Tag der Nachbarschaft
25.05.2021 Themen Zivilgesellschaft und Demokratie

Tag der Nachbarschaft

Bürgernah, sozial und gemeinsam - das ist das Motto der Nachbarschaftshilfen München-Land. Wie die Pandemie die Arbeit der Nachbarschaftshilfen und das Ehrenamt verändert hat, darüber haben wir mit Andrea Schatz, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der Nachbarschaftshilfen München-Land und Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen, anlässlich des Tags der Nachbarschaft am 28. Mai gesprochen.

Wie hat sich die Arbeit der Nachbarschaftshilfen im letzten Jahr durch die Pandemie verändert?

Die Pandemie hat die Bedeutung sozialer und pflegerischer Dienste und die Systemrelevanz ihrer Beschäftigten mit einem Paukenschlag ins Bewusstsein aller gerückt. In der Kinderbetreuung, Pflege und Versorgung älterer und behinderter Menschen haben viele Nachbarschaftshilfen notwendige soziale Infrastruktur weiterhin sichergestellt. Schwieriger dagegen war und ist die Situation im bürgerschaftlichen Engagement. Die 15 Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Nachbarschaftshilfen im Landkreis München verzeichnen im Jahr 2020 einen Rückgang der ehrenamtlich geleisteten Stunden um etwa ein Drittel. Aus Furcht vor einer Infektion standen viele Ehrenamtliche nicht mehr zur Verfügung, viele Angebote konnten während der Lockdowns ja auch gar nicht durchgeführt werden. Das betraf vor allem die offenen Treffs, Veranstaltungen aber auch die niedrigschwelligen Angebote für alle Altersgruppen. Insgesamt ist die Arbeit durch die spezifischen Anforderungen deutlich mehr geworden und ich beobachte bei vielen eine Flexibilisierung des persönlichen Arbeitsstils. Wir arbeiten heute an mehreren Orten, zu diversen Zeiten, mit ganz unterschiedlichen Arbeitsmitteln.

Wo liegt heute der Schwerpunkt in der Arbeit der Nachbarschaftshilfe?

Es gilt die große Zäsur „Corona“ zu überwinden und zurück zu einer gewissen Normalität zu finden. Langsam starten wieder die Angebote, die nicht oder nur eingeschränkt möglich waren. Nach den Pfingstferien werden alle Kinder hoffentlich zurück in die Regelbetreuung können und auch unsere ehrenamtlichen Aktivitäten nehmen wieder an Fahrt auf. Gleichzeit planen wir in Taufkirchen Events und Sonderaktionen für die nächsten Monate. Soweit möglich, soll es ein wunderbarer Sommer mit Zuversicht, Anregungen und schönen Gemeinschaftserlebnissen in der Nachbarschaftshilfe werden.

Was ist derzeit Ihre größte Herausforderung?

Pflegefachkräfte zu finden, ist schon lange eine der größten Herausforderungen und ist mutmaßlich noch schwieriger geworden. Viele Mitarbeitende im Pflege- und Gesundheitsbereich sind ausgebrannt und von der Politik frustriert. Auch wenn wir in unserem Pflegedienst ein tolles Team haben und sehr gute Konditionen anbieten, können auch wir nur schwer gegen diesen Trend ankommen. Hier fordere ich die politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen auf, aktiv zu werden, sei es bezahlbare Wohnungen zu ermöglichen oder die Pflegeausbildung so zu gestalten, dass die Zugänge für Auszubildende und Ausbildungsbetriebe leichter werden. Die neue, generalistische Pflegeausbildung hält dieses Versprechen im ambulanten Sektor leider nicht.

Sind Ehrenamtliche „weggebrochen“? Wie lassen sich diese wieder erreichen? Wird sich das Ehrenamt durch die Pandemie weiter verändern?

Ja natürlich, manche Ehrenamtlichen haben die Unterbrechung genutzt, um sich ganz zu verabschieden, Gruppen haben sich aufgelöst, Menschen haben sich umorientiert. Aber die beliebten Angebote, die gut liefen und einen gewichtigen Bedarf aufgreifen, werden wiederkommen. Da stehen ganz viele schon in den Startlöchern.

Gleichzeitig ist im letzten Jahr viel Neues entstanden und wir konnten gerade auch jüngere Engagierte für die verschiedenen, projektbezogenen Corona-Hilfsangebote wie Einkäufe, Impffahrten oder Telefonpatenschaften gewinnen. Viele davon sind noch aktiv und wir hoffen, einige auch längerfristig an die Nachbarschaftshilfe zu binden.

Im März startete unsere Lernaktion „Lücken schließen“. Mittlerweile unterstützen unsere Ehrenamtlichen knapp 20 Schülerinnen und Schüler aller Altersgruppen, die Resonanz ist ausgesprochen positiv, das Thema brennt einfach.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir auch in Zukunft viele unterschiedliche Menschen für das Engagement in der Nachbarschaftshilfe begeistern können und wieder viele bei uns mitmachen werden. Wir alle sehnen uns nach analogen Begegnungen und die Nachbarschaftshilfen sind wunderbare Anlaufstellen, um andere Menschen zu treffen und gemeinsam etwas Sinnvolles zu bewegen.

Stichwort Digitalisierung. Was geht besser digital? Was sollte analog bleiben?

Digitalisierung ist für mich immer dort sinnvoll, wo es um die Organisation von Arbeit geht. Wir alle haben es schätzen gelernt, uns unkompliziert digital vernetzen zu können und über schnelle Kanäle zu kommunizieren. Ich sehe auch keinen Gegensatz zum Analogen. Begegnungen und Beziehungen sind etwas ganz Anderes, hier wird der direkte, persönliche Kontakt auch in Zukunft eine große Rolle spielen.

Was war der schönste Moment im letzten Jahr?

Besonders berührt hat mich unsere Weihnachtsaktion für bedürftige und von Einsamkeit bedrohte ältere Menschen. Das war ja in der Zeit, als die Inzidenzen besonders hoch waren und Weihnachten diesmal für viele ganz anders war. Wir hatten 20 Geschenke mit wirklich hübschen Überraschungen für Leib und Seele liebevoll gepackt. Das hat nochmal die wirklich wichtigen Themen vor Augen geführt. Am Ende ist es ganz einfach: Anderen helfen zu können, macht selbst glücklich.

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