Wenn Sie auf Ihre Zeit beim Paritätischen zurückblicken: Worauf sind Sie besonders stolz?
Margit Berndl: Vor allem darauf, wie wir uns als Verband entwickelt haben. Wir sind heute eine starke, kritische Stimme für soziale Belange und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bayern. Gemeinsam mit unseren 800 Mitgliedsorganisationen bringen wir eine enorme fachliche Expertise ein, bleiben dabei aber immer lösungsorientiert. Besonders freut mich, dass wir uns die Werte Toleranz, Offenheit und Vielfalt nicht nur auf die Fahne schreiben, sondern diese auch leben. Eine Umfrage unter unseren Mitarbeiter*innen im Landesverband bestätigt, dass sie sich in ihrer Vielfalt unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung oder ihren Lebensformen akzeptiert und nicht diskriminiert fühlen. Und stolz bin ich auch darauf, dass im Paritätischen in Bayern mittlerweile 80 Prozent der Führungspositionen unterhalb des Vorstands mit Frauen besetzt sind. Wir fordern die Gleichstellung von Frauen und Männern in Betrieben und Unternehmen nicht nur, sondern schaffen selbst die notwendigen Voraussetzungen dafür.
Das Thema Inklusion stellte in den vergangenen Jahren einen der großen verbandlichen Schwerpunkte war. Für unsere Vorstellungen, wie die UN-Behindertenrechtskonvention konkret umgesetzt werden muss, um echte Teilhabe zu ermöglichen, haben wir uns in vielen Stellungnahmen gegenüber Politik und Verwaltung sowie in vielen politischen Gesprächen und Verhandlungsrunden stark gemacht. Das gemeinsame Engagement mit vielen anderen für die gleichberechtigte Teilhabe und Selbstbestimmung aller hat Wirkung gezeigt: Der gesellschaftliche Blick auf Menschen mit Behinderungen hat sich geändert. Sie werden heute viel selbstverständlicher als Teil der Gesellschaft wahrgenommen.
Stolz bin ich dabei auch darauf, dass wir uns praktisch engagiert haben. Gemeinsam mit unseren Mitgliedsorganisationen haben wir konkrete Projekte zur Verbesserung der Inklusion vor Ort durchgeführt. Beispielsweise hatten wir in Nürnberg eine Kooperation Nürnberger Tiergarten, um diesen auch für Menschen mit Behinderungen zugänglich zu machen, was bis dahin nicht der Fall war.
Welche Herausforderungen sehen Sie auf die soziale Infrastruktur zukommen?
Margit Berndl: Die zunehmende politische Polarisierung macht mir große Sorgen. Wir erleben eine Zeit, in der Ideologien der Ungleichwertigkeit zunehmen und Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Identität bedroht werden. Das dürfen wir nicht akzeptieren. Zugleich sind wir mit massiven Sparhaushalten konfrontiert. Ich warne davor, das Soziale nur als lästigen Kostentreiber zu sehen. Soziale Infrastruktur ist kein Luxus, sondern das Fundament für den sozialen Frieden. Wenn Eltern keinen Kitaplatz oder keinen Wohnheimplatz für ihre Kinder mit Behinderungen finden oder die Pflege unbezahlbar wird, bleiben die Menschen allein mit ihren Problemen. Sie verlieren das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates mit negativen Folgen für die Demokratie. Und auch die Wirtschaft benötigt zur Deckung ihres Arbeits- und Fachkräftebedarf soziale Einrichtungen wie Kitas. Ohne diese würden vor allem Frauen dem Arbeitsmarkt nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung stehen.
Welchen Lösungsweg gibt es Ihrer Meinung nach die wachsende politische Polarisierung?
Margit Berndl: Wir müssen eine klare Haltung für unsere Werte, für ein vielfältiges, offenes und soziales Miteinander einnehmen. Ich bin überzeugt, dass die Kräfte der Mitte – die selbst vielfältig ist – gemeinsam ein positives Bild von einer guten Zukunft entwickeln müssen. Menschen brauchen in der Transformation eine Perspektive, die sie mitnimmt. Dafür müssen wir auch mehr über den eigenen Tellerrand schauen. Es braucht den Austausch und die Verständigung über die verschiedenen Bereiche hinweg – egal ob Soziales, Kultur, Umwelt, Wirtschaft und Wissenschaft. Und nicht zuletzt: Ein ehrlicher, respektvoller und sachlicher Diskurs, der zusammenführt, ist das beste Mittel gegen Polarisierung. Ganz nach dem Motto: Zamm geht was!
Was möchten Sie den politischen Entscheidungsträger*innen noch mit auf den Weg geben?
Margit Berndl: Ich vermisse ein klares Bekenntnis zum Sozialen. Wir sind als Verband nicht naiv und wissen, dass das Geld knapp ist. Aber die Politik scheint zu vergessen, dass das Sozialstaatsprinzip im Grundgesetz nicht nur in guten Zeiten gilt. Was uns fehlt, ist eine gemeinsame Vision für ein soziales Bayern unter schwierigen Bedingungen – ein Plan für das große Ganze statt nur punktueller Sparmaßnahmen. Wenn die soziale Versorgung nicht mehr garantiert ist, verlieren die Menschen das Vertrauen in den Staat. Das Soziale braucht eine starke politische Lobby.
Worauf freuen Sie sich jetzt persönlich am meisten?
Margit Berndl: Nach 33 Jahren im Verband und davon 16 Jahre als Vorständin gehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich freue mich jetzt erst einmal auf eine Zeit des Durchatmens: mehr Zeit für Familie, Freund*innen, Reisen und Kultur. Aber meine Herzensthemen, der gesellschaftliche Zusammenhalt und soziale Innovationen, werden mich sicher nicht ganz loslassen. Ich bin gespannt, welche neuen Gestaltungsäume sich da ergeben. Das lasse ich aber gerne auf mich zukommen.