nicht gut und ich kann ohnmächtig werden. Das ist mir am Flughafen passiert und ich habe eine Frau von der Polizei gebeten, mir zu helfen. Aber sie ist nicht darauf eingegangen. Sie hat mir nicht zugehört und hat mir nicht geholfen. Sie hat gesagt: „Nigeria ist ein schlechtes Land.“ Ich habe gesagt: „Ja, das stimmt. Aber ich bin ein Mensch. Bitte helfen sie mir.“ Meine Tochter hat dann angefangen zu weinen und zu schreien: „Bitte helfen sie meiner Mama. Ihr geht es schlecht. Sie lügt nicht.“ Aber die Polizisten standen einfach nur um mich herum und haben gesagt: „Sie simuliert.“ Sie haben mich dort behalten von morgens bis spät abends. Erst dann haben sie einen Doktor geholt. Der hat gesagt: „Die Frau hätte sterben können.“

Eine andere Situation habe ich erlebt, als ich mit der S-Bahn unterwegs war. Da gab es eine Fahrkartenkontrolle. Die Kontrolleure sind nur zu mir und meiner Tochter gekommen. Sie haben nur unsere Tickets kontrolliert. Oder im Krankenhaus: Da wollte ich einer Frau helfen. Aber sie hat mich angeschrien, ich solle sie bloß nicht anfassen und weggehen.

Das ist Rassismus, wenn man so behandelt wird.

Was denken Sie, warum behandeln andere Menschen Sie so?

Weil ich Schwarz bin. Schwarz ist schlecht, weiß ist gut. Schwarz ist schlecht, auch wenn der Mensch gut ist. Nigeria, das Land aus dem ich komme, ist ein weiteres Stigma. Es gibt Vorurteile gegenüber meinem Heimatland: Menschen, die von dort sind, würden betrügen oder sich prostituieren.

Wie fühlen Sie sich in diesen Situationen?

Ich fühle mich schlecht. Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin. Ich weiß, dass ich nicht immer gut bin. Aber ich versuche, keine Probleme zu machen. Ich denke, dass ich kein schlechter Mensch bin. Aber wenn ich so behandelt werde, dann fühle ich mich richtig schlecht. Und ich verliere das Vertrauen in andere Menschen. Ich traue mich zum Beispiel nicht mehr, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Weil ich Angst davor habe, wie sie mich behandeln werden.

Wie erklären Sie Ihrer Tochter, warum sich andere Menschen so verhalten?

Meine Tochter und ich – wir sind immer zusammen. Sie fühlt sich auch schlecht. Aber sie weiß auch: Es gibt nichts, was wir tun können, um etwas an dieser Situation zu verändern.

Das heißt: Sie sagen Ihrer Tochter, dass sie es akzeptieren muss?

Ja, in bestimmten Situationen schon. Weil es keine andere Option gibt. Aber ich sage ihr und versuche ihr zu vermitteln, dass sie als Mensch trotzdem wichtig ist. Dass sie als Mensch wertvoll ist. Das Stigma ist nicht sie. Ich möchte, dass sie gut über sich selbst denkt. Auch wenn wir manchmal wie Müll behandelt werden … Und ich sage ihr: Auch wenn andere Menschen schlecht über Dich sprechen oder Dich schlecht behandeln – behandel sie selber mit Respekt.

Was wünschen Sie sich von anderen Menschen? Wie sollten sie sich Ihnen gegenüber verhalten?

Ich wünsche mir, dass man als Schwarze Person nicht abgestempelt, „gebrandmarkt“ wird. Ich wünsche mir, dass man eine Chance bekommt zu zeigen, wer man als Mensch ist. Dass die Menschen nicht in Stereotypen denken, sondern sich und dem Anderen Zeit geben, sich kennenzulernen. Ich möchte als Mensch, als Person gesehen werden. Menschen denken manchmal: Kenne ich einen Menschen, zum Beispiel aus Nigeria, kenne ich alle. Aber das stimmt nicht. Wir sind alle Individuen und wir haben verschiedene Persönlichkeiten.

Ein Buch beurteilt man auch nicht aufgrund seines Umschlags. Sondern aufgrund seines Inhalts.

(*Name geändert)


Gerade in den sozialen Medien ist demokratie- und menschenfeindlicher Hass stark verbreitet. Im Rahmen des Projekts „Demokratie stärken“ setzt der Paritätische in Bayern diesem Trend etwas entgegen, indem er Menschen zu Wort kommen lässt, die Hass und Diskriminierung erleben, und indem er sich klar und vernehmbar positioniert für eine offene, vielfältige und tolerante Gesellschaft, in der alle Menschen die gleichen Rechte haben, unabhängig von zum Beispiel deren Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung.

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Themen Frauen und Mädchen Migration und Flucht Zivilgesellschaft und Demokratie Demokratie stärken Tue, 09 Feb 2021 15:51:45 +0100
Zivilgesellschaftliches Bündnis kritisiert Coronahilfen für arme Menschen als unzureichend https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=09&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23470&cHash=f957b0dfadf9c33468760bf959c75e3e

]]> Ein Bündnis von 41 Gewerkschaften und Verbänden bewertet den von der Großen Koalition in Aussicht gestellten Einmalzuschlag in Höhe von 150 Euro für arme Menschen als “Tropfen auf den heißen Stein”. Die Organisationen starten heute eine breite Unterschriftensammlung, um den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen, endlich armutspolitisch wirksame Soforthilfen auf den Weg zu bringen.

Die Covid-19-Pandemie mit all ihren wirtschaftlichen und sozialen Folgen treffe “die Ärmsten in der Gesellschaft besonders hart”, heißt es in dem heute veröffentlichten Appell, und ausgerechnet die Ärmsten seien es, die nunmehr seit Beginn der Krise vor fast einem Jahr “noch immer auf angemessene Unterstützung” warten.

Das Bündnis fordert die zügige Anhebung der Regelsätze auf mindestens 600 Euro für alle Menschen, die auf existenzsichernde Leistungen wie etwa Hartz IV angewiesen sind. “Denn schon vor Corona fehlte es den Armen an Geld für eine ausgewogene, gesunde Ernährung und ein Mindestmaß an sozialer, politischer und kultureller Teilhabe”, heißt es in dem Appell. Darüber hinaus brauche es statt einer Einmalzahlung für die Dauer der Krise einen pauschalen Mehrbedarfszuschlag in der Grundsicherung von 100 Euro pro Kopf und Monat, um zusätzliche corona-bedingte Kosten auszugleichen. Schließlich fordern die Organisationen “für die Dauer der Krise ein Verbot von Zwangsräumungen und die Aussetzung von Kreditrückzahlungen, um einkommensarme Menschen vor Corona-bedingtem Wohnungsverlust und Existenznot zu schützen.”

Der Appell wurde initiiert von einer breiten Allianz, die von Gewerkschaften, Sozial- und Wohlfahrtsverbänden, über Kultur, Wohnen, Umwelt bis zu Selbsthilfe, Gesundheits- und Menschenrechtsorganisationen reicht. Das Bündnis ruft Bürgerinnen und Bürger auf, mit ihrer Unterschrift unter den Appell “Corona trifft Arme extra hart - Soforthilfen jetzt!”, politisch Druck zu machen, damit auch die Ärmsten - ob arme Alte und Pflegebedürftige oder Kinder, Arbeitslose, Flüchtlinge oder Erwerbsgeminderte - die Corona-Krise gut überstehen können.

Aufruftext und Möglichkeit der Unterzeichnung ab sofort unter anderem hier:

www.der-paritaetische.de/coronahilfe

Erstunterzeichnende des Appells:

Marlis Tepe, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft / Frank Werneke, ver.di - Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft / Prof. Dr. Jens Schubert, AWO Bundesverband e.V. / Dr. Ulrich Schneider, Der Paritätische Wohlfahrtsverband Gesamtverband e.V. / Maria Loheide, Diakonie Deutschland - Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. / Adolf Bauer, Sozialverband Deutschland e.V. / Verena Bentele, Sozialverband VdK e.V. / Susanna Karawanskij, Volkssolidarität Bundesverband e.V. / Aron Schuster, Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. / Heinz Hilgers, Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V. / Holger Hofmann, Deutsches Kinderhilfswerk e.V. / Günter Burkhardt, PRO ASYL / Olaf Bandt, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland/ Friends of the Earth Germany / Olaf Zimmermann, Deutscher Kulturrat e.V. / Dr. Melanie Weber-Moritz, Deutscher Mieterbund e.V. / Jochen Brühl, Tafel Deutschland e.V. / Martin Rücker, foodwatch e.V. / Christoph Bautz, Campact e.V. / Georg Grohmann, BAG Streetwork/ Mobile Jugendarbeit e.V. / Benjamin Andrae, Bundesverband anthroposophisches Sozialwesen e.V. / Birgit Görres, Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V. / Dr. Klaus-Dieter Warz, DEUTSCHE DIABETES FÖDERATION e.V. / Wolfgang Schreck und Oliver Kunz, Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) e.V. / Christel Achberger, Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. / Herbert Temmes, Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. / Prof. Christel Bienstein, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe - DBfK Bundesverband e.V. / Gunter Erbe, Deutscher Wohlfahrtsverband für Gehör- und Sprachgeschädigte GSW e.V. / Georg Roth, Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS e.V.) / Uwe Weppler, PARITÄTisches Bildungswerk Bundesverband e.V. / Christian Molke, ADRA Deutschland e.V. / Andreas Luttmer-Bensmann, Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) / Horst Schmitthenner, Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitslosengruppen / Uwe Hiksch, NaturFreunde Deutschlands / Volkmar Proschwitz, Advent Wohlfahrtswerk e.V. / Carmen Thiele, PFAD Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien e.V. / Helena Steinhaus, Sanktionsfrei e.V. / Annegret Gabelin, Sozialwerk des dfb (Dachverband) e.V. / Heiko Frost, Verband Deutscher Schullandheime e.V. / Gudrun Nolte, Evangelischer Verband Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt e.V. (KWA) / Georg Janßen, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft / Britta Altenkamp, Zukunftsforum Familie e.V.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands: "Die Krisenbewältigung der Bundesregierung ist und bleibt ein armutspolitisches Trauerspiel. Was bisher an Hilfe auf den Weg gebracht wurde, lindert die Not der Menschen kaum. Wir werden weiter Druck machen, bis diese Bundesregierung endlich etwas für die Armen tut, das wirklich Substanz hat. Arm sein ist teuer, Symbolpolitik können wir uns nicht mehr leisten."

Zitate weiterer Erstunterzeichnenden und sonstige Materialien:

https://www.der-paritaetische.de/coronahilfe/downloads/

Gwendolyn Stilling

Pressesprecherin
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Presse, Redaktion, Kampagnen

Der Paritätische Gesamtverband
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Presse Corona Soziale Teilhabe und Armut Tue, 09 Feb 2021 14:12:21 +0100
Selbsthilfe braucht neue Bilder https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=05&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23440&cHash=f7a210314b2d444449cb1b8ea5e90d8d

]]> ]]> Ein sonniger Tag in München. Tobi Katze, Autor von “Morgen ist leider auch noch ein Tag – irgendwie hatte ich mir von meiner Depression mehr erwartet” und ich sitzen auf einer Bank, genießen das Wetter. Wir sprechen über diese Krankheit, die uns verbindet. Über Selbsthilfe, Vorurteile, warum er das Programm zum Buch am liebsten nicht mehr spielen würde, aber es trotzdem gerne tut. Und wir lachen viel. Sehr viel.

Hast du damals eine Selbsthilfegruppe besucht?

Nein, hab ich tatsächlich nie. Weil ich total große Vorurteile gegen Selbsthilfegruppen hatte. Ich dachte, das wäre dann wie in den amerikanischen Filmen: Alle sitzen da rum “Hi, ich bin Tobi” – “Hallo Tobi” – fand ich ganz grauenhaft. Inzwischen weiß ich, dass das anders ist. Aber damals war das war für mich keine reizvolle Option.

Das ist aber nicht das einzige, wogegen ich mich gewehrt habe. Wo Vorurteile mich von vielleicht klügeren Schritten abgehalten haben. Ich hab mich zum Beispiel auch gegen das Thema Klinik gewehrt. Ich war selber mein schlimmster Feind. Wenn mein heutiges Ich mein Ich von vor sechs, sieben Jahren treffen würde – wir würden uns hassen. Besonders was das Thema Vorurteile und psychische Erkrankungen angeht.

Wie hätte man damals schaffen können, deinen Kopf trotz Vorurteilen von Selbsthilfegruppen zu überzeugen?

Inzwischen würde ich sagen, wenn man mir damals kommuniziert hätte “Hey, das sind Leute in deinem Alter. Das bleibt alles ganz zwanglos. Und diese Krankheit, das Problem Depression, steht nicht zu sehr im Mittelpunkt sondern man ist eher unter seinesgleichen. Man kann, muss aber nicht.” So wie man eben einen Abend mit Freunden verbringt. Wo man weiß, man ist eben auf einer Wellenlänge. So was wäre für mich ideal gewesen. Gerne auch verbunden mit mehr als “nur” im Kreis auf Stühlen sitzen. Egal ob man zusammen Volleyball spielt oder sich durch alle Cafés der Stadt probiert. Ich denke, solche Aktivitäten dem Thema vorzuschalten, könnte bei vielen Menschen die Überwindung senken.

Ist dein Buch Selbsthilfe?

Nein, mein Buch ist keine Selbsthilfe. Ich hab das Buch und auch den Blog angefangen und mich auf eine Veröffentlichung eingelassen mit der Prämisse, dass ich über nichts reden möchte, was ich für mich nicht zumindest halbwegs geklärt habe. Ich hab gedacht “Ich will mich nicht öffentlich therapieren” das ist unfair den Leuten gegenüber, die das lesen, die mit meinem Mist auch noch zu belasten. Und es wäre mir selber auch unangenehm gewesen. Ich möchte das ja verarbeiten und nicht diese Krankheit nutzen, nur um irgendwas zu schreiben, sondern ich möchte was damit bewegen.

Nervt es dich, dass du durch das Buch weiter mit dem Thema Depression konfrontiert bist?

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Es nervt mich künstlerisch – ich möchte künstlerisch auch nichts mehr zu dem Thema machen. Ich hab das Gefühl ich hab dazu alles gesagt. Ich spiele mein Programm dazu immer noch, das macht mir auch weiterhin sehr große Freude. Aber ich möchte nichts neues mehr dazu machen. Ich hab mich ja seit damals auch ein bisschen weiterentwickelt. Das Buch ist ja schon ein paar Jährchen her.

Es ist natürlich schade, dass das Thema und die Show immer noch so gefragt sind. Eigentlich hab ich angefangen darüber zu reden, um irgendwann nicht mehr darüber reden zu müssen. Das ist leider immer noch nicht der Fall. Deswegen mache ich das weiterhin gerne. Weil ich das Gefühl habe, es ist noch notwendig. Und es gibt den Menschen auch was. Es ist immer noch so, dass wenn ich in eine Stadt komme, die Leute dankbar sind und sagen “Endlich spricht mal jemand darüber. Endlich bin ich mal in einem Raum mit Leuten, bei denen ich weiß, denen geht’s genau so wie mir.” Und das ist irgendwie ein tolles Gefühl, aber gleichzeitig auch wahnsinnig traurig.

Dass psychische Krankheiten weiterhin so ein Tabu sind, sodass wenn mal einer drüber redet, sich gleich alle drauf stürzen. Aus beruflicher Sicht ist das natürlich auch schön, aber aus privater Sicht finde ich das wahnsinnig traurig. Deswegen würde ich am liebsten nicht mehr drüber sprechen, aber es ist noch notwendig. Von daher sehe ich mich auch ein bisschen in der Verpflichtung, es weiterhin zu tun.

Die Gemeinschaft, das “WIR”, hast du also auch ohne Selbsthilfegruppe inzwischen kennengelernt?!

Absolut, es ist nach wie vor beruhigend Menschen zu treffen, denen es genau so geht. Ein tolles Gemeinschaftsgefühl – was auf nix außer einer Krankheit beruht, dieses Gefühl, aber trotzdem. Als ich damals die Diagnose Depression bekam und mich dann im Freundeskreis geöffnet habe, fand ich es schon beruhigend zu sehen, dass ich nicht der einzige bin. Weil auf einmal Menschen auf mich zukamen. Dieses WIR-Gefühl fand ich sehr sehr hilfreich. Weil zumindest ich mich mit Depressionen immer wahnsinnig alleine gefühlt habe – krankheitsbedingt. Dann aber zu merken, es gibt ganz viele, die ich kenne, die sich auch super alleine fühlen, hat gut getan. Man hatte dann wenigstens für eine kurze Zeit einen Verbündeten gegen die Krankheit, eine Art Komplizenschaft.

Immer mehr Menschen finden diese Komplizenschaft auch in den sozialen Medien, zum Beispiel bei Instagram. Kennst du das auch?

Ich bin zwar auf Instagram, aber eher mäßig aktiv. Vielleicht habe ich auch deswegen dort noch keine Komplizenschaft erlebt. Was ich dort kenne, sind die Einzelkämpfer. Darunter sind auch welche, die sich in ihrer Krankheit zu wohl fühlen. Die sie auch inszenieren und sogar versuchen, daraus Profit zu schlagen. Oder eben Menschen, die Instagram als Kanal nutzen um ungefiltert ihre Wut, ihre Trauer, ihre Krankheit auszuleben. Was ich stellenweise bedenklich finde. Ab einer gewissen Followerzahl werden manche Inhalte unverantwortlich.

Ich halte Instagram für Menschen mit Depression generell nicht für die ideale Plattform. Da sind immer alle schön und machen Sport und Urlaub und essen immer buntes und angeblich gesundes Essen. Damals in meiner akuten Phase war ich noch nicht bei Instagram. Ich weiß nicht, ob mir das gut getan hätte. Soziale Medien und Depression generell ist glaub ich eine schwierige Sache. Es kann total helfen, es kann aber auch super schädlich sein.

Zu welcher Seite hast du tendiert?

Ich war damals nur bei Facebook, und hab dem auch irgendwie meinen Erfolg mit zu verdanken. Die Plattform hat es mir erlaubt, mich als normal zu inszenieren nach außen. Ein komplettes Leben sozusagen nur digital zu leben. Soziale Medien machen es auf jeden Fall leichter, eine Maske zu tragen.

Da sehe ich wieder den Vorteil von “echten” Selbsthilfegruppen, die einen dazu verführen, im echten Leben rauszugehen. Die also nicht digital stattfinden. Natürlich können solche Gruppen auch digital stattfinden, aber da sehe ich eher die Aufgabe, jemanden auf diese digitale Weise aus der Wohnung zu locken. Um irgendwas gemeinsam zu tun, was nicht selbstverletzend ist.

Wie siehst du die Tatsache, dass zwischen den Generationen wenig Kommunikation stattfindet?

Muss da Kommunikation stattfinden? Muss man die zusammenbringen, die beiden Seiten? Kann das nicht parallel laufen? Ich weiß nicht, ob man da einen gemeinsamen Nenner findet. Weil die Generationen trotzdem so nah beieinander sind. Das ist nicht wie bei Rentnern und Kleinkindern, die kann man eher problemlos zusammenpacken. Im Gegensatz zu Menschen um die 60 und um die 30. Das ist weit weg und gleichzeitig zu nah. Was die Lebensrealitäten angeht und die Alltagsgestaltung.

Natürlich ist es schön gemeinsame Sachen anbieten zu können. Aber es sollte die Möglichkeit geben, das zu trennen. Vielleicht nicht nach Alter, sondern vielleicht eher nach Aktivität. Wie eben zum Beispiel Volleyball oder zusammen Kaffee trinken. Aber es gibt ja zwischen den Generationen auch viele Verbindungen. Ich merke das immer wieder, wenn Leute zu meinen Shows gemeinsam aus der Klinik anreisen. Jung und alt, als Clique zusammen, weil das eben zusammenschweißt. Da entstehen solche Gemeinschaften ganz natürlich. Es wäre absolut toll, wenn so etwas auch entstehen könnte, ohne dass davor alle in die Psychiatrie müssen.

Nun wird die eine Generation aber oft gefördert, die andere muss vermeintlich ohne solche Förderungen auskommen, …

Ich verstehe schon, dass die Krankenkassen sich gerade schwer tun einen neuen Rahmen zu finden. Dass es dauert, ein solches System an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Aber ich hoffe, dass sich alle Seiten weiter dran machen, das Fördersystem immer ein bisschen weiter zu modernisieren.

Kann ein Blog was verändern?

Absolut, da bin ich ja das beste Beispiel. Bei mir hat auch alles mit einem Blog angefangen. Gut gemachte, nicht spießige Blogs können viele Menschen erreichen. Wenn man anders, vernünftig, normal über ein Thema spricht, dann bietet ein Blog die Möglichkeit, es anders zu beleuchten. So wie mir wichtig ist, weiter andere, neue, realistischere Bilder von Depression zu vermitteln. So wie das Bild hier jetzt: wir beide sitzen jetzt hier in München auf ner Bank in der Sonne, sehen aus wie ganz normale Menschen und reden über Depression miteinander – und lachen viel.

Es wäre toll, wenn der #wirhilft-Blog dabei helfen kann, das Thema Selbsthilfe von seinem spießigen Image loszulösen, es davon zu befreien, attraktiver zu machen. Das Bild vom ewigen Stuhlkreis durch andere Bilder zu ergänzen. Wenn man da hin käme, wäre glaube ich, schon richtig vielen Menschen geholfen.

Das Interview wurde zuerst auf dem Wir hilft-Blog des Paritätischen in Bayern veröffentlicht.


Tobi Katze, Slampoet und Autor, redet nicht nur, aber auch offen über seine Erfahrung mit Depression. Mehr Infos unter: www.tobikatze.de

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Themen Selbsthilfe Menschen mit psychischen Erkrankungen Bürgerschaftliches Engagement Fri, 05 Feb 2021 15:11:00 +0100
Verbände warnen vor sozialen Folgen der Corona-Krise https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=04&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23430&cHash=5efa1ee8d2a457d01f14407ba8873048

]]> Trotz Kurzarbeitergeld und milliardenschwerer Hilfspakete für die Wirtschaft steigt die Arbeitslosigkeit in Deutschland und Armut nimmt zu. Viele Menschen leiden unter Einsamkeit – besonders Angehörige so genannter Risikogruppen wie Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und ältere Menschen. Psychische Belastungen nehmen zu. Familien sind in einem täglichen Ausnahmezustand. Kinder aus finanziell schwachen Familien leiden besonders unter den geschlossenen Bildungseinrichtungen. Sie drohen den Anschluss zu verlieren.

Schutzschirm für Menschen in Not

„Damit der soziale Zusammenhalt in Deutschland erhalten bleibt, müssen diese sozialen Folgen der Pandemie mehr in den Blick genommen werden,“ fordert Berndl. „Und es müssen Lösungen gefunden werden, wie diese Folgen abgemildert werden können.“ So wie im letzten Jahr Schutzschirme für die Wirtschaft gespannt wurden, braucht es Schutzschirme für Menschen, die besonders unter den Folgen der Pandemie leiden. Zum Beispiel für Kinder, die den Anschluss beim Lernen verlieren. Dabei geht es um ein Zusammenspiel aus direkter finanzieller Unterstützung und um ein gut ausgebautes Netz an sozialen Diensten und Einrichtungen, das Menschen unterstützt, berät und entlastet.

Ohne soziale Dienste und Einrichtungen funktioniert unsere Gesellschaft nicht

Landes-Caritasdirektor Prälat Bernhard Piendl hebt die Bedeutung der sozialen Einrichtungen und Dienste für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hervor: „Die Mitarbeitenden in unseren Diensten und Einrichtungen arbeiten seit Monaten am Limit, um die Auswirkungen der Coronakrise abzufedern und Unterstützung und Hilfe dort zu leisten, wo sie am dringendsten benötigt wird, und ihnen gehört allerhöchste Anerkennung.“

Für Piendl ist klar: „Auch eine noch so gute Gesetzgebung, noch so verantwortungsvolle Regularien oder strikte Verordnungen brauchen Menschen, Dienste und Institutionen, die sie umsetzen und ihnen ein Gesicht geben. Diese Expertise haben wir als Verbände der Freien Wohlfahrtspflege Bayern und die Politik ist gut beraten, bei ihren Entscheidungen auf diese Expertise zurückzugreifen und sie miteinzubeziehen.“


In der Freien Wohlfahrtspflege Bayern sind das Bayerisches Rotes Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt, der Landes-Caritasverband Bayern, die Diakonie Bayern, der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und der Paritätische Wohlfahrtsverband Bayern organisiert. Gemeinsam erbringen die Verbände rund 75 Prozent aller sozialen Dienstleistungen in Bayern. Rund sechs Prozent aller Beschäftigten im Freistaat, davon allein rund 95.000 in Pflegeheimen und weitere rd. 86.000 in Kindertagesstätten, arbeiten in der Sozialwirtschaft. Als Verband unterstützt die Freie Wohlfahrtspflege Bayern ihre Mitglieder durch Koordination und Absprachen bei der Realisierung von Zielen, mit denen sie ihren Beitrag dazu leisten, Bayern sozial zu gestalten.

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Presse Corona Soziale Teilhabe und Armut Thu, 04 Feb 2021 09:45:59 +0100
Koalitionsausschuss: Ergebnisse sind “armutspolitisches Trauerspiel” https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=04&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23429&cHash=b37bced4ada1877445231faf46896628

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Als Tropfen auf den heißen Stein kritisiert der Paritätische Wohlfahrtsverband die vom Koalitionsausschuss in Aussicht beschlossene Einmalzahlung in Höhe von 150 Euro für Grundsicherungsbeziehende. Nötig wäre stattdessen ein monatlicher Zuschuss für die Dauer der Krise, um die coronabedingten Mehrbelastungen auch nur annähernd auszugleichen. Die aktuellen Regelsätze in Hartz und Altersgrundsicherung reichten nicht einmal aus, um unabhängig von Corona die Grundbedarfe zu decken. Gemeinsam mit über 30 weiteren bundesweiten Verbänden und Gewerkschaften fordert der Verband eine Anhebung der Regelsätze auf mindestens 600 Euro sowie für die Dauer der Krise einen pauschalen Mehrbedarfszuschlag von 100 Euro pro Monat.

“150 Euro Einmalzahlung ist gut für Kinder über der Armutsgrenze. Für Beziehende von Hartz IV und Altersgrundsicherung bleibt es weit hinter dem zurück, was wirklich Not tut. Die Krisenbewältigung der Großen Koalition bleibt ein armutspolitisches Trauerspiel”, kritisiert Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. Nach einem Jahr Krise, Pandemie und Ausnahmezustand, deren Ende noch nicht absehbar sei, seien die angekündigten Einmalzahlung viel zu wenig. “Es ist wirklich beschämend, wie die Bundesregierung die Not der Armen in dieser Krise monatelang ignoriert hat, die Menschen nun mit 150 Euro abspeist und im Regen stehen lässt.” Der Verband weist darauf hin, dass auch die angekündigten Gutscheine für 10 FFP2-Masken bisher nicht bei den armen Menschen angekommen seien. “Statt bürokratisch auf Gutscheinbriefe oder eine kleinliche Einmalzahlung zu setzen, braucht es dringend einen monatlichen Zuschlag für coronabedingte Mehrausgaben wie bspw. Masken.”

Der Paritätische begrüßt, dass die Jobcenter jetzt die Kosten für Laptops für arme Kinder übernehmen, weil Hubertus Heil als Arbeitsminister darüber alleine bestimmen kann. “Aber so richtig und wichtig diese Maßnahme ist, damit alle Kinder endlich gleichberechtigt am Homeschooling teilnehmen können: Die Menschen - und zwar alle - müssen auch insgesamt über den Monat kommen”, so Schneider. Die Anhebung der Regelbedarfe zum 1.1.2021 um 14 Euro für (alleinstehende) Erwachsene sei - ganz unabhängig von Corona - realitätsfern, nicht bedarfsgerecht und viel zu niedrig gewesen. “Alle Expert*innen sind sich einig, unter 600 Euro reicht es auf keinen Fall, um über den Monat zu kommen. Coronabedingte Mehrbelastungen kommen noch obendrauf. Was es braucht, ist den politischen Willen, Armut in diesem reichen Land wirklich zu verhindern."

Details zum Aufruf "Soforthilfen für die Armen - jetzt!!" siehe: https://www.der-paritaetische.de/presse/einmalig-breite-allianz-fordert-anhebung-der-regelsaetze-auf-mindestens-600-euro-und-weitere-corona-s/


Gwendolyn Stilling

Pressesprecherin
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Presse Corona Soziale Teilhabe und Armut Thu, 04 Feb 2021 09:32:11 +0100
Weltkrebstag: Junge Krebskranke https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=02&tx_ttnews%5Bday%5D=03&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23402&cHash=f5db33245faa7af620761aaa09a2a99b

]]> Foto: Recover your smile e.V.]]> Wenn ich vor meiner Erkrankung das Wort „Selbsthilfe“ hörte, hatte ich ganz eigenartige Bilder im Kopf. Einen Stuhlkreis, in dem einer nach dem anderen seinen Namen sagt. Ein wenig peinlich berührt sein Problem schildert, während alle einen ansehen. Oder eine Gruppe Menschen, die sich treffen und reden müssen. Obwohl sie gar nichts gemeinsam haben, außer einem Problem. Keine Situation, der man sich freiwillig aussetzen möchte. Egal, wie groß die Not ist.

Selbsthilfe klingt in den meisten Köpfen irgendwie… unangenehm, oder? Man hat ein Problem und bekommt keine Hilfe, sondern muss es selbst lösen. Man bekommt das Gefühl, man muss sich selbst helfen, denn sonst tut es keiner.

Aber ist das wirklich so?

Seit meiner Krebserkrankung weiß ich: Nein, Selbsthilfe muss nicht der unangenehme Stuhlkreis sein. Oder ich inmitten vieler alter Menschen, die zwar das gleiche Grundproblem wie ich haben, aber nicht die gleichen Sorgen drum herum. Selbsthilfe hat so viele Facetten, dass jeder den richtigen Kanal für sich aussuchen darf. Und ich als junge Krebskranke habe das Internet für mich gewählt.

Zunächst geschah die Selbsthilfe eher unbewusst. Mein Partner und ich fühlten uns nach meiner Krebsdiagnose allein auf weiter Flur. Darmkrebs ist eine Krankheit, an der hauptsächlich ältere Menschen erkranken. Mit meinen 28 Jahren war ich also ein wahrer Exot. Hatte ganz andere Fragen und Sorgen als die klassischen Betroffenen. Ganz logisch: Als junger Mensch befinde ich mich in einem ganz anderen Lebensabschnitt. Ich habe einen ganz anderen Planungshorizont als jemand, der im Rentenalter ist.

Junge Krebskranke haben andere Sorgen als ältere Patienten

„Wie ist das mit dem Kinderwunsch? Wie halte ich den Anschluss im Berufsleben? Wie hoch ist meine Lebenserwartung nach einer Krebstherapie? Welche Nebenwirkungen durch die Behandlung schränken mich möglicherweise mein Leben lang ein? Wie kann ich mein Leben weiter planen?“ Das waren die Fragen, die mich als junge Krebskranke beschäftigten. Beantworten konnte sie mir aber niemand wirklich zuverlässig.

Meine Ärzte waren eher Ansprechpartner für die medizinischen Fragen. Erfahrungen konnte ich nicht austauschen. Ich kannte niemanden, der in meinem Alter ebenfalls an Krebs erkrankt ist. Mein Partner wollte beispielsweise wissen, ob die vorgeschlagenen Therapien wirklich die beste Behandlung meiner Erkrankung darstellen. Und ob meine zahlreichen Nebenwirkungen normal waren. Doch wen sollten wir fragen? Es gab keine richtige Anlaufstelle.

Hilf dir selbst – dann ist jedem geholfen!

Also machten wir uns auf die Suche und durchkämmten das Internet, um Antworten auf unsere Fragen zu finden. Gerade auf facebook fanden wir viele Gruppen, die sich mit dem Thema Krebs beschäftigen. Schnell stießen wir auf die Gruppe „Darmkrebs geht uns alle an“, die mittlerweile über 2.000 Mitglieder hat. Betroffene und Angehörige tauschen sich dort aus. Sie geben sich gegenseitig Ratschläge und beantworten Fragen rund um das Thema Darmkrebs. Dort stellten wir all unsere Fragen rund um die Therapie und die Nebenwirkungen. Und bekamen viele Antworten, die uns endlich weiterhalfen.

Zudem fand ich die Gruppe „junge Erwachsene mit Krebs“. Ich war also nicht allein: Über 1.000 junge Krebskranke zwischen 18 und 39 sind Mitglieder. All diese Menschen verstanden meine Sorgen und fanden auch meine Fragen nicht eigenartig. Sie haben sie sich alle selbst schon einmal gestellt.

In diesen beiden Gruppen bekam ich Hilfe. Gleichzeitig konnte ich helfen, indem ich anderen Betroffenen ebenfalls meine Erfahrungen schrieb. Das Gute: All die Fragen, die ich stellte, sind auch für neue Mitglieder auffindbar. So wird der Satz „Hilf dir selbst, dann ist jedem geholfen!“ auf positive Art wahr.

Ein wahrer Wissensschatz

Die Beiträge der Mitglieder sind so wertvoll, weil sie mir etwas geben, das meine Ärzte mir nicht geben können: Persönliche Erfahrungen. Meine Ärzte geben mir hervorragende medizinische Ratschläge und können meine Beschwerden behandeln.

Meine Ängste hingegen nimmt mir hauptsächlich der Austausch mit anderen Betroffen. Ich habe selten einen so engen Zusammenhalt erlebt, wie in den Krebsgruppen. Wir drücken einander die Daumen, wenn Untersuchungen anstehen. Weinen um verstorbene Mitglieder und freuen uns mit allen, die gute Nachrichten überbringen. All das ist wichtig für die Krankheitsbewältigung.

Da in den verschiedenen Gruppen ausschließlich Betroffene und Angehörige aktiv sind, gibt es immer jemanden, der weiterhelfen kann. Auch teilen die Gruppenbetreiber wichtige Informationen und Artikel, so dass man immer auf dem neuesten Stand ist. Man schöpft aus einem schier grenzenlosen Wissen, welches mir persönlich schon oft geholfen hat.

Wissen ist das A und O

Oft ist es nämlich so, dass man im Arztgespräch vergessen hat, eine Frage zu stellen. Oder die richtigen Fragen kommen erst später. Vielleicht hat man hat ein konkretes Problem, aber gerade noch keine Lösung parat. Oder man will einfach Meinungen hören. Häufig recherchiere ich zunächst selbst zu gewissen Themen. Aber oft frage ich auch zuerst in den Gruppen nach Erfahrungen. Damit ich im Arztgespräch besser vorbereitet bin und die richtigen Fragen stellen kann.

Die Verantwortung für die eigene Behandlung darf man niemals aufgeben. Man muss immer gut informiert sein. Bescheid wissen über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten. Nur so wird man als mündiger Patient wahrgenommen und kann das Beste aus der eigenen Behandlung herausholen.

Selbsthilfe stellt für mich deshalb inzwischen einen ganz wichtigen Bereich meiner Krankheitsbewältigung und Behandlung dar. Sie gehört für mich zu den Grundpfeilern im Umgang mit meiner Erkrankung.

Von der virtuellen in die reale Welt

Ein weiterer schöner Nebeneffekt dieser Gruppen ist, dass man auch regionale Kontakte knüpfen kann. Bei den jungen Erwachsenen mit Krebs pflegen wir eine Landkarte. In dieser kann jedes Mitglied seinen Wohnort angeben und gleichzeitig sehen, wer aus der Nähe kommt. So sind in vielen Regionen, unter anderem auch Mittelfranken, Treffen im echten Leben entstanden.

In Nürnberg haben wir uns bereits 2x in Gruppen, aber auch lose untereinander, getroffen. Wir sind gemeinsam essen gegangen und haben geredet – und man glaubt es kaum – sehr viel gelacht. Selbsthilfe kann also auch lustig sein! Durch die Gruppe sind auch im realen Leben enge Freundschaften und sogar Beziehungen entstanden. Neue Menschen kennenlernen und einen schönen Tag miteinander verbringen, um auf andere Gedanken zu kommen. Auch das kann Selbsthilfe sein.

Die richtige Gruppe finden

Wenn man sich auf die Suche nach einer Gruppe macht, ist die Auswahl schier unendlich. Es kommt schnell die Frage auf: Welche Gruppe ist für mich überhaupt richtig? Zunächst einmal ist es so, dass die gewählte Gruppe natürlich thematisch passen sollte. Man sucht ja nach Gleichgesinnten. Im Bereich Krebs unterscheiden die Gruppen häufig zwischen Angehörigen- und Betroffenengruppen.

Vor dem Eintritt in die Gruppe ist es wichtig, sich die Gruppeninformationen und -regeln zunächst durchzulesen, ob sie einem überhaupt zusagen. Gelegentlich muss man nach der Beitrittsanfrage einige Fragen beantworten. Diese werden dem Verwalter der Gruppe gemeinsam mit der Anfrage gesendet. Der Admin möchte gerade in einem empfindlichen Bereich, wie Selbsthilfegruppen es sind, gerne wissen, wer in seiner Gruppe Mitglied werden möchte und weshalb. Dies dient vor allem dem Schutz der Gruppengemeinschaft und der Wahrung des Gruppeninteresses.

Warnzeichen & Bauchgefühl

Hellhörig sollte man werden, wenn in den Gruppen viel Werbung gemacht wird und alternative „Heilmittel“ oder Dienstleistungen angepriesen werden. In einer Online Selbsthilfegruppe sollte zumindest meinem Empfinden nach immer die Selbsthilfe und der Austausch im Vordergrund stehen. Niemals der Vertrieb von irgendwelchen Leistungen. Ich empfinde das ansonsten als unseriös. Ungerne möchte in einer solchen Gruppe meine Probleme thematisieren und persönliche Details preisgeben. Außerdem sollte eine Gruppe immer eine geschlossene Gruppe sein, damit die Beiträge nur von Gruppenmitgliedern gesehen werden können.

Grundsätzlich empfehle ich immer, sich mehreren Gruppen anzuschließen und ein wenig mitzulesen. Dann einfach nach Bauchgefühl entscheiden, wo man sich am wohlsten fühlt und in welcher Gruppe man sich gerne einbringen möchte. Eine nette Vorstellung gibt den Gruppenmitgliedern ein erstes Bild vom Gegenüber und man wird in der Regel sehr herzlich willkommen geheißen.

Das Artikel wurde zuerst auf dem Wir hilft-Blog des Paritätischen in Bayern veröffentlicht.


Susanna Zsoter erkrankte mit 28 Jahren an metastasiertem Darmkrebs und ist Palliativpatientin. Das heißt, sie kann nicht mehr geheilt werden. Auf ihrem Blog Krebskriegerin klärt sie über Darmkrebs auf und macht mit ihrer Geschichte und ihrem Umgang mit der Erkrankung anderen Menschen Mut. Eine Krebserkrankung auch im Palliativstatus bedeutet nicht, dass man sich ins Bett legen und auf den Tod warten muss. Sondern immer noch viele schöne Dinge erleben darf. Sie engagiert sich in den Gruppen „junge Erwachsene mit Krebs“ und „Darmkrebs geht uns alle an“ als Administratorin und hilft anderen Betroffenen.

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Themen Gesundheit Selbsthilfe Bürgerschaftliches Engagement Wed, 03 Feb 2021 17:27:00 +0100
Wir müssen reden! https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=01&tx_ttnews%5Bday%5D=27&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23352&cHash=9eed7c0bdeeb75b438dcdb4a9ec72402

]]> ]]> Herr Nagalingam, kommende Woche beginnen Sie ein Praktikum auf dem ersten Arbeitsmarkt. Freuen Sie sich schon?

Nee, ich habe ein wenig Angst … Weil das der erste Arbeitsmarkt ist. Das heißt, andere Geschwindigkeit und so. Und ich kann mir im Augenblick einfach nicht vorstellen, wie das alles dort ist. Aber ich bin da auch offen! Also, ein Teil von mir hat Angst, ein Teil ist offen und ein Teil sagt: Ziel erreicht. Und ein Teil lässt es einfach auf sich zukommen.

Leider ist der erste Arbeitsmarkt nicht so aufnahmefähig für psychisch kranke oder behinderte Menschen. Deshalb verheimlichen auch viele ihre Erkrankung. Das ist schwierig und sollte sich ändern.

Sie haben eine Behinderung?

Ja, ich habe eine Schizophrenie. Also ich bin psychisch, seelisch behindert.

Mit Ihrer Behinderung haben Sie wahrscheinlich auch schon andere, weniger gute Erfahrungen gemacht …

Ich habe Diskriminierung und Rassismus erlebt. Zum einen wegen meiner Herkunft, als ich neu in Deutschland war. In meiner Familie habe ich Diskriminierung erlebt, weil ich behindert bin.

Was haben Sie konkret erlebt?

Ich bin 1990 aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen. Einmal im Kinderhort ist ein Freund zu mir gekommen und hat gesagt: „Hey, der Junge da drüben hat gerade N*ger zu Dir gesagt.“ Davor hatte ich dieses Wort noch nie gehört! Aber ich habe gleich gemerkt: Das ist ein Schimpfwort. Das war mein erstes Erlebnis mit Rassismus.

Was haben Sie wegen Ihrer Behinderung erlebt?

Ich bin zwischen 2003 und 2005 behindert geworden. Meine Familie konnte damit überhaupt nichts anfangen. Meine Mutter zum Beispiel wollte, dass ich arbeiten gehe. Sie konnte nicht akzeptieren, dass ich Defizite im sozialen Leben, im häuslichen Leben, in der beruflichen Entwicklung habe. Sie hat zum Beispiel zu mir gemeint: „Geh doch Arbeiten – wo ist das Problem?“ Und ich dachte nur: Ich bin froh, dass ich überhaupt meinen Tag überlebe! Morgens aufstehe und abends ins Bett gehe. Arbeiten – wie soll ich das noch schaffen?

Wie fühlt sich das für Sie an, wenn schlecht über Sie geredet wird? Oder wenn Sie merken: Ich werde nicht so akzeptiert, wie ich bin?

Mich interessiert so etwas gar nicht. Ich habe mich davon schon immer ferngehalten. Klar, der eine fühlt sich beleidigt. Der andere bekommt Angstzustände oder soziale Phobien.

Das perlt einfach so an Ihnen ab?

Ja: Ich will davon nichts wissen. Ich will von manchen Sachen einfach nichts wissen.

Was denken Sie, warum sich manche Menschen so verhalten? Oder warum es Ihrer Mutter so schwergefallen ist, Ihre psychische Erkrankung zu akzeptieren?

Ich denke, dass die psychische Erkrankung ein Tabu-Thema, ein Scham-Thema ist. Also, wenn jemand eine andere Krankheit hat: Das erwähnt er. Das kann er öffentlich machen. Aber über psychische Erkrankungen wird nicht viel geredet. Meine Nachbarin – eine 90-jährige alte Dame - hat mal gesagt: Früher wurden solche Menschen zu Hause versteckt. Eingesperrt. Das ist heute nicht mehr so. Aber gesellschaftlich akzeptiert sind psychische Erkrankungen nicht. Das ist – denke ich – der Hauptgrund.

Andere Behinderungen sieht man oder man kann sie nicht verheimlichen. Zum Beispiel eine körperliche Behinderung kann man sehen. Aber eine psychische Behinderung oder Erkrankung ist ja selbst für viele selbst betroffene Menschen nicht greifbar. Und wird von vielen Menschen nicht anerkannt.

Was würden Sie sich von anderen Menschen wünschen?

Was würde ich mir wünschen … Ich denke mal, wenn man genauer hinschaut, kennt jeder jemanden, der psychisch krank ist. Sich mit diesen Menschen auseinandersetzen und sie kennenlernen – das würde ich mir von anderen Menschen wünschen.

Also auf psychisch kranke Menschen zugehen und herausfinden, wie sie sind?

Nein, weil die Menschen sind sowieso individuell. Krank oder nicht krank: Jeder ist eine Person für sich.

Ich meine, um herauszufinden, was die Krankheit ist. Das wäre wichtig. Borderline, Depression, Schizophrenie: Was ist das und woher kommt das? Warum verhält sich die Person so? Warum redet die Person so? Warum hat sie Ängste? Warum kann sich eine Person am allgemeinen Leben nicht beteiligen?

Also: Wenn die Menschen mehr über psychische Krankheiten wüssten – das würde helfen?

Ja. Ich wünsche mir, dass man über psychische Erkrankungen redet, als wäre es eine „Standardkrankheit“. Man spricht es nicht gern an, dass man psychisch krank ist. In der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis wird es auch nicht gerne erwähnt. In meiner Familie und in meinem Freundeskreis gab es keine Aufklärung, was eine psychische Erkrankung ist. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass man weiß: Es gibt psychische Erkrankungen und man kann sie behandeln. Ich wünsche mir so eine Art Grundaufklärung -  wie bei einem Erste-Hilfe-Kurs.

Kommende Woche verlassen Sie den wabe e.V. Sind Sie ein wenig wehmütig?

Bei wabe ist es super! Ich habe zuerst im Betreuten Wohnen gelebt. Da fand ich es schon super. Und auch jetzt beim Arbeiten bin ich gut aufgehoben.

Das ist nicht überall so. Ich habe teilweise erlebt, dass psychisch kranke Menschen angeschrien werden oder dass die Mitarbeiter der Einrichtung die psychisch kranken Menschen dominieren. Dass in manchen Einrichtungen gar nicht das Programm angeboten wird, das im Internet erwähnt wird. Oder sie nicht wie versprochen beschäftigt werden. Psychisch kranke Menschen können selten selbst ihre Meinung ausdrücken, sich wehren oder für ihre Rechte einstehen. Ich wünsche mir deshalb, dass auch die sozialen Einrichtungen für psychisch kranke Menschen genauer angeschaut werden und geguckt wird, wie sie geführt werden.


Gerade in den sozialen Medien ist demokratie- und menschenfeindlicher Hass stark verbreitet. Im Rahmen des Projekts „Demokratie stärken“ setzt der Paritätische in Bayern diesem Trend etwas entgegen, indem er Menschen zu Wort kommen lässt, die Hass und Diskriminierung erleben, und indem er sich klar und vernehmbar positioniert für eine offene, vielfältige und tolerante Gesellschaft, in der alle Menschen die gleichen Rechte haben, unabhängig von zum Beispiel deren Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung.

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Themen Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Zivilgesellschaft und Demokratie Demokratie stärken Wed, 27 Jan 2021 11:46:41 +0100
Wir müssen selber kämpfen https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=01&tx_ttnews%5Bday%5D=26&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23348&cHash=3d00f063ade7627581225ca4db76f602

]]> ]]> Herr Utz, als Mutter einer körperbehinderten Tochter erlebe ich selbst die ganze Bandbreite an ambivalenten Reaktionen auf Behinderungen: vom schamvollen Wegschauen bis zum ungenierten Anstarren, vom staunenden Bewundern bis hin zu ungefragt ausgesprochenem Mitleid. Warum hält sich das Bild vom „bemitleidenswerten Behinderten“ solange in unserer Gesellschaft?

Weil wir nach wie vor nicht gemeinsam aufwachsen. Immer noch werden Kinder mit Behinderungen schnell „gelabelt“ und kommen dann in die verschiedenen Systeme der Behindertenhilfe. Das halte ich für ein riesiges Problem. Das fängt mit speziellen Kindergärten und Schulen an und geht mit Werkstätten und Berufsbildungswerken für Menschen mit Behinderungen weiter. Wer glaubt, dass die Menschen dann mit Mitte 20 gut vorbereitet sind auf unsere Gesellschaft, dass man sie dann in die Welt entlassen kann und sie dort herzlich willkommen sind – der irrt. Wenn wir nicht zusammen aufwachsen, wird unsere Gesellschaft immer mit einer Mischung aus Mitleid und Bewunderung, wie „toll“ jemand etwas macht, auf Menschen mit Behinderungen schauen.

Ein Chef einer großen Firma hat mal zu mir gesagt: „Herr Utz, ich verstehe Ihre Argumente. Aber ich kenne keine Menschen mit Behinderungen. Es gibt sie nicht in meinem Umfeld, in meinem Freundeskreis oder in der Kirchengemeinde. Wie soll ich mir da vorstellen können, eine Kollegin oder einen Kollegen mit Behinderung zu haben?“ Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Er hat einfach nie gelernt, mit jemandem wie mir umzugehen.

Das heißt, die Mehrheitsgesellschaft hat keine Chance, Menschen mit Behinderungen kennenzulernen. Aber Menschen mit Behinderungen haben auch keine Chance, die Mehrheitsgesellschaft kennenzulernen?

Ja. Und wenn ich es persönlich machen darf: Es war bei mir selbst ganz knapp und schwierig, dass ich es noch geschafft habe, in Ihre „Welt“ zu kommen. Weil auch ich ein Kind der Institutionen der Behindertenhilfe bin.

Bei mir hat mal eine Mutter angerufen, deren Tochter auch eine Behinderung hat: Ihre Tochter würde so gerne singen. Ob ich ein Angebot wüsste, wo behinderte Menschen zusammen singen können. Ich habe dann gefragt, ob sie schon mal in ihrem Wohnumfeld geguckt hat, was es da für Angebote gibt. Ein paar Wochen später hat sie sich wieder gemeldet und erzählt, dass ihre Tochter jetzt im Chor der Kirchengemeinde singt. Sie war so dankbar, weil auch sie selbst so getrichtert war: Mein Kind ist behindert und egal was es macht, es muss ein Angebot für Menschen mit Behinderungen sein.

Jetzt könnte man aber auch sagen: Aus diesen Angeboten für Menschen mit Behinderungen spricht eine gewisse Fürsorge und Rücksicht auf besondere Bedarfe. Was ist daran schlecht?

Natürlich kann man zum Beispiel sagen, dass es gut ist, Menschen, die auf unserem neoliberalen Arbeitsmarkt keine Chance haben, andere Angebote zu machen, die ihren Tag strukturieren und ihnen eine Beschäftigung geben. Aber warum macht man das an einer Behinderung fest? Da zeigt sich für mich, welches Bild unsere Gesellschaft von Menschen mit Behinderungen hat: Um diese Menschen muss man sich kümmern. Für die muss man sorgen. Und so werden Menschen mit Behinderungen dann eben auch leider sozialisiert: Dass es immer andere Menschen gibt, die wissen, was für sie richtig und gut ist und was sie zu tun haben.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die Menschen mit Behinderungen teilhaben lässt. Die ihnen Raum lässt, selber Ideen zu entwickeln, wie sie ihren Tag, ihr Leben gestalten wollen. Ich mache gar keinen Hehl daraus, dass es für viele Menschen mit Behinderungen niemals eine Chance auf unserem Arbeitsmarkt geben wird. Aber ich finde es schwierig, diese Menschen abzusondern, weil es das Bild von Behinderung in unserer Gesellschaft weiter prägt. Ziel sollte es sein, einen Arbeitsmarkt für alle zu haben.

Außerdem entstehen so Strukturen, Einrichtungen und Institutionen, die damit Geld verdienen, sich selber erhalten wollen und Plätze besetzen müssen. Und für andere entstehen einfache Lösungen. Zum Beispiel für die Arbeitsagenturen oder die Politik, die den Einrichtungen Geld gibt und das Problem los ist. Viele Menschen und Institutionen müssen sich dann keine Gedanken mehr machen, wie man Menschen mit Behinderungen an der Gesellschaft teilhaben lassen kann. Weil man ja für sie eine Parallelwelt aufgebaut hat.

Warum sorgen wir lieber für Menschen mit Behinderungen anstatt sie teilhaben zu lassen? Welche grundsätzliche Einstellung steckt da dahinter?

Unsere Gesellschaft hat immer noch einen defizitären Blick auf Menschen mit Behinderungen. Bei uns geht es immer noch darum, irgendwelche Defizite wegzubekommen. Und zwar das ganze Leben lang. Ein Kind, das nicht behindert ist, fragt man: Was kannst Du denn besonders gut? Und fördert das. Bei einem Menschen mit Behinderung schaut man, was er schlecht oder nicht kann. Und an dem doktert man dann rum. Weil er sonst der Gesellschaft nicht zuzumuten ist. Weil er andere ausbremst oder unnötig beschäftigt.

Ich denke, dass hat immer noch mit unserer jüngeren Vergangenheit zu tun. Das steckt tief in uns, dass Behinderung etwas ist, was nicht gut ist, was man vermeiden und eigentlich „ausmerzen“ muss.

Mit diesem defizitären Blick auf Menschen zündeln ja auch immer wieder rechte Kräfte in unserer Gesellschaft. Zum Beispiel die AfD, als sie sich 2018 im Bundestag in einer Anfrage nach der Zahl behinderter Menschen in Deutschland erkundigt, und dabei einen Zusammenhang zwischen Inzucht, Behinderung und Migration herstellt. Behinderung wird so als vermeidbares Übel definiert. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie als Mensch so in Frage gestellt werden?

Sprachlos. Aber daran sieht man eben auch, dass wir unsere Vergangenheit bezüglich Menschen mit Behinderungen noch nicht wirklich aufgearbeitet haben. Ich selbst bin nach wie vor hin und her gerissen, ob ich mich mit diesen Menschen auseinandersetzen soll oder ob ich sie ignorieren muss. Weil: Wo fängt man da an und wo hört man da auf? Das ist ein Menschenbild, dass grundsätzlich verachtend und demütigend ist. Ich hätte nie geglaubt, dass wir diesen Kampf in der Behindertenbewegung nochmal kämpfen müssen.

Man sieht aber auch an anderen Diskussionen, dass unsere Gesellschaft immer wieder dazu neigt, Menschen mit Behinderungen als weniger schützenswert, als weniger wichtig und bereichernd für unsere Gesellschaft zu definieren. Wie geht man zum Beispiel mit der Pränataldiagnostik um? Wie lange darf ich abtreiben, wenn das Kind vielleicht behindert ist? Das sind Fragen, die man meiner Meinung nach nur individuell beantworten kann. Dass immer wieder versucht wird, hier Pauschalantworten zu finden, finde ich erschreckend. Ich glaube nämlich, dass eine Gesellschaft Menschen braucht, die krank, behindert und anders sind, um sich überhaupt weiterentwickeln zu können.

Momentan in der Corona-Krise erleben wir an vielen Stellen eher einen Rückfall in alte Denkweisen und Rollenbilder. Zum Beispiel bei Frauen, die in der Pandemie vermehrt zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern. Wie wird mit Menschen mit Behinderungen in der Krise umgegangen?

Das macht mir große Sorgen: Ich glaube, dass wir wahnsinnige Rückschritte machen werden.

Im ersten Lockdown haben wir gesehen, wie Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen weggesperrt wurden. Während öffentlich über den Schutz von Risikogruppen diskutiert wurde, waren die Menschen in den Einrichtungen, ihren Zimmern doch schon längst isoliert, durften nicht mehr in die Werkstatt oder die Schule gehen. Und in die Familien sind keine unterstützenden Angebote mehr gekommen. Das war den Menschen gegenüber nicht böse gemeint. Aber erschreckend war, dass man anscheinend nicht in der Lage war, andere Konzepte zu entwickeln.

Dazu kommt, dass Werkstatträte, Heimbeiräte etc. bei den Entscheidungen nicht beteiligt wurden. Da habe ich große Ängste, ob die Einrichtungen von diesem Verhalten nicht einiges für die Zukunft übernehmen. Und so sehr ich mir die Digitalisierung wünsche, habe ich auch Sorge, ob nicht mancher Arbeitgeber auf die Idee kommt, zu sagen: Warum müssen Menschen mit Behinderungen überhaupt noch in Betriebe? Warum arbeiten sie nicht einfach von zu Hause? Bekomme ich eine Stelle auf dem Arbeitsmarkt nur noch, wenn ich mich bereit erkläre, sie im Homeoffice auszuüben? Damit der Arbeitgeber sich keine Gedanken zu machen braucht, wie der Arbeitsplatz vor Ort gestaltet werden muss? Und in den Werkstätten? Kommt man da vielleicht auf die Idee, dass man dort, wo man schläft, auch gleich die Kisten für die Schrauben packen kann? Müssen Menschen mit Behinderungen zum Arbeiten wirklich noch woanders hingefahren werden? Zumal wir ja riesige finanzielle Probleme bekommen werden in den nächsten Jahren. Da wird viel Geld in der Behindertenhilfe fehlen.

Sie haben das liebe Geld angesprochen. Wenn wir als Gesellschaft aushandeln, wie wir zusammenleben wollen, geht es ja immer auch um die Verteilung von Ressourcen. Ganz konkret zeigt sich das gerade bei den Themen Impfen und Triage. Wer bekommt den knappen Impfstoff? Wer das Intensivbett und den Sauerstoff?

Als Behindertenbeauftragter der Stadt München habe ich zusammen mit dem Behindertenbeirat schon im ersten Lockdown an das Ministerium, die Stadt und den Freistaat geschrieben, dass uns das Thema Triage umtreibt. Es wird bis heute beschwichtigt. Aber natürlich treibt mich die Frage um, was passiert, wenn es zu wenig Intensivbetten gibt. Und natürlich beschäftigt es mich, wenn ich die offiziellen Zahlen des RKI lese, nach denen ein großer Anteil der an Covid-19 erkrankten Menschen nicht mehr im Krankenhaus stirbt.

„Wir“ und die „Anderen“: Seit dem Beginn der Corona-Pandemie denken, reden und definieren wir uns zunehmend in dieser Art. Auf der einen Seite die Risikogruppen, auf der anderen Seite die Menschen, deren Risiko schwer zu erkranken, eher gering ist. Auf der einen Seite die Unternehmer, auf der anderen Seite die Schulkinder. Auf der einen Seite die Kulturschaffenden, auf der anderen Seite die Bundesliga. Was denken Sie: Wird unsere Gesellschaft nach der Pandemie solidarischer oder mehr gespalten sein?

Ich bin kein Prophet. Aber am Anfang der Pandemie habe ich durchaus zu denen gehört, die gesagt haben: Die Krisen stärken uns. Während der Krise habe ich dann aber feststellen müssen: Diejenigen, die solidarisch und unterstützend sind, das sind diejenigen, die es vorher auch schon waren. Diese Menschen haben meine vollste Wertschätzung und Anerkennung! Am Anfang der Pandemie hatten auch viele Angst um ihr eigenes Leben. Je mehr diese Angst abgenommen hat, desto mehr merke ich eine Entsolidarisierung. Ich kann gut verstehen, dass einem die Maßnahmen auf den Geist gehen. Aber die Entsolidarisierung sorgt mich.

Ich hoffe sehr, dass wir ein paar Erkenntnisse aus der Krise mitnehmen. Und Sachen verändern. Von vielen Problemen, die sich in der Krise verschärft zeigen, haben wir ja schon vorher gewusst. Zum Beispiel von den Rahmenbedingungen in den Gesundheits- und sozialen Berufen – der Bezahlung, der Überforderung, den Überstunden, der schlechten Vereinbarkeit mit dem Privatleben. Ich wünsche mir, dass wir uns das System und die Verteilung von Ressourcen grundlegend anschauen.

Aber Sie befürchten, dass unsere Gesellschaft froh sein wird, einfach zum Status Quo vor der Pandemie zurückkehren zu können?

Ja. Ob unsere Gesellschaft dazu bereit ist, mehr Geld in die Hand zu nehmen, um es für alle angenehmer zu machen, wage ich im Moment noch zu bezweifeln. Denn dazu müssten wir die Menschen, um die es geht, auch in unserem eigenen Umfeld, der eigenen Nachbarschaft erleben. Anstatt sie in die großen Komplexeinrichtungen hinter hohe Mauern wegzuschieben. Nur wenn ich alten, behinderten und kranken Menschen jeden Tag begegne, sie im Geschäft, im Park oder der Wirtschaft treffe, kann ich Empathie entwickeln. Und bin dann vielleicht auch eher bereit, mehr vom gesellschaftlichen Vermögen für diese Menschen abzugeben.

Die Bereitschaft der Gesellschaft, abzugeben und zu teilen, ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass Menschen mit Behinderungen auch etwas von der Gesellschaft einfordern müssen. Wo steht die Selbstbestimmt Leben Bewegung von Menschen mit Behinderungen heute?

Was wir in der Selbstbestimmt Leben Bewegung in den letzten Jahren gelernt haben – zum Beispiel am Bundesteilhabegesetz oder dem Intensivpflegegesetz – ist: Wenn wir uns um unsere Belange nicht selber kümmern, dann wird es nicht funktionieren. Die Politik wird es nicht für uns richten. Das muss die Selbstbestimmt Leben Bewegung nochmal richtig inhalieren.

Das ist eine Erkenntnis, die einem weiterhilft. Die einen vielleicht aber auch ein bisschen verletzt. Weil man sich denkt: Ja, wie oft muss ich es denn noch sagen? Andererseits sage ich immer wieder: Schaut Euch die anderen Menschenrechtsbewegungen an. Bei den Frauen haben auch nicht die Männer für deren Anliegen gekämpft. Und bei der LGBTIQ-Bewegung nicht die Heteros. Diese Menschenrechtsbewegungen sind nur dort entscheidende Schritte vorwärtsgekommen, wo sie sich selber für ihre Anliegen eingesetzt haben.

Vorhin haben wir darüber gesprochen, wie Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft sozialisiert werden. Förderlich für das eigene Selbstwertgefühl ist das sicherlich nicht. Fällt es da vielleicht auch einfach schwer, selbstbewusst aufzutreten und Rechte einzufordern?

Ja, das stimmt. Ich denke, es gibt drei Gründe, warum die Selbstbestimmt Leben Bewegung noch nicht diesen „Zug“ wie andere Menschenrechtsbewegungen entwickelt hat.

Der eine Grund ist, dass einem irgendwann die Kraft ausgeht. Viele Menschen mit Behinderungen haben einfach schon damit genügend zu tun, ihren eigenen Alltag zu organisieren. Allein aufgrund ihrer Behinderung. Zum Beispiel beatmete Menschen, blinde Menschen oder Menschen mit kognitiven Einschränkungen.

Der zweite Grund ist, dass wir Menschen mit Behinderungen uns noch nicht ausreichend untereinander solidarisieren. Wir sind eine sehr, sehr heterogene Gruppe. Das ist ein Problem, um in einer Bewegung richtig Kraft zu entwickeln. Das müssen wir besser hinkriegen und wir dürfen uns auch nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Der dritte und für mich entscheidende Grund ist: Es ist nicht lustig, behindert zu sein. Also, ich sage mal, wenn der liebe Gott die Behinderungen verteilt, wird keiner sagen: Ja, ich hebe den Finger und bin’s. Wenn Sie sich die Frauenrechtsbewegung anschauen: Da gibt es keine Frau, die sagt, sie wäre lieber ein Mann. Genauso bei der LGBTQI-Bewegung: Von denen, die sich geoutet haben, sagt keiner, er wäre lieber Hetero. Wenn Sie aber Menschen mit Behinderungen fragen, bin ich mir sicher, dass ganz, ganz viele sagen werden: Ich wäre lieber nicht behindert. Und das nimmt Kraft weg für die Bewegung. Wenn ich mich für etwas einsetzen soll, aber im Grunde meines Herzens denke: Es ist echt anstrengend auf diesem Planeten mit meinem Handicap.

Trotzdem: Wir müssen für unsere Belange selbst kämpfen.

Wie wichtig sind für diesen Kampf Rechtsinstrumente wie die UN-Behindertenrechtskonvention oder aktuelle Gesetzgebungsverfahren, zum Beispiel zum inklusiven SGB VIII?

Die UN-Behindertenrechtskonvention ist für mich ein Meilenstein. Auch wenn man sich natürlich alles viel schneller wünscht. Aber sie hat uns in die Lage versetzt, Dinge einklagen zu können. Da kommt man nicht so leicht dran vorbei. Sie erleichtert zwar nicht gleich den Alltag und ebnet nicht alles. Aber wir haben damit ein Werkzeug an der Hand, mit dem wir noch einiges bewegen können. Und auch schon bewegt haben.

Auch das SGB VIII geht in die richtige Richtung und ermöglicht Dinge. Ich selbst werde mich auch weiterhin für die inklusive Lösung im SGB VIII einsetzen. Und bin gespannt, was am Schluss von der Inklusion übrigbleibt.

Das Interview führte Alix Veh, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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Themen Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Zivilgesellschaft und Demokratie Demokratie stärken Tue, 26 Jan 2021 17:45:26 +0100
Ich wünsche mir mehr Akzeptanz https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=01&tx_ttnews%5Bday%5D=25&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23342&cHash=9d4d184b34546d9e41808b1818898620

]]> ]]> Was macht Sie besonders? Was unterscheidet sie von anderen Menschen?
Ich bin sehr ehrgeizig und habe einen starken Willen.

Es gibt Menschen in unserer Gesellschaft, die denken: Wenn jemand anders ist als ich, dann ist er auch weniger wert als ich. Zum Beispiel, wenn jemand psychisch krank ist oder eine Behinderung hat. Hat jemand schon mal so etwas zu Ihnen gesagt oder sich Ihnen gegenüber so verhalten?
Wenn ich erzähle, dass ich in der wabe arbeite, dann fragen mich manche entgeistert: „Da arbeitest du? Kommst du da zurecht?“ Ich gehe offen damit um, dass ich psychisch erkrankt bin. Manche behandeln mich dann als ob ich ein „Dummerla“ wäre. „Du musst aber gehörig einen an der Klatsche haben, dass du da arbeitest.“

Wie fühlen Sie sich, wenn jemand so etwas zu Ihnen sagt?
Wenn ich so etwas höre, dann bin ich etwas verletzt. Ich fühle mich minderwertig, vielleicht auch weil ich eine Borderline-Störung habe. Was soll das? Ich arbeite und sitze nicht faul rum. Im Großen und Ganzen habe ich ein dickes Fell, aber trotzdem fühle ich mich bei solchen Äußerungen nicht gut. Ich kann mich gut wehren, aber es bleibt komisch. Und obwohl ich offen mit meiner Erkrankung umgehe, bekomme ich so eine blöde Resonanz.

Was denken Sie: Warum denken und sagen manche Menschen solche Dinge zu Ihnen oder verhalten sich Ihnen gegenüber so?
Ich denke, dass die Menschen es nicht anders wissen. Sie sind voller Vorurteile gegen Lesben oder Menschen mit psychischen Krankheiten. Aber das ist deren Problem und nicht meines. Es ist nicht wert, sich darüber zu ärgern oder traurig zu sein. Aber trotzdem trifft es einen manchmal.

Wie sollten sich diese Menschen Ihnen gegenüber verhalten?
Sie sollten Verständnis haben. Manche kennen mich ja, die wissen ja, dass ich nicht mit einem Messer auf sie losgehe. Sie sollten vor ihrer eigenen Haustür kehren und die Leute in Ruhe lassen. Es ist doch egal, ob jemand schwul, schwarz, weiß, lesbisch oder trans ist. Alle sollten ein bisschen menschlicher sein, dann wäre die Welt besser. Ich wünsche mir mehr Akzeptanz.


Gerade in den sozialen Medien ist demokratie- und menschenfeindlicher Hass stark verbreitet. Im Rahmen des Projekts „Demokratie stärken“ setzt der Paritätische in Bayern diesem Trend etwas entgegen, indem er Menschen zu Wort kommen lässt, die Hass und Diskriminierung erleben, und indem er sich klar und vernehmbar positioniert für eine offene, vielfältige und tolerante Gesellschaft, in der alle Menschen die gleichen Rechte haben, unabhängig von zum Beispiel deren Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung.

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Themen Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Zivilgesellschaft und Demokratie Demokratie stärken Mon, 25 Jan 2021 15:21:20 +0100
Breite Allianz fordert Anhebung der Regelsätze und weitere Soforthilfen für arme Menschen https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=01&tx_ttnews%5Bday%5D=25&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23337&cHash=9b9e3d182f4ce9ca36af197632a7c91b

]]> Spitzenvertreter*innen von 36 bundesweiten Gewerkschaften und Verbänden fordern in einem gemeinsamen Aufruf die zügige Anhebung der Regelsätze in Hartz IV und Altersgrundsicherung auf mindestens 600 Euro sowie sofortige zusätzliche Corona-Hilfen für arme Menschen. Das Spektrum der Unterzeichnenden des Aufrufs “Soforthilfen für die Armen - jetzt!!” reicht von Gewerkschaften, Sozial- und Wohlfahrtsverbänden, über Kultur, Wohnen, Umwelt bis zu Selbsthilfe und Gesundheit. Eine derart breite zivilgesellschaftliche Allianz für eine bedarfsgerechte, armutsfeste Anpassung der Regelsätze auf ein konkretes Niveau gab es noch nie. Die bisherige politische Unterlassung, arme Menschen durch eine auskömmliche Grundsicherung und effektive Corona-Hilfen zu entlasten, komme einem “armutspolitischen Offenbarungseid” gleich, so die Kritik.

“Bereits im ersten Lockdown 2020 wurden für Bezieher*innen von Hartz IV und Altersgrundsicherung keinerlei zusätzlichen Hilfen zur Verfügung gestellt, obwohl der zusätzliche Bedarf durch wegfallende Schulessen, geschlossene Tafeln, steigende Lebenshaltungskosten und insbesondere auch für Desinfektionsmittel und Masken offensichtlich gegeben war. Laptops für das Homeschooling wurden versprochen, auf die die Kinder vielfach noch heute warten. Umso unverständlicher ist dies, als zugleich hohe Milliardenbeträge zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zur Verfügung gestellt wurden”, heißt es in dem Aufruf. Da sich die Hoffnung auf ein Ende der Corona-Krise bis Jahresende 2020 nicht erfüllt habe und nicht absehbar sei, wie lange sich die anhaltende Pandemie noch hinziehe, sei akuter Handlungsbedarf gegeben.

Die jüngste Ankündigung von Hubertus Heil, endlich einen Zuschuss für coronabedingte Zusatz-Belastungen auf den Weg zu bringen, sei ein überfälliges und wichtiges Signal, doch reiche angesichts der bitteren Not der Betroffenen bei weitem nicht aus. Der fortgesetzte Lockdown und die bereits beschlossenen sowie die leider noch zu erwartenden Einschränkungen belasten einkommensarme Haushalte erheblich, zusätzlich zu den schon jetzt seit Monaten zu tragenden Mehrbelastungen. Die zum Januar 2021 vorgenommene Anpassung der Regelsätze habe dabei keinerlei Abhilfe gebracht. “Getrogen hat die Hoffnung, dass die Ärmsten spätestens mit der für 2021 anstehenden Anpassung der Regelsätze endlich entlastet würden. Im Gegenteil: Entgegen dem Rat und der Expertise aller Fachleute und von Gewerkschaften und Sozialverbänden erfolgte im Januar eine Erhöhung um lediglich 14 Euro auf 446 Euro, was einem armutspolitischen Offenbarungseid gleichkam”, heißt es in dem Aufruf weiter.

Die Unterzeichnenden appellieren an die Bundesregierung, endlich armutspolitisch aktiv zu werden. Sie fordern für Bezieher*innen von Hartz IV und Grundsicherung für Alte und Erwerbsgeminderte die bedarfsgerechte Anhebung der Regelsätze auf mindestens 600 Euro sowie für die Dauer der Krise einen pauschalen Mehrbedarfszuschlag von 100 Euro. Darüber hinaus sei die Finanzierung der Anschaffung eines internetfähigen Computers sowie notwendiger Software für arme Schüler*innen als einmalige Leistung sicherzustellen. Schließlich sei eine Erneuerung der Miet- und Kreditmoratorien dringend notwendig, um Mieter*innen bei andauernder Pandemie vor Wohnungsverlust zu schützen.

Der Aufruf “Soforthilfen für die Armen - jetzt!! Solidarisch für sozialen Zusammenhalt und gegen die Krise” ist unterzeichnet von:

Marlis Tepe, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft / Frank Werneke, ver.di - Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft / Prof. Dr. Jens Schubert, AWO Bundesverband e.V. / Dr. Ulrich Schneider, Der Paritätische Wohlfahrtsverband Gesamtverband e.V. / Maria Loheide, Diakonie Deutschland - Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. / Adolf Bauer, Sozialverband Deutschland e.V. / Verena Bentele, Sozialverband VdK e.V. / Susanna Karawanskij, Volkssolidarität Bundesverband e.V. / Aron Schuster, Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. / Heinz Hilgers, Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V. / Holger Hofmann, Deutsches Kinderhilfswerk e.V. / Olaf Bandt, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland/ Friends of the Earth Germany / Olaf Zimmermann, Deutscher Kulturrat e.V. / Dr. Melanie Weber-Moritz, Deutscher Mieterbund e.V. / Jochen Brühl, Tafel Deutschland e.V. / Martin Rücker, foodwatch e.V. / Georg Grohmann, BAG Streetwork/ Mobile Jugendarbeit e.V. / Benjamin Andrae, Bundesverband anthroposophisches Sozialwesen e.V. / Birgit Görres, Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V. / Dr. Klaus-Dieter Warz, DEUTSCHE DIABETES FÖDERATION e.V. / Wolfgang Schreck und Oliver Kunz, Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) e.V. / Christel Achberger, Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. / Herbert Temmes, Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. / Prof. Christel Bienstein, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe - DBfK Bundesverband e.V. / Gunter Erbe, Deutscher Wohlfahrtsverband für Gehör- und Sprachgeschädigte GSW e.V. / Georg Roth, Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS e.V.) / Uwe Weppler, PARITÄTisches Bildungswerk Bundesverband e.V. / Christian Molke, ADRA Deutschland e.V. / Andreas Luttmer-Bensmann, Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) / Uwe Hiksch, NaturFreunde Deutschlands / Volkmar Proschwitz, Advent Wohlfahrtswerk e.V. / Carmen Thiele, PFAD Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien e.V. / Helena Steinhaus, Sanktionsfrei e.V. / Annegret Gabelin, Sozialwerk des dfb (Dachverband) e.V. / Heiko Frost, Verband Deutscher Schullandheime e.V. / Britta Altenkamp, Zukunftsforum Familie e.V.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands: "Wir erwarten von dieser Bundesregierung ohne wenn und aber und ohne weitere Ausflüchte, dass sie endlich auch etwas für die Armen tut, das wirklich Substanz hat. Arm sein ist teuer, Symbolpolitik können wir uns nicht mehr leisten.”

Den Volltext des Aufrufs sowie eine Auswahl weiterer Zitate der Unterzeichnenden finden Sie hier: https://www.der-paritaetische.de/presse/aufruf-soforthilfen-fuer-arme/

Gwendolyn Stilling

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Presse Corona Soziale Teilhabe und Armut Mon, 25 Jan 2021 09:50:05 +0100
Corona-Virus: Der Paritätische lehnt eine Impfpflicht ab https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=01&tx_ttnews%5Bday%5D=15&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23249&cHash=0cd86bace61b0d416207177ba24e5633

]]> Die aktuelle Debatte um eine Corona-Impfpflicht für Pflegepersonal kritisiert der Paritätische Wohlfahrtsverband als populistisch und kontraproduktiv. Notwendig sei vielmehr eine Ausweitung von Aufklärungs-, Beratungs- und Informationsangeboten, um das Vertrauen in die zugelassenen Impfstoffe gegen das Corona-Virus in der Bevölkerung insgesamt zu steigern. Der Verband appelliert darüber hinaus an die Politik, bestehende Hürden abzubauen, die es in der Praxis noch beim Zugang zur Impfung gibt. Eine allgemeine Impfpflicht sowie eine Impfpflicht für einzelne Bevölkerungs- oder Berufsgruppen lehnt der Paritätische ab.

“Wir müssen Vertrauen schaffen, Hürden abbauen und Informationsangebote ausbauen”, so der Gesundheitswissenschaftler und Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbands Prof. Dr. Rolf Rosenbrock. Nach dem Start der Impfungen gegen das Coronavirus in Deutschland gebe es bei der Umsetzung noch erheblichen organisatorischen Verbesserungsbedarf, insgesamt wollen mehr Menschen geimpft werden, als dies derzeit möglich ist und der allgemeine Informationsbedarf sei enorm. Um mittel- und langfristig einen Gemeinschaftsschutz in der Bevölkerung zu erreichen, sei eine anhaltend hohe Impfbereitschaft nötig und dafür brauche es Vertrauen. “Vertrauen lässt sich nicht erzwingen, sondern Vertrauen gilt es zu schaffen und zu erarbeiten. Wir benötigen ein gesellschaftliches Klima, indem Personen mit Bedenken gegen eine Impfung ernst genommen werden und gleichzeitig motiviert werden, Beratungs- und Informationsangebote zu nutzen. Der Schlüssel liegt in Aufklärung”, so Rosenbrock. Die Risikokommunikation der Bundesregierung sei vor diesem Hintergrund bisher “mehr als unglücklich”. Neben einer Ausweitung von Informationsangeboten seien vor allem auch zielgruppengerechte wie mehrsprachige Angebote erforderlich. Zudem müsse ein barrierefreier Zugang zu Informationsangeboten und Impfversorgung sichergestellt werden, fordert der Verband.

Überhaupt kein Verständnis zeigt der Paritätische Wohlfahrtsverband, unter dessen Dach rund 2000 Pflegeeinrichtungen und ambulante Pflegedienste organisiert sind, für Vorwürfe von Politiker*innen gegenüber Beschäftigten in der Pflege, die angeblich zu geringe Impfbereitschaft zeigten. “Es ist unerhört und zutiefst unanständig, wenn ausgerechnet diejenigen, die seit Monaten an den Grenzen ihrer Kräfte für unsere Gemeinschaft außerordentliches leisten, jetzt an den Pranger gestellt werden, um von politischen Versäumnissen abzulenken”, kritisiert Rolf Rosenbrock. “Man kann es nur absurd nennen, wenn ausgerechnet den Menschen mangelndes Verantwortungsbewusstsein unterstellt wird, die sich Tag für Tag einem besonderen Infektionsrisiko aussetzen, um für andere pflege- und hilfsbedürftige Menschen da zu sein.”

Fakt sei, dass der Sachstand zu den Impfungen des Personals in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen über alle Bundesländer hinweg sehr heterogen ist. Vielfach seien die organisatorischen Hürden noch extrem hoch. So können Mitarbeiter*innen ambulanter Pflegedienste beispielsweise bisher nur in Impfzentren nach Einzelterminvergabe geimpft werden. In vielen Impfzentren gibt es zudem keine Priorisierung für das Gesundheitspersonal oder auch Sammeltermine für Teile der Belegschaft, was bei vorhandener Bereitschaft eine schnelle Impfung deutlich erleichtern würde.

Gwendolyn Stilling

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Presse Fachbereich Ältere Menschen Fachbereich Menschen mit Behinderung Ältere Menschen Gesundheit Corona Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Pflege Fri, 15 Jan 2021 14:40:12 +0100
Sozial- und Umweltverbände fordern gerechte Verteilung der CO2-Kosten im Mietsektor https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=01&tx_ttnews%5Bday%5D=15&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23250&cHash=86a7178c0f1030d9703d8149448a5703

]]> Mit der Einführung des CO2-Preises zum 1. Januar 2021 werden im Gebäudesektor die Kosten zu 100 Prozent an die Mieterinnen und Mieter durchgereicht. Dadurch verpufft der Effekt der CO2-Bepreisung im Mietwohnbereich völlig. Vermieter werden nicht zum Austausch ihrer Heizanlagen angehalten, da sie die Kosten vollständig umlegen können. Mieterinnen und Mieter stehen trotz Corona-Krise und wirtschaftlicher Folgen vor steigenden Heizkosten, die allein dieses Jahr in einer durchschnittlichen Wohnung bis zu 125 Euro betragen können.

Die Bundesregierung hatte bereits im 2019 verabschiedeten Klimaschutzprogramm angekündigt, Änderungen im Mietrecht zu prüfen, um die Umlagefähigkeit der CO2-Bepreisung zu begrenzen. Dazu liegen seit September 2020 von den SPD-geführten Bundesministerien für Umwelt, Justiz und Finanzen Vorschläge vor, die vom Koalitionspartner ignoriert wurden. Laut Medienberichten soll jetzt von den beteiligten Ministerien ein Fahrplan erstellt werden, um Lösungen zur Verteilung der CO2-Kosten zu erarbeiten. Dass dabei die Effizienzklassen des Gebäudes stärker berücksichtigt werden sollen, ist zwar grundsätzlich zu begrüßen. Aufgrund der fehlenden Vergleichbarkeit und rechtlichen Belastbarkeit der unterschiedlichen Energieausweis-Typen, ist aber eine praktische und vor allem schnelle Umsetzung dieser Lösung nicht zu erwarten.

Der Deutsche Mieterbund, der Paritätische Gesamtverband, die Deutsche Umwelthilfe und der Sozialverband Deutschland fordern daher eindringlich eine sozial gerechte und klimapolitisch wirksame Verteilung der Kosten. Die Umlage des CO2-Preises auf Mieterinnen und Mieter, die am 01.01.2021 begonnen hat, muss schnellstmöglich unterbunden werden.

Dafür sind folgende Gründe ausschlaggebend:

  • Die verschiedenen Energieausweis-Typen (Verbrauchs- und Bedarfsausweis, alte und neue Energieausweise) führen zu nicht vergleichbaren Effizienzklassen. Es ist noch eine Vielzahl älterer Ausweise im Umlauf, auf denen die Effizienzklasse für Wohngebäude fehlt. Zudem sind die Angaben dieser Ausweise mit heutigen energetischen Standards nicht vergleichbar. Die Zuordnung der Vergleichswerte ist nur auf Ausweisen realistisch, die nach dem 1. Mai 2014 ausgestellt wurden.
  • Der CO2-Preis dient der Förderung von erneuerbaren Energien im Wärmesektor. Fossile Brennstoffe kommen sowohl in sanierten Gebäuden der Effizienzklasse B als auch im Neubau zum Einsatz. Eine vollständige Befreiung des Vermieters bzw. Eigentümers von den Kosten der CO2-Bepreisung ist daher nicht sachgerecht.
  • Der CO2-Preis trifft einkommensarme Mieterinnen und Mieter überproportional stark, da diese häufiger in energetisch schlechten Gebäuden leben. Dort sind die Energiekosten im Schnitt doppelt so hoch wie in einem sanierten Haus. Mieterinnen und Mieter in diesen Gebäuden haben vielerorts keinen Spielraum durch Verhaltensänderungen den CO2-Preis auszugleichen. Die Mehrkosten durch den CO2-Preis betragen in einer unsanierten Wohnung allein dieses Jahr bis zu 125 Euro und steigen bis 2025 auf bis zu 280 Euro pro Jahr.
  • Vermieter und Eigentümer dürfen auch bei sanierten Gebäuden nicht aus ihrer Pflicht entlassen werden, das Gebäude optimal zu betreiben und die Mieter beim Energiesparen zu unterstützen. Wenn der CO2-Preis allein von den Mieterinnen und Mietern getragen werden muss, wird bei den Vermieterinnen und Vermietern noch nicht einmal ein Anreiz geschaffen, geringinvestive Maßnahmen zur Betriebsoptimierung umzusetzen. Zudem müssen Mieterinnen und Mieter durch eine transparente und nachvollziehbare Heizkostenabrechnung dabei unterstützt werden, ihr Nutzerverhalten entsprechend anzupassen, soweit dies möglich ist. Die Novellierung der Heizkostenverordnung darf nicht weiter verzögert werden.
  • Gerade in den Städten und Ballungszentren sind die Belastungsgrenzen der Mieterinnen und Mieter erreicht, beziehungsweise in den unteren Einkommensgruppen bereits deutlich überschritten. Mieterinnen und Mieter profitieren nicht automatisch von einer gestiegenen Pendlerpauschale oder vom Wohngeld. Insbesondere im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ist jegliche Kostensteigerung für einkommensarme Mieterhaushalte zu vermeiden und alle Mieterinnen und Mieter müssen vollständig von der CO2-Bepreisung entlastet werden.
  • Die Höhe des zu zahlenden CO2-Preises wird entscheidend durch den Energieträger und den Energieverbrauch des Gebäudes bestimmt, der wiederum maßgeblich vom energetischen Zustand des Gebäudes abhängt. Mieterinnen und Mieter haben keinerlei Einfluss auf die Wahl des Heizungssystems und den energetischen Zustand des Gebäudes.


Eine Änderung der Umlagefähigkeit des CO2-Preises ist unmittelbar und einfach durch geringfügige Anpassungen in der Heizkosten- und der Betriebskostenverordnung umsetzbar.

Schnelles Handeln ist dringend geboten!

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Presse Soziale Teilhabe und Armut Fri, 15 Jan 2021 12:34:00 +0100
Paritätischer begrüßt Konzept der Grünen zu Hartz IV https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=01&tx_ttnews%5Bday%5D=08&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23236&cHash=6ea507dd422c8395117d5687f6b13cb4

]]> Als „großen Wurf“ begrüßt der Paritätische Wohlfahrtsverband das heute von der Grünen Bundestagsfraktion vorgestellte Konzept einer Garantiesicherung für einkommensarme Menschen. Auch wenn man über Details diskutieren könne, sei das Grüne Modell eine glaubhafte politische Ansage für einer Überwindung von Hartz IV.

„Ein jeder Vorschlag für eine Reform der Grundsicherung muss sich daran messen lassen, ob er tatsächlich Armut beseitigt sowie die Misstrauenskultur und das negative Menschenbild in Hartz beendet“, macht Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider die Position des Verbandes deutlich. Eine  sehr deutliche und am wirklichen Bedarf orientierte Erhöhung der Regelleistungen, die Abschaffung der Sanktionen und die Zurücknahme überzogener Kontrollen seien die wesentlichen Prüfkriterien für einen Vorschlag, der sich Reform nennen möchte. Das Grüne Konzept für eine Garantiesicherung werde diesen Kriterien gerecht. „Der Vorschlag der Grünen eröffnet im Gegensatz zu so manchem Auf-der-Stelle-Treten und politischem Klein-Klein echte Reformperspektive“, betont Schneider.

Ausdrücklich unterstütze der Paritätische Gesamtverband die Erhöhung der Regelsätze in Hartz IV auf über 600 Euro, wie es die Grünen vorsehen. „Alles, was darunter bleibt, beseitigt keine Armut, sondern zementiert sie“, klagt Schneider. Dies betreffe ausdrücklich auch die letzte Erhöhung der Regelsätze um lediglich 14 auf 446 Euro, die einem armutspolitischen Offenbarungseid der Bundesregierung gleichkäme.  

Auf „uneingeschränkte Zustimmung“ stößt ebenfalls die geplante Abschaffung der Sanktionen in Hartz IV, die der Verband als grundgesetzwidrig und „völlig überholte Rohrstockpädagogik“ kritisiert.  „Was die Sanktionen in Hartz IV anbelangt, braucht es einen ganz klaren Schnitt ohne Hintertüren und Kompromisse“, betont Schneider. „Anders lässt sich das misanthropische Menschenbild, das Hartz IV prägt, nicht überwinden“.  Auch Hartz IV-Bezieher hätten ein Anrecht auf Bürgerfreundlichkeit, anstatt permanentem Misstrauen und Verdächtigungen ausgesetzt zu sein.

Insofern sei auch die Abschaffung der aufwendigen, aber meist völlig sinnlosen Vermögensprüfung nur zu unterstützen. Eine Selbstauskunft, wie sie die Grünen vorschlagen, reiche bei Menschen, die in aller Regel ohnehin kaum Erspartes hätten, völlig aus. Die Anhebung der Vermögensfreigrenze auf 60.000 Euro sei in jedem Falle beizubehalten.


Philipp Meinert

Presse und Redaktion

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Presse Soziale Teilhabe und Armut Fri, 08 Jan 2021 12:26:38 +0100
Einkommensarme Familien im Lockdown nicht allein lassen https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2021&tx_ttnews%5Bmonth%5D=01&tx_ttnews%5Bday%5D=05&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23230&cHash=fd2cbbf349b74baaf7d1ce5f4d8d27f8

]]> Angesichts der geplanten Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns fordert der Paritätische Gesamtverband Sofortmaßnahmen des Bundes zur Unterstützung einkommensarmer Familien. Konkret fordert der Paritätische ein Sofortprogramm zur Unterstützung von einkommensschwachen Haushalten durch eine sofortige Erhöhung von Grundsicherungsleistungen um 100 Euro monatlich, die Finanzierung von schulisch notwendigen Notebooks durch die Jobcenter und eine Neuauflage des bereits letzten Juni ausgelaufenen Moratoriums bei Mietschulden.

"Die Bundesregierung hat es in den vergangenen Monaten versäumt, dafür zu sorgen, dass einkommensarme Haushalte in der Krise nicht noch weiter abgehängt werden", kritisierte der Hautgeschäftsführer des Paritätischen, Ulrich Schneider. "Bei all den Milliarden, die bisher zur Bewältigung der Corona-Krise ausgegeben wurden, findet sich kaum ein Cent für Menschen in Hartz IV oder Altersgrundsicherung. Wir dürfen die Ärmsten nicht länger mit gestiegenen Ausgaben für Schutzmaßnahmen und weggefallenen Hilfsangeboten aufgrund von Einrichtungsschließungen alleine lassen. Es ist vordringliche Aufgabe der Politik, in dieser Pandemie die Gesellschaft zusammenzuhalten", appellierte Schneider.

Da die Ausstattung von Kindern aus einkommensarmen Familien mit Notebooks und anderen digitalen Lernmitteln noch immer nicht gesichert sei, müssten entsprechende Ausgaben für alle Bezugsberechtigten von Bildungs- und Teilhabeleistungen durch die Jobcenter übernommen werden. Um den unverändert hohen Bedarf an an Hygiene- und Schutzartikeln sicherzustellen und wegfallende Hilfen, etwa Schulmittagessen, unbürokratisch kompensieren zu helfen, seien die Regelleistungen in der Grundsicherung in der Pandemie um monatlich 100 Euro pro Person zu erhöhen.

Darüber müsse das bereits im Juni letzten Jahres ausgelaufene Kündigungs- und Kreditmoratorium für Mieterinnen und Mieter erneuert werden. "Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, dass Menschen aufgrund der andauernden Einkommenseinbußen das Dach über dem Kopf verlieren oder aufgrund einer Verschuldung ihre Strom- oder Wasserversorgung verlieren", betonte Ulrich Schneider. Arbeitsagenturen, Jobcenter und Grundsicherungsträger müssten darüber hinaus flächendeckend persönliche Beratungsangebote bereitstellen, da die bestehenden digitalen und telefonischen Angebote eine zu hohe Hürde für viele unterstützungsbedürftige Menschen, etwa Wohnungslose, darstellten.

Der Verband wies erneut darauf hin, dass die Leistungen der Grundsicherung schon bislang viel zu niedrig bemessen gewesen seien. Mit den pandemiebedingten Mehrausgaben, die durch die viel zu geringe Regelsatzerhöhung zu Jahresbeginn, nicht annähernd ausgeglichen worden seien, habe sich die Not einkommensarmer Familien noch vergrößert. Für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren seien die Leistungen beispielsweise lediglich um einen Euro monatlich erhöht worden. "An grundlegenden Bildungs- und Teilhabeleistungen zu sparen, können wir uns nicht leisten", betonte der Verband.

Philipp Meinert

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Presse Fachbereich Frauen / Familie / Geschlechterpolitik Fachbereich Kinder und Jugend / Bildung Bildung Familie Kinder und Jugend Tue, 05 Jan 2021 16:05:19 +0100
Presseinfo: Stand der Aufarbeitung https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=12&tx_ttnews%5Bday%5D=18&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23196&cHash=287bfc18999f45678b17699b66a51dc6

]]> Der Paritätische in Bayern hat vier unabhängige Expert*innen gewonnen, die ihn bei der Aufarbeitung von Fällen schwerer sexualisierter Gewalt in einem ehemaligen Kinderheim in damaliger Trägerschaft des Paritätischen in Bayern in Feldafing beraten. Sie werden zugleich dem noch zu gründenden Beirat angehören, der den Verband während des gesamten Aufarbeitungsprozesses begleiten soll. Diese Expert*innen sind:

  • Dr. Barbara Horten, Internationale Kriminologie (M.A.), Soziologie/Erziehungs-wissenschaft (B.Sc.), Institut für Kriminologie, Universität Heidelberg
  • Prof. Dr. Heinz Kindler, Dipl. Psychologe, Deutsches Jugendinstitut München, Leiter der Fachgruppe 3 "Familienhilfe und Kinderschutz"
  • Ulrike Leimig, Dipl. Soz.-Päd. (FH), Mediatorin (DGM), Fachstelle für Täter-Opfer-Ausgleich der Nothilfe Birgitta Wolf e.V. Murnau
  • Prof. Dr. jur. Susanne Nothhafft, Professorin für Recht in der Sozialen Arbeit, Katholische Stiftungshochschule München

Der Verband folgt den Empfehlungen der Expert*innen, eine unabhängige Archivrecherche in Auftrag zu geben. Diese hat das Ziel, bereits vorhandene Dokumente im Hinblick auf Fälle von sexualisierter Gewalt im ehemaligen Kinderheim in Feldafing zu sichten. U.a. auf der Basis dieser Rechercheergebnisse wird der Beirat dann einen umfassenden Aufarbeitungsauftrag formulieren und Empfehlungen für das geplante unabhängige, externe Aufarbeitungsteam abgeben. Der Verband bemüht sich auch intensiv um die wichtige direkte Beteiligung Betroffener in einer für sie passenden Form, um ihre Expertise als Betroffene des erlittenen Unrechts und ihre Interessen bei der Gestaltung des Aufarbeitungsprozesses einzubeziehen.

Parallel zu den nächsten Schritten im Aufarbeitungsprozess bietet der Paritätische in Bayern den Betroffenen finanzielle Unterstützung an, z.B. für die Übernahme von Therapiekosten. Auf Basis der Aufarbeitungsergebnisse werden dann weitere Schritte zur Anerkennung und Entschädigung der erlittenen sexualisierten Gewalt getroffen. Finanzielle Leistungen sind dabei ausdrücklich eingeschlossen.

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Presse Aufarbeitung Aus dem Landesverband Fri, 18 Dec 2020 09:30:00 +0100
Brandbrief an Bundesgesundheitsminister https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=12&tx_ttnews%5Bday%5D=16&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23180&cHash=6707a67927fb7ef7087152cebdc62b5a

]]> In einem Brandbrief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn fordert der Paritätische Wohlfahrtsverband externe personelle Unterstützung für Pflegeheime und Pflegedienste in der Corona-Pandemie. In der aktuellen Ausnahmesituation sei eine “nationale Kraftanstrengung” nötig. Die neu beschlossene verpflichtende Testung mehrmals pro Woche für Pflegepersonal sei nur verlässlich umzusetzen, wenn externes Personal, wie beispielsweise Mitarbeitende des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen (MDK) oder Bundeswehrangehörige herangezogen werden, mahnt der Verband.

Der Paritätische begrüßt die Verpflichtung und Klarstellung zur Testung in Alten- und Pflegeeinrichtungen vor dem Hintergrund des aktuellen Infektionsgeschehens als absolut nachvollziehbar, mahnt jedoch die Einrichtungen und Dienste in dieser schwierigen Lage nicht alleine zu lassen. “Jeder fünfte in Pflegeheimen an COVID-19 Erkrankte stirbt. Die Lage ist also dramatisch. Pflegende arbeiten nach über neun Monaten Pandemie am Limit. Sie können die anstehenden Aufgaben bei den Testungen vielerorts nicht mehr alleine bewältigen. Wenn der Infektionsschutz der vulnerablen Gruppen in Pflegeeinrichtungen und -diensten durch Tests als eines der obersten Ziele weiter gestärkt werden soll, geht dies nur mit Hilfe von Außen. Dies gilt umso mehr in der anstehenden Weihnachtszeit, wenn wir beispielsweise mit mehr Tests von Besucher*innen etwas mehr Sicherheit geben wollen”, heißt es in dem Schreiben von Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, unter dessen Dach rund 2000 Pflegeeinrichtungen und Dienste organisiert sind. “Angesichts der dramatischen Situation appellieren wir an Sie Herr Bundesminister, Pflegebedürftige und die sie versorgenden und pflegenden Dienste und Heime nicht alleine zu lassen, sondern bitten Sie nachdrücklich darum, sich mit aller Kraft für tatkräftige Unterstützung der Einrichtungen und Dienste einzusetzen.”

Der Paritätische fordert die Unterstützung von Mitarbeitenden des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen (MDK), sofern diese nicht andernorts im Einsatz sind. “Ein MDK-Mitarbeitender, der bei den Einrichtungen und Diensten, die es am dringendsten brauchen, Mitarbeitende und Besucher*innen testet, würde schon viel bringen”, so Schneider. Darüber hinaus brauche es eine gezielte Kampagne, um Menschen mit pflegerischer Ausbildung aus anderen Bereichen als Unterstützung anzusprechen. Dabei müsse gesetzlich geregelt sein, dass Arbeitgeber ihre Beschäftigten auch für diese Aufgabe freistellen müssen. Und schließlich könnten aus Sicht des Wohlfahrtsverbandes auch Bundeswehrangehörige nicht nur in Gesundheitsämtern, sondern auch in Pflegeeinrichtungen aushelfen.

Schließlich appelliert der Verband an die Politik, sich klar vor das Pflegepersonal zu stellen. “Wir alle wissen, dass trotz gewissenhafter Umsetzung der Schutz- und Hygienekonzepte ein Restrisiko bleibt. Eine 100prozentige Sicherheit gibt es leider nicht. Vor diesem Hintergrund haben wir auch keinerlei Verständnis dafür, dass Pflegekräfte und Einrichtungsleitungen bei auftretenden Covid-Infektionen sich mehr und mehr pauschalen Anschuldigungen der Fahrlässigkeit oder Unfähigkeit ausgesetzt sehen.”


Gwendolyn Stilling

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Presse Fachbereich Ältere Menschen Fachbereich Menschen mit Behinderung Ältere Menschen Corona Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Pflege Wed, 16 Dec 2020 11:31:17 +0100
Inklusion statt Einsamkeit: Teilhabebericht zur Situation von Menschen mit Behinderung https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=12&tx_ttnews%5Bday%5D=03&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23111&cHash=565b771495b03365b9e0ffd0f0171697

]]> Laut dem aktuellen Teilhabebericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes bestehen in fast allen Lebensbereichen weiterhin erhebliche Barrieren für Menschen mit Behinderung, so dass von gleichberechtigter Teilhabe keine Rede sein kann. Bereits vor der Corona-Pandemie sei mehr als jeder dritte Mensch mit Beeinträchtigung oder Schwerbehinderung (38,8 Prozent) von Einsamkeit betroffen gewesen, während weniger als jeder sechste Mensch ohne Beeinträchtigungen (15,8 Prozent) angab, oft oder eher oft einsam zu sein. Auch leben Menschen mit Behinderung überproportional häufig in Armut. Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung mahnt der Paritätische, sich auf das Ziel einer inklusiven Gesellschaft zu besinnen, die alle mitnimmt und niemanden ausgrenzt, und formuliert konkrete Forderungen an die Politik.

„Unsere Gesellschaft ist noch immer von viel zu vielen Barrieren geprägt, die einer umfassenden Inklusion buchstäblich im Wege stehen. Diese Barrieren müssen wir nicht nur identifizieren, wir müssen sie benennen und vor allem müssen wir sie beseitigen“, so Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbands. Schwerpunkt der regelmäßig erscheinenden Studie ist in diesem Jahr die Lebenssituation von Frauen und Männern mit Beeinträchtigungen zwischen 18 und 49 Jahren. Viele der Menschen in dieser Altersgruppe sind von Geburt oder Jugend an beeinträchtigt.

Der Verband weist darauf hin, dass sich durch die Covid-19-Pandemie Barrieren und Ausgrenzung noch einmal verschärft haben. “Corona geht für Menschen mit Behinderung noch mehr als für andere mit neuen Hürden und vielfach sozialer Isolation und Einsamkeit einher. In vielen Bereichen beobachten wir zudem einen Rückfall in überwunden geglaubte Handlungs- und Rollenmuster: Das Selbstbestimmungsrecht von Menschen in Einrichtungen wurde früh und weitgehend eingeschränkt. Es ist bestürzend, wie wenig alle Bekenntnisse zur Inklusion wert sind, wenn es hart auf hart kommt", kritisiert Rosenbrock.

Der Paritätische setzt sich dafür ein, dass Einsamkeit vorgebeugt und bekämpft wird – in allen Altersgruppen. Drei Elemente seien dabei von besonderer Bedeutung: eine Sozial- und Beschäftigungspolitik, die Armut verhindert und Teilhabe ermöglicht, die Förderung von Mobilität durch Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen und eine Verkehrsinfrastruktur, die auch im ländlichen Raum Mobilität gewährleistet, und soziale Orte und Infrastruktur, bei deren Nutzung sich Menschen begegnen können. Leitschnur müssten dabei stets Selbstbestimmung, Wunsch- und Wahlrecht sein.

Für den Paritätischen Teilhabebericht 2020 zu Lebenslagen von Frauen und Männern mit Beeinträchtigungen im frühen und mittleren Erwachsenenalter haben die Expert*innen der Paritätischen Forschungsstelle auf Befragungsdaten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) zurückgegriffen (Berichtsjahr: 2018). Der Bericht ist entstanden im Rahmen des Projektes „Teilhabeforschung: Inklusion wirksam gestalten“, unterstützt durch die Aktion Mensch Stiftung. Die Arbeit im Projekt wird durch einen Beirat mit Vertreter*innen von Betroffenenorganisationen, Wissenschaft, Bundesregierung und der Aktion Mensch Stiftung begleitet.

Den Bericht finden Sie hier: https://www.der-paritaetische.de/publikationen/der-paritaetische-teilhabebericht-2020-teilhabe-und-geschlecht-im-fruehen-und-mittleren-erwachsenenal/

Mehr Informationen unter: https://www.der-paritaetische.de/teilhabe

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Presse Fachbereich Menschen mit Behinderung Fachbereich Psychiatrie Sucht- und Gefährdetenhilfe Corona Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Soziale Teilhabe und Armut Thu, 03 Dec 2020 08:52:33 +0100
Inklusion statt Isolation: Paritätischer in Bayern warnt vor Rolle rückwärts https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=12&tx_ttnews%5Bday%5D=02&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23097&cHash=1602c0cb20353571f9e4671c267e91e7

]]> Das bestätigt Susanne Dittrich-Leonhard vom Nürnberger Verein INTEGRAL e.V., einer Mitgliedsorganisation des Paritätischen in Bayern: „Wir beobachten in unserer Arbeit, dass die psychische Not und die Ängste größer geworden sind. Menschen mit Behinderung leiden besonders unter der Isolation und der Einsamkeit. Durch die lange Zeit allein haben sie manche Dinge verlernt. Zutrauen ist verloren gegangen.“ Der Verein berät und unterstützt Menschen mit Behinderung mit niedrigschwelligen Angeboten, die wegen Corona nicht stattfinden dürfen.

Wie sehr diese Angebote fehlen, davon berichtet Sabine*. Sie hat eine psychische Erkrankung und arbeitet mittlerweile selbst als Assistentin bei INTEGRAL. „Wir verlieren den Kontakt zu den Menschen, die sonst ins Café oder zu anderen Angeboten kommen“, erzählt sie. „Und die behinderten Menschen und ihre Familien verlieren eine leicht zugängliche Anlaufstelle, wichtige Hilfen, Tagesstruktur und ihr soziales Netzwerk.“ Über telefonischen oder schriftlichen Kontakt versuche man, so viel wie möglich abzufangen. Aber das Angebot vor Ort ist durch nichts zu ersetzen.

Menschen mit Behinderung werden durch Corona noch mehr abgehängt

„Die Corona-Krise hat gezeigt, dass wir auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft noch lange nicht so weit gekommen sind, wie wir gedacht und gehofft hatten,“ ergänzt Margit Berndl, Vorstand des Paritätischen in Bayern. „Corona hat uns weiter von diesem Ziel entfernt.“ Menschen mit Behinderung werden nur auf ihre Behinderung reduziert. Sie werden als homogene vulnerable Gruppe betrachtet, die besonderen Schutz braucht. Das Selbstbestimmungsrecht von Menschen in Einrichtungen wurde zu ihrem Schutz weitgehend eingeschränkt. Gefragt hat sie niemand.

Susanne Dittrich-Leonhard frustriert, dass im Zusammenhang mit Corona immer nur über Menschen mit Behinderung in Einrichtungen gesprochen wird. „An die Bedürfnisse der vielen Menschen mit Behinderung, die allein oder in ihren Familien leben, wird gar nicht gedacht.“ Auch wenn es um Digitalisierung geht, werden Menschen mit Behinderung vergessen.

Notgedrungen haben sich viele Menschen in kurzer Zeit auf die Digitalisierung eingestellt. Aber bei vielen Menschen mit Behinderung ist das gar nicht möglich, weil ihnen schlicht das Geld für den Laptop oder das Smartphone fehlt. Sie sind komplett von der Digitalisierung abgehängt. Menschen mit Behinderung müssen auch an der Digitalisierung teilhaben können.

Inklusion ist ein Grundrecht – kein Gnadenakt

„Deutschland hat sich mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention zu umfassender Teilhabe für Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen verpflichtet. Das dürfen wir auch in der Pandemie nicht vergessen“, mahnt Margit Berndl. „Inklusion ist ein Grundrecht – kein Akt der Gnade!“

Alle haben gespürt, wie es sich anfühlt, wenn die eigenen Rechte auf Selbstbestimmung und auf Teilhabe eingeschränkt sind. Vielleicht hilft das, den gesellschaftlichen Blick darauf zu schärfen, wie in Deutschland das Recht auf Teilhabe für Menschen mit Behinderung eingeschränkt wird. „Dieses Bewusstsein ist Voraussetzung, um endlich Barrieren in allen Lebensbereichen abzubauen und dem Ziel einer inklusiven Gesellschaft näherzukommen, die alle mitnimmt und niemanden ausgrenzt,“ so Berndl abschließend.

*Name geändert

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Presse Fachbereich Menschen mit Behinderung Fachbereich Psychiatrie Sucht- und Gefährdetenhilfe Corona Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Soziale Teilhabe und Armut Wed, 02 Dec 2020 12:28:32 +0100
Teilhabe ist nicht Party machen https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=12&tx_ttnews%5Bday%5D=01&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23095&cHash=e33e0f8132c64d55844f1fa020873eea

]]> Symbolfoto: Jill Chen / Stocksy Adobe Stock.com]]> Einen Termin mit Sabine und Lena zum Telefonieren zu finden, ist nicht einfach. Trotz Corona. „Bei uns ist immer was los und wir sind normalerweise immer unterwegs“, sagt Sabine, 49 Jahre und alleinerziehend. „Wir sind ein Dreamteam“, ergänzt Lena, 24 Jahre. Als Team sind Mutter und Tochter bisher gut durch die Corona-Krise gekommen. Sicherlich auch, weil beide wissen, wie man mit schwierigen Situationen und Lebenskrisen umgeht: Sabine ist psychisch krank mit einer Borderline-Störung und Depression. Lena hat eine Autismus-Spektrum-Störung und eine geistige Behinderung. Die Corona-Pandemie bleibt trotzdem eine besondere Herausforderung.

Was Beiden zurzeit besonders fehlt, ist das Angebot des Integral e.V. in Nürnberg. Der Verein berät und unterstützt Menschen mit Behinderungen. Sabine kann sich noch genau an ihren ersten Tag im Offenen Café-Treff vor sechs Jahren erinnern: „Ich bin einfach hingegangen und habe sofort gemerkt: Hier ist jetzt Zeit nur für mich, eine Tasse Kaffee und ein Gespräch ohne Druck. Das ist ein Ort, wo keiner etwas von mir erwartet und wo ich einfach ich sein darf. Mit all meinen Problemen.“

Der Integral ist wie Familie

Dass es solche Orte gibt, sei gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen wichtig. Weil viele gar nicht wissen, dass sie oder welche Hilfe sie brauchen. Oder sich die Hilfe nicht selber holen können. Das hätte auch damit zu tun, dass viele psychisch kranke Menschen schlechte Erfahrungen machen, wenn sie sich outen. „Andere halten einen schnell einfach nur für blöd“, sagt Sabine. „Der Café-Treff ist auch deshalb ein so toller Ort, weil man hier erstmal ganz ungezwungen schauen kann, ob das überhaupt die Menschen sind, mit denen ich über meine Probleme sprechen möchte.“ Denn wenn Vertrauen da ist, sei es auch einfacher, Hilfe anzunehmen.

Inzwischen ist Sabine selber beim Integral tätig. Erst ehrenamtlich im Freizeitbereich, als Vereinsassistenz und im Café-Treff. Jetzt als 450-Euro-Kraft und Assistentin. „Das ist Inklusion pur“, lacht sie. „Von der psychisch desolaten, durchgeknallten Mutter zur geschätzten Kollegin.“

Freizeit heißt nicht, wir machen jetzt Party

Dass der Café-Treff während des Lockdown nicht öffnen darf und auch die anderen Angebote der Offenen Behindertenarbeit nicht stattfinden dürfen, macht Sabine wütend. „Es ist ganz viel Zeit und Arbeit investiert worden, um Hygienekonzepte auf die Beine zu stellen und Assistenten zu schulen. Aber weil die Angebote als Freizeit gelten, muss alles zu machen! Freizeit heißt nicht, wir machen jetzt Party!“

Was diese Angebote für die betroffenen Menschen bedeuten und was passiert, wenn sie fehlen, würde völlig unterschätzt. „Wir verlieren den Kontakt zu den Menschen, die sonst ins Café oder zu den anderen Angeboten kommen“, sagt Sabine. „Und die behinderten Menschen und ihre Familien verlieren eine leicht zugängliche Anlaufstelle, wichtige Hilfen, Tagesstruktur und ihr soziales Netzwerk.“ Über telefonischen oder schriftlichen Kontakt versuche man, so viel wie möglich abzufangen. Aber das Angebot vor Ort ist durch nichts zu ersetzen.

Sorge, dass die Puste ausgeht

Wie wichtig es ist, Kontakt zu anderen Menschen und eine Aufgabe zu haben, weiß Sabine genau. „Ich weiß, was es heißt, wenn man auf der Couch liegt und nicht mehr weiterkann, kein Geld und kein Essen hat. Ich selber habe mich dreimal aus Hartz IV herausgearbeitet und ständig Jobs als Pflegekraft verloren, weil ich wegen meiner privaten Situation nicht flexibel genug war. Deshalb mache ich mir Sorgen um die anderen. Um die, die krank sind, sich nicht selber Hilfe holen können, in Hartz IV leben oder finanziell am Ende sind.“

Sie und Lena seien bisher gut durch die Corona-Krise gekommen. Auch, weil sie sich finanziell keine Sorgen machen müssen. Und weil sie ein gutes Netzwerk haben und wissen, wo und wie man sich Hilfe organisiert. „Das ist das A und O“, sagt Sabine. Wenn sie aber an die kommenden Wochen denkt, hat sie schon manchmal Sorge, dass ihnen die Puste ausgeht.

Isolation und fehlende Teilhabe verunsichern

Wie schwierig es ist, soziale Isolation zu ertragen und im Alltag eine Struktur aufrecht zu erhalten, haben beide im ersten Lockdown gemerkt. Als Lenas Werkstatt Noris-Inklusion neun Wochen geschlossen war. „Das hat sich richtig komisch angefühlt“, erzählt Lena. Die Kollegen und die Arbeit haben ihr sehr gefehlt. „Ich saß daheim rum und bin meiner Mutter auf die Nerven gegangen. Und sie ist mir auch manchmal auf die Nerven gegangen.“

Die neun Wochen hätten aber auch etwas mit Lenas Persönlichkeit und mit ihren Fähigkeiten gemacht. „Mit der täglichen Struktur war auch plötzlich die Sicherheit in Lenas Leben weg“, ergänzt Sabine. „Sie hat sich zum Beispiel nicht mehr allein vor die Tür getraut.“ Selbständigkeit und Selbstbestimmung hätten gelitten. „Und sie hat Flexibilität verloren, weil die Herausforderung und das Lernen durch die Arbeit gefehlt haben.“

Momentan geht Lena zwei Wochen in die Werkstatt und hat eine Woche frei. So kann die Werkstatt unter Einhaltung der Hygieneregeln weiterarbeiten. „Das ist jetzt besser und ich habe in der Woche zuhause auch Zeit für Sachen, die ich in der Arbeit nicht machen kann“, sagt Lena. Was das zum Beispiel sei? „Länger schlafen oder fernschauen.“ Oder gerade ganz dringend: ein Buch abschreiben! Und schon ist sie weg. Es bleibt schwierig, mit diesem vielbeschäftigten Dreamteam zu sprechen …

*Namen von der Redaktion geändert

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Themen Corona Inklusion Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen Soziale Teilhabe und Armut Tue, 01 Dec 2020 17:12:12 +0100
Hartz IV: Paritätischer begrüßt Heil-Vorstoß als Schritt in richtige Richtung https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=11&tx_ttnews%5Bday%5D=27&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23055&cHash=5ccfe60d138f1aeec2058575b9c8bd55

]]> Der Paritätische Wohlfahrtsverband begrüßt den Vorstoß von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, der heute mit der Forderung zitiert wird, dass corona-bedingte Wirtschafts- und Überbrückungshilfen für Soloselbständige und bspw. Künstler*innen nicht auf etwaige Grundsicherungsleistungen angerechnet werden sollen. Angesichts der viel zu niedrigen Regelsätze in Hartz IV sei das nach Ansicht des Verbandes zentrale Voraussetzung, damit die Soforthilfen überhaupt spürbare Wirkung im Alltag der Betroffenen entfalten können. Scharfe Kritik übt der Paritätische, dass diejenigen, die ausschließlich auf Grundsicherung angewiesen sind, wie zum beispiel arme Ältere, Arbeitslose nachwievor ohne jede Krisenhilfe leer ausgehen und in ihrer Not allein gelassen werden.

“Hubertus Heil hat absolut recht mit seiner Forderung an die Unions-Koalitionspartner, dass die Überbrückungshilfen für freischaffende Künstler*innen und Soloselbständige nicht auf Grundsicherungsleistungen angerechnet werden dürfen. Wenn es anders wäre, würden viele Betroffene direkt in die Armut geschickt”, so Werner Hesse, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. “Der lobenswerte Vorstoß des Ministers darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das eigentliche Hauptproblem in den viel zu niedrigen Grundsicherungsleistungen selbst liegt. Wir haben überhaupt kein Verständnis dafür, dass diese Bundesregierung weiterhin ausgerechnet für die Ärmsten in diesem Land keinerlei Soforthilfen in dieser Krise vorsieht und sich einer dauerhaften Anhebung der Regelsätze auf ein armutsfestes Niveau verweigert.”

Der Paritätische erneuert seine Forderung nach einer finanziellen Soforthilfe für alle Menschen, die Grundsicherungsleistungen beziehen und deren Not sich durch corona-bedingte Mehrausgaben Tag für Tag verschärft. Seit Mai bereits wirbt der Verband mit mehr als 30 bundesweiten Organisationen für entsprechende finanzielle Hilfen für alle einkommensarmen Menschen. Anlässlich der heutigen Beratungen des Bundesrates zum neuen Regelbedarfsermittlungsgesetz, das eine minimale Anhebung der Regelsätze für Erwachsene um lediglich 14 Euro auf 446 Euro zum 1.1.2021 vorsieht, unterstreicht der Paritätische den akuten politischen Handlungsbedarf. “Alle Expert*innen sind sich einig, unter 600 Euro reicht es auf keinen Fall, um über den Monat zu kommen. Was es braucht, ist den politischen Willen, Armut in diesem reichen Land wirklich zu verhindern. Und: Gegen Armut hilft Geld“, so Hesse.


Gwendolyn Stilling

Pressesprecherin
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Presse Soziale Teilhabe und Armut Fri, 27 Nov 2020 13:53:31 +0100
Kindergrundsicherung einführen: Bundesländer senden wichtiges Signal an die Bundesregierung https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=11&tx_ttnews%5Bday%5D=26&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23094&cHash=1846c1baf145b2918812a3974ce7d13f

]]> Die Arbeits- und Sozialminister*innen der Bundesländer senden heute ein deutliches Signal an die Bundesregierung: zur Bekämpfung von Kinderarmut brauche es die Einführung einer Kindergrundsicherung. Das Ausmaß der Kinderarmut sei weiterhin zu groß, daher müssten umfassende Maßnahmen folgen. Mit ihrem Beschluss fordert die Arbeits- und Sozialministerkonferenz (ASMK) die Bundesregierung auf, eine Kindergrundsicherung auf Bundesebene einzuführen. Das Bündnis KINDERGRUNDSICHERUNG begrüßt den Beschluss, mahnt jedoch an, dass jetzt Taten folgen müssen. Die Bekämpfung von Kinderarmut braucht Priorität.

„Der Beschluss der ASMK ist ein wichtiges und deutliches Signal an die Bundesregierung, endlich wirksame Maßnahmen gegen Kinderarmut umzusetzen. Aktuelle Zahlen belegen, dass die Kinderarmut nach wie vor ein riesengroßes Problem ist. Die Corona-Krise hat dieses Problem vielerorts noch verschärft. Wer jetzt nicht schnell und konsequent handelt, nimmt in Kauf, dass die Kinderarmut weiter steigen wird“, mahnt Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes und Sprecher des Bündnis KINDERGRUNDSICHERUNG, und fordert die Einführung einer Kindergrundsicherung, die ihren Namen auch verdient.

„Es mangelt uns seit Jahren nicht an Erkenntnissen zur Kinderarmut, aber es mangelt an politischem Willen wirklich etwas zu tun. Mit reinen Lippenbekenntnissen muss jetzt Schluss sein. Priorität muss die Bekämpfung der Kinderarmut haben und zwar auf allen politischen Ebenen“, fordert auch Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes und Koordinator des Bündnisses. Der Bund müsse hier seiner Verantwortung endlich gerecht werden und die ökonomische Situation von Kindern und Jugendlichen mit einer sozial gerechten Kinder- und Familienförderung verbessern. Auf Länder- und kommunaler Ebene brauche es neben der Kindergrundsicherung Investitionen in Bildung und soziale Teilhabe für Kinder und Jugendliche und ihre Familien.

Das Bündnis KINDERGRUNDSICHERUNG will mit seiner Kindergrundsicherung zwei Ziele erreichen: die Bekämpfung von Kinderarmut und die gerechte Ausgestaltung der Kinder- und Familienförderung. Die Kindergrundsicherung soll in der Höhe die tatsächlichen Bedarfe von Kindern und Jugendlichen abdecken und fasst eine Vielzahl an bisher bestehenden Leistungen zusammen, wie das Kindergeld und den Kinderfreibetrag, den Kinderzuschlag und die Hartz IV-Leistung für Kinder. So wird sie einfach und verständlich. Zudem wird sie sozial gerecht ausgestaltet, mit steigendem Einkommen sinkt die Kindergrundsicherung langsam ab und sie wird automatisch und unbürokratisch von einer einzigen Stelle ausgezahlt, damit alle Familien auch wirklich erreicht werden.

Mehr Informationen zur Kindergrundsicherung finden Sie auf www.kinderarmut-hat-folgen.de

Pressekontakt für Rückfragen: Juliane Wlodarczak, Pressesprecherin, Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V., Tel.: 030 214809-20, wlodarczak@dksb.de

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Presse Fachbereich Frauen / Familie / Geschlechterpolitik Fachbereich Kinder und Jugend / Bildung Familie Kinder und Jugend Soziale Teilhabe und Armut Thu, 26 Nov 2020 16:52:00 +0100
Paritätischer Armutsbericht 2020: Armut in Deutschland auf Rekordhoch https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=11&tx_ttnews%5Bday%5D=20&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23028&cHash=aa00e76a563c1b28b2c6196401ae81f3

]]> Laut aktuellem Paritätischen Armutsbericht hat die Armutsquote in Deutschland mit 15,9 Prozent (rechnerisch 13,2 Millionen Menschen) einen neuen traurigen Rekord und den höchsten Wert seit der Wiedervereinigung erreicht. Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnt in der Studie, dass alles darauf hindeute, dass die Auswirkungen der Corona-Krise Armut und soziale Ungleichheit noch einmal spürbar verschärfen werden. Der Verband wirft der Bundesregierung eine „armutspolitische Verweigerungshaltung“ vor und fordert unter der Überschrift „Gegen Armut hilft Geld” eine sofortige Anhebung der finanziellen Unterstützungsleistungen für arme Menschen sowie armutsfeste Reformen der Sozialversicherungen.

„Die vorliegenden Daten zur regionalen Verteilung, zur Entwicklung und zur Struktur der Armut zeigen Deutschland als ein in wachsender Ungleichheit tief zerrissenes Land. Immer mehr Menschen leben ausgegrenzt und in Armut, weil es ihnen an Einkommen fehlt, um den Lebensunterhalt zu bestreiten und an unserer Gesellschaft gleichberechtigt und in Würde teilzuhaben. Volkswirtschaftliche Erfolge kommen seit Jahren nicht bei den Armen an und in den aktuellen Krisen-Rettungspaketen werden die Armen weitestgehend ignoriert. Was wir seitens der Bundesregierung erleben, ist nicht mehr nur armutspolitische Ignoranz, sondern bereits bewusste Verweigerung”, kritisiert Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

Die Befunde des diesjährigen Armutsberichts sind alarmierend: Bei allen ohnehin seit Jahren besonders armutsbetroffenen Gruppen (wie bspw. Alleinerziehenden, Arbeitslosen und kinderreichen Familien) hat die Armut von 2018 auf 2019 noch einmal zugenommen. Betrachtet man die Zusammensetzung der Gruppe erwachsener Armer ist der ganz überwiegende Teil erwerbstätig (33,0 Prozent) oder in Rente (29,6 Prozent). Regional betrachtet wuchs die Armut 2019 im Vergleich zum Vorjahr praktisch flächendeckend. Positive Entwicklungen, die zuletzt in den ostdeutschen Bundesländern zu beobachten waren, sind gestoppt.

Armutsgeografisch zerfällt Deutschland dabei in zwei Teile: Im gut gestellten Süden haben Bayern und Baden-Württemberg eine gemeinsame Armutsquote von 12,1 Prozent. Der Rest der Republik, vom Osten über den Norden bis in den Westen, kommt zusammen auf eine Quote von 17,4 Prozent. Außerhalb von Bayern und Baden-Württemberg lebt durchschnittlich mehr als jede*r Sechste unterhalb der Armutsgrenze. Das problematischste Bundesland bleibt mit Blick auf Armutsdichte und Dynamik Nordrhein-Westfalen: Seit 2006 ist die Armutsquote in dem bevölkerungsreichen Bundesland zweieinhalbmal so schnell gewachsen wie die gesamtdeutsche Quote. Armutstreiber in NRW ist das Ruhrgebiet mit einer Armutsquote von 21,4 Prozent. Das größte Ballungsgebiet Deutschlands muss damit zweifellos als Problemregion Nummer 1 gelten.

Der Verband warnt vor einer drastischen Verschärfung der Armut in 2020 angesichts der aktuellen Corona-Pandemie. Besonders betroffen seien geringfügig Beschäftigte sowie junge Menschen, die corona-bedingt schon jetzt von wachsender Arbeitslosigkeit betroffen sind. „Corona hat jahrelang verharmloste und verdrängte Probleme, von der Wohnraumversorgung einkommensschwacher Haushalte bis hin zur Bildungssegregation armer Kinder, ans Licht gezerrt. Eine zunehmende Zahl von Erwerbslosen stößt auf ein soziales Sicherungssystem, das bereits vor Corona nicht vor Armut schützte und dessen Schwächen nun noch deutlicher zutage treten“, so Ulrich Schneider.

Der Paritätische fordert die Umverteilung vorhandener Finanzmittel zur Beseitigung von Armut. „Deutschland hätte es in der Hand, seine Einkommensarmut abzuschaffen und parallel für eine gute soziale Infrastruktur zu sorgen. Es klingt banal und wird bei vielen nicht gern gehört: Aber gegen Einkommensarmut, Existenzängste und mangelnde Teilhabe hilft Geld“, so Schneider. Konkret seien eine bedarfsgerechte Anhebung der Regelsätze in Hartz IV und der Altersgrundsicherung (nach Berechnungen der Paritätischen Forschungsstelle auf mindestens 644 Euro), die Einführung einer Kindergrundsicherung sowie Reformen von Arbeitslosen- und Rentenversicherung nötig.

Den Bericht und eine detaillierte Suchfunktion zu Armutsquoten nach Postleitzahlen finden Sie unter: www.der-paritaetische.de/schwerpunkte/armutsbericht/

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Presse Soziale Teilhabe und Armut Fri, 20 Nov 2020 16:05:52 +0100
Bayern gemeinsam stärken https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=11&tx_ttnews%5Bday%5D=16&tx_ttnews%5Btt_news%5D=23001&cHash=2ed0d66077553b30e173c316d0b2e23b

]]> Foto: Mediteraneo Adobe Stock.com]]> Auch wenn die Ausprägungen unterschiedlich sind – eines steht fest: Die noch immer andauernde Corona-Pandemie hat unser aller Leben ein Stück weit verändert. Ob Kurzarbeit und Verdienstausfälle, Arbeitslosigkeit, Wegfall von Betreuungsangeboten für Kinder und pflegebedürftige Angehörige, Kinderbetreuung und Homeschooling neben dem Homeoffice, Leben auf engstem Raum, Überstunden und Arbeitsverdichtung, Kürzungen im Kultur- und Sozialbereich oder Kontaktbeschränkungen: Alle Einschnitte und Veränderungen wirken tief in unser Alltagsleben hinein und stellen vielfach eine enorme Belastung dar.

Viele bereits seit Jahren schwelende Verwerfungen und Versäumnisse sind in den letzten Wochen und Monaten noch offensichtlicher geworden: ein krank gespartes Gesundheitssystem, Löhne am Existenzminimum – auch und gerade in Bereichen, deren Systemrelevanz neu entdeckt wurde, globalisierte Lieferketten mit ihren ökologischen und sozialen Folgekatastrophen, fehlende betriebliche Mitbestimmung beim Arbeits- und Gesundheitsschutz und vieles andere mehr.

Spätestens jetzt sollten uns die bereits sichtbaren Auswirkungen der Krise dazu zwingen, über mehr soziale Gerechtigkeit für die Gesellschaft nachzudenken. Krisenzeiten erfordern ein Nach- und Umdenken, statt eines Weitermachens wie bisher.

Wir als Organisationen im Sozialen Netz Bayern sehen in der sozialen Gerechtigkeit und Sicherheit das entscheidende sozialstaatliche Fundament für ein solidarisches und starkes Bayern.

Wir stellen fest: Der Markt hat nicht für derartige Krisen vorgesorgt. Starke sozialstaatliche Antworten sind
gefordert. Durch die pandemiebedingte Ausnahmesituation sind soziale Verwerfungen noch deutlicher zu Tage getreten oder verschärft worden. Wir wollen Bayern gemeinsam stärker machen. Dazu bedarf es weiterer Impulse. Hierzu zählen:

  • Die Orientierung des Gesundheits- und Pflegesystems an Profitlogiken des Marktes muss hinterfragt und korrigiert werden.
  • Die Arbeitsbedingungen vieler Berufsgruppen in systemrelevanten Bereichen bedürfen der dringenden Verbesserung. Hierzu zählen unter anderem Pflegekräfte, Lebensmittelverkäufer*innen, Kassierer*innen, Regalauffüller*innen, Erzieher*innen, Reinigungskräfte und Erntehelfer*innen. Mehr als 70 Prozent der Beschäftigten in systemrelevanten Berufen sind weiblich – sie tragen oft die Hauptlast des um sich greifenden Niedriglohnsektors und der prekären Beschäftigung. Auch Menschen mit Migrationshintergrund sind in diesen Bereichen, vor allem den Reinigungstätigkeiten, der Saisonarbeit und der Altenpflege, stark überrepräsentiert.
  • Die weiter steigende Lohnspreizung zwischen hohen und niedrigen Einkommen muss gestoppt werden, beispielsweise durch eine Erhöhung des Mindestlohns.
  • Viele, die bereits zu „normalen“ Zeiten am Rande des Existenzminimums oder sogar darunter leben mussten, wie Alleinerziehende, Menschen mit Behinderung, Kinderreiche, Soloselbständige, Obdachlose, Arbeitsmigrant*innen, Flüchtlinge u.v.a., geraten durch die erschwerten Bedingungen der Krise in existentielle Not – ob materiell oder psychisch. Unterstützungs- und Hilfsprogramme sind auszubauen.
  • Die Krise trifft Einkommensärmere härter. Besonders betroffen waren Minijobber*innen. Dazu zählen auch zahlreiche Rentnerinnen und Rentner, die aufgrund einer zu geringen Rente etwas hinzuverdienen müssen. Hier bedarf es dringend einer besseren Integration in die Systeme der sozialen Sicherung. Das Kurzarbeitergeld von 60 bis 67 % kann zwar allmählich auf 80 bis 87 % ansteigen, vielfach – gerade bei Einkommensärmeren – führt der Einkommensverlust jedoch weiterhin zu großen Härten.
  • Auch in Bayern hat Armut viele Gesichter, ob Kinderarmut, Einkommensarmut, Wohnungsarmut, Altersarmut oder Frauenarmut. Es muss verhindert werden, dass sich Armutslagen weiter verfestigen. Die Krise hat einmal mehr gezeigt: Existenzsichernde Leistungen wie Mindestlohn, Kindergrundsicherung, Erhöhung der Regelsätze sowie bezahlbarer Wohnraum sind überfällig.
  • Gleiche Chancen beginnen bei einer für alle gleichermaßen zugänglichen und bezahlbaren Bildung. Das digitale Lernen bei (zeitweise) geschlossenen Schulen ist für Kinder aus ärmeren Familien mit kleinen Wohnungen und schlechterer oder ganz fehlender EDV-Ausstattung schwieriger bis unmöglich. Bildungschancen dürfen nicht vom Geldbeutel abhängig sein. Daher bedarf es besserer Ausstattung und Konzepte.
  • Angesichts spürbar steigender Kosten für Grundnahrungsmittel, zusätzlicher Ausgaben für notwendige Schutzkleidung und Hygieneartikel bei gleichzeitig wegfallenden oder nur eingeschränkten Unterstützungsangeboten, aber auch erhöhter Kommunikationskosten treten wir für einen pauschalen Mehrbedarf von 100 Euro monatlich für Hartz IV-Empfänger*innen ein. Darüber hinaus braucht es endlich einen bedarfsgerechten höheren Regelsatz. Die in Bayern vielerorts höheren Lebenshaltungskosten belasten Geringverdienende und Grundsicherungsempfänger*innen besonders stark.
  • Soziale Institutionen und Non-Profit-Unternehmen, die sich während der Corona-Pandemie als systemrelevant erwiesen haben, müssen Zugang zu den staatlichen Förderprogrammen für Unternehmen der freien Wirtschaft erhalten, um sich gemäß ihres Auftrags der sozialen Sicherung innovativ, zukunftsfähig und krisensicher aufstellen zu können.

Wir, als Organisationen im Sozialen Netz Bayern, treten dafür ein, dass die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und die Sorge für arme Menschen Kernaufgaben des Staates sind und bleiben.

Das Sozialstaatsgebot ist bleibende Verpflichtung. Ein funktionierender Sozialstaat ist Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft. Solidarität und Nächstenliebe entsprechen auch ökonomischer Vernunft. Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht auf Arbeit, auf gleichwertige Lebensbedingungen und Entfaltungschancen. Soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherheit sind unverzichtbare sozialstaatliche Fundamente. Sie dürfen nicht abhängig werden von politischer Meinung oder wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Wirtschaftlich besonders starke Unternehmen oder sehr vermögende Personen müssen in einem solidarischen System stärker an den Kosten des Sozialsystems beteiligt werden, damit die Folgen der Corona-Krise nicht bei den Ärmsten der Gesellschaft abgeladen werden.

Das Soziale Netz Bayern steht für soziale Gerechtigkeit, den Schutz der Schwachen und grenzüberschreitende Solidarität in Corona-Zeiten. Mehr denn je müssen wir heute das Sozialen hochhalten, damit alle möglichst gut durch diese belastende Zeit kommen.


Zum Sozialen Netz Bayern gehören 16 Organisationen, die sich gemeinsam für gute soziale Rahmenbedingungen einsetzen: AWO Bayern, Bayerischer Jugendring, Bayerisches Rotes Kreuz, DGB Bayern, Landes-Caritasverband Bayern, Diakonie Bayern, Afa in der Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Deutscher Familienverband e.V., Sozialverband VdK Bayern e.V., KAB Bayern, Familienbund der Katholiken, Katholische Betriebsseelsorge, Lebenshilfe Bayern, LAG Selbsthilfe Bayern e.V., Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Der Paritätische in Bayern.

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Themen Soziale Teilhabe und Armut Mon, 16 Nov 2020 14:12:30 +0100
Tag für Toleranz https://www.paritaet-bayern.de//index.php?id=4915&no_cache=1&tx_ttnews%5Byear%5D=2020&tx_ttnews%5Bmonth%5D=11&tx_ttnews%5Bday%5D=13&tx_ttnews%5Btt_news%5D=22996&cHash=7356e34576e505ac981af6407a205ca6

]]> Illustration: stournsaeh Adobe Stock.com]]> Chioma, Du hast schon Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Warum?

Das liegt an meiner Hautfarbe. Früher haben wir in einem Dorf gewohnt. Da habe ich die ersten Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Weil ich wirklich die einzige Dunkelhäutige im ganzen Dorf war. Da war von Anfang an klar: Ich bin diejenige, die anders ist. Wegen der Hautfarbe.

Was ist Dir in dem Dorf passiert? Kannst Du eine Situation beschreiben?

In meiner Grundschulklasse zum Beispiel. Wir hatten Sportunterricht. Und in der Umkleide haben sie zu mir gesagt: Du bist als Scheiße geboren. Deine Hautfarbe ist ekelhaft.

Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten: Ich habe geweint und habe meine Klasse damit konfrontiert. Ich habe gefragt, was eigentlich das Problem ist. Und was ich getan habe, dass ich so behandelt werde. Da haben sie gesagt, ich hätte ihnen vom ersten Tag an gezeigt, wie ich sei. Wie das jetzt gemeint sei, habe ich gefragt. Da haben sie gesagt: Ja, schau dich doch mal an. Und dann schau uns an. Dann siehst du ja den Unterschied.

Kannst Du beschreiben, wie Du Dich dabei gefühlt hast?

Damals wusste ich nicht, was Rassismus ist und was mir passiert. Ich dachte, die anderen mobben mich, weil sie mich nicht mögen. Ich habe es selber nicht verstanden. Aber ich habe mich einfach ausgeschlossen und verletzt gefühlt. Wie kann man jemanden fertigmachen oder ausschließen einfach wegen der Hautfarbe?

Du hast bestimmt viel darüber nachgedacht, warum die anderen das machen. Hast Du eine Idee?

Ich denke, weil sie es einfach nicht anders kannten. Jetzt im Nachhinein denke ich manchmal, dass es nicht allein ihre Schuld war. Sie waren Kinder und hatten noch nie jemanden mit einer dunklen Hautfarbe gesehen. Sie wussten es einfach nicht besser.

Hast Du Hilfe bekommen oder konntest Du Dir Hilfe holen?

Nein.

Du warst ganz allein mit der Situation?

Ja, und die Lehrer haben es ignoriert und damit indirekt unterstützt. Das war total krass. Als Bezugspersonen haben sie total versagt: Wenn ein Erwachsener sieht, dass jemand Hilfe braucht und von den anderen Kindern anders behandelt wird – wieso schaltet er sich da nicht ein? Warum ignoriert man das? Ich meine, jeder hat doch gesehen, dass ich anders behandelt werde. Und das waren Lehrer, Erwachsene. Die wussten doch, dass das nur wegen der Hautfarbe war.

Also auch die Lehrer haben Dich anders behandelt?

Ich bin bis zur 5. Klasse in diesem Dorf geblieben. Als ich in der 5. Klasse die Schule gewechselt habe, hatte ich einen neuen Lehrer. Den hatte ich angeblich mal provoziert, weil ich die Antwort auf eine Frage nicht wusste. Und dann hat der mich wirklich „Scheiß N*ger“ genannt. Mitten durch den Raum hat er das gerufen. Meine Mutter hat ihn dann auch angezeigt. Dem Lehrer war völlig bewusst, dass er mich demütigt und wie er mich bezeichnet. Und dass er mich vor der ganzen Klasse beleidigt. Aber es war ihm trotzdem egal.

Du hast aber den Lehrer angezeigt. Das heißt, Du hast also irgendwann angefangen, Dich zu wehren?

Gewehrt habe ich mich schon immer: Ich war noch nie ein Mensch, der den Mund gehalten hat. Aber mir war bis dahin einfach nicht bewusst, um was es ging. Wenn jemand dich beleidigt und dir nicht sagt warum, dann weißt du ja auch nicht, wie Du darauf reagieren sollst.

Wie ist die Situation jetzt? Du lebst jetzt nicht mehr in dem Dorf?

Ich wohne seit fünf Jahren nicht mehr in dem Dorf.

Welche Erfahrungen machst Du jetzt? Merkst Du einen Unterschied zwischen dem Dorf und dem Ort, an dem Du jetzt lebst?

Also, das ist ziemlich unterschiedlich: Auf der Schule, auf der ich bis jetzt war, habe ich persönlich keine Erfahrungen mehr mit Rassismus gemacht. Die Schule hatte auch den Slogan „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

Aber im Alltag mache ich schon Erfahrungen. Und die sind zum Teil noch krasser, als die Erfahrungen im Dorf. Weil ich älter bin und andere vielleicht denken, sie müssen sich noch krasser äußern. Ich verstehe das Ganze jetzt auch besser. Deshalb nehme ich auch mehr Dinge als rassistisch wahr, die mir früher gar nicht aufgefallen wären.

Was denkst Du: Was muss passieren, damit Menschen, die sich Dir gegenüber rassistisch verhalten, das nicht mehr tun?

Ich denke, viele lernen schon in ihrer Kindheit, dass dunkelhäutige Menschen oder Ausländer einfach anders sind. Deswegen kommt man da mit Worten inzwischen nicht mehr weiter. Ich denke, die Menschen müssen Rassismus einfach mal selber erfahren. Es gibt viele Dinge, die muss man erleben, um sie zu verstehen.

Viele denken, dass Rassismus ein Problem in den USA ist und dass das nichts mit Deutschland zu tun hat. Dabei ist Alltagsrassismus ein riesen Problem: Viele Menschen macht der Rassismus innerlich kaputt. Weil sie nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollen. Und sie auch nicht verstehen, was sie überhaupt getan haben.

Was wünschst Du Dir: Wie sollten sich andere Menschen Dir gegenüber verhalten?

Ich bin in Deutschland geboren. Ich bin deutsche Staatsbürgerin. Ich würde mir wünschen, dass ich auch so behandelt werde. Ich werde oft so behandelt, als käme ich aus dem Ausland und würde nicht mal die deutsche Sprache verstehen. Wenn man schon mit Vorurteilen durchs Leben geht, dann soll man wenigstens versuchen, mich als Menschen und nicht als Hautfarbe zu sehen. Viele sehen nur die Farbe meiner Haut. Aber nicht meinen Charakter. Nicht meine Erfahrungen. Nicht mich als Menschen.

Viele Menschen in Deutschland bekommen von diesem alltäglichen Rassismus gar nichts mit. Sie denken: Das hat nichts mit mir zu tun. Das betrifft mich nicht. Und deshalb sagen sie auch nichts dazu. Aber wenn Du Rassismus siehst oder hörst: Dann mach was! Jeder muss verstehen, dass Rassismus auch ihn selbst betreffen kann.


Internationaler Tag der Toleranz

Am 16. November 1995 haben 185 Mitgliedsstaaten der UNESCO die Erklärung der Prinzipien zur Toleranz unterzeichnet. Deswegen wird seit 25 Jahren der heutige Tag der Toleranz gewidmet.

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Themen Zivilgesellschaft und Demokratie Demokratie stärken Fri, 13 Nov 2020 15:13:59 +0100